Ich hielt den Hörer noch immer in der Hand, obwohl längst nur noch das monotone Freizeichen zu hören war. Der Satz der unbekannten Frau schien sich in meinem Kopf festgesetzt zu haben.
Ihre Mutter ist nicht gestorben.
„Nein“, sagte ich schließlich.
Moretti beobachtete mich schweigend.
„Nein.“ Diesmal lauter. „Ich war bei ihrer Beerdigung. Ich habe ihren Sarg gesehen. Ich habe ihre Wohnung ausgeräumt. Ich habe ihre Sterbeurkunde unterschrieben.“
„Haben Sie sie nach ihrem Tod gesehen?“, fragte Moretti.
Die Frage traf mich unerwartet.
„Was?“
„Ihre Mutter. Haben Sie ihren Körper gesehen?“
Ich öffnete den Mund.
Und schwieg.
Elf Jahre zuvor war ich neunzehn gewesen. Meine Mutter war angeblich nach einem Zusammenbruch in eine Klinik gebracht worden. Ein Arzt hatte mir telefonisch mitgeteilt, dass sie gestorben sei. Wegen ihres Zustands, hatte man gesagt, solle ich sie nicht mehr sehen. Der Sarg bei der Beerdigung war geschlossen gewesen.
Damals hatte ich keine Fragen gestellt.
Jetzt fühlte sich jede Erinnerung falsch an.
„Die Sterbeurkunde“, sagte Moretti. „Wer hat sie ausgestellt?“
„Ich weiß es nicht.“
Lukas lehnte an der Wand. „Emma, vielleicht will diese Frau nur, dass wir zum Schließfach gehen.“
„Warum sollte jemand elf Jahre lang ihren Tod vortäuschen?“
„Vielleicht nicht ihren Tod“, sagte Moretti.
Ich sah ihn an.
„Was meinen Sie?“
„Vielleicht wurde nicht Elena versteckt. Vielleicht wurden Sie versteckt.“
Meine Tochter bewegte sich an meiner Brust. Ich senkte automatisch den Blick und küsste ihre Stirn. Plötzlich war mir bewusst, wie wenig ich über die Frau wusste, die mich großgezogen hatte.
Moretti nahm sein Handy heraus. „Ich lasse die Sterbeurkunde überprüfen.“
„Und dann?“
„Dann finden wir heraus, wer angerufen hat.“
Lukas schnaubte. „Als wäre das so einfach.“
Moretti sah ihn an. „Für mich meistens.“
Zwanzig Minuten später kam einer seiner Männer herein und legte ein Tablet auf den Tisch. Moretti las schweigend. Dann schob er es zu mir.
„Die Klinik, in der Ihre Mutter angeblich starb, existiert nicht mehr.“
„Das beweist nichts.“
„Nein. Aber der Arzt, der die Sterbeurkunde unterschrieben hat, schon.“
Ich suchte die Zeile.
Dr. Johannes Keller.
„Er lebt?“
„Ja.“
„Wo?“
Moretti zögerte.
„Potsdam.“
Ich wollte sofort aufstehen. Der Schmerz zwang mich zurück.
„Sie fahren nirgendwohin“, sagte Lukas.
„Du bestimmst überhaupt nichts mehr.“
„Du wurdest heute operiert!“
„Und meine tote Mutter hat mich gerade angerufen.“
„Wir wissen nicht, ob sie das war.“
„Genau deshalb muss ich Keller sprechen.“
Moretti betrachtete mich lange. „Ich kann ihn herbringen.“
„Nein.“
„Emma—“
„Wenn Sie wirklich helfen wollen, hören Sie auf, alles für mich zu entscheiden.“
Zum ersten Mal erschien etwas wie Anerkennung in seinem Blick.
„Dann fahren wir zu ihm, sobald die Ärzte Sie entlassen.“
„Das kann Tage dauern.“
„Dann dauert es Tage.“
Ich sah meine Tochter an. Er hatte recht, und ich hasste ihn dafür.
Doch wir mussten nicht warten.
Am nächsten Morgen, kurz nach sieben, klopfte es an der Tür.
Ein älterer Mann stand draußen.
Grauer Mantel. Schütteres Haar. Tiefe Augenringe.
Er sah mich an, und sein Gesicht zerfiel beinahe.
„Emma.“
Ich kannte ihn nicht.
Moretti stand sofort auf.
„Johannes Keller?“
Der Mann nickte.
„Woher wussten Sie, dass wir Sie suchen?“, fragte Moretti.
Keller blickte nervös zum Flur. „Weil gestern Nacht jemand vor meinem Haus stand.“
Meine Haut wurde kalt.
„Wer?“
„Ich weiß es nicht. Aber danach bekam ich eine Nachricht.“ Er zog einen gefalteten Zettel aus seiner Tasche. „Darauf stand nur: Es hat begonnen.“
Moretti nahm ihn.
„Was hat begonnen?“
Keller sah zu meiner Tochter.
„Das, wovor Elena seit Jahren Angst hatte.“
Ich konnte kaum noch ruhig sitzen.
„Ist meine Mutter am Leben?“
Keller schloss die Augen.
„Als ich sie zuletzt gesehen habe, ja.“
„Wann?“
„Vor acht Monaten.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
Elf Jahre hatte ich um sie getrauert.
Und vor acht Monaten war sie irgendwo gewesen.
„Warum?“, flüsterte ich. „Warum hat sie mir das angetan?“
Keller setzte sich langsam.
„Weil jemand nach Ihnen gesucht hat.“
„Wer?“
„Nicht nach Emma Hartmann.“ Er sah Moretti an. „Nach Elena Morettis Tochter.“
Mein Blick sprang zu Moretti.
„Meine Mutter war eine Moretti?“
„Nein.“
Keller schüttelte den Kopf.
„Moretti war nie Elenas Name.“
Moretti trat näher. „Dann erklären Sie endlich, was sie mit meiner Familie zu tun hatte.“
Keller sah ihn lange an.
„Elena arbeitete für Ihren Vater.“
Morettis Gesicht wurde hart.
„Als was?“
„Buchhalterin.“
Lukas lachte ungläubig. „Wegen einer Buchhalterin wird niemand zwanzig Jahre später verfolgt.“
„Nicht wegen ihrer Arbeit“, erwiderte Keller. „Wegen dessen, was sie entdeckt hat.“
Die Luft im Zimmer schien schwerer zu werden.
„Was?“, fragte ich.
„Ihr Vater führte zwei Buchhaltungen. Eine offizielle und eine private. In der zweiten standen Namen. Richter. Unternehmer. Politiker. Menschen, die Geld erhielten oder bezahlten.“
Moretti schwieg.
„Elena kopierte alles“, fuhr Keller fort. „Als sie begriff, wie gefährlich diese Unterlagen waren, wollte sie zur Polizei.“
„Und dann brannte das Haus“, sagte ich.
Keller nickte.
„Der Brand sollte die Unterlagen vernichten.“
„Und Matteo?“
Kellers Gesicht veränderte sich.
Moretti bemerkte es ebenfalls.
„Was ist mit meinem Bruder?“
„Matteo hatte etwas gesehen.“
„Was?“
Keller antwortete nicht.
Moretti schlug mit der Hand auf den Tisch. Nicht laut genug, um meine Tochter zu erschrecken, aber hart genug, dass Keller zusammenzuckte.
„Mein Bruder ist seit achtundzwanzig Jahren tot. Sagen Sie mir, was er gesehen hat.“
Keller sah ihn an.
„Wer das Feuer gelegt hat.“
Stille.
„Wer?“
„Das weiß ich nicht. Elena hat es mir nie gesagt.“
Moretti wandte sich ab.
Ich dachte an den Schlüssel.
„Das Bankschließfach.“
Keller wurde blass.
Damit hatte ich meine Antwort.
„Sie wissen davon.“
„Emma, hören Sie mir zu. Öffnen Sie es nicht.“
„Warum?“
„Weil Elena nie Beweise darin versteckt hätte.“
„Was dann?“
Sein Blick fiel auf den Schlüssel in Morettis Hand.
„Etwas, das gefährlicher ist.“
Plötzlich stand Lukas auf.
„Ich gehe.“
„Wohin?“, fragte ich.
„Nach Hause. Ich kann das nicht mehr.“
Er bewegte sich zur Tür.
Keller sah ihm nach.
Dann erstarrte er.
„Warten Sie.“
Lukas blieb stehen.
Keller trat näher und starrte auf seine rechte Hand.
„Woher haben Sie diesen Ring?“
Lukas zog die Hand sofort in die Manteltasche.
Zu spät.
Ich hatte den Ring tausendmal gesehen. Silber, schlicht, mit einem kleinen schwarzen Stein. Lukas hatte immer behauptet, er sei ein Erbstück seines Großvaters.
Keller stand nun zitternd vor ihm.
„Dieser Ring gehörte nicht Ihrem Großvater.“
Lukas’ Gesicht wurde kreidebleich.
Moretti schloss die Tür.
„Wem gehörte er?“, fragte ich.
Keller sah zu Moretti.
„Seinem Bruder.“
Niemand bewegte sich.
Moretti sprach als Erster.
„Matteo trug keinen Ring.“
„Als Kind nicht.“
Diese drei Worte veränderten Morettis Gesicht.
„Was wollen Sie damit sagen?“
Keller wandte sich zu Lukas.
„Sagen Sie ihnen Ihren wirklichen Namen.“
Lukas schüttelte den Kopf.
„Sie verwechseln mich.“
„Nein.“
Keller zog sein Portemonnaie heraus. Zwischen alten Karten befand sich ein kleines Foto. Er legte es auf den Tisch.
Darauf war meine Mutter zu sehen.
Neben ihr stand ein Junge von ungefähr sieben Jahren.
Derselbe Junge, dessen angeblicher Tod in den Unterlagen vermerkt worden war.
Auf der Rückseite stand:
**Elena und Matteo – Berlin, 2001.**
Drei Jahre nach dem Brand.
Moretti starrte auf das Foto.
Dann auf Lukas.
„Mein Bruder lebte.“
Lukas wich zurück.
„Ich bin nicht Matteo.“
Keller schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Das sind Sie nicht.“
Für einen Moment verstand niemand.
Dann deutete Keller auf Lukas’ Ring.
„Aber der Mann, der Ihnen diesen Ring gegeben hat, ist es.“
Lukas’ Blick verriet ihn.
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Du kennst Matteo.“
Er schwieg.
„Lukas.“
Seine Schultern sanken.
„Ja.“
Moretti trat auf ihn zu.
„Wo ist mein Bruder?“
Lukas sah zuerst ihn an.
Dann mich.
Und schließlich meine Tochter.
„Deshalb bin ich damals gegangen, Emma.“
Mir wurde kalt.
„Was hat Matteo mit meiner Schwangerschaft zu tun?“
Lukas’ Augen füllten sich mit etwas, das ich bei ihm noch nie gesehen hatte.
Scham.
„Er wusste davon, bevor ich es ihm erzählt habe.“
„Wie?“
„Weil er seit Jahren wusste, wer du bist.“
Ich hielt meine Tochter fester.
„Wer bin ich?“
Lukas schloss kurz die Augen.
Als er sie wieder öffnete, sah er nicht Moretti an.
Er sah mich an.
„Emma, Matteo hat mich nicht beauftragt, dich zu finden.“
Er schluckte.
„Er hat mich beauftragt, dich zu heiraten.“







No comments yet