Ethans Hand glitt langsam unter die Bettkante. Ich presste meinen Rücken gegen den Teppich und hielt mein Handy so fest, dass meine Finger schmerzten. Noch wenige Zentimeter, dann würde er meine Hand sehen. Ich konnte nicht fliehen. Mein Brautkleid lag wie eine Falle um meine Beine, und hinter mir war nur die Wand.
„Was suchst du?“, fragte Vanessa nervös.
„Ich habe etwas gehört.“
Seine Finger berührten den Stoff meines Kleides.
Ich schloss die Augen.
Dann klingelte plötzlich sein Handy.
Ethan zog die Hand zurück.
„Ja?“
Ich wagte kaum zu atmen.
Er hörte einige Sekunden zu und richtete sich langsam wieder auf.
„Jetzt?“
Seine Stimme klang plötzlich angespannt.
„Nein. Schick niemanden hierher. Ich komme selbst.“
Er legte auf.
Vanessa trat näher.
„Was ist passiert?“
„Das Grundbuchamt.“
„Um diese Uhrzeit?“
„Nicht das Amt. Mein Anwalt.“
„Was will er?“
Ethan griff nach seiner Jacke.
„Er hat gerade herausgefunden, dass mit der Wohnung etwas nicht stimmt.“
Vanessa wurde blass.
„Was meinst du?“
„Die Eigentumsunterlagen.“
„Du hast doch gesagt, alles wäre geregelt.“
„Das dachte ich auch.“
Ich lag regungslos unter dem Bett, während mein Verstand raste. Die Wohnung war auf meinen Namen gekauft worden. Ethan hatte geglaubt, dass er durch seine angeblichen Unterlagen Anspruch darauf bekommen würde. Aber offenbar war etwas entdeckt worden, das er nicht erwartet hatte.
„Kannst du das noch ändern?“, fragte Vanessa.
„Vielleicht.“
„Und wenn nicht?“
Ethan antwortete nicht.
Vanessa griff nach seinem Arm.
„Ethan, du hast gesagt, dass wir danach alles haben.“
„Ich weiß.“
„Dann darfst du jetzt keinen Fehler machen.“
Er zog seinen Arm weg.
„Ich brauche Ruhe.“
„Und Emma?“
Er blieb stehen.
„Was ist mit ihr?“
„Wenn du jetzt gehst und sie zurückkommt…“
„Dann sag ihr, ich musste wegen eines Notfalls weg.“
„Und wenn sie fragt, warum?“
„Dann weinst du. Das kannst du doch besonders gut.“
Vanessa schwieg.
Ethan öffnete die Tür.
Bevor er hinausging, sagte er noch leise: „Und vernichte die Kopie.“
„Welche Kopie?“
„Du weißt genau, welche.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Vanessa blieb allein.
Ich hörte ihre Schritte langsam durch die Suite gehen. Dann öffnete sie eine Schublade. Papier raschelte.
Ich wagte endlich, mein Handy an mein Gesicht zu ziehen.
Die Aufnahme lief noch.
Ich begann zu zittern.
Nicht aus Angst.
Aus Wut.
Ich hatte Ethan geliebt. Ich hatte wirklich geglaubt, dass er mich geliebt hatte. Zwei Jahre lang hatte ich jedes kleine Zeichen seiner Zuneigung für ehrlich gehalten. Jetzt erkannte ich, dass vielleicht sogar seine Blumen, seine Nachrichten und seine scheinbar zufälligen Fragen über meine Familie Teil eines Plans gewesen waren.
Dann hörte ich Vanessa murmeln:
„Sie darf niemals erfahren, was damals passiert ist.“
Ich erstarrte.
„Was damals passiert ist?“
Meine Gedanken suchten verzweifelt nach einer Erinnerung.
Vanessa öffnete offenbar einen Umschlag.
Dann klingelte ihr Telefon.
„Ja?“
Die Stimme am anderen Ende war leise, aber ich konnte einige Worte verstehen.
Vanessa antwortete: „Nein. Ethan weiß nichts.“
Mein Herz schlug schneller.
„Ich habe gesagt, er weiß nichts.“
Eine Pause.
„Wenn Emma wirklich die Tochter von Richard ist, dann müssen wir verschwinden, bevor sie es herausfindet.“
Ich hielt den Atem an.
Dann sagte Vanessa etwas, das mich vollkommen verwirrte.
„Nein. Nicht wegen des Geldes.“
Pause.
„Wegen ihrer Mutter.“
Meine Mutter.
Ich hatte geglaubt, ihre Geschichte zu kennen.
Sie war vor einigen Jahren gestorben. Meine Familie hatte mir immer gesagt, ihr Tod sei eine Folge ihrer langen Krankheit gewesen. Ich hatte nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln.
Aber Vanessa klang nicht wie eine Frau, die über eine Krankheit sprach.
„Was hat meine Mutter mit euch zu tun?“, fragte ich lautlos.
Vanessa ging zum Fenster.
„Ich weiß nicht, ob Richard ihr jemals die Wahrheit gesagt hat.“
Die Stimme am Telefon antwortete.
Vanessa flüsterte:
„Wenn Emma die alte Akte findet, ist alles vorbei.“
Meine Hände wurden kalt.
Alte Akte.
Welche Akte?
Wo war sie?
Vanessa legte auf und ging zurück zum Schreibtisch. Sie öffnete eine kleine Ledertasche und zog einen dünnen Ordner heraus.
Ich konnte nur einen Teil des Deckblatts sehen.
Darauf stand ein Datum.
Und darunter der Name meiner Mutter.
**Clara Bergmann.**
Mein Atem stockte.
Vanessa blätterte hastig durch die Seiten. Dann blieb sie stehen.
„Das hätte niemals bei mir sein dürfen.“
Sie griff nach einem Feuerzeug.
Ich musste handeln.
Vorsichtig schob ich mein Handy unter dem Kleid hervor, stellte die Aufnahme auf Speichern und schickte sie an meine eigene verschlüsselte E-Mail-Adresse.
Dann nahm ich die zweite Funktion meines Telefons.
Die Kamera.
Ich richtete sie durch die schmale Lücke unter dem Bett.
Ein Foto.
Noch eines.
Vanessa bemerkte nichts.
Doch genau in dem Moment, als sie das Feuerzeug entzünden wollte, öffnete sich die Tür.
Ich hörte eine Männerstimme.
„Legen Sie den Ordner hin, Frau Vance.“
Vanessa erstarrte.
Ich kannte diese Stimme.
Mein Vater.
Richard Bergmann stand in der Tür.
Und er sagte nur einen Satz:
„Emma darf niemals erfahren, dass ihre Mutter nicht an einer Krankheit gestorben ist.“







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