Ich konnte meinen Blick nicht von Ethan lösen. In meinem Kopf wiederholte sich immer wieder derselbe Satz: Diese Person lebt noch. Jemand wusste, warum meine Mutter sterben musste. Jemand, dessen Namen ich nicht einmal kannte.
„Gib mir die Nummer“, sagte ich.
Ethan lächelte kaum merklich.
„Du willst sie wirklich anrufen?“
„Ja.“
„Dann musst du mir zuerst zuhören.“
Mein Vater trat zwischen uns.
„Emma, geh mit mir.“
„Nein.“
Er blieb stehen.
„Diesmal nicht.“
Ich sah meinen Vater an. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich ihm nicht mehr blind vertrauen konnte. Vielleicht war er nicht der Täter, vielleicht war er selbst erpresst worden, vielleicht hatte er versucht, mich zu schützen. Aber er hatte zu viele Jahre geschwiegen.
„Ich will alles hören“, sagte ich. „Von euch beiden.“
Ethan steckte den USB-Stick wieder ein.
„Dann fahren wir irgendwohin, wo wir ungestört sind.“
„Nein“, sagte mein Vater. „Du gehst nirgendwo mit ihm.“
Ethan lachte leise.
„Immer noch derselbe Richard Bergmann. Du entscheidest für alle anderen.“
„Du hast meine Tochter manipuliert.“
„Und du hast sie ihr ganzes Leben lang angelogen.“
Der Satz traf mich.
„Hört auf.“
Beide verstummten.
Ich nahm mein Handy und öffnete die Aufnahme, die ich unter dem Bett gemacht hatte.
„Ich habe genug Beweise, um euch beide zu ruinieren, wenn ich will. Also hört jetzt auf, miteinander zu kämpfen, und fangt an, mir die Wahrheit zu sagen.“
Ethan sah auf das Handy.
„Du hast wirklich alles aufgenommen.“
„Ja.“
„Dann weißt du auch, dass ich dich vernichten wollte.“
„Ich weiß.“
Sein Gesicht wurde für einen Augenblick weich.
„Emma…“
„Nenn meinen Namen nicht so, als würdest du dich noch um mich kümmern.“
Er schwieg.
Ich spürte Tränen in meinen Augen, zwang mich aber, nicht wegzusehen.
„Wann hast du erfahren, wer ich wirklich bin?“
Ethan atmete tief durch.
„Vor acht Monaten.“
„Wie?“
„Mein Vater hatte alte Unterlagen.“
„Über meine Mutter?“
„Über deine Familie.“
„Und warum hast du mir trotzdem einen Antrag gemacht?“
Er antwortete erst nach mehreren Sekunden.
„Weil ich anfangs nur Informationen wollte.“
Meine Brust zog sich zusammen.
„Und später?“
„Später… habe ich mich verliebt.“
Ich lachte bitter.
„Das soll ich dir glauben?“
„Ich weiß, dass du es nicht kannst.“
„Dann sag die Wahrheit.“
Ethan sah mich an.
„Ich habe dich wirklich geliebt. Aber ich hatte Angst, dass du irgendwann herausfindest, was unsere Familien miteinander verbindet.“
„Was verbindet sie?“
Er griff nach seinem USB-Stick.
„Deine Mutter hatte vor ihrem Tod Beweise gegen meinen Vater. Sie wusste, dass er Geld aus Bergmann-Projekten über mehrere Firmen verschoben hatte. Aber sie wusste noch etwas anderes.“
Mein Vater wurde plötzlich unruhig.
„Ethan, hör auf.“
„Nein.“
Ethan wandte sich an mich.
„Clara wusste, dass jemand aus deiner eigenen Familie ihm geholfen hatte.“
Ich sah meinen Vater an.
„Wer?“
Er sagte nichts.
„Papa.“
Sein Gesicht wurde grau.
„Dein Onkel.“
Ich runzelte die Stirn.
„Ich habe keinen Onkel.“
„Du hattest einen.“
„Was heißt das?“
„Mein älterer Bruder. Alexander.“
Ich starrte ihn an.
„Warum kenne ich seinen Namen nicht?“
Richard senkte den Blick.
„Weil er nach dem Tod deiner Mutter verschwunden ist.“
Ethan schüttelte den Kopf.
„Er ist nicht verschwunden.“
Mein Vater sah ihn erschrocken an.
„Woher willst du das wissen?“
„Weil er vor drei Wochen Kontakt zu mir aufgenommen hat.“
Die Suite schien plötzlich kleiner zu werden.
„Warum?“, fragte ich.
Ethan nahm sein Handy heraus und zeigte mir eine Nachricht.
**„Wenn du Emma heiratest, bekommst du endlich Zugang zu dem, was Richard seit Jahren versteckt.“**
Darunter stand eine Nummer.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Ist das die Nummer aus der Anrufliste meiner Mutter?“
Ethan nickte.
„Ja.“
Ich sah meinen Vater an.
„Alexander hat Mama angerufen?“
„Nein.“
„Dann wer?“
Richard schwieg.
Ich nahm Ethan das Handy aus der Hand und verglich die Nummer mit der alten Anrufliste.
Sie war identisch.
Meine Finger begannen zu zittern.
„Papa…“
Er setzte sich langsam.
„Ich wollte dir diese Wahrheit ersparen.“
„Welche Wahrheit?“
Er sah mich an, und in seinen Augen lag etwas, das ich dort noch nie gesehen hatte.
Schuld.
„Deine Mutter hat Alexander an diesem Abend nicht angerufen.“
Er schluckte.
„Sie hat mich angerufen.“
„Aber du hast gesagt—“
„Ich bin nicht ans Telefon gegangen.“
Stille.
„Warum?“
Mein Vater senkte den Kopf.
„Weil ich wusste, was sie mir sagen wollte.“
„Was?“
Er hob den Blick.
„Sie hatte herausgefunden, dass Alexander nicht allein gehandelt hatte.“
Ich wartete.
„Mit wem?“
Richard antwortete nicht.
Da vibrierte mein Handy.
Eine neue Nachricht von derselben unbekannten Nummer.
**„Emma, hör deinem Vater nicht zu. Er weiß, dass ich damals bei deiner Mutter war.“**
Darunter erschien eine Adresse.
Ein altes Haus am Starnberger See.
Und eine zweite Nachricht folgte:
**„Komm allein. Ich habe die letzte Stunde von Claras Leben aufgezeichnet.“**







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