Ich las die Nachricht ein zweites Mal. Dann ein drittes. Meine Finger schwebten über dem Bildschirm, ohne dass ich wusste, was ich antworten sollte. Die letzte Stunde meiner Mutter. Aufgezeichnet. Wenn diese Person tatsächlich die Wahrheit kannte, konnte diese Aufnahme alles verändern. Gleichzeitig wusste ich, dass die Aufforderung, allein zu kommen, eine Falle sein konnte.
„Du gehst nirgendwohin“, sagte mein Vater.
Ich hob den Blick. „Du hast nicht mehr das Recht, das zu entscheiden.“
„Emma, bitte.“
„Nein. Du hattest neun Jahre Zeit, mir die Wahrheit zu sagen.“
Sein Gesicht verzog sich.
„Ich habe jeden Tag mit dem Gedanken gelebt, dich zu verlieren.“
„Und trotzdem hast du mich angelogen.“
Ethan stand schweigend neben dem Fenster. Er sagte nichts, doch sein Blick verriet, dass auch er verstand, wie gefährlich diese Situation geworden war.
Ich steckte das Handy ein.
„Ich fahre hin.“
„Allein?“, fragte Ethan.
„Das verlangt die Nachricht.“
„Dann ist es wahrscheinlich eine Falle.“
Ich sah ihn an.
„Du hast mich bereits einmal in eine Falle gelockt. Deine Meinung über Fallen interessiert mich nicht besonders.“
Er senkte den Blick.
Mein Vater ging zum Schreibtisch und nahm den USB-Stick.
„Dann nimm wenigstens das.“
„Warum?“
„Weil darauf etwas ist, das du sehen musst, bevor du dorthin fährst.“
Ich nahm den Stick.
„Warum hast du ihn nicht vorher gezeigt?“
„Weil ich Angst hatte.“
„Wovor?“
Er antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Vor dem, was du über mich denken würdest.“
Ich steckte den Stick in meinen Laptop. Die Datei enthielt nur ein einziges Video. Datum: 17. Oktober 2019. Uhrzeit: 21:43.
Ich drückte auf Wiedergabe.
Das Bild war körnig. Eine Kamera zeigte einen Flur in einem alten Haus. Dann erschien meine Mutter. Sie trug einen dunklen Mantel und hielt einen braunen Umschlag in der Hand.
Ich hörte ihre Stimme.
„Wenn jemand dieses Video sieht, bedeutet das, dass ich es nicht geschafft habe.“
Mein Atem stockte.
Clara blickte direkt in die Kamera.
„Richard, wenn du das bist, hör mir genau zu. Alexander hat mich nicht verraten.“
Mein Vater wurde neben mir plötzlich kreidebleich.
Ich drehte mich zu ihm.
„Was?“
Doch auf dem Bildschirm ging meine Mutter weiter.
„Du glaubst, dein Bruder steckt dahinter. Aber das stimmt nicht.“
Richard setzte sich.
Ich sah wieder auf das Video.
„Die Person, der du vertraust, ist näher bei dir, als du denkst.“
Das Bild flackerte.
Dann erschien eine zweite Aufnahme.
Meine Mutter stand in einem anderen Raum. Sie wirkte erschöpft. Hinter ihr war ein Fenster zu erkennen.
„Ich habe die Überweisungen gefunden. Ich habe die Firmen gefunden. Aber das Schlimmste ist nicht das Geld.“
Sie hob den Umschlag.
„Es geht um Emma.“
Ich hielt die Luft an.
„Wenn mir etwas passiert, darf Emma niemals erfahren, dass sie als Kind bereits einmal in Gefahr war.“
Meine Knie wurden weich.
„Was meint sie?“, flüsterte ich.
Mein Vater antwortete nicht.
Im Video hörte man plötzlich ein Geräusch.
Eine Tür.
Meine Mutter drehte sich um.
„Du bist gekommen.“
Eine Männerstimme antwortete.
Ich konnte sie nicht klar verstehen.
Dann sagte meine Mutter:
„Warum hast du Richard nicht die Wahrheit gesagt?“
Die Kamera bewegte sich leicht.
Der Mann trat ins Bild.
Ich sah nur seine Schulter und einen Teil seines Gesichts.
Doch das genügte.
Mein Vater sprang auf.
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Wer ist das?“
Er antwortete nicht.
Ich stoppte das Video.
„Wer?“
Richard zitterte.
„Ich kenne ihn.“
„Natürlich kennst du ihn.“
„Emma, du musst mir zuhören.“
„Wer ist er?“
Mein Vater sah auf den Bildschirm.
„Der Mann, der damals für meine Sicherheitsfirma gearbeitet hat.“
„Und was hat er mit Mama gemacht?“
„Ich weiß es nicht.“
Ich lachte fassungslos.
„Schon wieder diese Antwort.“
Ethan trat näher.
„Warte.“
Er zeigte auf den Bildschirm.
„Vergrößere das Bild.“
Ich tat es.
Im Hintergrund stand auf einem Tisch ein kleines gerahmtes Foto.
Darauf war meine Mutter mit einem jungen Mädchen zu sehen.
Ich starrte darauf.
Das Mädchen war ungefähr zehn Jahre alt.
„Das bin ich.“
Mein Vater nickte.
„Ja.“
„Warum ist dieses Foto dort?“
Niemand antwortete.
Dann bemerkte ich etwas anderes.
Auf dem Umschlag in der Hand meiner Mutter stand eine Adresse.
Nicht die des Hauses.
Eine andere.
**Bergmann Privatklinik, München.**
Ich kannte diesen Ort.
Dort war meine Mutter behandelt worden, bevor sie starb.
„Sie war also wirklich krank?“
Mein Vater sah mich an.
„Ja.“
„Aber du hast gesagt, sie sei nicht an einer Krankheit gestorben.“
„Das habe ich gesagt.“
„Dann was ist passiert?“
Er schloss die Augen.
„Ihre Krankheit war real. Aber jemand hat dafür gesorgt, dass ihre Medikamente verändert wurden.“
Mir wurde übel.
„Wer?“
Richard schüttelte den Kopf.
„Das weiß ich bis heute nicht.“
Ethan sah plötzlich auf sein Handy.
„Emma.“
„Was?“
„Die Nachricht.“
Er zeigte auf den Bildschirm.
Die unbekannte Nummer hatte erneut geschrieben.
**„Du hast das Video gesehen. Jetzt weißt du, dass Richard nicht die ganze Wahrheit kennt.“**
Darunter stand:
**„Ich war in dieser Nacht im Haus.“**
Dann erschien eine weitere Nachricht.
**„Und ich habe gesehen, wer Clara die Tür geöffnet hat.“**
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Wer?“
Die Antwort kam sofort.
**„Dein Ehemann.“**
Ethan wurde blass.
„Das ist eine Lüge.“
Ich sah ihn an.
„Dann komm mit.“
„Wohin?“
Ich nahm meinen Mantel.
„Zum Haus am Starnberger See.“
Mein Vater wollte mich aufhalten.
„Emma, du darfst ihm nicht vertrauen.“
Ich blieb an der Tür stehen.
„Ich weiß.“
Dann sah ich Ethan direkt in die Augen.
„Aber wenn diese Person lügt, wirst du die erste Gelegenheit bekommen, es zu beweisen.“
Ethan sagte nichts.
Als ich die Tür öffnete, vibrierte mein Handy ein letztes Mal.
**„Kommt nicht zu dritt.“**
Darunter:
**„Einer von euch wird das Haus nicht lebend verlassen.“**







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