Noah blieb knapp einen Meter vor Daniel stehen und hob das Kinn.
„Bist du der Mann, der allen erzählt hat, wir wären gestorben?“
Die Frage traf den Raum härter als das Dröhnen der Rotorblätter draußen.
Daniels Mutter stieß einen Schrei aus und sank auf einen Stuhl. Seine Freundin wich von ihm zurück, als hätte seine Uniform plötzlich Feuer gefangen.
Daniel starrte Noah an.
„Das habe ich nie gesagt.“
„Doch, das hast du“, erwiderte ich.
Zwei Ermittler der Militärpolizei traten durch die großen Eingangstüren.
Major Elias Hartmann trug eine versiegelte Beweismappe. Hauptmann Markus Weber hielt ein Tablet in der Hand, auf dessen Display archivierte Nachrichten, Versetzungsunterlagen und Daniels unterschriebene eidesstattliche Erklärung aus dem Scheidungsverfahren zu sehen waren.
Daniels Gesicht verhärtete sich.
„Das hier ist eine Familienfeier.“
„Nein“, sagte Major Hartmann ruhig. „Ab jetzt handelt es sich um eine offizielle Untersuchung.“
Unruhiges Gemurmel breitete sich in der Halle aus.
Daniel sah mich plötzlich voller Hass an. „Du hast das alles eingefädelt.“
„Ich habe gar nichts eingefädelt. Das haben deine eigenen Unterlagen getan.“
Acht Jahre zuvor hatte Daniel unter Eid erklärt, ich hätte die Schwangerschaft erfunden, um seiner Karriere zu schaden. Außerdem hatte er medizinische Unterlagen eingereicht, denen zufolge keine Kinder existierten.
Diese Unterlagen waren gefälscht.
Hauptmann Weber legte das Tablet auf den Tisch.
„Oberst Reuter, diese Unterlagen tragen die Unterschrift eines Bundeswehrarztes. Dieser Arzt war zum angegebenen Ausstellungsdatum bereits seit sechs Monaten tot.“
Daniels Freundin schlug sich die Hand vor den Mund.
Seine Mutter flüsterte: „Daniel … was hast du getan?“
Er griff nach meinem Arm, doch Elias stellte sich sofort zwischen uns.
„Fass unsere Mutter nicht an.“
Wieder wurde es vollkommen still.
Daniel ließ langsam die Hand sinken.
Dann bemerkte Olivia das Samtetui neben seinen Stiefeln. Sie hob es auf und öffnete es.
Darin befand sich nicht nur ein Diamantring.
Unter dem Ring lag ein winziger Messingschlüssel.
Daniel schnellte nach vorn.
„Gib mir das.“
Olivia wich erschrocken zurück, und ich nahm ihr das Etui aus der Hand.
Major Hartmanns Gesichtsausdruck veränderte sich in dem Moment, in dem er den Schlüssel sah.
„Woher haben Sie den?“
Daniel schwieg.
Der Ermittler zog ein Foto aus seiner Beweismappe. Darauf war ein verschlossener Beweismittelschrank zu sehen, der mit einem bislang ungeklärten Fall von illegalem Waffenhandel innerhalb der Bundeswehr in Verbindung stand.
Die Identifikationsnummer des Schlüssels stimmte mit der Nummer des Schranks überein.
Plötzlich ergab Daniels Einladung einen Sinn.
Er hatte mich nicht herbestellt, weil seine Mutter einen Schlussstrich ziehen wollte.
Er glaubte, ich hätte noch immer Unterlagen aus unserer Ehe – Unterlagen, die ihn mit den Ermittlungen in Verbindung bringen konnten.
Doch als Hauptmann Weber auf Daniel zuging, um ihn festzunehmen, stand seine Mutter zitternd neben dem Weihnachtsbaum.
„Kira“, flüsterte sie, „es gibt etwas, das du nicht weißt.“
Sie griff hinter ein altes gerahmtes Porträt von Daniels Vater und zog einen vergilbten Krankenhausumschlag hervor.
Auf der Vorderseite stand mein Name.
Darin befanden sich die Originalunterlagen über die Geburt meiner Vierlinge – vor acht Jahren von Daniels Mutter persönlich unterschrieben.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 3, um weiterzulesen.**







No comments yet