Major Hartmann streckte die Hand nach dem Messingschlüssel aus.
Ich gab ihn ihm.
Daniel machte sofort einen Schritt nach vorn.
„Dieser Schlüssel gehört meiner Familie.“
Hartmann sah ihn ruhig an.
„Nach dem, was wir gerade festgestellt haben, könnte er zu einem Beweismittel gehören.“
„Sie wissen nicht einmal, was hinter dieser Tür ist.“
„Dann werden wir das jetzt herausfinden.“
Daniel spannte den Kiefer an.
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft wirkte er nicht wütend.
Er wirkte verängstigt.
Hauptmann Weber blieb bei ihm, während Hartmann zwei Beamte anwies, ihn zum Westflügel zu begleiten.
Ich wollte folgen.
„Kira.“
Marianne hielt mich zurück.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich drehte mich zu ihr.
„Nicht vor den Kindern.“
Sie sah zu Noah, Elias, Sophie und Olivia.
Die vier standen dicht beieinander. Die anfängliche Neugier war aus ihren Gesichtern verschwunden.
Sie verstanden nicht alles.
Aber sie verstanden genug.
Ich kniete mich vor ihnen hin.
„Lena ist draußen beim Hubschrauber. Ihr geht jetzt zu ihr.“
„Aber Mama—“, begann Sophie.
„Nur für ein paar Minuten.“
Elias sah an mir vorbei zu Daniel.
„Kommst du wieder?“
Die Frage traf mich unerwartet.
Ich legte beide Hände an seine Wangen.
„Natürlich.“
Noah nahm Sophies Hand. Olivia griff nach Elias.
Ein Bundespolizist begleitete sie hinaus.
Daniel beobachtete sie.
Für einen kurzen Augenblick war etwas in seinem Gesicht, das ich nicht einordnen konnte.
Bedauern vielleicht.
Oder nur die Erkenntnis dessen, was er verloren hatte.
Dann schloss sich die Eingangstür.
Ich folgte Hartmann.
Der Westflügel des Anwesens wirkte vollkommen anders als die festlich geschmückte Eingangshalle. Keine Weihnachtsmusik. Keine Girlanden. Nur dunkles Holz, alte Militärfotografien und gerahmte Urkunden.
Am Ende des Korridors stand die Tür zum ehemaligen Dienstzimmer von General Friedrich Reuter.
Marianne öffnete sie mit ihrem silbernen Schlüssel.
Der Raum roch nach Leder, Papier und Staub.
Ein massiver Schreibtisch stand vor dem Fenster. An den Wänden hingen Fotos aus mehreren Jahrzehnten Militärdienst.
Hartmann ging direkt zur hinteren Bücherwand.
Der Beamte, der den zweiten Raum entdeckt hatte, zeigte auf eine schmale Fuge zwischen zwei Regalen.
„Hier.“
Hinter einem verschiebbaren Regal befand sich eine graue Metalltür.
Auf Brusthöhe war ein kleines Schloss angebracht.
Hartmann hielt den Messingschlüssel daneben.
Die eingeprägte Nummer stimmte.
Daniel, der unter Aufsicht von Weber hinter uns stand, wurde plötzlich laut.
„Das ist das private Archiv meines Vaters. Sie haben kein Recht—“
Marianne unterbrach ihn.
„Öffnen Sie es.“
Daniel starrte sie an.
„Mutter.“
„Öffnen Sie es“, wiederholte sie.
Hartmann steckte den Schlüssel ins Schloss.
Er passte.
Ein metallisches Klicken.
Dann öffnete sich die Tür.
Der Raum dahinter war klein.
Keine Fenster.
An einer Wand standen Aktenschränke.
An der anderen mehrere versiegelte Metallkassetten.
Hartmann schaltete das Licht ein.
Weber trat neben ihn.
Ich blieb an der Schwelle.
Auf den ersten Blick sah alles aus wie ein sorgfältig geführtes privates Archiv.
Dann entdeckte ich die Jahreszahlen.
Sie reichten fast zwanzig Jahre zurück.
Auf mehreren Ordnern standen Namen von Bundeswehrstandorten, Beschaffungsstellen und privaten Rüstungszulieferern.
Weber fluchte leise.
Hartmann zog Handschuhe an.
„Niemand berührt etwas, bis die Spurensicherung hier ist.“
Doch Marianne zeigte plötzlich auf einen schmalen schwarzen Ordner.
Darauf stand mein Name.
KIRA REUTER.
Darunter:
VERTRAULICH.
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Warum hatte Ihr Mann eine Akte über mich?“
Marianne schüttelte den Kopf.
„Ich wusste nichts davon.“
Daniel sagte nichts.
Ich sah ihn an.
„Du schon.“
Seine Augen trafen meine.
„Du bildest dir Dinge ein.“
„Das hast du vor acht Jahren auch gesagt.“
Hartmann fotografierte den Ordner an seinem Platz und nahm ihn anschließend vorsichtig heraus.
Er öffnete ihn.
Die ersten Seiten bestanden aus Kopien meiner damaligen medizinischen Unterlagen.
Ultraschallberichte.
Laborwerte.
Arzttermine.
Dann folgten Dokumente, die nichts mit meiner Schwangerschaft zu tun hatten.
Meine Bewerbungen bei der Polizei.
Ergebnisse meiner Sicherheitsüberprüfungen.
Notizen über meine ersten dienstlichen Verwendungen.
Sogar eine Liste von Ermittlungsbereichen, für die ich mich damals interessiert hatte.
Ich blickte zu Daniel.
„Ihr habt mich überwacht.“
„Ich nicht.“
„Wer dann?“
Er schwieg.
Hartmann blätterte weiter.
Plötzlich hielt er inne.
Zwischen zwei Seiten lag ein Schreiben mit dem Briefkopf eines Unternehmens.
Adler Sicherheitslogistik GmbH.
Weber trat näher.
„Das Unternehmen kennen wir.“
Ich ebenfalls.
Adler Sicherheitslogistik war Jahre zuvor als Subunternehmer für militärische Transporte eingesetzt worden. Der Name war auch in unserem aktuellen länderübergreifenden Ermittlungsverfahren aufgetaucht.
Mein Blick wanderte langsam zu Daniel.
Er wusste offenbar, was ich dachte.
„Ich hatte damit nichts zu tun.“
Hartmann las das Schreiben.
Sein Gesicht wurde immer ernster.
„Das Dokument stammt aus dem Jahr Ihrer Scheidung.“
Er legte es auf eine Beweismittelunterlage.
Es war eine interne Korrespondenz.
Darin wurde vor einer möglichen Sicherheitsprüfung gewarnt.
Eine junge Polizeibeamtin mit familiärer Verbindung zu General Reuter habe bei einer Routineauswertung Unstimmigkeiten in Transportabrechnungen bemerkt.
Ich erinnerte mich.
Damals war ich noch weit von meiner heutigen Position entfernt gewesen.
Während einer internen Auswertung waren mir doppelte Frachtkennungen aufgefallen.
Mein Vorgesetzter hatte mir gesagt, es handle sich um einen Buchungsfehler.
Die Sache war geschlossen worden.
Wenige Wochen später hatte Daniel begonnen, sich zu verändern.
Dann war ich schwanger geworden.
Dann hatte er mich beschuldigt zu lügen.
Dann kam die Scheidung.
„Es ging nie nur um die Kinder“, sagte ich.
Daniel antwortete nicht.
Marianne presste eine Hand auf ihren Mund.
Hartmann zog eine weitere Seite hervor.
Darauf befand sich eine handschriftliche Notiz von Friedrich Reuter.
Kira darf keine dauerhafte Verbindung zur Familie behalten.
Darunter standen vier Wörter:
Abstammung bestreiten. Ehe beenden.
Mir wurde übel.
Daniel sah zu Boden.
Ich ging auf ihn zu.
„Hat dein Vater dir befohlen, mich zu verlassen?“
Keine Antwort.
„Daniel.“
Er hob den Kopf.
Seine Stimme klang plötzlich erschöpft.
„Du verstehst nicht, wer mein Vater war.“
„Dann erklär es mir.“
„Er kontrollierte alles.“
„Auch die gefälschten medizinischen Unterlagen?“
Daniel schloss die Augen.
Marianne trat einen Schritt auf ihren Sohn zu.
„Sag endlich die Wahrheit.“
Er lachte bitter.
„Die Wahrheit?“
Dann zeigte er auf die Akten.
„Wenn ihr die Wahrheit wollt, sucht nicht nur nach meinem Namen.“
Hartmann wurde aufmerksam.
„Nach wessen Namen sollen wir suchen?“
Daniel blickte zu dem Porträt seines Vaters.
„Nach allen.“
Noch bevor jemand reagieren konnte, ertönte aus einem der Metallschränke ein elektronisches Piepen.
Einmal.
Dann erneut.
Weber erstarrte.
„Alle raus.“
Hartmann drängte uns sofort zurück in das Dienstzimmer.
Ein Spezialist wurde gerufen.
Wenige Minuten später stellte sich heraus, dass es kein Sprengsatz war.
Es war ein altes Sicherheitssystem.
Und das Piepen bedeutete, dass einer der Schränke geöffnet worden war.
Nicht heute.
Vor weniger als vierundzwanzig Stunden.
Hartmann sah Daniel an.
„Wer war gestern hier?“
Daniel schwieg.
Marianne wurde blass.
„Ich war den ganzen Tag im Haus.“
„Haben Sie jemanden gesehen?“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
Dann hielt sie inne.
„Doch.“
Alle sahen sie an.
„Gestern Abend stand ein Wagen vor dem Seiteneingang.“
„Was für ein Wagen?“
„Schwarz. Dienstfahrzeug.“
Hartmann fragte: „Wer stieg aus?“
Marianne sah zu Daniel.
„Generalmajor Viktor Albrecht.“
Weber und Hartmann wechselten sofort einen Blick.
Ich kannte den Namen ebenfalls.
Albrecht war nicht irgendein alter Freund der Familie.
Er hatte jahrelang mit Friedrich Reuter zusammengearbeitet.
Und sein Name war vor drei Monaten in einer internen Analyse meiner Ermittlungsgruppe aufgetaucht.
Nicht als Beschuldigter.
Als Verbindungsperson zwischen mehreren verdächtigen Transportfreigaben.
Plötzlich vibrierte mein dienstliches Smartphone.
Eine Nachricht von Lena.
Ich öffnete sie.
Nur zwei Zeilen.
**Kira, komm sofort raus.**
**Eines der Kinder hat gerade einen Mann auf einem alten Familienfoto erkannt.**
Ich sah durch das Fenster zum Hubschrauber.
Draußen stand Noah neben Lena und zeigte auf etwas, das er in der Hand hielt.
Dann kam die zweite Nachricht.
**Noah sagt, derselbe Mann habe vor drei Wochen vor ihrer Schule auf ihn gewartet.**
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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