Ich war schon auf dem Weg zur Tür, bevor Hartmann meinen Namen aussprechen konnte.
„Kira, warten Sie.“
„Meine Kinder sind unten.“
„Genau deshalb gehen Sie nicht allein.“
Er gab Weber ein Zeichen. Zwei Beamte kamen mit uns, während ein weiterer über Funk die Sicherung sämtlicher Ausgänge anordnete.
Ich rief Lena an.
Keine Antwort.
Noch einmal.
Nichts.
Mein Puls hämmerte.
Wir erreichten die Treppe.
Unten herrschte Unruhe.
Die verbliebenen Gäste standen nicht mehr in der Halle. Die meisten waren inzwischen in einen Salon gebracht worden, damit ihre Personalien überprüft werden konnten.
„Wo sind die Kinder?“, fragte ich den ersten Bundespolizisten, den ich sah.
„Im Bibliothekszimmer mit Frau Berger.“
„Und Riemann?“
Der Beamte runzelte die Stirn.
„Wer?“
Ich zeigte ihm das Foto.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Der Mann war vor wenigen Minuten noch im Salon.“
Hartmann griff zum Funkgerät.
„Alle Türen sichern. Zielperson nicht ansprechen, bis wir wissen, wo sie ist.“
Dann hörte ich Olivia.
„Mama!“
Ich drehte mich um.
Die Bibliothekstür öffnete sich.
Alle vier Kinder kamen heraus.
Lena folgte ihnen.
Ich ging sofort in die Knie und zog sie an mich.
„Warum gehst du nicht ans Telefon?“
Lena hielt ihr Smartphone hoch.
Der Bildschirm war schwarz.
„Es ist plötzlich ausgegangen. Meines und das Dienstgerät des Kollegen im Raum.“
Hartmann sah Weber an.
„Störsender?“
„Möglich.“
Noah zeigte zum hinteren Korridor.
„Der Mann vom Foto war hier.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Riemann?“
„Er stand an der Tür.“
„Hat er etwas gesagt?“
„Er hat uns nur angesehen.“
Sophie nickte.
„Dann hat Frau Berger ihn gefragt, was er will.“
Lena übernahm.
„Er sagte, er habe sich im Haus geirrt. Als ich zur Tür ging, war er verschwunden.“
„Wie lange her?“
„Vielleicht drei Minuten.“
Hartmann schickte die beiden Beamten in den hinteren Korridor.
Dann ertönte ein Alarm.
Nicht laut.
Ein kurzes elektronisches Signal aus Richtung Westflügel.
Weber sah auf sein Tablet.
„Bewegung im Archiv.“
Wir wussten sofort, wohin Riemann wollte.
„Lena, bring die Kinder zum Hubschrauber“, sagte ich.
„Nein“, widersprach Hartmann. „Das Flugfeld ist zu offen.“
Er zeigte auf zwei Beamte.
„Gesicherter Innenraum. Keine Fenster. Zwei Zugänge, beide bewacht.“
Ich hasste es, meine Kinder wieder wegzuschicken.
Aber diesmal diskutierte ich nicht.
Ich küsste jedes von ihnen auf die Stirn.
„Bleibt bei Lena.“
Noah hielt meine Hand einen Moment länger fest.
„Mama, komm zurück.“
„Das werde ich.“
Wir gingen zum Westflügel.
Die Metalltür zum versteckten Archiv stand offen.
Eine Schublade war herausgerissen worden.
Papiere lagen auf dem Boden.
„Er war hier“, sagte Weber.
Hartmann kniete sich neben eine der Metallkassetten.
„Was fehlt?“
Weber verglich die Fotos vom ursprünglichen Fundzustand.
Dann zeigte er auf einen leeren Platz.
„Eine Kassette.“
Daniel erschien am Ende des Korridors, noch immer unter Bewachung.
Als er den leeren Platz sah, fluchte er.
„Was war darin?“, fragte Hartmann.
Daniel antwortete nicht sofort.
„Oberst Reuter.“
„Personaldossiers.“
„Über wen?“
Daniel sah zu mir.
„Über die Leute, die mein Vater für gefährlich hielt.“
„Riemann?“
„Unter anderem.“
„Albrecht?“
Daniel nickte.
„Und dich?“
Wieder dieses Zögern.
„Ja.“
Hartmann ging einen Schritt näher.
„Warum sollte Ihr Vater ein Dossier über seinen eigenen Sohn führen?“
Daniel lachte bitter.
„Weil mein Vater niemandem vertraute.“
Dann sah er mich an.
„Nicht einmal mir.“
Ein Geräusch kam aus dem hinteren Teil des Archivs.
Metall auf Stein.
Alle erstarrten.
Hartmann hob die Hand.
Die Beamten verteilten sich.
Hinter den Aktenschränken führte eine schmale Servicetür in einen alten Versorgungsgang.
Sie stand einen Spalt offen.
„Riemann!“, rief Hartmann. „Militärpolizei. Bleiben Sie stehen und zeigen Sie Ihre Hände.“
Keine Antwort.
Dann hörten wir Schritte.
Sie entfernten sich.
Die Beamten folgten.
Ich blieb zurück.
Nicht aus Angst.
Weil ich auf dem Boden etwas gesehen hatte.
Ein einzelnes Blatt.
Darauf standen vier Namen.
Noah.
Elias.
Sophie.
Olivia.
Ich hob es nicht auf.
„Weber.“
Er kam zu mir.
„Das müssen Sie sehen.“
Er fotografierte das Blatt und steckte es anschließend in eine Beweishülle.
Neben jedem Namen stand dieselbe Abkürzung:
DNA.
Darunter:
Vergleich erforderlich.
Mir wurde kalt.
„Warum wollte jemand die DNA meiner Kinder?“
Daniel sah das Blatt.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Oh Gott.“
Ich fuhr zu ihm herum.
„Was?“
„Mein Vater hat mir einmal erzählt, warum Riemann für ihn so wichtig war.“
„Warum?“
„Er hatte Zugang zu medizinischen Daten.“
„Das wissen wir bereits.“
„Nein. Nicht nur zu deinen.“
Daniel sah auf die Namen unserer Kinder.
„Zu denen von fast allen Familien, die damals mit dem Netzwerk verbunden waren.“
Weber runzelte die Stirn.
„Wozu?“
„Zur Absicherung.“
„Erpressung?“
„Abstammung. Krankheiten. Medikamente. Dinge, die Karrieren zerstören konnten.“
Ich dachte an die gefälschten Unterlagen.
Riemann hatte nicht einfach eine Unterschrift geliefert.
Er war offenbar der medizinische Teil eines Systems gewesen, das Informationen manipulierte.
Plötzlich knackte Hartmanns Stimme über Funk.
„Zielperson gesichtet. Nordausgang.“
Dann ein zweiter Funkspruch.
„Er bleibt stehen.“
Wir liefen zurück zur Halle.
Als wir den Nordausgang erreichten, kniete David Riemann bereits im Schnee.
Zwei Beamte standen hinter ihm.
Die fehlende Metallkassette lag wenige Meter entfernt.
Riemann hob langsam den Kopf.
Sein Blick fand mich sofort.
„Kira.“
Nicht Frau Reuter.
Nicht Frau Polizeidirektorin.
Kira.
Als würden wir uns kennen.
„Sie waren damals im Krankenhaus“, sagte ich.
Er lächelte traurig.
„Ja.“
„Sie haben die Unterlagen gefälscht.“
„Einige.“
„Im Auftrag von Friedrich Reuter?“
Sein Blick wanderte zu Daniel.
„Friedrich hat vieles angeordnet.“
„Das war keine Antwort.“
Hartmann zog Riemann auf die Füße.
„Sie können das bei der Vernehmung erklären.“
Riemann ignorierte ihn.
„Ihre Kinder sind nicht zufällig in diesen Unterlagen, Kira.“
Ich ging einen Schritt näher.
„Was soll das heißen?“
„Friedrich wollte damals beweisen, dass Daniel nicht der Vater ist.“
Daniel erstarrte.
Riemann fuhr fort.
„Ich habe die Proben selbst geprüft.“
Mein Atem stockte.
„Und?“
Riemann sah Daniel an.
Dann mich.
„Daniel ist der Vater aller vier Kinder.“
Ein seltsames Schweigen folgte.
Acht Jahre lang hatte Daniel Zweifel als Waffe benutzt.
Jetzt war selbst diese letzte Ausrede verschwunden.
„Warum wurde das Ergebnis nicht verwendet?“, fragte Weber.
Riemann lachte leise.
„Weil Friedrich nicht das Ergebnis wollte. Er wollte ein anderes.“
„Und Sie haben es ihm gegeben.“
„Nein.“
Daniel blickte überrascht auf.
Riemann schüttelte den Kopf.
„Das war der Anfang meines Problems mit Friedrich.“
Hartmann öffnete die sichergestellte Metallkassette.
Darin befanden sich mehrere dünne Akten.
Eine davon trug Riemanns Namen.
Eine zweite Albrechts.
Die dritte war mit DANIEL REUTER beschriftet.
Weber öffnete sie.
Auf der ersten Seite stand ein Datum.
Zwei Tage nach der Geburt der Vierlinge.
Darunter ein interner Vermerk Friedrich Reuters:
Daniel verweigert endgültige Maßnahme.
Alternative vorbereiten.
Ich sah Daniel an.
„Was bedeutet endgültige Maßnahme?“
Er wurde blass.
Riemann antwortete für ihn.
„Friedrich wollte, dass Daniel eine Erklärung unterschreibt, mit der er jede Kenntnis der Schwangerschaft bestreitet und Kira als psychisch instabil darstellen lässt.“
„Das hat er doch getan.“
„Später.“
Riemann sah Daniel an.
„Aber an diesem Tag hat er sich geweigert.“
Zum ersten Mal passte ein Teil der Vergangenheit nicht zu dem Bild, das ich acht Jahre lang von Daniel gehabt hatte.
Nicht genug, um ihn zu entschuldigen.
Aber genug, um eine neue Frage zu öffnen.
„Was ist danach passiert?“
Riemann blickte zur Akte.
„Friedrich hat ihm gezeigt, was passieren würde, wenn er nicht gehorcht.“
Weber blätterte um.
Dahinter lag ein Foto.
Daniel, acht Jahre jünger.
Vor einem Krankenhaus.
Und daneben ein weiteres Bild.
Ich mit vier Neugeborenen hinter der Scheibe der Intensivstation.
Auf der Rückseite stand:
Eine Karriere kann beendet werden.
Eine Familie ebenfalls.
Daniel schloss die Augen.
„Er sagte, wenn ich mich nicht von dir trenne, würde er dafür sorgen, dass du wegen deiner angeblichen Datenmanipulation aus dem Polizeidienst fliegst.“
Ich starrte ihn an.
„Und deshalb hast du mich zur Lügnerin gemacht?“
„Ich hatte Angst.“
„Du hattest acht Jahre.“
Daniel hatte darauf keine Antwort.
Riemann wurde abgeführt.
Doch bevor er in das Fahrzeug stieg, drehte er sich noch einmal um.
„Kira.“
Ich blieb stehen.
„Wenn Sie wissen wollen, warum Albrecht Ihren Sohn beobachtet hat, fragen Sie nicht, was Noah gesehen hat.“
Hartmann hielt inne.
„Sondern?“
Riemann sah direkt zu mir.
„Fragen Sie, was Friedrich Reuter Noah hinterlassen hat.“
Ich runzelte die Stirn.
„Friedrich ist gestorben, bevor Noah ihn überhaupt kannte.“
„Das stimmt.“
Riemann lächelte nicht mehr.
„Aber sein Testament wurde nie vollständig eröffnet.“
Hinter uns ertönte Mariannes Stimme.
„Doch.“
Wir drehten uns um.
Sie stand in der Eingangstür.
In ihren Händen hielt sie einen alten versiegelten Umschlag.
„Es wurde eröffnet.“
Ihre Augen waren voller Tränen.
„Ich habe nur acht Jahre lang niemandem gesagt, was darin stand.“
Auf der Vorderseite des Umschlags befand sich Friedrichs Handschrift.
Nicht Daniels Name.
Nicht Mariannes.
Dort stand:
**Für meinen erstgeborenen Enkel.**
Noah.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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