Unterhaltung

Mein Ex-Mann lud mich „kinderlos“ zum Weihnachtsessen ein – dann landete ich mit seinen vier Kindern auf dem Familienanwesen

Hauptmann Weber berührte die Datei nicht sofort.

„Bevor wir sie öffnen, wird eine forensische Kopie erstellt.“

Normalerweise hätte mich diese Vorsicht beruhigt.

Diesmal nicht.

Drei Wochen zuvor hatte Viktor Albrecht meinen achtjährigen Sohn beobachtet.

Am selben Tag war eine Datei mit meinem Namen angelegt worden.

Ich dachte nicht mehr an Weihnachten.

Ich dachte an jede Strecke, die ich mit den Kindern regelmäßig gefahren war. An ihre Schule. An meinen Arbeitsplatz. An unser Zuhause.

An all die Orte, die ich für sicher gehalten hatte.

Weber erstellte die Kopie und öffnete anschließend die Datei.


Kein Video.

Eine Präsentation.

Die erste Seite enthielt mein dienstliches Foto.

Darunter standen meine Position, meine Einheit und eine Auflistung meiner aktuellen Ermittlungszuständigkeiten.

Die zweite Seite zeigte eine Karte von Potsdam.

Mehrere Orte waren markiert.

Mein Büro.

Unser Haus.

Die Schule der Kinder.

Mein Blut wurde kalt.


„Weiter.“

Die nächste Seite enthielt Fotos.

Noah beim Verlassen der Schule.

Sophie vor dem Musikunterricht.

Elias auf einem Sportplatz.

Olivia neben Lena vor einem Café.

Alle innerhalb der vergangenen sechs Wochen aufgenommen.

Daniel trat hinter uns.

Als er die Bilder sah, verlor sein Gesicht jede Farbe.

„Das wusste ich nicht.“


Ich drehte mich zu ihm um.

„Sag das noch einmal, und ich vergesse, dass hier Beamte zwischen uns stehen.“

Hartmann hob die Hand.

„Kira.“

Ich wandte mich wieder dem Bildschirm zu.

Die letzte Seite war keine Beobachtungsliste.

Es war ein Ablaufplan.

Weihnachten – Anwesen Reuter.

K.R. erscheint voraussichtlich allein.

Primärziel: Datenträger lokalisieren.


Sekundärziel: Ermittlungsstand feststellen.

Keine dauerhafte Eskalation ohne Freigabe.

Darunter stand:

Kontaktperson: D.R.

Alle sahen Daniel an.

Er schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

„D.R.“, sagte Weber. „Daniel Reuter wäre naheliegend.“

„Ich habe diese Datei nie gesehen.“

„Aber Sie haben Kira eingeladen.“


„Ja.“

„Nachdem Sie eine anonyme Nachricht erhalten haben.“

„Ja.“

Hartmann trat näher.

„Haben Sie irgendeine Anweisung erhalten, etwas von ihr zu beschaffen?“

Daniel zögerte.

Das reichte.

„Was?“, fragte ich.

Er atmete schwer aus.

„Man wollte wissen, ob du noch eine silberne Dokumentenkassette besitzt.“


Ich erinnerte mich sofort.

Während unserer Ehe hatte ich darin private Unterlagen aufbewahrt.

Nach der Scheidung war die Kassette mit mir umgezogen.

Jahrelang hatte sie ungeöffnet in einem Abstellraum gestanden.

„Was soll darin sein?“

„Mein Vater glaubte, du hättest damals etwas mitgenommen.“

„Was?“

„Eine Kopie eines Transportbuchs.“

Ich starrte ihn an.

„Ich habe nie ein Transportbuch gesehen.“


Daniel fuhr sich über das Gesicht.

„Dann wusste er das offenbar nicht.“

Hartmann wandte sich an Weber.

„Sofortige Sicherung von Frau Reuters Wohnhaus.“

Weber griff bereits zum Telefon.

Doch ich dachte an etwas anderes.

„Wenn Albrecht glaubt, dass die Kassette bei mir ist, warum wartet er dann hier?“

Daniel sah mich an.

Und ich erkannte die Antwort in seinem Gesicht, bevor er sprach.

„Weil du nicht zu Hause bist.“


Mein dienstliches Smartphone vibrierte.

Lena.

Ich nahm sofort ab.

„Ja?“

„Kira, wir haben eine Meldung von deinem Haussystem.“

Mein Körper spannte sich an.

„Welche?“

„Stromunterbrechung. Danach Ausfall von zwei Außenkameras.“

Hartmann hörte mit.

Er gab Weber ein Zeichen.


„Niemand fährt allein hin“, sagte er.

„Das hatte ich nicht vor.“

Innerhalb weniger Minuten wurde ein Zugriffsteam zum Haus geschickt.

Ich blieb auf dem Anwesen.

Nicht, weil ich wollte.

Weil meine Kinder hier waren.

Daniel wurde inzwischen offiziell von den übrigen Gästen getrennt und unter Bewachung in ein Nebenzimmer gebracht.

Seine Freundin war gegangen.

Das Samtetui mit dem Ring lag versiegelt auf einem Beweismitteltisch.

Ein geplanter Heiratsantrag war innerhalb weniger Stunden zu einem Beweisstück geworden.


Fast vierzig Minuten später kam die Meldung.

Keine Person im Haus.

Keine aufgebrochene Eingangstür.

Aber ein Fenster im hinteren Bereich war manipuliert worden.

Und im Abstellraum stand die silberne Kassette offen.

Leer.

„Sie war nicht leer“, sagte ich.

Hartmann sah mich an.

„Was befand sich darin?“

„Scheidungsunterlagen. Alte Kontoauszüge. Briefe.“

Ich hielt inne.

Dann erinnerte ich mich.

„Und ein Notizbuch.“

„Was für eines?“

„Mein altes dienstliches Notizbuch aus der Zeit vor der Scheidung.“

Weber hob den Kopf.

„Mit den Transportdaten?“

„Vielleicht.“

Damals hatte ich vieles handschriftlich notiert, bevor ich es digital erfasste.

Kennnummern.

Fahrzeugcodes.

Daten.

Unstimmigkeiten.

Ich hatte nie geglaubt, dass diese Notizen acht Jahre später irgendeinen Wert haben würden.

„Dann hat jemand genau das gefunden, wonach er gesucht hat“, sagte Hartmann.

„Oder glaubt es zumindest.“

Hinter uns ertönte eine Stimme.

„Nein.“

Daniel stand in der Tür des Nebenzimmers, flankiert von einem Beamten.

„Wenn sie das Notizbuch haben, sind sie noch nicht fertig.“

Hartmann drehte sich zu ihm.

„Erklären Sie das.“

Daniel sah mich an.

„Mein Vater hat immer zwei Ebenen geführt. Eine für Transporte. Eine für Zahlungen.“

„Und?“

„Die Transportdaten allein beweisen nicht, wer dahinterstand.“

„Was beweist es?“

„Die Zahlungskennungen.“

„Wo sind die?“

Daniel schwieg.

Dann sah er zu Marianne.

Sie stand noch immer neben dem Weihnachtsbaum.

Langsam setzte sie sich.

„Friedrich hat mir vor seinem Tod etwas gegeben.“

Daniel schloss die Augen.

„Mutter, bitte.“

„Nein.“

Marianne sah mich an.

„Ich habe acht Jahre lang geschwiegen. Heute nicht mehr.“

Sie führte uns nach oben.

In ihr Schlafzimmer.

Aus einem kleinen Safe hinter einem Gemälde holte sie eine Schmuckschatulle.

Darin lagen Orden, alte Briefe und ein goldener Siegelring ihres Mannes.

Sie drehte den Ring.

Die obere Platte ließ sich abschrauben.

Im Inneren befand sich eine winzige Speicherkarte.

Weber starrte sie an.

„Hat Ihr Mann gesagt, was darauf ist?“

Marianne nickte.

„Nur einen Satz.“

„Welchen?“

Sie sah zu Daniel.

„Wenn irgendwann jemand wegen Kira kommt, gib ihr das.“

Niemand sprach.

Friedrich Reuter hatte mich diskreditieren lassen.

Er hatte seinen Sohn dazu gebracht, mich zu verlassen.

Er hatte geholfen, die Existenz meiner Kinder aus der Familiengeschichte zu löschen.

Und trotzdem hatte er vor seinem Tod etwas für mich hinterlassen.

Das machte ihn nicht zu meinem Verbündeten.

Es bedeutete nur, dass er irgendwann Angst vor den Menschen bekommen hatte, mit denen er zusammengearbeitet hatte.

Die Speicherkarte wurde gesichert und auf einem isolierten Gerät geöffnet.

Darauf befand sich nur eine Datei.

Eine Tabelle.

Zahlungen über fast fünfzehn Jahre.

Deckfirmen.

Konten.

Empfängerkennungen.

Hartmann scrollte langsam.

Dann hielt er inne.

Eine Kennung tauchte immer wieder auf.

VA-17.

Viktor Albrecht.

Daneben eine zweite.

DR-04.

Ich sah Daniel an.

„Das bist du.“

„Nein.“

„Deine Initialen.“

„Ich habe nie Geld genommen.“

Weber überprüfte die zugehörigen Kontodaten.

Sekunden später runzelte er die Stirn.

„DR-04 gehört nicht Daniel Reuter.“

Hartmann sah auf den Bildschirm.

„Wem dann?“

Weber öffnete den hinterlegten Datensatz.

Der Name erschien.

Dr. David Riemann.

Ehemaliger Bundeswehrarzt.

Der Arzt, dessen Unterschrift auf den gefälschten medizinischen Unterlagen aus meinem Scheidungsverfahren stand.

Der Mann, der zu diesem Zeitpunkt angeblich bereits sechs Monate tot gewesen war.

Marianne starrte auf den Bildschirm.

„Das kann nicht sein.“

Hartmann sagte nichts.

Ich verstand warum.

Wenn Riemann nach seinem offiziellen Todesdatum weiter Zahlungen erhalten hatte, gab es nur wenige Möglichkeiten.

Jemand hatte seine Identität benutzt.

Oder sein Tod war selbst Teil der Täuschung.

Weber öffnete die letzte Zahlungszeile.

Sie war nicht acht Jahre alt.

Sie stammte von gestern.

Hartmann griff sofort nach seinem Funkgerät.

Doch mein Smartphone klingelte zuerst.

Unbekannte Nummer.

Alle im Raum wurden still.

Ich nahm ab.

Kein Gruß.

Nur eine verzerrte Männerstimme.

„Frau Polizeidirektorin, Sie haben etwas, das uns gehört.“

Ich aktivierte den Lautsprecher.

Hartmann gab Weber ein Zeichen, die Verbindung zu sichern.

„Wer spricht da?“

Der Mann ignorierte meine Frage.

„Sie sollten Ihre Kinder nehmen und dieses Haus verlassen.“

Mein Blick ging zu Daniel.

„Warum?“

Eine kurze Pause.

Dann sagte die Stimme:

„Weil Oberst Reuter nicht der einzige Mann in diesem Anwesen ist, der Ihnen acht Jahre lang etwas vorgespielt hat.“

Die Verbindung brach ab.

Fast gleichzeitig kam ein Beamter die Treppe herauf.

„Frau Polizeidirektorin.“

Sein Gesicht verriet mir sofort, dass etwas passiert war.

„Was?“

„Wir haben die Gästeliste überprüft.“

Er hielt mir ein Tablet hin.

„Einer der Männer unten existiert unter dem angegebenen Namen nicht.“

Auf dem Bildschirm erschien das Foto eines grauhaarigen Gastes, der beim Weihnachtsessen zwischen zwei pensionierten Offizieren gestanden hatte.

Weber vergrößerte das Gesicht.

Dann legte er daneben ein acht Jahre altes Archivfoto.

Das Gesicht war älter geworden.

Der Bart war neu.

Aber die Augen waren dieselben.

Unter dem zweiten Foto stand:

**Dr. David Riemann.**

Der Mann, dessen Tod Daniels gefälschte Unterlagen eigentlich entlarvt hatte, war nicht tot.

Er war unten im Haus.

Und meine vier Kinder ebenfalls.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**

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