Der Bundespolizist nahm Rebecca das Telefon aus der Hand.
„Niemand fährt allein zu diesem Haus.“
Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Er fotografierte die Nachricht, leitete die Nummer weiter und sprach wenige Sekunden später bereits mit Kollegen.
„Adresse ist bekannt. Streife und Kriminaltechnik sind unterwegs.“
Rebecca stand wie erstarrt.
„Aber wenn die Kassette weg ist—“
„Dann ist wichtiger, wer dort war“, sagte der Beamte. „Und was diese Person zurückgelassen hat.“
Lukas trat zu ihr.
„Ich fahre mit dir.“
„Nein.“
Das Wort kam gleichzeitig von mir und dem Beamten.
Lukas sah mich an.
„Mama—“
„Du bleibst hier, bis wir wissen, was dort passiert.“
Er wollte widersprechen.
Dann betrachtete er mein Gesicht und schwieg.
Ich kannte diesen Blick.
Als Kind hatte er ihn immer gehabt, wenn er wusste, dass ich recht hatte, es aber nicht zugeben wollte.
Rebecca hingegen schüttelte heftig den Kopf.
„Das ist mein Haus.“
Der Beamte nickte.
„Und deshalb begleiten wir Sie. Aber Sie betreten das Gebäude erst, wenn die Kollegen es freigegeben haben.“
Zwanzig Minuten später saßen wir in zwei Fahrzeugen auf dem Weg zu Rebeccas Wohnung.
Die Abschlussfeier blieb hinter uns wie etwas aus einem anderen Leben.
Thomas war in Gewahrsam.
Die Gäste waren nach und nach gegangen.
Und ich saß in meiner Ausgehuniform auf dem Rücksitz eines Polizeifahrzeugs neben meinem Sohn und einer Frau, deren Kind ich achtzehn Jahre lang großgezogen hatte.
Niemand sprach.
Erst als wir an einer roten Ampel hielten, sagte Lukas:
„Ich hätte es dir früher erzählen sollen.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Dass ich Rebecca gefunden habe.“
„Warum hast du es nicht getan?“
Er blickte aus dem Fenster.
„Weil ich Angst hatte.“
Das überraschte mich.
„Vor Thomas?“
„Vor dir.“
Ich sagte nichts.
Lukas atmete tief durch.
„Ich dachte, wenn du erfährst, dass ich sie gesucht habe, glaubst du vielleicht, du wärst mir nicht genug.“
Etwas in meiner Brust zog sich zusammen.
„Lukas.“
„Ich wusste, dass es irrational ist.“
„Nein.“
Ich nahm seine Hand.
„Es ist menschlich.“
Er sah mich an.
„Aber du musst eines verstehen.“
Ich wartete, bis er mir wirklich zuhörte.
„Du kannst nach deiner Herkunft suchen, ohne mich zu verlieren.“
Seine Finger schlossen sich um meine.
„Das eine löscht das andere nicht aus.“
Rebecca drehte den Kopf zum Fenster.
Doch ich sah, wie sie sich über die Augen wischte.
Als wir ankamen, standen bereits zwei Polizeiwagen vor dem Mehrfamilienhaus.
Die Kellertür war tatsächlich aufgebrochen worden.
Der Beamte ließ uns im Treppenhaus warten.
Fast zehn Minuten später kam eine Frau in Zivil zu uns.
„Der Keller ist leer.“
Rebecca wurde bleich.
„Die Kassette?“
„Nicht da.“
Sie schloss für einen Moment die Augen.
„Verdammt.“
„Aber“, fuhr die Ermittlerin fort, „es sieht nicht nach einer gewöhnlichen Durchsuchung aus.“
„Was meinen Sie?“, fragte ich.
„Die Person wusste offenbar genau, wonach sie suchte.“
Sie zeigte auf die Kellertreppe.
„Andere Kartons wurden kaum angerührt. Ein Regal wurde verschoben. Dahinter fanden wir eine freie Stelle im Staub, ungefähr in der Größe der Kassette.“
Rebecca nickte.
„Dort stand sie.“
„Außerdem gibt es keine sichtbaren Spuren eines gewaltsamen Eindringens in die Wohnung selbst.“
„Also hatte jemand nur Interesse am Keller.“
„Genau.“
Lukas verschränkte die Arme.
„Kann man die Nachricht zurückverfolgen?“
„Die Nummer wurde über einen anonymen Dienst registriert.“
Er verzog das Gesicht.
„Natürlich.“
Die Ermittlerin sah ihn ruhig an.
„Anonym heißt nicht unsichtbar.“
Dann wandte sie sich an Rebecca.
„Wann haben Sie das Foto von der Kassette aufgenommen?“
„Vor ungefähr sieben Monaten.“
„Haben Sie damals auch hineingesehen?“
Rebecca schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich konnte nicht anders.
„Sie hatten eine Metallkassette aus dem Besitz Ihres verstorbenen Mannes sieben Monate vor sich und haben sie nicht geöffnet?“
Rebecca sah mich an.
„Ich hatte achtzehn Jahre lang geglaubt, mein Kind sei tot.“
Ihre Stimme war ruhig, aber erschöpft.
„Dann stand plötzlich ein junger Mann vor mir, der sein Gesicht hatte.“
Sie blickte zu Lukas.
„In diesen ersten Wochen war mir ziemlich egal, was in irgendeiner Kassette lag.“
Ich senkte den Blick.
„Entschuldigung.“
„Nein.“
Sie atmete aus.
„Die Frage ist berechtigt.“
Die Ermittlerin hob Rebeccas Telefon.
„Gibt es noch weitere Fotos aus dem Keller? Vielleicht wurde die Kassette zufällig im Hintergrund aufgenommen.“
Rebecca scrollte durch ihre Galerie.
Plötzlich blieb Lukas stehen.
„Warte.“
„Was?“
„Geh zurück.“
Rebecca wischte ein Bild zurück.
Es zeigte mehrere alte Kartons auf dem Kellerboden.
Im Hintergrund stand die Metallkassette.
Lukas vergrößerte das Bild.
Auf ihrer Seite war etwas aufgeklebt.
Ein weißes Etikett.
Darauf standen drei Ziffern und ein Wort.
Rebecca las es laut.
„317. König.“
Der Beamte neben uns sah sofort auf.
„Ralf König.“
Ich spürte, wie mein Puls schneller wurde.
„Dann gehörte die Kassette vielleicht ihm.“
„Oder Martin hat darin Unterlagen über ihn gesammelt“, sagte die Ermittlerin.
Lukas schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Wir sahen ihn an.
„Im Protokoll schrieb Martin: Ich habe König überredet, mir eine Kopie zu geben.“
Er blickte von mir zu Rebecca.
„Vielleicht hat König ihm nicht nur ein Dokument gegeben.“
Der Beamte nickte.
„Dann müssen wir König finden.“
Rebecca wurde unruhig.
„Ich weiß nicht, ob er überhaupt noch lebt.“
Die Ermittlerin tippte etwas in ihr Telefon.
Weniger als eine Minute später sah sie auf.
„Doch.“
Alle verstummten.
„Ralf König, dreiundsechzig Jahre alt. Gemeldet in Lübeck.“
Rebecca griff nach meinem Arm.
„Dann müssen Sie mit ihm sprechen.“
Die Ermittlerin antwortete nicht sofort.
Ihr Blick blieb auf dem Display.
„Das dürfte schwierig werden.“
„Warum?“
„Weil Herr König seit gestern als vermisst gemeldet ist.“
Lukas starrte sie an.
„Seit gestern?“
Sie nickte.
„Seine Schwester hat die Meldung gemacht. Er hatte angekündigt, sie am Nachmittag zu besuchen, ist aber nie angekommen.“
Mir lief es kalt über den Rücken.
„Thomas wusste, dass alles zusammenbricht.“
Der Beamte sah mich an.
„Das ist momentan eine Vermutung.“
„Aber eine ziemlich naheliegende.“
Er widersprach nicht.
In diesem Moment klingelte Lukas’ Telefon.
Er sah auf das Display.
Unbekannte Nummer.
Wir alle blickten darauf.
„Nicht rangehen“, sagte ich.
Der Beamte hob die Hand.
„Doch.“
Er schaltete die Aufnahmefunktion seines eigenen Geräts ein.
„Lautsprecher.“
Lukas nahm ab.
„Hallo?“
Zunächst hörten wir nur Rauschen.
Dann eine Männerstimme.
Leise.
Atemlos.
„Lukas?“
Rebecca presste eine Hand vor den Mund.
Lukas sah zum Beamten.
„Ja.“
„Mein Name ist Ralf König.“
Niemand bewegte sich.
Die Stimme fuhr fort.
„Wenn die Polizei bei euch ist, hört mir gut zu. Ich habe nicht viel Zeit.“
Der Beamte trat näher.
„Herr König, hier spricht die Bundespolizei. Wo befinden Sie sich?“
Stille.
Dann ein bitteres Lachen.
„Dann hat Claudia den Brief also endlich bekommen.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Sie kennen meinen Namen?“, fragte ich.
„Seit zwölf Jahren.“
Ich ging näher an Lukas’ Telefon.
„Was war in der Kassette?“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann sagte König:
„Der Beweis dafür, dass Martins Unfall kein Unfall war.“
Rebecca stieß einen erstickten Laut aus.
„Wo ist die Kassette jetzt?“, fragte der Beamte.
„Weg.“
„Wer hat sie?“
König atmete schwer.
„Jemand, der glaubt, damit Thomas Wagner retten zu können.“
„Wer?“
Keine Antwort.
Stattdessen sagte König:
„Aber Thomas hat einen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
„Er glaubte immer, Martin hätte nur eine Kopie.“
Ein Geräusch erklang im Hintergrund.
König flüsterte plötzlich:
„Ich muss auflegen.“
„Warten Sie!“, rief der Beamte. „Wo sind Sie?“
„Fragen Sie Claudia nach dem Tag, an dem Lukas sich den Arm gebrochen hat.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Sie war damals nicht die Einzige im Krankenhaus.“
Dann brach die Verbindung ab.
Lukas starrte mich an.
„Mama?“
Ich hörte ihn kaum.
In meinem Kopf war ich wieder acht Jahre zurück.
Lukas war zehn gewesen.
Ein Sturz auf dem Schulhof.
Ein gebrochener Unterarm.
Ich hatte stundenlang mit ihm in der Notaufnahme gesessen.
Thomas war erst später gekommen.
Aber jetzt erinnerte ich mich an etwas, das ich all die Jahre für bedeutungslos gehalten hatte.
Während Lukas geröntgt worden war, hatte ein fremder Mann neben mir Platz genommen.
Er hatte nichts gesagt.
Nur einen braunen Umschlag auf den Stuhl zwischen uns gelegt.
Als ich vom Röntgenraum zurückkam, war der Mann verschwunden.
Und der Umschlag ebenfalls.
Damals hatte ich angenommen, er hätte ihn einfach wieder mitgenommen.
Doch bevor er ging, hatte ich seinen Namen auf der Patientenmappe gesehen, die er in der Hand hielt.
Ich sah Rebecca an.
Dann den Beamten.
„Ich weiß, wer damals neben mir saß.“
Meine Kehle wurde trocken.
„Martin Mertens.“
**Fortsetzung folgt – klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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