„Claudia.“
Der Beamte sprach meinen Namen noch einmal aus, als müsste er sicherstellen, dass ich verstanden hatte.
Ich hatte verstanden.
Nur wusste ich nicht, was es bedeutete.
Lukas stand neben mir, völlig reglos.
Rebecca hatte beide Hände vor den Mund geschlagen.
„Warum meinen Namen?“, fragte ich.
Der Beamte schüttelte den Kopf.
„Das wissen wir noch nicht.“
„König hat mich vor acht Jahren gesehen. Er wusste von Martin, von der Speicherkarte, von allem. Vielleicht wollte er mir etwas sagen.“
„Das ist möglich.“
Die Ermittlerin sah mich ernst an.
„Aber bis wir wissen, was passiert ist, gehen Sie nirgendwo allein hin.“
Ich lachte kurz.
Es klang bitter.
„Nach heute hatte ich das ohnehin nicht vor.“
Weniger als zwanzig Minuten später kam die nächste Meldung.
Ralf König war gefunden worden.
Lebend.
Ein Wachmann des Industriegebietes hatte Geräusche aus einer stillgelegten Lagerhalle gehört. König lag dort hinter alten Paletten, verletzt, aber ansprechbar.
Rebecca sank auf einen Stuhl.
Lukas schloss für einen Moment die Augen.
„Wer hat ihm das angetan?“
„Das wird er uns hoffentlich selbst sagen können.“
Noch in derselben Nacht wurde König in ein Krankenhaus gebracht.
Die Ärzte ließen zunächst niemanden zu ihm.
Er hatte eine Platzwunde am Kopf, zwei gebrochene Rippen und erheblichen Blutverlust, war aber außer Lebensgefahr.
Gegen drei Uhr morgens saßen wir noch immer auf der Dienststelle.
Ich hatte meine Uniformjacke längst ausgezogen.
Sie lag gefaltet neben mir.
Die Auszeichnungen, auf die ich am Anfang des Abends noch stolz gewesen war, erschienen plötzlich bedeutungslos.
Lukas saß mit gesenktem Kopf auf der anderen Seite des Tisches.
Rebecca hielt einen Pappbecher Kaffee in beiden Händen, ohne daraus zu trinken.
Dann kam die Ermittlerin zurück.
„König hat gesprochen.“
Wir standen gleichzeitig auf.
„Was hat er gesagt?“, fragte Rebecca.
„Dass Thomas Wagner nicht allein gearbeitet hat.“
Lukas' Blick wurde hart.
„Wer noch?“
Die Ermittlerin setzte eine Mappe vor uns.
„Ein Mann namens Jürgen Vollmer.“
Der Name sagte mir nichts.
Rebecca dagegen runzelte die Stirn.
„Ich kenne ihn.“
„Woher?“
„Er war Notar.“
Mir wurde kalt.
„Bei Martins Immobiliengeschäften?“
„Bei einigen.“
Die Ermittlerin nickte.
„Vollmer hat zahlreiche Übertragungen beurkundet, die heute Teil der Ermittlungen sind.“
„Und was hat das mit König zu tun?“
„Nach Königs Aussage war Vollmer derjenige, der vor achtzehn Jahren die gefälschten Dokumente vorbereitet hat.“
Lukas starrte sie an.
„Meine Adoption?“
„Teile der ursprünglichen Unterlagen.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Meine Adoption wurde damals gerichtlich geprüft.“
„Ja.“
Die Ermittlerin sah mich direkt an.
„Und nach allem, was wir bislang erkennen, wussten weder Sie noch das zuständige Familiengericht, dass die Ausgangsdokumente manipuliert worden waren.“
Diese Worte trafen mich anders als erwartet.
Seit Thomas' Geständnis hatte irgendwo tief in mir eine Frage gebrannt, die ich nicht auszusprechen gewagt hatte.
War auch ich durch irgendeinen Fehler Teil dessen gewesen, was Rebecca und Martin angetan worden war?
Jetzt sagte mir jemand erstmals ausdrücklich, dass Thomas mich tatsächlich benutzt hatte.
Lukas schien meine Gedanken zu lesen.
„Mama.“
Ich sah ihn an.
Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Nicht deine Schuld.“
Ich drückte seine Hand.
„Was ist mit Vollmer?“
Die Ermittlerin schwieg einen Moment zu lange.
„Er war der Mann, der Rebecca angerufen und ihr Geld angeboten hat.“
Rebecca wurde bleich.
„Wo ist er?“
„Untergetaucht.“
Natürlich.
„Und er hat die Kassette gestohlen?“
„König glaubt es.“
„Glaubt?“
„Er hat Vollmer gestern getroffen.“
Jetzt hörten wir alle genauer zu.
König hatte Jahre geschwiegen.
Nach Martins Tod war er überzeugt gewesen, Thomas habe begriffen, dass er ihn gewarnt hatte.
Er zog sich zurück, wechselte mehrfach den Wohnort und bewahrte die Originalaufnahme des Gesprächs über Martins Auto in einer Metallkassette auf.
Martin erhielt damals nur eine Kopie.
Nach all den Jahren hatte König schließlich erfahren, dass Lukas nach seiner Herkunft suchte.
Er nahm Kontakt zu Rebecca auf.
Doch bevor er aussagen konnte, erschien Vollmer bei ihm.
„Was wollte er?“, fragte ich.
„Die Kassette.“
„Und König gab sie ihm?“
„Nein.“
Die Ermittlerin sah mich an.
„Er sagte ihm, sie befände sich bei Rebecca.“
Ich verstand.
„Deshalb wurde ihr Keller durchsucht.“
„Ja.“
Rebecca hob den Kopf.
„Dann ist das meine Schuld?“
„Nein“, sagte Lukas sofort.
Die Ermittlerin nickte.
„Herr König hat versucht, Zeit zu gewinnen. Er wusste, dass die wirklich entscheidende Kopie längst woanders lag.“
Mein Blick fiel auf meine alte Feldjacke.
Bei mir.
Martin hatte König offenbar erzählt, wo er die Speicherkarte versteckt hatte.
„Warum hat König dann meinen Namen auf die Scheibe geschrieben?“
„Weil Vollmer ihn nach dem Treffen verfolgt hat.“
Die Ermittlerin blätterte eine Seite um.
„König wurde gezwungen, zu dem Industriegebiet zu fahren. Dort wollte Vollmer wissen, wo die zweite Kopie liegt.“
Mir stockte der Atem.
„Hat König es ihm gesagt?“
„Nein.“
„Dann weiß Vollmer nicht, dass wir sie haben.“
„Das hoffen wir.“
Lukas sah zur Tür.
„Aber Thomas weiß es vielleicht inzwischen.“
Die Ermittlerin antwortete nicht.
Und genau das war Antwort genug.
Thomas saß in Untersuchungshaft.
Doch er hatte Anwälte.
Telefonkontakte.
Menschen aus seinem Geschäftsumfeld.
Vielleicht hatte er Vollmer jahrelang geschützt.
Vielleicht schützte Vollmer jetzt ihn.
„Was passiert jetzt?“, fragte Rebecca.
„Wir beantragen Durchsuchungen weiterer Geschäftsräume und Konten. Außerdem wird der Haftbefehl gegen Vollmer vorbereitet.“
Ich dachte an Martin.
An seine Warnungen.
An seine Angst.
„Und Thomas wegen Martins Tod?“
Die Ermittlerin atmete langsam aus.
„Die Audioaufnahme ist stark belastend. König hat außerdem ausgesagt, dass Thomas die Manipulation am Fahrzeug beauftragt habe.“
Rebecca schloss die Augen.
„Also war es Mord.“
„Das muss juristisch geklärt werden.“
„Aber Sie glauben ihm.“
Die Ermittlerin sagte nichts.
Dann öffnete sich die Tür.
Ein weiterer Beamter trat herein.
„Wir haben Vollmer.“
Niemand reagierte zunächst.
„Wo?“
„Am Hamburger Flughafen.“
Lukas sah ihn an.
„Er wollte fliehen?“
„Ein Flug nach Zürich. Von dort sollte es weitergehen.“
Rebecca stieß langsam die Luft aus.
„Hat er die Kassette?“
Der Beamte schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Dann ist sie noch irgendwo.“
„Vielleicht.“
Er legte eine transparente Beweismitteltüte auf den Tisch.
Darin lag ein Schlüsselbund.
An einem der Schlüssel hing ein kleines Metallschild.
317.
König.
Lukas zeigte darauf.
„Das stand auf der Kassette.“
Der Beamte nickte.
„Und Vollmer hatte außerdem einen Schließfachschein bei sich.“
Zwei Stunden später wurde das Schließfach geöffnet.
Wir durften nicht dabei sein.
Doch am frühen Morgen kam die Ermittlerin zurück.
Diesmal hielt sie keine Mappe in der Hand.
Sondern einen kleinen schwarzen Rekorder.
Rebecca stand sofort auf.
„War der in der Kassette?“
„Ja.“
„Was ist darauf?“
Die Ermittlerin sah uns nacheinander an.
„Mehrere Gespräche.“
„Mit Thomas?“
„Unter anderem.“
Sie stellte den Rekorder auf den Tisch.
„König hatte nicht nur das Gespräch über Martins Wagen aufgenommen.“
Mir wurde kalt.
„Was noch?“
„Ein Gespräch zwischen Thomas und Vollmer, wenige Wochen nach Lukas' Geburt.“
Lukas' Gesicht verlor jede Farbe.
„Über mich?“
Die Ermittlerin nickte.
„Über dich.“
Sie drückte nicht auf Play.
Stattdessen sagte sie:
„Ich muss Sie darauf vorbereiten, dass das, was darauf zu hören ist, schlimmer sein könnte als das, was Sie bisher wissen.“
Lukas setzte sich langsam.
„Spielen Sie es ab.“
Die Ermittlerin sah zu mir.
Dann zu Rebecca.
Schließlich drückte sie die Taste.
Thomas' Stimme erklang.
Jünger.
Aber unverkennbar.
„Mertens wird unterschreiben. Dafür brauche ich den Jungen.“
Vollmers Stimme antwortete:
„Und danach?“
Thomas lachte.
„Danach bleibt das Kind bei mir. Solange es existiert, bleibt Martin kontrollierbar.“
Eine kurze Pause.
Dann fragte Vollmer:
„Und deine neue Freundin?“
Thomas antwortete:
„Claudia? Perfekt. Soldatin. Diszipliniert. Verantwortungsbewusst. Sie wird sich um ihn kümmern und niemals Fragen stellen, solange sie glaubt, sie hätte ein mutterloses Kind gerettet.“
Ich konnte nicht mehr atmen.
Achtzehn Jahre Ehe.
Achtzehn Jahre Familie.
Und schon vor unserer Hochzeit hatte er mein Mitgefühl als Werkzeug eingeplant.
Doch dann kam Vollmers nächste Frage.
„Und wenn sie irgendwann doch Fragen stellt?“
Thomas schwieg einen Moment.
Dann hörten wir ihn sagen:
„Dann verliert sie eben alles, was ihr wichtig ist.“
Lukas griff nach meiner Hand.
Aber die Aufnahme lief weiter.
Thomas' Stimme wurde leiser.
„Nur eines darf sie niemals erfahren.“
Vollmer fragte:
„Was?“
Thomas antwortete:
„Dass Martin nicht der Einzige war, der Beweise gesammelt hat.“
Die Aufnahme endete.
Wir sahen einander an.
Dann fragte ich:
„Wer noch?“
Die Ermittlerin legte langsam ein Foto auf den Tisch.
Darauf war die ältere Frau aus dem Supermarkt.
Die Frau, die Lukas vor Jahren angestarrt und gefragt hatte:
„Gehört er zu Ihnen?“
Ich erkannte sie sofort.
„Wer ist sie?“
Die Ermittlerin antwortete:
„Helga Neumann.“
Die Krankenschwester.
Und auf der Rückseite des Fotos stand handschriftlich ein Satz:
**Claudia muss erfahren, was Thomas in der Nacht von Lukas’ Geburt getan hat.**
**Fortsetzung folgt – klicke auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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