„Martin Mertens.“
Der Name fühlte sich in meinem Mund fremd an, obwohl er seit Stunden alles bestimmte.
Rebecca starrte mich an, als hätte ich ihr gerade gesagt, ich hätte ihren verstorbenen Mann gestern gesehen.
„Bist du sicher?“
„Damals wusste ich nicht, wer er war.“
Ich schloss die Augen und zwang mich, den Nachmittag Stück für Stück zurückzuholen.
Lukas war zehn gewesen. Er war auf dem Schulhof von einem Klettergerüst gefallen und hatte sich den linken Unterarm gebrochen. Ich war direkt von der Kaserne ins Krankenhaus gefahren.
Thomas hatte behauptet, in einer wichtigen Besprechung festzustecken.
Martin war ungefähr zwanzig Minuten neben mir gesessen.
Grau meliertes Haar. Dunkler Mantel. Müde Augen.
Er hatte immer wieder in Richtung des Behandlungsraumes gesehen.
Damals hatte ich angenommen, dort befinde sich jemand aus seiner Familie.
Jetzt wusste ich es besser.
Er hatte auf seinen Sohn gewartet.
„Hat er mit dir gesprochen?“, fragte Rebecca.
„Nur einmal.“
Alle sahen mich an.
Ich erinnerte mich plötzlich an seine Stimme.
„Er fragte: Ist das Ihr Sohn?“
Lukas hielt den Atem an.
„Und was hast du gesagt?“
„Ja. Natürlich.“
Meine Kehle wurde eng.
„Ich sagte, du seist mein Sohn.“
Rebecca wischte sich Tränen von der Wange.
„Was hat Martin darauf gesagt?“
Ich brauchte einen Moment.
Dann kam die Erinnerung zurück.
„Er sagte: Dann hat er wenigstens Glück gehabt.“
Niemand sprach.
Lukas wandte sich ab.
Ich sah, wie er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr.
Acht Jahre lang hatte dieser Satz irgendwo in meinem Gedächtnis gelegen, vollkommen bedeutungslos.
Jetzt war er kaum auszuhalten.
Der Beamte unterbrach die Stille.
„Und der Umschlag?“
„Er lag zwischen uns auf dem Stuhl.“
„Haben Sie ihn berührt?“
„Nein.“
Ich dachte nach.
„Aber ich erinnere mich an etwas anderes.“
Der Beamte wartete.
„Als Lukas aus dem Röntgen kam, war Martin verschwunden. Auf dem Stuhl lag nichts mehr. Doch später, als ich meine Jacke anzog, war eine Seitentasche offen.“
„War sie vorher geschlossen?“
„Normalerweise ja.“
Lukas drehte sich zu mir.
„Hat etwas gefehlt?“
„Nein.“
Dann stockte ich.
Oder zumindest hatte ich damals geglaubt, dass nichts fehlte.
Ich sah auf meine Uniform.
„Meine alte Feldjacke.“
„Was ist damit?“, fragte Lukas.
„Ich trug sie an diesem Tag.“
Ich war direkt aus dem Dienst gekommen und hatte über meiner Uniform eine olivgrüne Feldjacke getragen.
Damals war sie noch mein täglicher Begleiter gewesen.
Später hatte ich sie ausgemustert, aber nie weggeworfen.
„Wo ist sie jetzt?“, fragte der Beamte.
„Bei uns zu Hause.“
Lukas sah mich scharf an.
„In deinem Schrank?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Im Keller. In einer Kunststoffbox mit alten Bundeswehrsachen.“
Wir sahen uns alle an.
Der Beamte reagierte sofort.
„Dann fahren wir nicht allein dorthin.“
Vierzig Minuten später stand ich vor dem Haus, in dem ich fast zwei Jahrzehnte mit Thomas gelebt hatte.
Es sah unverändert aus.
Die Außenlampe brannte.
Hinter einem der Fenster hing noch die Girlande, die ich am Morgen der Abschlussfeier aufgehängt hatte.
Ich hatte dieses Haus tausendmal betreten.
Doch diesmal fühlte es sich an, als würde ich in das Eigentum eines Fremden gehen.
Zwei Kriminalbeamte gingen zuerst hinein.
Dann durften Lukas und ich folgen.
Rebecca blieb zunächst vor der Tür, entschied sich aber nach einigen Sekunden, mitzukommen.
Der Keller roch nach Karton, Waschmittel und kaltem Beton.
Ich ging direkt zu einem Regal an der hinteren Wand.
Dort standen mehrere graue Kunststoffboxen.
Auf einer klebte ein Etikett.
„Bundeswehr – alt.“
Meine Hände wurden feucht.
Ein Beamter öffnete die Box.
Oben lagen Handschuhe, alte Abzeichen, ein zusammengefalteter Pullover und darunter die Jacke.
Ich erkannte sie sofort.
Der Stoff war an den Ellenbogen ausgeblichen.
Auf der Innenseite stand noch immer mein Nachname.
BERGER.
Ich nahm sie vorsichtig heraus.
Die linke Seitentasche war leer.
Die rechte ebenfalls.
Lukas ließ hörbar die Luft aus.
Vielleicht hatte ich mich geirrt.
Vielleicht war der ganze Gedanke nur die verzweifelte Suche nach einer Spur, die längst nicht mehr existierte.
Dann bemerkte einer der Beamten etwas.
„Moment.“
Er nahm mir die Jacke ab.
Seine Finger glitten an der Innenseite entlang.
„Hier wurde genäht.“
„Was?“
Er zeigte auf das Futter.
Eine etwa zehn Zentimeter lange Naht unterschied sich geringfügig vom Rest.
Der Faden war dunkler.
Unsauberer.
Nicht vom Hersteller.
Mein Herz begann zu rasen.
„Ich habe diese Jacke nie reparieren lassen.“
Der Beamte zog Handschuhe an und öffnete die Naht vorsichtig mit einem kleinen Werkzeug.
Aus dem Futter glitt etwas Flaches.
Eine durchsichtige Kunststoffhülle.
Darin befand sich eine Speicherkarte.
Und ein gefalteter Zettel.
Lukas flüsterte:
„Mein Gott.“
Der Beamte öffnete den Zettel.
Nur eine einzige Zeile stand darauf.
**Falls Sie das finden, hat König recht behalten. Vertrauen Sie Wagner nicht. – M.M.**
Rebecca musste sich am Regal festhalten.
Martin hatte den Umschlag damals nicht vergessen.
Er hatte ihn ersetzt.
Er hatte die eigentliche Sicherung dort versteckt, wo Thomas vermutlich nie suchen würde.
In meiner Uniform.
Der Beamte hielt die Speicherkarte hoch.
„Die wird nicht hier geöffnet.“
Ich nickte.
„Aber wenn das die Kopie aus Königs Kassette ist—“
„Dann haben wir möglicherweise genau das, was jemand heute aus Frau Mertens’ Keller gestohlen hat.“
Lukas sah mich an.
„Martin wusste, dass du sie irgendwann finden könntest.“
„Oder er hoffte es.“
Rebecca trat näher.
Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Er hat dir vertraut.“
Dieser Gedanke schmerzte mehr, als ich erwartet hatte.
Ein Mann, den ich nur einmal bewusst getroffen hatte, hatte mir seinen Sohn anvertraut, ohne dass ich es wusste.
Und ich hatte acht Jahre lang den Beweis gegen Thomas in einem Keller aufbewahrt.
Die Auswertung begann noch in derselben Nacht auf der Dienststelle.
Wir mussten im Nebenraum warten.
Fast eine Stunde lang geschah nichts.
Dann kam die Ermittlerin herein.
Ihr Gesicht verriet sofort, dass sie etwas gefunden hatten.
„Die Karte enthält mehrere Dateien.“
Rebecca stand auf.
„Was für Dateien?“
„Fotos von Verträgen. Kontoauszüge. Aufnahmen von Gesprächen.“
„Mit Thomas?“, fragte Lukas.
„Ja.“
Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog.
„Und wegen Martins Unfall?“
Die Ermittlerin setzte sich uns gegenüber.
„Es gibt eine Audiodatei, aufgenommen vier Tage vor seinem Tod.“
Sie schwieg kurz.
„Darauf sprechen Ralf König und Thomas Wagner miteinander.“
Rebecca griff nach meiner Hand.
Unbewusst ließ ich es zu.
„Was sagt Thomas?“
Die Ermittlerin antwortete vorsichtig.
„Herr Wagner spricht davon, dass Martin zu einem Problem geworden sei.“
Lukas’ Gesicht wurde hart.
„Und?“
„König fragt ihn ausdrücklich, ob er wirklich wolle, dass etwas am Fahrzeug verändert werde.“
Rebecca begann zu zittern.
„Was antwortet Thomas?“
Die Ermittlerin sah sie an.
„Er sagt: Ich will nur, dass Mertens endlich aufhört, sich einzumischen.“
„Das ist kein Geständnis“, sagte ich.
„Nein.“
Sie nickte.
„Aber danach spricht König über die Bremsleitung.“
Stille.
„Und Thomas sagt?“
„Er sagt ihm, er solle dafür sorgen, dass niemand etwas nachweisen könne.“
Rebecca stieß einen erstickten Laut aus.
Lukas stand abrupt auf und ging zum Fenster.
Ich sah seinen Rücken.
In einer einzigen Nacht hatte er erfahren, dass der Mann, den er Vater genannt hatte, möglicherweise nicht nur sein Leben auf einer Lüge aufgebaut hatte.
Er könnte auch für den Tod seines leiblichen Vaters verantwortlich gewesen sein.
Die Ermittlerin fuhr fort.
„Die alte Unfallakte wird neu geöffnet.“
Ich nickte langsam.
„Und König?“
„Wir suchen weiter nach ihm.“
In diesem Moment klopfte ein Beamter an die Tür.
Er hielt ein Telefon in der Hand.
„Wir haben etwas.“
Die Ermittlerin stand auf.
„Was?“
„Die Nummer, von der König Lukas angerufen hat.“
Lukas drehte sich sofort um.
„Konnten Sie sie orten?“
Der Beamte nickte.
„Nur grob. Aber das Signal kam aus einem Industriegebiet außerhalb von Lübeck.“
Rebecca sprang auf.
„Dann lebt er.“
„Zum Zeitpunkt des Anrufs vermutlich ja.“
„Fahren Sie hin.“
„Kollegen sind bereits unterwegs.“
Der Beamte zögerte.
„Es gibt noch etwas.“
Sein Blick fiel auf Lukas.
„Kurz nach dem Anruf wurde von derselben Position eine zweite Nachricht versendet.“
„An wen?“
Der Beamte sah mich an.
„An Thomas Wagner.“
Mir wurde kalt.
„Was stand darin?“
Er las vom Display.
„Ich habe Claudia die Wahrheit gegeben. Jetzt kannst du mich nicht mehr zum Schweigen bringen.“
Lukas starrte mich an.
Dann vibrierte das Telefon des Beamten erneut.
Er las die neue Meldung.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Die Kollegen sind am Standort.“
Rebecca trat einen Schritt vor.
„Und?“
Der Beamte hob langsam den Blick.
„Sie haben Königs Wagen gefunden.“
„Ist er dort?“
„Nein.“
Eine kurze Pause.
„Aber auf dem Beifahrersitz liegt Blut.“
Rebecca schloss die Augen.
Dann fügte der Beamte hinzu:
„Und auf der Windschutzscheibe wurde mit dem Finger ein Name geschrieben.“
Niemand fragte.
Wir wussten es bereits.
Der Beamte sah direkt zu mir.
„Claudia.“
**Fortsetzung folgt – klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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