Niemand sprach.
Die Worte meiner Mutter blieben im Raum hängen wie Rauch.
Nach ihr.
Die Nächste in der Thronfolge.
Ich sah König Alistair an, aber er wirkte nicht überrascht.
Nur müde.
Zu müde.
Und genau das machte mir Angst.
„Sie wussten es“, sagte ich.
Er hob den Blick.
„Dass du in der Thronfolge standest? Natürlich.“
„Nein.“
Meine Stimme wurde härter.
„Dass mein Verschwinden politisch wichtig war.“
Sein Schweigen dauerte zu lange.
Meine Mutter drückte meine Hand.
„Vater.“
Alistair wandte sich ab.
Dann sagte er:
„Nach Elaras Geburt wurde die Thronfolge geändert. Meine Brüder hatten keine Kinder. Elara war meine direkte Erbin. Nach ihr kam ihr Kind.“
„Ich.“
„Ja.“
„Also wusste jeder, der Elara und mich gleichzeitig beseitigte, dass sich die Nachfolge verändern würde.“
Der Sicherheitschef hatte bereits einen zweiten Ordner geöffnet.
„Majestät, wir sollten diese Unterlagen sichern und den deutschen Behörden übergeben.“
„Noch nicht.“
Alle sahen zu Alistair.
„Warum nicht?“, fragte ich.
Er antwortete nicht sofort.
Preston tat es für ihn.
„Weil die Person, die profitieren sollte, vermutlich aus Ardenia stammt.“
Alistairs Blick traf ihn wie eine Klinge.
Preston wich nicht zurück.
„Es steht doch da. Richard schrieb ausdrücklich, wir sollten nicht nach dem Geldgeber suchen, sondern nach demjenigen, der von Elaras Tod profitiert hätte.“
„Und Sie glauben, Sie verstehen unsere Nachfolgeordnung?“
„Ich habe vier Monate lang versucht herauszufinden, warum mein Vater den Rest seines Lebens damit verbracht hat, eine Frau unter falschem Namen zu verstecken.“
Preston zeigte auf die Akten.
„Ich habe mehr darüber gelesen, als ich jemals wissen wollte.“
Ich sah zu ihm.
„Dann sag es.“
„Claire—“
„Sag mir, wer nach meiner Mutter und mir gekommen wäre.“
Alistair schloss die Augen.
Meine Mutter flüsterte:
„Julian.“
Der König öffnete sie wieder.
Ich hatte diesen Namen noch nie gehört.
„Wer ist Julian?“
„Mein Cousin“, sagte Elara. „Der Sohn von Vaters jüngerem Bruder.“
Alistair setzte sich langsam.
„Prinz Julian von Arden.“
Preston nahm einen der Ordner und zog eine alte Zeitungskopie hervor.
Darauf sah ich einen jungen Mann neben König Alistair stehen.
Blond.
Elegant.
Lächelnd.
„Nach dem vermeintlichen Tod Elaras und ihres Kindes wurde Julian zum nächsten Thronfolger“, sagte Preston.
„Wurde?“, fragte ich.
„Er starb vor sechs Jahren.“
Das nahm dem Verdacht für einen Moment die Luft.
„Dann kann er heute niemanden bedrohen.“
„Nein“, sagte Alistair.
Seine Stimme war seltsam leise.
„Aber seine Frau lebt.“
Wieder Stille.
„Und sein Sohn.“
Der Sicherheitschef hob abrupt den Kopf.
„Prinz Adrian.“
König Alistair nickte.
Den Namen kannte sogar ich.
Adrian von Ardenia.
Er erschien gelegentlich in europäischen Nachrichten. Wohltätigkeitsstiftungen. Klimakonferenzen. Staatsbesuche. Ein Mann, den Magazine gern als modernen zukünftigen König bezeichneten.
Bis vor einer Stunde hatte ich nie darüber nachgedacht, was das Wort zukünftiger tatsächlich bedeutete.
„Adrian ist derzeit Ihr Erbe“, sagte ich.
„Bis heute Abend“, antwortete Alistair.
Jetzt verstand ich.
Wenn sich bestätigte, wer ich war, änderte meine Existenz nicht nur eine Familiengeschichte.
Sie veränderte eine Krone.
Preston fluchte leise.
„Deshalb der Zugriff auf die Klinikakte.“
Der Sicherheitschef sah sofort zu ihm.
„Was meinen Sie?“
„Die Nachricht über den König im Adlon verbreitete sich innerhalb weniger Minuten. Wenn jemand seit Jahren darauf achtet, ob Elara auftaucht, musste er nur erkennen, dass Alistair plötzlich nach Berlin gereist war.“
„Der Zugriff auf die Patientenakte geschah am Morgen“, sagte ich.
Preston nickte.
„Dann wusste jemand schon vor der Gala, dass der König etwas gefunden hatte.“
Alistairs Gesicht veränderte sich.
„Heute Vormittag erhielt ich die erste Bestätigung über das Medaillon.“
Ich sah ihn an.
„Wie?“
„Ein ehemaliger Mitarbeiter der St.-Agnes-Kirche hatte vor wenigen Tagen alte Aufnahmeunterlagen digitalisieren lassen. Darunter war eine Beschreibung des Schmuckstücks, das man bei dir gefunden hatte.“
„Und wer wusste davon?“
Der König antwortete nicht.
Der Sicherheitschef tat es.
„Nur ein sehr kleiner Kreis im Palast.“
Die Bedeutung war eindeutig.
Jemand innerhalb des königlichen Umfelds hatte Informationen weitergegeben.
Wieder.
Wie vor achtundzwanzig Jahren.
Meine Mutter begann plötzlich schneller zu atmen.
„Nein.“
Ich kniete mich neben sie.
„Mama?“
Sie presste beide Hände gegen ihre Schläfen.
„Nicht Adrian.“
„Was?“
„Nicht Adrian.“
Ihre Augen suchten das Zimmer ab, als würde sie etwas sehen, das für uns unsichtbar war.
„Er war ein Baby.“
„Natürlich“, sagte Alistair. „Adrian hatte damit nichts zu tun.“
„Nicht der Sohn.“
Ihre Stimme brach.
„Die Mutter.“
Alistair wurde blass.
„Vivienne?“
Elara schloss die Augen.
Dann kamen die Worte langsam.
„Sie war damals schon da.“
Der König stand auf.
„Vivienne heiratete Julian erst zwei Jahre nach dem Anschlag.“
„Offiziell.“
Niemand bewegte sich.
Elara sah meinen Großvater an.
„Sie kannten sich vorher.“
Der Sicherheitschef trat näher.
„Prinzessin Elara, sind Sie sicher?“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nur Bilder.“
Sie deutete auf die Metallkassette.
„Das Zeichen.“
Preston öffnete sie.
Darin lagen mehrere Umschläge, ein altes Tonband und ein kleiner Schlüssel.
Auf einem der Umschläge befand sich ein rotes Siegel.
Eine stilisierte Lilie.
Meine Mutter stieß einen erstickten Laut aus.
„Das.“
Alistair nahm den Umschlag.
„Dieses Siegel gehörte der Stiftung meiner Schwägerin.“
Preston zog den Brief heraus.
Das Papier war vergilbt.
Die Handschrift war nicht Richards.
Alistair las.
Seine Miene wurde mit jeder Zeile härter.
„Was steht dort?“, fragte ich.
Er reichte mir das Blatt.
Nur ein Satz war unterstrichen.
Wenn beide Erbinnen verschwinden, endet die Unsicherheit für immer.
Darunter standen keine Namen.
Nur die Initialen:
V.A.
Alistair wurde bleich.
„Vivienne Ashcroft.“
Ich sah auf.
„Ashcroft?“
Preston erstarrte.
Mein Blick wanderte sofort zu ihm.
Dann verstand ich.
Lydia Ashcroft.
Die Frau, durch die Preston mich hatte ersetzen wollen.
„Vivienne ist mit Conrad Ashcroft verwandt?“
Preston antwortete nicht.
„Preston.“
Er schluckte.
„Sie ist seine ältere Schwester.“
Etwas Kaltes breitete sich in mir aus.
Plötzlich verbanden sich Linien, die bisher getrennt erschienen waren.
Prestons Aufstieg.
Conrads Unterstützung.
Lydia.
Die Gala.
Meine öffentliche Demütigung.
Die verschwundene Mutter.
Und eine Familie, deren Name schon vor achtundzwanzig Jahren in der Nähe meiner ausgelöschten Vergangenheit auftauchte.
„Wusstest du das?“
Preston schüttelte sofort den Kopf.
„Nicht bis heute.“
Ich glaubte ihm nicht automatisch.
Aber diesmal sah ich echte Bestürzung.
Der Sicherheitschef nahm sein Telefon heraus.
„Wir müssen Conrad Ashcroft und seine Schwester sofort überprüfen.“
Bevor er wählen konnte, klingelte mein Handy.
Unbekannte Nummer.
Alle erstarrten.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Eine Frauenstimme antwortete.
Ruhig.
Kultiviert.
Deutsch mit einem kaum hörbaren fremden Akzent.
„Claire.“
Ich sagte nichts.
„Oder sollte ich Amalia sagen?“
König Alistair trat näher.
Ich schaltete den Lautsprecher ein.
Die Frau lachte leise.
„Das Medaillon hätte vor achtundzwanzig Jahren im Feuer verschwinden sollen.“
Meine Mutter begann zu zittern.
„Wer sind Sie?“, fragte ich.
Die Stimme wurde kälter.
„Jemand, der Ihnen rät, die Vergangenheit dort zu lassen, wo sie begraben wurde.“
„Vivienne.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
Das genügte.
Dann sagte sie:
„Wenn Sie Ihre Mutter dieses Mal behalten möchten, lehnen Sie jede öffentliche Anerkennung durch das Königshaus ab.“
Die Verbindung brach ab.
Ich starrte auf das Telefon.
Meine Angst war plötzlich verschwunden.
Nicht vollständig.
Aber darunter war etwas Neues entstanden.
Wut.
Ich sah König Alistair an.
„Sie will, dass ich verschwinde.“
Er nickte.
„Ja.“
Ich schloss das Medaillon.
„Dann machen wir genau das Gegenteil.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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