Unterhaltung

Mein Mann Schlug Mich Wegen Eines Verspäteten Abendessens – 20 Minuten Später Hob Ich Die Servierhaube An Und Zerstörte Mit Dem, Was Darunter Lag, Die Lügen Seiner Ganzen Familie

Ingrid starrte noch immer auf das Foto, während draußen das blaue Licht über die Fenster wanderte. Für einen Moment schien sie sogar vergessen zu haben, dass zwei Ermittler im Esszimmer standen. Ihre Finger krampften sich um den Rand des Tisches, und genau diese Reaktion ließ Anna begreifen, dass die fünf roten Worte keine leere Drohung waren.

„Dein Mann war nicht der Erste.“

Daniel bemerkte den Satz erst jetzt. Er riss das Foto an sich, drehte es um und las. „Was soll dieser Unsinn?“ Seine Stimme klang lauter, als sie müsste. Dann sah er zu Anna. „Ist das deine Idee? Noch irgendein krankes Spiel?“

„Ich habe dieses Foto nicht hingelegt.“

„Natürlich nicht.“ Vanessa lachte nervös. „Jetzt tauchen plötzlich mysteriöse Fotos auf. Wie praktisch.“

Doch Ingrid sagte nichts.

Anna kannte diese Frau seit acht Jahren. Sie hatte erlebt, wie Ingrid bei Beerdigungen keine Träne vergoss, bei geschäftlichen Problemen kalt blieb und selbst dann ruhig weitertrank, wenn Daniel seine Frau vor ihren Augen erniedrigte. Aber jetzt zitterte ihre rechte Hand.

Der ältere der beiden Ermittler, Kriminalhauptkommissar Markus Feld, trat an den Tisch. „Herr Berger, Frau Berger und Frau Keller, bitte berühren Sie nichts mehr.“

Daniel ignorierte ihn.

„Wer ist darauf?“


Anna nahm ihm das Foto nicht ab. Sie musste es nicht. Sie hatte die Vorderseite bereits gesehen: ein jüngerer Daniel, vielleicht Anfang zwanzig, vor dem alten Ferienhaus seiner Eltern. Neben ihm stand Ingrid. Im Hintergrund war ein Mann zu erkennen, dessen Gesicht teilweise vom Schatten eines Baumes verdeckt wurde.

„Mama?“ Daniels Ton veränderte sich. „Wer hat das geschrieben?“

Ingrid hob langsam den Kopf.

„Keine Ahnung.“

Es war eine schlechte Lüge.

Feld nahm das Foto mit behandschuhten Fingern entgegen und steckte es in eine Beweishülle. Dann wandte er sich Daniel zu. „Wir werden jetzt einige Fragen stellen. Außerdem besteht aufgrund der uns übermittelten Unterlagen der Verdacht auf mehrere Straftaten. Sie werden Gelegenheit bekommen, sich dazu zu äußern.“

„Welche Straftaten?“ Ingrid fand ihre Stimme wieder. „Das hier ist eine Familienangelegenheit.“

Anna musste beinahe lachen.

Eine Familienangelegenheit.

So hatte Ingrid auch den ersten blauen Fleck genannt.


Feld sah sie kühl an. „Gefälschte Rechnungen über insgesamt 186.400 Euro sind keine Familienangelegenheit.“

Vanessas Gesicht erstarrte.

Daniel drehte sich zu seiner Mutter.

„Hundertsechsundachtzigtausend?“

Zum ersten Mal an diesem Abend war Anna nicht das Ziel seiner Wut.

Ingrid richtete sich auf. „Ich habe lediglich Gelder verwaltet.“

„Aus meiner Firma“, sagte Anna.

„Aus unserer Familie.“

„Meine Firma gehört nicht eurer Familie.“

„Du wärst ohne Daniel überhaupt nicht—“


„Genug.“

Annas Stimme war nicht laut, aber Ingrid verstummte.

Anna nahm einen der Kontoauszüge vom Tablett. „Die Zahlungen gingen an drei angebliche Beratungsunternehmen. Zwei existieren nur auf dem Papier. Das dritte gehört einem Mann namens Stefan Reuter.“

Bei diesem Namen geschah etwas Merkwürdiges.

Ingrid wurde blass.

Nicht Vanessa.

Nicht Daniel.

Ingrid.

Anna hatte den Namen schon während ihrer eigenen Nachforschungen gefunden, aber nie herausbekommen, warum ein fast siebzigjähriger ehemaliger Buchhalter seit Jahren regelmäßig Geld von Firmen erhielt, die mit Daniels Familie verbunden waren.

Jetzt wusste sie zumindest eines: Ingrid kannte ihn.


„Wer ist Stefan Reuter?“, fragte Anna.

„Niemand.“

Feld sah auf. „Interessant. Wir haben noch gar nicht behauptet, dass Sie ihn kennen.“

Ingrid presste die Lippen zusammen.

Daniel schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Was zum Teufel läuft hier?“

Anna zuckte unwillkürlich zusammen.

Nur für einen Sekundenbruchteil.

Doch Daniel sah es.

Und lächelte.

Dieses kleine Lächeln war schlimmer als sein Schreien.


„Da ist sie ja“, murmelte er. „Die echte Anna. Du kannst hundert Polizisten hereinholen. Du hast immer noch Angst vor mir.“

Etwas in ihr wurde plötzlich vollkommen ruhig.

Anna trat näher.

„Ja“, sagte sie.

Daniel hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit.

„Ich hatte Angst vor dir. Jedes Mal, wenn dein Schlüssel abends im Schloss steckte. Jedes Mal, wenn du plötzlich leiser gesprochen hast, weil ich wusste, dass das meistens schlimmer war als Schreien. Ich hatte Angst, wenn du getrunken hattest. Ich hatte Angst, wenn du schlechte Nachrichten bekommen hattest. Manchmal hatte ich sogar Angst, wenn du gut gelaunt warst, weil ich nie wusste, wie schnell es sich ändern würde.“

Sie sah ihm direkt in die Augen.

„Aber Angst bedeutet nicht, dass ich dir gehöre.“

Daniels Gesicht verhärtete sich.

„Du wirst das bereuen.“


Feld hob sofort den Blick.

Anna hingegen griff nach ihrem Handy.

„Danke.“

Daniel runzelte die Stirn.

„Wofür?“

„Dafür, dass du gerade vor zwei Ermittlern und mehreren laufenden Kameras eine weitere Drohung ausgesprochen hast.“

Vanessa flüsterte einen Fluch.

In diesem Moment trat Annas ehemalige Assistentin näher. Clara Hoffmann war seit ihrem Eintreffen beinahe unsichtbar geblieben. Jetzt legte sie ihren Aktenordner auf den Tisch.

„Anna muss noch etwas wissen.“

Daniel wurde plötzlich nervös.


„Clara, halt den Mund.“

Sie ignorierte ihn.

Anna betrachtete die Frau, mit der ihr Mann sie betrogen hatte. Sechs Monate lang hatte sie geglaubt, Clara zu hassen. Doch als sie sie jetzt sah, bemerkte sie etwas, das auf den heimlich gespeicherten Nachrichten nie sichtbar gewesen war: Clara hatte Angst vor Daniel.

„Die Affäre“, begann Clara. „Sie hat nicht so angefangen, wie du glaubst.“

Anna spürte einen Stich in der Brust.

„Was soll das heißen?“

Clara schluckte.

„Daniel hat mich zuerst benutzt, um Informationen über deine Firma zu bekommen. Passwörter. Termine. Verträge. Ich war dumm genug, ihm zu glauben, als er sagte, du würdest Firmengelder verstecken.“

Daniel sprang auf.

Feld stellte sich sofort zwischen ihn und Clara.


„Setzen Sie sich.“

„Sie lügt!“

Clara öffnete den Ordner.

„Deshalb habe ich Kopien gemacht.“

Sie zog mehrere Dokumente heraus. Interne Firmenunterlagen. Überweisungen. E-Mails.

Und schließlich einen Vertrag.

Anna erkannte Daniels Unterschrift.

Darunter stand Ingrids Name.

Doch die dritte Unterschrift gehörte jemandem, den Anna nicht kannte.

Stefan Reuter.


„Was ist das?“, fragte Anna.

Clara antwortete nicht sofort.

Stattdessen sah sie zu Ingrid.

„Frag sie, warum Daniel bereits sechs Monate vor eurer Hochzeit einen Vertrag unterschrieben hat, der ihm eine Million Euro garantiert hätte, falls du die Kontrolle über deine Firma verlierst.“

Anna hörte ihren eigenen Herzschlag.

Daniel wurde kreidebleich.

„Das stimmt nicht.“

„Doch“, sagte Clara.

Anna nahm das Dokument. Das Datum war eindeutig.

Sechs Monate vor ihrer Hochzeit.


Damit war etwas zerstört, das selbst Daniels Affäre und seine Gewalt bisher nicht vollständig vernichtet hatten: die Erinnerung an den Mann, von dem Anna einmal geglaubt hatte, er hätte sie wenigstens am Anfang wirklich geliebt.

„Du hast mich also schon vor unserer Hochzeit ausspioniert.“

Daniel schwieg.

„War irgendetwas echt?“

Für einen Moment sah er sie an.

Dann sagte Ingrid plötzlich:

„Daniel wusste damals nicht alles.“

Alle drehten sich zu ihr.

„Mutter“, warnte Daniel.

Doch Ingrid sah nicht ihren Sohn an.

Sie sah Anna an.

„Du glaubst, Daniel hätte dich ausgesucht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Das hat er nicht.“

Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Was meinst du?“

Ingrid öffnete den Mund.

Bevor sie antworten konnte, vibrierte Felds Telefon.

Er las die Nachricht, und sein Gesicht veränderte sich.

„Wir haben Stefan Reuter gefunden.“

Ingrid schloss die Augen.

Feld blickte Anna an.

„Er sitzt seit heute Nachmittag in einem Krankenhaus. Jemand hat offenbar versucht, ihn zum Schweigen zu bringen.“

Dann hielt er kurz inne.

„Und bevor er das Bewusstsein verlor, hat er Ihren Namen genannt, Frau Berger.“

Anna erstarrte.

„Meinen?“

Feld nickte.

„Er sagte außerdem, wir sollten Ihnen eine Frage stellen.“

„Welche?“

Der Ermittler sah auf das Foto in der Beweishülle.

„Ob Sie jemals überprüft haben, wie Ihr Vater wirklich gestorben ist.“

No comments yet