Anna starrte auf das Foto, bis die Konturen der Frau vor dem Café vor ihren Augen verschwammen. Drei Tage. Wenn Daniel die Wahrheit sagte, war ihre Mutter vor drei Tagen irgendwo gestanden, hatte einen dunklen Mantel getragen und dieselbe silberne Schwalbe um den Hals gehabt, deren Gegenstück Anna seit Jahren in einer Schmuckschatulle aufbewahrte.
„Wo wurde das aufgenommen?“, fragte Feld.
Anna leitete ihm Daniels Nachricht weiter. „Das hat er nicht geschrieben.“
Stefan bewegte sich unruhig im Bett. Als Anna ihm das Foto zeigte, veränderte sich sein Gesicht sofort.
„Helena.“
Nur dieses eine Wort.
„Sie sind sicher?“
„Ich würde sie erkennen, wenn ich hundert Jahre alt wäre.“
Anna musste sich setzen. „Dann hat Daniel sie gefunden.“
„Oder jemand hat ihm das Foto geschickt“, sagte Feld. „Wir wissen noch nicht, ob er selbst dort war.“
Anna wählte Daniels Nummer.
Er nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Anna.“
„Wo ist sie?“
Schweigen.
„Wo ist meine Mutter?“
„Wenn ich dir das sage, gehst du hin.“
„Natürlich gehe ich hin.“
„Genau deshalb sage ich es dir nicht.“
Anna lachte bitter. „Du hast meinen Vater nach einem Unfall sterbend zurückgelassen. Du hast mich jahrelang belogen, ausspioniert und geschlagen. Und jetzt möchtest du mich beschützen?“
„Du verstehst nicht, worum es geht.“
„Dann erklär es.“
Daniel atmete hörbar aus.
„Das Foto wurde in Kühlungsborn aufgenommen.“
Stefan richtete sich trotz seiner Schmerzen auf.
Anna bemerkte es sofort.
„Was ist?“
„Der Leuchtturm“, flüsterte er.
Das alte Ferienhaus ihres Vaters lag weniger als vierzig Kilometer entfernt.
„Das ist kein Zufall“, sagte Anna.
Daniel hörte es durch das Telefon. „Nein. Ist es nicht.“
„Hast du sie gesehen?“
„Nicht persönlich.“
„Wer hat das Foto gemacht?“
Wieder Schweigen.
„Daniel.“
„Mein Vater.“
Anna runzelte die Stirn.
„Dein Vater ist tot.“
„Das hat meine Mutter dir erzählt.“
Niemand im Krankenzimmer bewegte sich.
Anna spürte, wie die Kälte erneut ihre Arme hinaufkroch.
In acht Jahren Ehe hatte sie Daniels Vater nie kennengelernt. Ingrid hatte behauptet, Klaus Berger sei zwölf Jahre zuvor bei einem Herzinfarkt gestorben. Daniel hatte selten über ihn gesprochen.
K.W.
Die Initialen, die Stefan erwähnt hatte.
Anna sah Stefan an. Auch er hatte verstanden.
„Klaus Berger“, sagte sie.
Stefan wurde bleich.
Am anderen Ende der Leitung fluchte Daniel.
„Ist dein Vater K.W.?“
„Ich weiß es nicht.“
„Lüg mich nicht.“
„Ich wusste bis vor vier Monaten nicht einmal, dass er noch lebt!“
Die Verzweiflung in Daniels Stimme klang diesmal echt.
Er erzählte, dass er vor vier Monaten einen Brief erhalten hatte. Kein Absender. Darin befand sich ein Foto seines Vaters und eine Telefonnummer. Daniel hatte angerufen. Klaus hatte Dinge über die Familie gewusst, die kein Fremder hätte kennen können.
„Warum hast du Ingrid nichts gesagt?“
„Weil er mich davor gewarnt hat.“
„Wovor?“
„Vor ihr.“
Stefan begann schwerer zu atmen.
„Fragen Sie ihn“, sagte er zu Anna. „Fragen Sie Daniel, ob sein Vater eine Narbe an der linken Hand hat.“
Anna wiederholte die Frage.
Daniel schwieg kurz. „Ja. Eine lange Narbe zwischen Daumen und Handgelenk. Warum?“
Stefan sank zurück ins Kissen.
„Klaus.“
„Sie kennen ihn?“, fragte Feld.
„Ich kannte ihn unter einem anderen Namen.“
„Welchem?“
Stefan sah Anna an.
„Konrad Weiss.“
K.W.
Der Mann hinter den Scheinfirmen.
Der Mann, vor dem Helena geflohen war.
„Dann ist Daniels Vater derjenige, vor dem meine Mutter mich schützen wollte.“
Stefan nickte langsam.
Anna wandte sich wieder dem Telefon zu. „Warum fotografiert Klaus meine Mutter?“
„Weil er sie sucht.“
„Und warum schickt er das Foto dir?“
Daniels Antwort kam erst nach einigen Sekunden.
„Weil er möchte, dass ich sie zu ihm bringe.“
Anna schloss die Augen.
Natürlich.
Daniel war wieder benutzt worden – diesmal von seinem eigenen Vater.
„Und was hast du ihm gesagt?“
„Dass ich es tun würde.“
Feld trat näher an das Telefon.
„Herr Berger, Sie sollten jetzt sehr genau überlegen, was Sie sagen.“
„Ich habe zugestimmt, weil ich Zeit brauchte!“, sagte Daniel. „Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte. Meine Mutter hat mein ganzes Leben über meinen Vater gelogen. Mein Vater behauptet, Ingrid habe Michael töten wollen. Ingrid behauptet wahrscheinlich das Gegenteil. Und mitten darin ist Anna.“
„Du hättest mir die Wahrheit sagen können“, sagte Anna.
Daniel lachte bitter. „Wann? Zwischen dem Moment, in dem du meine Affäre gefunden hast, und dem Moment, in dem du sechs Monate Beweise gegen mich gesammelt hast?“
„Du hattest acht Jahre davor.“
Darauf hatte er keine Antwort.
„Warum hast du geschrieben, ich soll nicht zum Leuchtturm?“
Daniel atmete tief ein.
„Weil mein Vater bereits dort ist.“
Feld griff sofort nach seinem Funkgerät.
Anna stand auf.
„Dann fahren wir.“
„Nein!“, rief Daniel. „Anna, hör mir einmal zu. Klaus will, dass du dort auftauchst.“
„Warum?“
„Das hat er nicht gesagt.“
„Und meine Mutter?“
„Ich glaube, sie will dasselbe.“
Dieser Satz hielt Anna für einen Moment fest.
„Was meinst du?“
„Das Café auf dem Foto liegt direkt gegenüber einem Postamt. Mein Vater beobachtete Helena. Aber Helena hat ihn ebenfalls gesehen.“
„Woher weißt du das?“
„Weil sie direkt danach einen Brief abgeschickt hat.“
Anna konnte kaum sprechen. „An wen?“
„An dich.“
Feld sah sie an.
„Wo ist der Brief?“
„In eurem Haus.“
Anna erstarrte.
Daniel erklärte, der Umschlag sei an diesem Nachmittag zugestellt worden. Ingrid habe ihn aus dem Briefkasten genommen. Daniel hatte es auf einer der Außenkameras gesehen, bevor Anna ihm den Zugriff auf das Sicherheitssystem entzogen hatte.
„Ingrid hat einen Brief meiner Mutter?“
„Wenn sie ihn nicht vernichtet hat.“
Anna beendete das Gespräch.
Weniger als eine Stunde später war sie wieder vor ihrem Haus. Feld hatte darauf bestanden, mitzukommen. Ingrid befand sich inzwischen nicht mehr im Esszimmer, sondern in einem anderen Raum unter Aufsicht. Als Anna sie mit dem Brief konfrontierte, lächelte Ingrid zum ersten Mal seit langer Zeit.
Nicht überlegen.
Erschöpft.
„Also hat Daniel es dir gesagt.“
„Wo ist der Umschlag?“
„Anna—“
„Wo ist er?“
Ingrid griff langsam in ihre Handtasche.
Feld spannte sich an, doch sie zog nur einen cremefarbenen Umschlag heraus.
Auf der Vorderseite stand Annas Name.
Die Handschrift kannte sie nicht.
Ihre Finger zitterten, als sie ihn öffnete.
Darin befanden sich zwei Seiten und ein kleiner Messingschlüssel.
Anna begann zu lesen.
**Meine liebste Anna,**
Schon nach den ersten drei Worten musste sie aufhören.
Sie hatte fast keine Erinnerungen mehr an die Stimme ihrer Mutter. Doch plötzlich war da etwas anderes: der Geruch nach Lavendel, warme Hände, ein Lied am Bett. Fragmente eines Lebens, das man ihr genommen hatte.
Sie zwang sich weiterzulesen.
Helena schrieb, dass sie jahrelang ferngeblieben sei, weil jede Kontaktaufnahme Anna gefährdet hätte. Klaus Berger – Konrad Weiss – habe ein Netzwerk aufgebaut, das Menschen durch Geld, Erpressung und gefälschte Firmen kontrollierte. Michael habe versucht, es aufzudecken. Nach seinem Tod habe Helena geglaubt, auch Anna werde überwacht.
Dann kam der Satz, der Anna das Herz zusammendrückte.
**Ich habe dich zweimal aus der Ferne gesehen. Einmal an deinem achtzehnten Geburtstag und einmal an deinem Hochzeitstag. Beim zweiten Mal wusste ich, dass ich dich noch nicht zurückholen konnte, denn ich erkannte den Mann neben dir.**
Daniel.
Helena hatte ihn gekannt.
Anna las weiter.
**Wenn du diesen Brief erhältst, bedeutet es, dass Klaus mich gefunden hat. Geh zum Ferienhaus, aber nicht zum Leuchtturm. Dein Vater hat dir als Kind die Geschichte absichtlich falsch erzählt. Der Schatz liegt nicht unter dem Licht. Er liegt dort, wo das Licht niemals hinfällt.**
Anna betrachtete den Messingschlüssel.
Auf ihm war eine kleine Zahl eingraviert.
17.
Unter dem Brief lag noch etwas.
Ein altes Polaroid.
Darauf standen Michael und Helena vor dem Ferienhaus. Zwischen ihnen befand sich Stefan.
Und daneben ein vierter Mann.
Jung, elegant, lächelnd.
Anna kannte dieses Gesicht inzwischen.
Klaus Berger.
Auf der Rückseite hatte Helena geschrieben:
**Vier Menschen kannten damals die Wahrheit. Einer verriet uns. Es war nicht Klaus.**
Anna hob den Kopf und sah zu Ingrid.
„Wer war der Verräter?“
Ingrid schwieg.
Dann blickte sie auf das Foto und sagte etwas, womit Anna nicht gerechnet hatte.
„Wenn Helena das geschrieben hat, dann weiß sie bis heute nicht, wer es wirklich war.“
„Wer?“
Ingrid trat näher.
„Stefan.“
Anna spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Das ist eine Lüge.“
„Dann frag ihn, warum er dir erzählt hat, Klaus Berger und Konrad Weiss seien dieselbe Person.“
„Weil sie es sind.“
Ingrid schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Sie deutete auf Klaus auf dem Polaroid.
„Konrad Weiss ist vor elf Jahren gestorben.“
Anna starrte sie an.
„Dann wer ist K.W.?“
Ingrids Blick wanderte zum Messingschlüssel in Annas Hand.
„Das ist genau das, was dein Vater am Ende herausgefunden hat.“
Ihr Telefon klingelte.
Feld nahm den Anruf entgegen. Er hörte nur wenige Sekunden zu, dann wurde sein Gesicht hart.
„Das Krankenhaus.“
Anna sah ihn an.
„Was ist mit Stefan?“
Feld legte auf.
„Er ist verschwunden.“
„Was?“
„Die Beamten vor seinem Zimmer wurden durch einen ausgelösten Feueralarm auf eine andere Station geschickt. Als sie zurückkamen, war sein Bett leer.“
Anna sah auf das Polaroid.
In diesem Moment bemerkte sie etwas, das ihr vorher entgangen war.
Hinter den vier Menschen stand die Tür des Ferienhauses.
Darauf war dieselbe Zahl angebracht wie auf ihrem Schlüssel.
17.
Doch ihr Ferienhaus hatte niemals eine Tür mit der Nummer 17 gehabt.







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