Die Zahl 17 ließ Anna nicht mehr los.
Noch bevor Feld etwas sagen konnte, drehte sie das Polaroid unter der Lampe hin und her. Das Foto war alt, die Farben ausgewaschen, doch die Messingzahlen an der Tür waren deutlich zu erkennen. 17. Hinter Michael, Helena, Stefan und Klaus befand sich nicht das Ferienhaus, an das Anna sich erinnerte. Die Fenster waren schmaler. Das Mauerwerk dunkler. Und links neben der Tür verlief ein Geländer.
„Das ist nicht unser Haus“, sagte sie.
Ingrid schwieg.
„Wo wurde das aufgenommen?“
„Ich weiß es nicht.“
Anna sah sie an. „Vor einer Stunde wusstest du noch erstaunlich viel.“
„Und genau deshalb weiß ich, wann ich schweigen sollte.“
Feld nahm das Foto. „Wir können den Ort möglicherweise identifizieren.“
Anna deutete auf den Hintergrund. Zwischen zwei Bäumen war ein schmaler Streifen Meer zu erkennen. Dahinter ragte etwas Dunkles auf.
Der Leuchtturm.
Plötzlich erinnerte sie sich.
„Es gab dort früher Lagerhäuser.“
Ihr Vater hatte ihr verboten, sich ihnen zu nähern. Als Kind hatte Anna geglaubt, sie seien einsturzgefährdet. Später waren einige abgerissen worden.
„Nummer 17 war vielleicht eines davon.“
Feld gab bereits Anweisungen. Er wollte ein Team vorausschicken. Anna bestand darauf mitzufahren.
„Wenn Stefan dorthin unterwegs ist und Klaus ebenfalls dort sein könnte, ist das kein Familienausflug“, sagte Feld.
„Meine Mutter könnte dort sein.“
„Gerade deshalb.“
Anna blickte ihn an. „Ich habe fast mein ganzes Leben geglaubt, sie sei tot. Niemand wird mich jetzt in diesem Haus sitzen lassen.“
Feld musterte sie einige Sekunden.
„Sie bleiben bei mir. Keine Alleingänge.“
Zwei Stunden später fraßen sich die Scheinwerfer durch den Regen an der Ostseeküste. Das Meer war nur als dunkle Bewegung hinter den Dünen zu erkennen. Als Anna das alte Ferienhaus sah, zog sich ihr Brustkorb zusammen.
Sie war neun Jahre nicht hier gewesen.
Alles wirkte kleiner.
Der weiße Zaun war verwittert. Ein Fensterladen hing schief. Trotzdem erkannte sie sofort die Veranda, auf der ihr Vater morgens Kaffee getrunken hatte.
Felds Kollegen durchsuchten das Haus.
Niemand.
Keine Spuren eines Einbruchs.
Anna stand im Wohnzimmer und betrachtete die alte Standuhr. Ihr Vater hatte fast nichts verändert, solange er lebte. Sogar die Bücher standen noch dort, wo Anna sie als Jugendliche zurückgelassen hatte.
Dann erinnerte sie sich an Helenas Satz.
**Der Schatz liegt nicht unter dem Licht. Er liegt dort, wo das Licht niemals hinfällt.**
„Der Leuchtturm wirft nachts einen Lichtkegel über die Küste“, sagte Anna.
Feld nickte. „Also suchen wir einen Ort außerhalb seines Drehbereichs.“
„Nein.“
Sie ging ans Fenster.
„Mein Vater meinte etwas anderes.“
Als Kind hatte Michael ihr erklärt, dass jeder Leuchtturm einen „blinden Rücken“ habe. Die Lampe strahle hinaus aufs Meer, doch direkt unter bestimmten Mauern und hinter Nebengebäuden bleibe es dunkel.
Anna sah zum alten Turm.
Und erinnerte sich an ein Gebäude dahinter.
„Die Bootshäuser.“
Wenige Minuten später standen sie vor einer Reihe halb verfallener Backsteinbauten. Einige Türen fehlten bereits. Andere waren zugemauert.
Nummer 13.
15.
Dann eine Lücke.
„Siebzehn wurde abgerissen“, sagte einer der Beamten.
Anna betrachtete den Boden.
Nein.
Unter Unkraut erkannte sie eine rechteckige Betonplatte.
Darauf befand sich ein rostiger Metallring.
Der Messingschlüssel passte nicht dazu. Aber neben der Platte stand ein alter Stromkasten.
Anna öffnete ihn.
Dahinter war ein winziges Schloss.
17.
Der Schlüssel glitt hinein.
Ein Klick.
Im Inneren des Kastens befand sich kein Stromanschluss, sondern ein Hebel.
Als Anna ihn zog, hörte man unter der Betonplatte ein mechanisches Geräusch.
„Zurück“, sagte Feld.
Zwei Beamte hoben die Platte an.
Darunter führte eine schmale Treppe in die Dunkelheit.
Der Geruch nach feuchtem Stein schlug Anna entgegen.
Sie stiegen hinab.
Der Raum darunter war überraschend trocken. An einer Wand standen Metallregale. Auf einem Tisch lagen mehrere wasserdichte Kisten.
Und eine davon war geöffnet.
Feld zog seine Waffe.
„Polizei! Falls jemand hier ist, zeigen Sie sich!“
Keine Antwort.
Anna sah die offene Kiste.
Jemand war vor ihnen hier gewesen.
Darin lagen Ordner, alte Datenträger und mehrere versiegelte Umschläge. Auf dem obersten stand in der Handschrift ihres Vaters:
**Für Anna – nur wenn Helena zurückkehrt.**
Anna nahm ihn.
Darin befand sich ein Brief ihres Vaters.
Sie las.
Michael entschuldigte sich dafür, dass er Anna über ihre Mutter belogen hatte. Er erklärte, Helena habe das Netzwerk nicht verlassen, weil sie ihre Familie nicht liebte, sondern weil sie Beweise gegen dessen Kopf gesammelt hatte. Klaus Berger sei Teil des Systems gewesen – aber nicht dessen Gründer.
Dann kam eine Passage, die Anna zweimal lesen musste.
**Falls du Stefan vertraust, tue es nur bis zu dem Punkt, an dem er dir von Konrad Weiss erzählt. Stefan glaubt seit Jahren, Konrad sei tot. Das stimmt nicht. Konrad Weiss ist kein einzelner Mensch. Es ist eine Identität, die weitergegeben wird. Wer K.W. ist, kontrolliert die Konten, die Firmen und die anderen Mitglieder.**
Anna sah Feld an.
„K.W. ist ein Deckname.“
Er las weiter über ihre Schulter.
Michael hatte herausgefunden, dass Klaus Berger zeitweise unter diesem Namen gearbeitet hatte. Später hatte jemand anderes übernommen.
„Wer?“, flüsterte Anna.
Die nächste Seite fehlte.
Sauber herausgerissen.
Jemand hatte sie mitgenommen.
„Stefan“, sagte Feld.
Anna schüttelte den Kopf. „Vielleicht.“
Sie untersuchte die offene Kiste. Darin lag frischer Schlamm.
Dann bemerkte sie einen kleinen Blutstropfen am Rand.
Jemand Verletztes war hier gewesen.
Stefan.
Auf dem Tisch stand ein altes Aufnahmegerät.
Anna drückte auf Wiedergabe.
Die Stimme ihres Vaters erklang.
„Helena, falls du das hörst: Ich weiß jetzt, wer nach Klaus übernommen hat. Ich hatte die Person die ganze Zeit direkt vor Augen.“
Ein Geräusch.
Dann Michaels Stimme erneut.
„Anna darf niemals erfahren, dass—“
Die Aufnahme brach ab.
„Verdammt“, murmelte Feld.
Plötzlich hörten sie Schritte über sich.
Alle erstarrten.
Feld gab seinen Kollegen ein Zeichen.
Eine Gestalt erschien oben an der Treppe.
„Nicht schießen!“
Stefan.
Er hielt sich an der Wand fest. Unter seinem Krankenhausmantel trug er eine Jacke, und sein Gesicht war kreidebleich.
„Stefan!“, rief Anna.
„Ich musste vor ihnen weg.“
„Vor wem?“
Er kam langsam herunter.
„Die Beamten im Krankenhaus waren nicht das Problem. Einer der Pfleger gehörte zu Klaus.“
Feld ließ ihn durchsuchen.
Keine Waffe.
Anna zeigte auf die fehlende Seite.
„Haben Sie die genommen?“
Stefan betrachtete die Stelle.
„Nein.“
„Wer dann?“
„Helena.“
Anna erstarrte.
„Meine Mutter war hier?“
„Vor drei Tagen.“
„Wo ist sie jetzt?“
Stefan sah zum hinteren Teil des Raumes.
Dort befand sich eine zweite Tür, die Anna bisher für einen Schrank gehalten hatte.
„Sie wollte, dass du selbst entscheidest, ob du die Wahrheit wissen willst.“
Anna ging hinüber.
Hinter der Tür lag ein schmaler Nebenraum.
Darin stand ein Tisch.
Und auf dem Tisch lagen Akten über Daniel.
Fotos von ihm als Kind.
Schulzeugnisse.
Bankunterlagen.
Medizinische Dokumente.
Anna verstand nichts.
Dann sah sie einen Umschlag mit ihrem Namen.
Sie öffnete ihn.
Darin lag ein DNA-Bericht.
Daniel Berger.
Klaus Berger.
**Biologische Vaterschaft ausgeschlossen.**
Anna blickte zu Stefan.
„Klaus ist nicht Daniels Vater.“
Stefan nickte.
„Ingrid hat Daniel sein ganzes Leben lang belogen.“
„Wer ist sein Vater?“
Stefan antwortete nicht.
Anna blätterte weiter.
Ein zweiter DNA-Bericht.
Diesmal standen zwei Namen darauf.
Daniel Berger.
Michael Hartmann.
Anna spürte, wie ihr Körper kalt wurde.
Doch bevor sie das Ergebnis lesen konnte, erklang hinter ihr eine Frauenstimme.
„Bitte.“
Anna drehte sich um.
Im Eingang des Nebenraums stand die Frau vom Foto.
Graues Haar.
Dunkler Mantel.
Die silberne Schwalbe an ihrem Hals.
Anna konnte sich nicht bewegen.
Die Frau hatte Tränen in den Augen.
„Lies es nicht, bevor du mich angehört hast.“
Anna wusste nicht, wie lange sie sie nur ansah.
Vielleicht Sekunden.
Vielleicht ein ganzes verlorenes Leben.
„Mama?“
Helena schloss die Augen, als hätte sie neunundzwanzig Jahre auf dieses eine Wort gewartet.
„Ja.“
Anna hielt den DNA-Bericht noch immer in den Händen.
„Dann sag mir die Wahrheit.“
Helena trat einen Schritt näher.
„Michael war nicht Daniels Vater.“
Anna atmete aus.
Doch Helena war noch nicht fertig.
„Der Test liegt dort, weil wir genau das beweisen mussten.“
„Warum?“
Helena sah auf Daniels Akte.
Dann zu Stefan.
„Weil Daniels wirklicher Vater der Mann ist, der Michael in jener Nacht sterbend zurückließ.“
Anna schüttelte langsam den Kopf. „Daniel und Ingrid waren dort.“
„Ja.“
„Dann wer?“
Helena sah ihrer Tochter direkt in die Augen.
„Stefan.“
Hinter Anna fiel etwas zu Boden.
Sie drehte sich um.
Stefan stand neben dem Tisch.
In seiner Hand hielt er die fehlende Seite aus Michaels Brief.
Und plötzlich wirkte der schwache alte Mann überhaupt nicht mehr schwach.







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