„Er war nicht allein.“
Ingrids Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, und doch schienen sie lauter zu sein als alles, was an diesem Abend gesagt worden war. Anna hielt das Handy noch immer in der Hand. Auf dem Display stand Daniel neben dem zweiten Wagen am Unfallort ihres Vaters. Sie hatte das Bild bereits mehrmals angesehen, aber plötzlich interessierte sie nicht mehr Daniel. Sie vergrößerte den dunklen Bereich neben dem Fahrzeug.
Dort war tatsächlich jemand.
Nur eine Silhouette. Eine Person stand wenige Schritte hinter Daniel, fast vollständig vom geöffneten Kofferraum verdeckt.
„Wer war bei ihm?“, fragte Anna.
Ingrid schwieg.
Daniel starrte seine Mutter an. „Sag nichts.“
„Du entscheidest jetzt gar nichts mehr“, erwiderte Anna.
Kriminalhauptkommissar Feld nahm ihr vorsichtig das Telefon ab und betrachtete die Aufnahme. „Schicken Sie mir das Original, ohne es zu bearbeiten.“
Anna nickte.
Vanessa saß wie erstarrt auf ihrem Stuhl. Clara dagegen beobachtete Ingrid. „Sie wissen, wer die zweite Person ist.“
Ingrid hob langsam den Blick. Etwas von ihrer früheren Überheblichkeit war verschwunden. Plötzlich wirkte sie älter.
„Ich war es.“
Daniel schloss die Augen.
Anna glaubte zunächst, sie hätte sich verhört.
„Du?“
„Ja.“
Die Antwort traf sie beinahe körperlich.
Anna trat einen Schritt zurück. „Du warst dort, als mein Vater starb?“
„Als wir ankamen, lebte er noch.“
Feld richtete sich sofort auf. „Frau Berger, ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie sich nicht selbst belasten müssen.“
„Mama, hör auf!“, rief Daniel.
Ingrid drehte sich zu ihm. „Neun Jahre lang habe ich deine Fehler bezahlt.“
Daniel lachte ungläubig. „Meine Fehler?“
Zwischen Mutter und Sohn öffnete sich vor Annas Augen ein Riss, der offenbar seit Jahren existiert hatte.
„Was ist in dieser Nacht passiert?“, fragte Anna.
Ingrid atmete langsam aus. „Dein Vater hatte mich angerufen. Er wollte sich treffen.“
„Warum?“
„Wegen Stefan. Wegen des Geldes. Wegen allem.“
Michael hatte herausgefunden, dass Ingrid mithilfe von Stefan Reuter Gelder aus seiner Firma abgezweigt hatte. Zunächst kleinere Beträge, später immer größere. Als Stefan aussteigen wollte, hatte Michael offenbar genug Hinweise gesammelt, um das System zu erkennen.
„Er wollte zur Polizei“, sagte Ingrid.
Anna spürte, wie ihre Fingernägel sich in ihre Handflächen gruben.
„Und du wolltest ihn davon abhalten.“
„Ich wollte mit ihm reden.“
„Auf einer Landstraße mitten in der Nacht?“
Ingrid schwieg.
Daniel schnaubte. „Sie erzählt nur die Hälfte.“
Ingrid fuhr herum. „Sei still.“
„Warum? Damit du mich wieder für alles verantwortlich machen kannst?“
„Daniel“, sagte Feld scharf, „wenn Sie etwas beitragen möchten, tun Sie es sachlich.“
Daniel sah Anna an. In seinen Augen lag etwas, das sie noch nie dort gesehen hatte: nicht Reue, sondern verletzte Wut darüber, dass jemand anderes die Kontrolle über die Geschichte übernommen hatte.
„Dein Vater wollte sich nicht mit meiner Mutter treffen“, sagte er. „Er wollte sich mit mir treffen.“
Anna erstarrte.
„Du warst damals zweiundzwanzig.“
„Dreiundzwanzig.“
„Warum sollte mein Vater dich treffen wollen?“
Daniel blickte zu Ingrid.
Dann kam die Antwort.
„Wegen dir.“
Anna hörte irgendwo das Ticken der alten Wanduhr.
„Wir kannten uns damals nicht.“
„Du kanntest mich nicht.“
Dieser Satz war schlimmer.
Anna ging näher an den Tisch. „Erklär das.“
Daniel setzte sich. „Meine Mutter wusste schon lange, wer du bist. Dein Vater hatte Fotos von dir in seinem Büro. Er sprach ständig von seiner Tochter, die irgendwann das Unternehmen übernehmen sollte.“
„Und?“
„Meine Mutter hatte Angst, dass nach seinem Tod oder einer Anzeige alles auffliegen würde.“
„Nach seinem Tod?“ Anna starrte ihn an. „Er war damals gesund.“
Daniel merkte seinen Fehler.
Feld ebenfalls.
„Interessante Formulierung“, sagte der Ermittler.
„Ich meinte irgendwann.“
Anna ignorierte die Ausrede. „Warum wolltest du mich kennenlernen?“
Daniel schwieg.
Diesmal antwortete Ingrid.
„Weil du die Firma erben würdest.“
Die Wahrheit war plötzlich erschreckend einfach.
Anna sah auf den Vertrag, den Clara gefunden hatte. Eine Million Euro, falls sie die Kontrolle über ihre Firma verlor. Daniels scheinbar zufällige Begegnung mit ihr. Die Fotos, die Ingrid schon vor ihrer Beziehung besessen hatte.
„Ihr habt Daniel auf mich angesetzt.“
Ingrid senkte den Blick.
Anna lachte einmal leise. Es war kein glückliches Geräusch.
„Meine ganze Ehe war also ein Geschäftsmodell.“
„Am Anfang vielleicht“, sagte Daniel.
Anna sah ihn an.
„Am Anfang?“
Er stand auf. „Ich habe dich später wirklich geliebt.“
Anna blickte auf den Mann, der sie vor weniger als einer Stunde geschlagen hatte.
„Du hast eine merkwürdige Art, Liebe zu zeigen.“
Daniel sagte nichts mehr.
„Zurück zu jener Nacht“, forderte Feld. „Was geschah zwischen Michael Hartmann und Ihnen?“
Daniel fuhr sich über das Gesicht.
„Michael hatte herausgefunden, dass meine Mutter Anna beobachten ließ. Er wusste von dem Plan.“
Anna spürte Übelkeit.
„Mein Vater wusste von dir?“
„Ja.“
„Deshalb wollte er dich treffen.“
Daniel nickte.
„Er sagte mir, ich solle mich von dir fernhalten. Er drohte, alles offenzulegen.“
„Und dann?“
„Wir stritten.“
„Wo?“
„Auf einem Parkplatz außerhalb der Stadt. Michael fuhr weg. Meine Mutter und ich fuhren hinterher.“
„Warum?“
„Weil Ingrid die Unterlagen zurückhaben wollte, die er angeblich im Wagen hatte.“
Ingrid schloss die Augen.
„Daniel, genug.“
Doch diesmal hörte er nicht auf sie.
„Es regnete stark. Michael fuhr schnell. Dann verlor er in einer Kurve die Kontrolle.“
Anna konnte kaum schlucken.
„Ihr habt ihn verfolgt.“
„Wir wollten ihn nicht töten.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Daniel sah weg.
„Ist er wegen euch von der Straße abgekommen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du warst dort!“
„Ich weiß es nicht!“
Sein Schrei hallte durch den Raum.
Anna zuckte diesmal nicht zusammen.
„Du hast gesagt, er lebte noch“, sagte Feld zu Ingrid. „Was geschah nach dem Unfall?“
Ingrid wurde still.
Zu still.
„Wir stiegen aus.“
„Und?“
„Michael war verletzt, aber bei Bewusstsein.“
Anna bekam plötzlich keine Luft mehr.
Ihr Vater hatte gelebt.
All die Jahre hatte sie sich vorgestellt, er sei sofort gestorben. Ein schrecklicher Gedanke, aber wenigstens hatte sie geglaubt, er hätte nicht lange gelitten.
„Habt ihr den Rettungsdienst gerufen?“
Niemand antwortete.
Anna sah zuerst Ingrid an.
Dann Daniel.
„Habt ihr Hilfe gerufen?“
Daniel senkte den Kopf.
Etwas in Anna zerbrach.
„Nein“, flüsterte sie.
Feld trat näher. „Was haben Sie stattdessen getan?“
Ingrid setzte sich langsam.
„Wir suchten die Unterlagen.“
Anna musste sich am Stuhl festhalten.
„Während mein Vater im Auto lag?“
Ingrid weinte jetzt. Anna hatte sie noch nie weinen sehen, doch die Tränen bedeuteten ihr nichts.
„Wir hatten Angst.“
„Er auch.“
Diese zwei Worte ließen Ingrid verstummen.
„Habt ihr die Unterlagen gefunden?“, fragte Feld.
„Nein.“
Daniel hob plötzlich den Kopf. „Weil jemand vor uns dort gewesen sein muss.“
Ingrid sah ihn scharf an.
„Was redest du da?“
„Der Kofferraum war bereits offen, als wir ankamen.“
Feld runzelte die Stirn.
„Sie sagten gerade, Sie seien Michael unmittelbar gefolgt.“
Daniel nickte langsam.
„Genau deshalb stimmt etwas nicht.“
Anna blickte wieder auf das Foto. Der Kofferraum des zweiten Wagens war geöffnet, nicht der ihres Vaters. Aber neben Michaels Wrack zeichnete sich im Regen etwas ab.
Reifenspuren.
Mehr als zwei Fahrzeuge.
„Es war noch jemand dort“, sagte Anna.
Daniel nickte.
„Ich habe damals Scheinwerfer zwischen den Bäumen gesehen. Als ich hinging, war der Wagen verschwunden.“
Feld sah zu seinem Kollegen. „Wir brauchen die vollständige Unfallakte. Fotos, Spurenberichte, alles.“
In diesem Moment klingelte Annas Handy erneut.
Dieselbe unbekannte Nummer.
Diesmal war es keine Nachricht.
Eine Audiodatei.
Nur siebenundvierzig Sekunden lang.
Anna drückte auf Wiedergabe.
Zunächst hörte man Regen. Dann ein schmerzhaftes Atmen.
Und schließlich die Stimme ihres Vaters.
Schwach, aber unverkennbar.
„Wenn jemand das findet ... Stefan hat die Originale. Ingrid darf sie nicht bekommen.“
Anna presste eine Hand vor den Mund.
Die Aufnahme lief weiter.
Im Hintergrund ertönte eine zweite Stimme.
Ein Mann.
„Michael, wo sind die Dokumente?“
Anna sah Daniel an.
Es war nicht seine Stimme.
Auch nicht Stefans.
Ihr Vater antwortete kaum hörbar:
„Du hast mich verraten.“
Dann erklangen Schritte, ein metallisches Geräusch und erneut die fremde Stimme.
Diesmal sagte der Mann einen einzigen Satz:
„Anna darf niemals erfahren, warum ihre Mutter wirklich gestorben ist.“
Die Aufnahme endete.
Anna stand regungslos da.
Ihre Mutter war gestorben, als Anna fünf Jahre alt gewesen war.
Zumindest hatte ihr Vater ihr das ihr ganzes Leben lang erzählt.
Ein Hirnaneurysma.
Plötzlich vibrierte das Telefon ein drittes Mal.
Eine neue Nachricht erschien.
**Stefan ist wieder bei Bewusstsein. Er redet nur mit Anna. Und er behauptet, ihre Mutter sei nicht mit fünf Jahren gestorben.**







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