Ich konnte meinen Blick nicht von dem alten Foto lösen. Die Frau auf dem Bett war eindeutig meine Mutter. Das Baby in ihren Armen konnte nur ich sein. Aber der Mann neben ihr war das Problem. Ich kannte dieses Gesicht. Nicht aus meiner Kindheit, sondern aus unzähligen Fotografien, die ich in Richards Büro gesehen hatte. Victor Carter. Richards älterer Bruder.
„Das ist Victor“, sagte ich heiser.
Richard wurde vollkommen still.
„Du kennst ihn?“
„Er ist dein Bruder.“
Er nickte langsam. „Mein älterer Bruder. Er starb vor zwölf Jahren.“
Ich starrte wieder auf das Foto. „Dann erklär mir das Datum.“
Richard nahm mir das Handy aus der Hand und betrachtete die Aufnahme. Seine Finger begannen leicht zu zittern.
„Das Foto wurde drei Jahre vor deiner Geburt aufgenommen.“
„Aber ich liege darauf.“
„Ich weiß.“
Die Tür öffnete sich plötzlich. Thomas trat herein, diesmal mit zwei weiteren Sicherheitsleuten. „Herr Carter, wir haben die Quelle der Nachricht zurückverfolgt. Sie wurde über mehrere Server geleitet, aber wir konnten den letzten Zugriff lokalisieren.“
Richard hob den Kopf. „Wo?“
Thomas zögerte.
„Im alten Carter-Anwesen.“
Mir stockte der Atem.
Das Anwesen stand seit Jahren leer. Richard hatte mir nie erzählt, warum. Meine Mutter hatte als Kind oft von einem großen Haus gesprochen, in dem sie angeblich „nie wieder einen Fuß setzen“ wollte.
„Wir fahren hin“, sagte Richard.
„Jetzt?“
„Wenn jemand dort auf uns wartet, haben wir keine Zeit.“
Eine halbe Stunde später fuhr der Wagen durch einen dichten Schneewald. Ich saß neben Richard auf dem Rücksitz und hielt das Foto fest. Kein Wort wurde gesprochen. Ich versuchte, die einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen, doch jedes neue Stück machte das Bild nur verwirrender.
Meine Mutter hatte Richard geliebt.
Sie hatte Angst vor seiner Familie.
Victor war auf dem Foto bei ihr.
Und jemand hatte gerade behauptet, Richard sei vielleicht gar nicht mein Vater.
Als wir das Anwesen erreichten, war das eiserne Tor bereits geöffnet.
Thomas stieg zuerst aus. Er gab den Sicherheitsleuten ein Zeichen. Kein Licht brannte im Haus, doch aus einem Fenster im Obergeschoss drang ein schwacher gelblicher Schein.
„Wir waren seit Jahren nicht mehr hier“, sagte Richard.
„Jemand war hier“, antwortete Thomas.
Die Eingangstür stand einen Spalt offen.
Drinnen roch es nach Staub, kaltem Holz und etwas anderem.
Rauch.
Richard blieb stehen.
„Meine Mutter“, sagte er plötzlich.
„Was?“
„Sie hat immer nach Lavendel und Rauch gerochen. Genau so.“
Wir gingen weiter in den Salon. An den Wänden hingen alte Familienporträts. Ich blieb vor einem Gemälde stehen.
Victor.
Neben ihm stand eine junge Frau.
Meine Mutter.
Ich trat näher.
Auf dem Gemälde hielt sie keinen Ehering an der Hand.
Aber Victor schon.
„Sie waren verheiratet“, flüsterte ich.
Richard schüttelte langsam den Kopf. „Das kann nicht sein.“
Thomas fand hinter einem Bücherregal einen versteckten Safe. Er war bereits geöffnet.
Darin lagen nur drei Dinge: ein Schlüssel, ein Bündel alter Briefe und eine kleine Videokassette.
Richard nahm die Briefe.
Einer trug das Datum achtundzwanzig Jahre zuvor.
Die Handschrift gehörte meiner Mutter.
Er las die ersten Zeilen und wurde kreidebleich.
„Was steht darin?“
Er antwortete nicht.
Ich nahm ihm den Brief aus der Hand.
**Richard, wenn du diesen Brief liest, bin ich bereits verschwunden. Bitte suche nicht nach mir. Victor hat herausgefunden, dass Emily seine Tochter ist.**
Meine Hände wurden eiskalt.
Ich las weiter.
**Er wird alles tun, damit niemand erfährt, dass sie existiert.**
Ich sah Richard an.
„Emily?“
Er nickte kaum merklich.
„Sie wusste also schon damals, wer mein Vater war.“
„Offenbar.“
„Und warum hat sie dich dann nie als meinen Vater genannt?“
Richard nahm einen zweiten Brief.
Doch bevor er ihn öffnen konnte, ertönte ein Geräusch aus dem Obergeschoss.
Ein langsamer Schritt.
Dann noch einer.
Thomas zog seine Taschenlampe hoch.
„Bleiben Sie hinter mir.“
Wir gingen die Treppe hinauf.
Oben war niemand.
Nur eine Tür stand offen.
Dahinter befand sich ein kleines Kinderzimmer.
An der Wand hingen verblasste Bilder. Ein altes Kinderbett stand unter dem Fenster.
Auf dem Tisch lag ein Umschlag.
Darauf stand mein Name.
**Emily Carter.**
Ich öffnete ihn mit zitternden Fingern.
Darin lag ein kleiner Schlüssel und ein einzelner Satz:
**Wenn du die Wahrheit über deine Geburt erfahren willst, öffne das Schließfach 317 in Zürich. Aber vertraue Richard nicht, bis du den letzten Brief gelesen hast.**
Ich hob langsam den Blick.
Richard stand in der Tür.
Sein Gesicht war voller Schmerz.
Doch bevor er etwas sagen konnte, klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Diesmal war es keine Nachricht.
Es war ein Videoanruf.
Ich nahm an.
Ashley erschien auf dem Bildschirm. Ihr Gesicht war verweint, hinter ihr lag Dunkelheit.
„Emily“, flüsterte sie. „Du musst sofort aus diesem Haus verschwinden.“
„Warum?“
Ashley sah panisch über ihre Schulter.
„Weil Victor Carter nicht tot ist.“
Hinter ihr fiel eine Tür ins Schloss.
Dann hörte ich eine Männerstimme.
„Ashley, du hättest sie niemals anrufen dürfen.“
Der Bildschirm wurde schwarz.







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