Das Licht erlosch.
Für einen Augenblick hörte ich nur meinen eigenen Atem. Dann knallte irgendwo im Erdgeschoss eine Tür. Thomas zog sofort seine Taschenlampe hervor und stellte sich zwischen mich und den Flur. Richard griff nach meinem Arm.
„Bleib hinter mir.“
„Nein“, flüsterte ich. „Nicht wieder.“
Ich konnte es nicht noch einmal ertragen, irgendwo zu stehen und darauf zu warten, dass ein anderer über mein Leben entschied.
Daniel hingegen bewegte sich keinen Zentimeter. Er stand noch immer neben dem Tisch und starrte auf sein Telefon. Das Licht des Displays warf einen blassen Schein auf sein Gesicht.
„Du hast gesagt, Victor ist hier“, sagte ich.
Daniel nickte.
„Wo?“
„Im Haus.“
Ein Geräusch ertönte über uns.
Ein Schritt.
Dann ein zweiter.
Langsam ging jemand über den Holzboden des oberen Stockwerks.
Thomas gab den Sicherheitsleuten ein Zeichen. Zwei Männer gingen zur Treppe, während Richard mich zur Seite zog.
„Wir müssen in einen sicheren Raum.“
„Und Daniel?“
„Er bleibt hier.“
Daniel lachte bitter.
„Du vertraust mir immer noch nicht, Vater.“
Richard sah ihn kalt an. „Nach allem, was passiert ist, wäre es dumm, dir zu vertrauen.“
„Dann bist du wenigstens nicht völlig blind.“
Plötzlich ging die Tür am Ende des Flurs auf.
Niemand stand dahinter.
Doch auf dem Boden lag ein Umschlag.
Thomas ging langsam hin, hob ihn auf und öffnete ihn.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Herr Carter.“
Richard nahm den Umschlag.
Darin befand sich ein Foto.
Ein aktuelles Foto.
Es zeigte mich vor wenigen Minuten im Kinderzimmer.
Jemand hatte mich dort fotografiert.
Von außen.
Durch das Fenster.
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
Auf der Rückseite stand:
**Du hast immer noch nicht verstanden, warum Michael dich töten sollte.**
Richard zerknüllte das Papier beinahe in seiner Faust.
„Wir bringen Emily sofort weg.“
Doch Daniel schüttelte den Kopf.
„Zu spät.“
„Was soll das heißen?“
Daniel zeigte auf das Foto.
„Wenn Victor wirklich hier ist, dann wollte er nicht Emily töten.“
Ich sah ihn an.
„Was will er dann?“
Daniel sah mich direkt an.
„Deinen Sohn.“
Mir wurde schlagartig kalt.
Mein Baby.
Mein kleiner Junge, der noch immer auf der Intensivstation lag und nicht einmal wusste, wie gefährlich die Welt außerhalb seines Inkubators geworden war.
Ich griff nach meinem Telefon.
Kein Netz.
„Das Krankenhaus“, flüsterte ich.
Richard nahm sofort sein eigenes Telefon.
Auch dort kein Signal.
Thomas versuchte über sein Funkgerät Kontakt aufzunehmen.
Nur Rauschen.
Dann ertönte aus dem Obergeschoss eine Männerstimme.
„Ihr seid zu spät.“
Richard erstarrte.
Ich kannte diese Stimme nicht.
Aber Daniel kannte sie.
Sein Gesicht wurde weiß.
„Victor.“
Ein Mann erschien oben an der Treppe.
Er war älter, als ich erwartet hatte. Graues Haar. Dunkler Mantel. Ruhige Augen. Keine Wut. Keine Hast.
Das machte ihn noch beängstigender.
Richard trat nach vorn.
„Victor.“
Der Mann lächelte.
„Bruder.“
Ich konnte nicht atmen.
Zwölf Jahre lang hatte Richard geglaubt, sein Bruder sei tot.
Doch Victor Carter stand direkt vor uns.
„Du hast dich nicht verändert“, sagte Victor ruhig. „Du glaubst immer noch, Geld könne jedes Problem lösen.“
Richard ballte die Fäuste.
„Was hast du mit Claire gemacht?“
Zum ersten Mal verschwand das Lächeln aus Victors Gesicht.
„Ich habe sie nicht getötet.“
Meine Mutter.
Allein dieses Wort ließ meine Knie weich werden.
„Wo ist sie?“, fragte ich.
Victor sah mich an.
Lange.
Dann sagte er:
„Du hast ihre Augen.“
Richard stellte sich sofort vor mich.
Victor lachte leise.
„Immer noch derselbe Beschützer.“
„Wo ist Claire?“, wiederholte Richard.
Victor schwieg.
Daniel trat plötzlich vor.
„Sag es ihr.“
Victor sah seinen Sohn an.
„Du solltest nicht hier sein.“
„Ich habe genug getan.“
„Du hast genau das getan, was ich von dir verlangt habe.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Daniel arbeitet für dich?“
Daniel senkte den Blick.
„Am Anfang.“
Mein Herz schlug schneller.
„Und jetzt?“
Er sah mich an.
„Jetzt versuche ich, dich zu retten.“
Victor griff plötzlich in seine Manteltasche.
Thomas hob sofort seine Hand.
„Nicht!“
Doch Victor zog keinen Gegenstand hervor.
Er hielt nur einen kleinen Schlüssel hoch.
„Schließfach 317.“
Ich erkannte ihn sofort.
Es war derselbe Schlüssel, den ich im Kinderzimmer gefunden hatte.
„Woher hast du den?“
Victor lächelte.
„Weil es nie zwei Schlüssel gab.“
Ich sah auf meine Hand.
Der Schlüssel, den ich dort hielt, war plötzlich nicht mehr da.
Jemand hatte ihn mir unbemerkt abgenommen.
Victor drehte sich um und ging die Treppe hinauf.
„Wenn du wissen willst, wer dein Vater wirklich ist, komm morgen allein nach Zürich.“
„Und mein Sohn?“
Victor blieb stehen.
„Dein Sohn ist der Grund, warum Michael dich niemals lebend zurückkommen lassen durfte.“
Dann verschwand er im Dunkeln.
Richard rannte die Treppe hinauf.
Doch Victor war bereits verschwunden.
Thomas kam zurück und hielt sein Funkgerät ans Ohr.
Plötzlich meldete sich eine Stimme.
„Zentrale an Carter.“
Thomas wurde blass.
„Was ist?“, fragte Richard.
Thomas sah mich an.
„Die Neonatologie hat gerade angerufen.“
Mein Herz blieb stehen.
„Was ist mit meinem Sohn?“
Er schluckte.
„Der Inkubator Ihres Sohnes ist leer.“







No comments yet