„Das ist unmöglich.“
Meine Stimme war so leise, dass ich sie selbst kaum wiedererkannte. Alexander stand noch immer neben dem Tisch, während aus meinem Telefon Matthias’ angespannter Atem drang. Vor mir lag das Dokument mit meinem Namen, meiner Patientennummer und einer Unterschrift, die auf den ersten Blick tatsächlich wie meine aussah.
„Ich habe niemals irgendeinem Forschungsprogramm zugestimmt“, sagte ich.
„Das weiß ich“, antwortete Matthias.
Alexander beugte sich zu mir. „Stell ihn auf Lautsprecher.“
Ich zögerte, tat es dann aber.
„Matthias“, sagte Alexander, „erklär uns genau, was dieses H-Protokoll war.“
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Ein experimentelles Screeningprogramm. Offiziell sollte untersucht werden, ob bestimmte erbliche Erkrankungen bereits vor einer künstlichen Befruchtung erkannt werden können. Die Hartmann-Stiftung finanzierte einen Teil der Forschung.“
„Warum habe ich davon nichts gewusst?“, fragte Alexander.
„Weil die Finanzierung über eine Tochtergesellschaft der Stiftung lief.“
Alexander griff nach dem Blatt.
„Und was hat Laura damit zu tun?“
„Eigentlich gar nichts. Ihre Behandlung lief in der normalen reproduktionsmedizinischen Abteilung. Aber jemand hat ihre Akte nachträglich dem Forschungsprogramm zugeordnet.“
Mir wurde kalt.
„Nachträglich?“
„Drei Tage nach deinem letzten Behandlungstermin.“
Ich erinnerte mich an diesen Tag. Regen über Berlin. Ein Taxi vor der Klinik. Ich hatte Alexander anrufen wollen und es dann doch nicht getan, weil wir am Abend zuvor wieder darüber gestritten hatten, dass ich ständig „wegen der Arbeit“ unterwegs sei.
Damals hatte ich geglaubt, Schweigen würde unsere Ehe schützen.
Heute wusste ich, wie teuer dieses Schweigen geworden war.
„Wer konnte Akten verändern?“, fragte Alexander.
„Nur wenige Personen.“
„Namen.“
„Alexander—“
„Namen, Matthias.“
Ich sah ihn scharf an. „Du kommandierst ihn nicht herum.“
Alexander drehte sich zu mir. Für einen Moment blitzte der alte Mann durch, der gewohnt war, dass jeder gehorchte. Doch dann atmete er aus.
„Bitte.“
Matthias nannte drei Personen. Zwei Ärzte, die längst nicht mehr in Deutschland arbeiteten.
Der dritte Name ließ Alexander erstarren.
„**Dr. Helena Vogt**.“
Ich kannte ihn nicht.
Alexander offensichtlich schon.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Er setzte sich langsam.
„Sie war die medizinische Beraterin meines Vaters.“
„War?“
„Fast zwanzig Jahre.“
Matthias bestätigte es. „Und sie hatte Zugang zum H-Protokoll.“
„Wo ist sie heute?“
„Das weiß ich nicht. Sie verließ die Klinik wenige Wochen nach Lauras Behandlung.“
Alexander sah auf den Brief seines Vaters.
„Das ist kein Zufall.“
„Nein“, sagte Matthias. „Vermutlich nicht.“
Ich wollte gerade fragen, ob er noch etwas gefunden hatte, als im Hintergrund Kinderstimmen erklangen.
Sofort richtete ich mich auf.
„Sind die Jungs noch bei dir?“
„Ja. Deine Mutter ist ebenfalls hier. Alles in Ordnung.“
Ich atmete auf.
„Ich komme bald.“
„Laura.“ Matthias’ Stimme wurde ernster. „Bevor du auflegst: Unterschreib nichts. Gib niemandem medizinische Unterlagen. Und wenn Alexander einen DNA-Test möchte, macht ihn nicht über irgendeine Firma, die mit Hartmann verbunden ist.“
Alexander hob den Kopf.
„Warum?“
„Weil ich inzwischen nicht mehr weiß, wem damals welche Daten zugänglich waren.“
Die Verbindung endete.
Eine Weile saßen Alexander und ich schweigend da.
„Ich möchte meine Kinder sehen“, sagte er schließlich.
Da war es.
Der Satz, vor dem ich mich seit dem Flughafen gefürchtet hatte.
„Du hast sie gesehen.“
„Du weißt, was ich meine.“
„Sie kennen dich nicht.“
„Weil ich nicht wusste, dass sie existieren.“
„Und das macht dich nicht automatisch zu ihrem Vater.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Biologisch offenbar schon.“
„Vatersein ist mehr als Biologie.“
„Glaubst du, ich weiß das nicht?“
„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was du weißt.“
Er stand auf und ging zum Fenster. Unter uns glitzerten die Lichter Münchens.
„Ich habe fünf Jahre lang geglaubt, du hättest mich betrogen“, sagte er. „Ich habe dich dafür gehasst.“
„Das habe ich gemerkt.“
„Und jetzt erfahre ich innerhalb weniger Stunden, dass du schwanger warst, dass mein Vater deinen Brief versteckt hat und dass irgendein Forschungsprogramm unsere medizinischen Daten hatte.“
Er drehte sich um.
Zum ersten Mal klang keine Arroganz in seiner Stimme.
„Ich weiß nicht einmal, welcher Teil meines eigenen Lebens echt war.“
Dieser Satz traf mich unerwartet.
Ich nahm Friedrichs Brief wieder in die Hand.
„Wir haben noch nicht alles gelesen.“
Alexander kam zurück.
Unter dem Dokument befand sich tatsächlich eine weitere Seite, die wir übersehen hatten. Die Handschrift war zittriger geworden.
Alexander begann zu lesen.
„Ich habe Dinge getan, von denen ich glaubte, dass sie notwendig seien. Wenn du eines Tages erfährst, dass Laura Kinder bekommen hat, verurteile sie nicht, bevor du die Unterlagen aus Starnberg gesehen hast.“
Alexander hielt inne.
„Starnberg?“
Ich kannte dort keine Klinik.
Er las weiter.
„Der Schlüssel befindet sich dort, wo deine Mutter ihn niemals gesucht hätte.“
Das war alles.
„Deine Mutter?“, fragte ich.
Alexanders Gesicht veränderte sich.
Seine Mutter Charlotte Hartmann lebte noch immer auf dem Familienanwesen am Starnberger See. Während unserer Ehe hatte sie mich mit einer kühlen Höflichkeit behandelt, die beinahe schlimmer gewesen war als Friedrichs offene Ablehnung.
„Mein Vater hatte ein Arbeitszimmer im alten Bootshaus“, sagte Alexander langsam. „Meine Mutter durfte dort nie hinein.“
„Dann fahren wir hin.“
Er sah überrascht zu mir.
„Wir?“
„Mein Name steht auf diesen Unterlagen. Meine Kinder sind möglicherweise betroffen. Glaub nicht eine Sekunde, dass du das ohne mich untersuchst.“
Eine Stunde später standen wir vor dem Hartmann-Anwesen.
Ich hatte meiner Mutter gesagt, ich würde später kommen. Von den Unterlagen erzählte ich ihr nichts.
Noch nicht.
Das Bootshaus lag am dunklen See, abseits der Villa. Alexander öffnete die Tür mit einem alten Schlüssel, den seine Assistentin aus Friedrichs Büro gebracht hatte.
Drinnen roch es nach Holz, Staub und Wasser.
Wir suchten fast zwanzig Minuten.
Dann entdeckte ich hinter einem Regal einen kleinen eingelassenen Safe.
„Alexander.“
Er kam zu mir.
Der Schlüssel passte.
Im Safe lagen mehrere Ordner und eine kleine schwarze Metallkassette.
Auf dem obersten Ordner stand:
**H-PROTOKOLL – PHASE III**
Darunter:
**WINTER, LAURA**
Meine Hände begannen zu zittern.
Alexander öffnete den Ordner.
Die ersten Seiten enthielten Laborwerte. Blutanalysen. Embryologische Berichte.
Dann sah ich drei Bezeichnungen.
**Embryo A. Embryo B. Embryo C.**
Daneben jeweils dieselbe Notiz:
**erfolgreich implantiert.**
„Drillinge“, flüsterte Alexander.
Ich blätterte weiter.
Plötzlich fiel ein Foto heraus.
Es zeigte Friedrich Hartmann vor der Klinik.
Neben ihm stand Dr. Helena Vogt.
Und neben Helena stand eine dritte Person.
Mir blieb der Atem weg.
„Nein.“
Alexander hob das Foto auf.
„Du kennst ihn?“
Natürlich kannte ich ihn.
Ich hatte diesen Mann seit Jahren nicht gesehen, aber ich hätte sein Gesicht überall erkannt.
„Das ist Professor Martin Winter.“
Alexander sah mich verständnislos an.
Ich konnte meinen Blick nicht von dem Foto lösen.
„Mein Vater.“
Alexander schwieg.
Mein Vater war angeblich zwei Jahre vor meiner Kinderwunschbehandlung bei einem Autounfall in der Schweiz ums Leben gekommen.
Doch auf der Rückseite des Fotos stand ein Datum.
Ich nahm es Alexander aus der Hand.
Las es noch einmal.
Und noch einmal.
Das Foto war sechs Monate nach dem angeblichen Tod meines Vaters aufgenommen worden.
Unter dem Datum hatte Friedrich nur vier Worte geschrieben:
**Laura darf nichts erfahren.**







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