„Gib mir meine Mutter.“
Meine Stimme zitterte nicht mehr. Vielleicht war die Angst einfach zu groß geworden, um noch irgendwohin zu können.
Am anderen Ende schwieg mein Vater.
„Papa, gib mir sofort Mama.“
Dann hörte ich Bewegung, gedämpfte Stimmen und schließlich meine Mutter.
„Laura?“
„Geht es euch gut?“
„Ja.“
„Den Kindern?“
„Auch.“
Ich schloss die Augen. Erst jetzt merkte ich, dass Alexander dicht neben mir stand.
„Was macht er bei euch?“
Meine Mutter antwortete nicht sofort.
„Mama.“
„Martin ist vor zwanzig Minuten gekommen.“
„Und du bist nicht überrascht, einen Toten vor deiner Tür zu sehen?“
Stille.
Da verstand ich.
Nicht alles.
Aber genug.
„Du wusstest es.“
„Laura, bitte—“
„Du wusstest, dass Papa lebt.“
Meine Mutter begann zu weinen.
Ich legte auf.
„Wir fahren“, sagte ich.
Alexander griff bereits nach seinem Mantel.
Charlotte stellte sich uns in den Weg.
„Wenn Martin wirklich zurück ist, müsst ihr verstehen, dass er nicht ohne Grund sieben Jahre verschwunden war.“
„Dann kann er mir den Grund selbst erklären.“
„Laura—“
„Meine Kinder sind dort.“
Damit war die Diskussion beendet.
Während der Fahrt sagte Alexander kaum etwas. Erst kurz vor dem Haus meiner Mutter fragte er: „Soll ich draußen bleiben?“
Ich sah ihn überrascht an.
Der Alexander von früher hätte diese Entscheidung selbst getroffen.
„Nein.“
Als wir ankamen, standen die drei Jungen hinter dem Wohnzimmerfenster. Sobald sie mich sahen, rannten sie zur Tür.
Ich ging in die Knie und zog sie an mich.
„Alles gut?“
Drei Stimmen redeten gleichzeitig. Der fremde Mann hatte Schokolade gebracht. Oma hatte geweint. Noah hatte Angst bekommen, weil alle so komisch gewesen waren.
Dann erschien meine Mutter im Flur.
Hinter ihr stand Martin Winter.
Mein Vater.
Älter. Dünner. Grauer.
Aber lebendig.
Ich stand langsam auf.
Sieben Jahre Trauer verwandelten sich in wenigen Sekunden in etwas, für das ich keinen Namen hatte.
„Du bist tot.“
Mein Vater senkte den Blick.
„Für die meisten Menschen ja.“
Meine Hand bewegte sich, bevor ich darüber nachdenken konnte.
Die Ohrfeige hallte durch den Flur.
Sofort bereute ich, dass die Jungen es gesehen hatten.
„Matthias“, sagte ich. „Bitte bring sie nach oben.“
Er führte sie wortlos weg.
Als ihre Schritte verklungen waren, wandte ich mich wieder meinem Vater zu.
„Sieben Jahre.“
„Ich weiß.“
„Nein. Du weißt gar nichts. Ich habe an deinem Grab gestanden.“
Meine Mutter weinte leise.
„Laura, wir wollten dich schützen.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Wir?“
Sie brach meinen Blick ab.
Mein Vater setzte sich.
„Friedrich Hartmann und ich begannen vor fast dreißig Jahren gemeinsam zu forschen. Das H-Protokoll war ursprünglich meine Idee.“
Alexander wurde starr.
„Sie haben mit meinem Vater Menschen genetisch ausgewählt?“
„Nein. Genau deshalb kam es zum Bruch.“
Martin erklärte, dass Hereditas ursprünglich ein medizinisches Projekt gewesen war. Ziel war es, schwere Erbkrankheiten frühzeitig zu erkennen. Friedrich jedoch hatte irgendwann begonnen, mögliche Eigenschaften zukünftiger Kinder zu katalogisieren.
„Ich wollte aussteigen“, sagte mein Vater. „Friedrich wollte weitermachen.“
„Warum inszeniert man deswegen seinen Tod?“, fragte ich.
„Weil es nicht nur um Forschung ging.“
Er sah Alexander an.
„Es ging um Milliarden.“
Mehrere Patente aus der frühen Forschung seien später in Technologien eingeflossen, die Hartmanns Konzern indirekt genutzt habe. Nicht für genetische Eingriffe, sondern für biologische Materialanalyse und Energiespeicherverfahren. Ein öffentlicher Skandal hätte Investoren, Behörden und die gesamte Hartmann-Gruppe getroffen.
Alexander lachte bitter.
„Also hat mein Vater Sie bezahlt.“
„Anfangs.“
„M.W. Consulting.“
Mein Vater nickte.
„Schweigegeld?“
„Teilweise. Teilweise für meine weitere Forschung.“
Ich konnte ihn kaum ansehen.
„Und dein Tod?“
„Friedrich warnte mich, dass jemand begonnen hatte, interne Daten zu verkaufen. Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte. Der Unfall gab mir eine Möglichkeit zu verschwinden.“
„Und Mama wusste davon.“
Meine Mutter nickte unter Tränen.
„Nicht sofort. Erst Monate später.“
„Und ihr habt beide entschieden, dass eure erwachsene Tochter keine Wahrheit verdient?“
„Du warst mit Alexander verheiratet“, sagte mein Vater.
Alexander spannte den Kiefer an.
„Was soll das heißen?“
„Dass ich nicht wusste, wie viel Friedrich seinem Sohn erzählt hatte.“
„Gar nichts.“
Mein Vater musterte ihn lange.
Dann sah er mich an.
„Als ich erfuhr, dass du dich in derselben Klinik behandeln ließest, bekam ich Angst.“
„Warum?“
„Weil dein Name automatisch ein internes Warnsystem ausgelöst hat.“
Mir wurde kalt.
„Mein Name?“
„Winter und Hartmann. Zusammen.“
Er öffnete seine Ledertasche und legte einen dünnen Ordner auf den Tisch.
„Das H-Protokoll arbeitete mit bestimmten genetischen Familienlinien. Unsere Familien gehörten zu den ursprünglichen Datensätzen.“
Ich dachte an meine drei Söhne.
„Was bedeutet das für die Kinder?“
„Nichts Gefährliches, soweit ich weiß.“
„Soweit du weißt?“
„Laura, hör mir zu. Deine Embryonen wurden untersucht. Aber nach allem, was ich später rekonstruieren konnte, wurden sie nicht verändert.“
Alexander beugte sich vor.
„Dann warum die gefälschte Zustimmung?“
Mein Vater sah zu Boden.
„Damit die Ergebnisse legal in die Forschungsdatenbank aufgenommen werden konnten.“
„Wer hat unterschrieben?“
„Ich weiß es nicht.“
„Helena Vogt?“
Bei diesem Namen hob mein Vater abrupt den Kopf.
Das genügte mir.
„Du weißt, wo sie ist.“
„Nein.“
„Papa.“
„Ich weiß nur, dass sie nach Österreich gegangen ist.“
Alexander zog sein Handy hervor.
„Dann finde ich sie.“
„Nein.“
Mein Vater stand so schnell auf, dass der Stuhl nach hinten rutschte.
„Du kontaktierst sie nicht.“
„Warum?“
„Weil Helena nicht die Person ist, vor der ihr Angst haben müsst.“
Wieder diese verdammten halben Wahrheiten.
„Wer dann?“, fragte ich.
Mein Vater blickte zu meiner Mutter.
Sie begann noch stärker zu weinen.
„Sag es ihr“, flüsterte sie.
Martin öffnete den Ordner.
Darin lag ein altes Organigramm des Hereditas-Projekts.
Friedrich Hartmann.
Martin Winter.
Helena Vogt.
Mehrere weitere Namen.
Ganz oben stand jedoch eine Person, deren Name geschwärzt worden war.
„Friedrich hat das Projekt finanziert“, sagte mein Vater. „Ich habe die wissenschaftliche Grundlage entwickelt. Helena leitete später die medizinischen Abläufe.“
Er tippte auf die geschwärzte Stelle.
„Aber keiner von uns hatte die endgültige Kontrolle.“
„Wer hatte sie?“
„Das habe ich jahrelang versucht herauszufinden.“
Alexander nahm das Blatt.
„Und jetzt?“
Mein Vater zog einen kleinen USB-Stick aus der Tasche.
„Vor drei Wochen bekam ich eine Datei zugeschickt. Deshalb bin ich zurückgekommen.“
Er steckte den Stick in Matthias’ Laptop.
Auf dem Bildschirm erschien eine Liste.
Dutzende Namen.
Daneben Geburtsdaten.
Ich suchte automatisch nach meinen Söhnen.
Und fand sie.
**Jonas Winter. Elias Winter. Noah Winter.**
Neben jedem Namen stand:
**H3 – aktive Beobachtung.**
Meine Knie wurden weich.
„Was bedeutet aktive Beobachtung?“
„Dass jemand ihre Entwicklung verfolgt.“
Alexander fluchte leise.
Ich scrollte weiter.
Dann bemerkte ich einen vierten Eintrag direkt unter meinen Kindern.
Dasselbe Geburtsdatum.
Dasselbe Krankenhaus.
Eine andere Patientennummer.
**H3-04 – männlich.**
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Was ist H3-04?“
Mein Vater antwortete nicht.
Alexander sah ihn an.
„Martin.“
Schließlich setzte sich mein Vater wieder.
„Laura, laut den offiziellen Unterlagen wurden bei deiner Behandlung drei Embryonen erfolgreich implantiert.“
„Das wissen wir.“
„Ja.“
Er zeigte auf den vierten Eintrag.
„Aber laut dieser Datei existierten ursprünglich vier lebensfähige Embryonen.“
Mir wurde übel.
„Was willst du damit sagen?“
Mein Vater sah mich an.
„Der vierte wurde nicht vernichtet.“
Ich konnte kaum noch hören, was er sagte.
„Er wurde auch nicht bei dir eingesetzt.“
Alexander wurde kreidebleich.
„Wo ist er dann?“
Martin blickte wieder auf den Namenlosen Eintrag.
„Das ist genau der Grund, warum ich nach Deutschland zurückgekommen bin.“
Dann öffnete er die letzte Datei auf dem USB-Stick.
Ein aktuelles Foto erschien.
Darauf stand ein kleiner Junge vor einer Schule.
Dunkles Haar.
Graublaue Augen.
Und dasselbe Gesicht wie Jonas, Elias und Noah.
Unter dem Foto standen nur drei Worte:
**H3-04 lebt noch.**







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