Ich weiß nicht, wie lange ich auf das Foto starrte. Vielleicht waren es nur Sekunden. Vielleicht eine ganze Minute. Der Junge auf dem Bildschirm konnte fünf Jahre alt sein, höchstens. Er trug eine dunkelblaue Jacke und einen kleinen grünen Rucksack. Hinter ihm war das unscharfe Eingangstor einer Schule zu erkennen. Nichts an dem Bild war außergewöhnlich – außer seinem Gesicht.
„Das ist Jonas“, flüsterte ich.
„Nein“, sagte Alexander.
Ich sah ihn an.
Er hatte sein Telefon bereits herausgenommen und suchte nach einem Foto unserer Söhne, das er am Flughafen heimlich aufgenommen haben musste. Schließlich legte er beide Bilder nebeneinander.
„Nicht Jonas“, sagte er leise. „Aber verdammt nah dran.“
Mir wurde schlecht.
„Woher stammt dieses Foto?“
Mein Vater öffnete die Dateiinformationen. „Es wurde vor zwölf Tagen aufgenommen.“
„Wo?“
„Die Metadaten wurden entfernt.“
„Wer hat dir die Datei geschickt?“
„Eine anonyme E-Mail-Adresse.“
Alexander beugte sich über den Laptop. „Leite mir die Originalnachricht weiter.“
„Das habe ich bereits versucht zurückzuverfolgen.“
„Ich habe Leute, die besser darin sind.“
„Alexander.“
„Wenn irgendwo ein Kind lebt, das möglicherweise genetisch unseres ist, werde ich nicht hier sitzen und warten.“
**Unseres.**
Dieses Wort traf mich.
„Wir wissen nicht, was dieser Junge ist“, sagte ich.
Alexander drehte sich zu mir.
„Er ist kein Was.“
Ich schloss die Augen.
„Das meinte ich nicht.“
„Ich weiß.“
Seine Stimme war plötzlich sanfter.
„Aber wenn dieser Embryo von uns stammt, Laura, dann ist er ein Kind.“
Genau davor hatte ich Angst.
Nicht vor dem wissenschaftlichen Skandal. Nicht vor Friedrichs Geheimnissen.
Vor diesem Gedanken.
Irgendwo könnte ein kleiner Junge schlafen, frühstücken, lachen, weinen und keine Ahnung haben, dass drei Kinder existierten, die beinahe genauso aussahen wie er.
„Wer könnte den Embryo genommen haben?“, fragte ich meinen Vater.
Martin rieb sich über das Gesicht. „Nur jemand mit direktem Zugang zum Labor.“
„Helena.“
„Möglich.“
„Du verteidigst sie.“
„Nein.“
„Dann hör auf, bei jedem ihrer Namen auszuweichen.“
Mein Vater stand auf und ging zum Fenster.
„Helena Vogt war nicht nur meine Kollegin.“
Meine Mutter wandte das Gesicht ab.
Da verstand ich, dass noch etwas kam.
„Was war sie?“
„Meine Schwester.“
Stille.
„Was?“
„Halbschwester. Gleicher Vater. Verschiedene Mütter.“
Ich lachte einmal kurz auf. Es klang fremd.
„Ich habe also eine Tante, von der ich nie wusste.“
„Ja.“
„Lebt noch jemand in unserer Familie, von dem ihr vergessen habt, mir zu erzählen?“
Meine Mutter begann: „Laura—“
„Nein.“
Ich hob die Hand.
„Keine Entschuldigungen mehr.“
Alexander schwieg. Vielleicht begriff er gerade, dass seine Familie nicht das Monopol auf Geheimnisse besaß.
Mein Vater erklärte, Helena habe schon früh an Hereditas mitgearbeitet. Sie sei brillant gewesen, aber zunehmend überzeugt davon, dass genetische Forschung nicht nur Krankheiten verhindern, sondern menschliche Entwicklung gezielt verbessern könne.
„Friedrich liebte diese Idee“, sagte Martin. „Deshalb arbeiteten die beiden weiter, nachdem ich ausgestiegen war.“
„Und du glaubst, Helena hat meinen vierten Embryo genommen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Aber du hältst es für möglich.“
Er nickte.
Plötzlich hörte ich Schritte auf der Treppe.
Jonas stand im Türrahmen.
„Mama?“
Ich klappte den Laptop sofort zu.
„Warum bist du nicht im Bett?“
„Noah schnarcht.“
Unter anderen Umständen hätte ich gelacht.
Er kam näher und bemerkte Alexander.
„Du bist auch hier.“
Alexander wirkte plötzlich nervöser als bei jedem Gespräch zuvor.
„Ja.“
Jonas musterte ihn.
Dann fragte er völlig unvermittelt: „Bist du unser Papa?“
Niemand bewegte sich.
Kinder haben manchmal eine grausame Begabung, genau jene Frage auszusprechen, vor der Erwachsene stundenlang davonlaufen.
Ich ging vor Jonas in die Hocke.
„Wer hat dir das gesagt?“
„Niemand.“
„Warum fragst du dann?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Weil er aussieht wie wir. Und weil Oma geweint hat.“
Ich sah zu Alexander.
Er überließ mir die Entscheidung.
„Ja“, sagte ich schließlich. „Alexander ist euer Vater.“
Jonas sah ihn lange an.
„Warum warst du nie da?“
Alexander wurde blass.
Ich wollte eingreifen.
Doch er kniete sich hin.
„Weil ich nicht wusste, dass es euch gibt.“
„Warum nicht?“
Alexander blickte kurz zu mir.
„Weil Erwachsene manchmal sehr große Fehler machen.“
Jonas dachte darüber nach.
„Hast du einen gemacht?“
Alexander schluckte.
„Ja.“
„Mama auch?“
„Jonas“, sagte ich.
Alexander überraschte mich.
„Deine Mama hat versucht, mir von euch zu erzählen. Ich habe ihr damals nicht richtig zugehört.“
Jonas nickte, als wäre diese Antwort fürs Erste ausreichend.
Dann ging er auf Alexander zu.
„Kannst du morgen mit uns frühstücken?“
Ich hielt den Atem an.
Alexander ebenfalls.
„Wenn deine Mama das erlaubt.“
Jonas sah zu mir.
Ich hätte Nein sagen können.
Vielleicht wäre es einfacher gewesen.
„Eine Stunde“, sagte ich.
Ein kleines Lächeln erschien auf Alexanders Gesicht.
„Eine Stunde.“
Jonas ging wieder nach oben.
Erst als seine Schritte verschwunden waren, bemerkte ich, dass mein Vater mich beobachtete.
„Was?“
„Nichts.“
„Sag es.“
„Friedrich hätte alles dafür gegeben, diesen Moment zu sehen.“
„Friedrich hat verhindert, dass dieser Moment fünf Jahre früher passiert.“
Mein Vater senkte den Blick.
Dann öffnete Alexander den Laptop wieder.
„Wir finden den Jungen.“
Er vergrößerte das Foto.
„Schule, Kleidung, Hintergrund. Irgendetwas muss uns sagen, wo er ist.“
Matthias setzte sich dazu. Gemeinsam untersuchten wir jedes Detail. Das Nummernschild eines Autos war unleserlich. Das Schulgebäude generisch. Auf dem Rucksack gab es kein Logo.
Dann bemerkte Matthias etwas.
„Wartet.“
Er zeigte auf den Hintergrund.
Hinter dem Schultor hing ein kleines Schild.
Nur wenige Buchstaben waren erkennbar.
**…see Internationale Schule.**
Alexander begann sofort zu suchen.
Nach wenigen Minuten hatten wir drei Möglichkeiten.
Eine davon lag in Österreich.
Nahe Salzburg.
Mein Vater wurde still.
„Was?“, fragte ich.
„Helena hatte dort ein Haus.“
Alexander stand bereits auf.
„Dann fahren wir morgen.“
„Nein“, sagte Martin.
„Warum nicht?“
„Weil ihr immer noch nicht versteht, was diese Datei bedeutet.“
Er öffnete die ursprüngliche Nachricht.
Unter dem Foto befand sich ein Text, den er uns bisher nicht gezeigt hatte.
Nur zwei Sätze:
**Das vierte Kind gehört nicht euch. Wenn Laura nach ihm sucht, erfährt sie, warum die drei anderen wirklich geboren wurden.**
Mein Herz schlug gegen meine Rippen.
„Warum hast du uns das verschwiegen?“
„Weil ich gehofft hatte, zuerst herauszufinden, wer es geschickt hat.“
Alexander nahm das Telefon.
Doch bevor er jemanden anrufen konnte, erschien auf meinem eigenen Handy eine neue Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Ein Foto.
Diesmal zeigte es nicht den fremden Jungen.
Es zeigte Jonas, Elias und Noah.
Heute Nachmittag.
Aufgenommen vor dem Haus meiner Mutter.
Darunter stand:
**Sie sehen Friedrich ähnlicher, als Laura ahnt.**
Ich zeigte das Display den anderen.
Niemand sagte etwas.
Dann vibrierte das Telefon erneut.
Eine zweite Nachricht erschien.
**Frag Alexander, warum sein Vater schon vor eurer Hochzeit wusste, dass ihr vier Söhne bekommen würdet.**







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