Für einen Moment hörte ich nichts außer meinem eigenen Atem.
Dann das leise, gleichmäßige Piepen des Monitors.
Piep.
Piep.
Piep.
Die Dunkelheit verschluckte das gesamte Zimmer.
„Ethan?“, flüsterte ich.
Keine Antwort.
Ich tastete mit ausgestreckten Händen nach dem Bett, stieß dabei gegen den Stuhl und biss mir auf die Lippe, um nicht aufzuschreien.
Mein Handy war noch in meiner Hand.
Der Bildschirm leuchtete schwach.
Die Nachricht war weiterhin geöffnet.
ER IST WEGEN DIR AUFGEWACHT. JETZT MÜSST IHR BEIDE STERBEN.
Mein Magen zog sich zusammen.
Jemand beobachtete uns.
Nicht irgendwann.
Nicht aus der Ferne.
Jetzt.
Ich schaltete die Taschenlampe meines Handys ein.
Der Lichtkegel glitt über den Teppich, über die Wand, über Ethan.
Er lag reglos im Bett.
„Ethan.“
Ich griff nach seiner Hand.
Nichts.
Mein Herz sank.
Dann erinnerte ich mich an die Spritze.
Das Beruhigungsmittel.
Vielleicht konnte er mich hören und einfach nicht reagieren.
Ich beugte mich dicht zu ihm.
„Wenn du mich hörst, musst du nichts tun. Ich bleibe hier.“
Ein Geräusch kam vom Flur.
Ein leises Kratzen.
Direkt an der Tür.
Ich richtete mich auf.
Der Griff bewegte sich langsam nach unten.
Ich hatte abgeschlossen.
Jemand versuchte trotzdem hineinzugelangen.
Meine Finger schlossen sich um das kleine Aufnahmegerät, das ich im Nachttisch gefunden hatte.
Ich wusste nicht einmal, was darauf gespeichert war.
Aber wenn Ethan es versteckt hatte, musste es wichtig sein.
Der Türgriff bewegte sich erneut.
Dann Stille.
Ich wartete.
Zehn Sekunden.
Zwanzig.
Dreißig.
Plötzlich flackerte das Licht wieder auf.
Ich zuckte zusammen.
Fast gleichzeitig klopfte jemand.
„Frau Bergmann?“
Es war die Pflegekraft.
Ich öffnete nicht.
„Was ist?“
„Es gab einen kurzen Stromausfall.“
„Nur in diesem Zimmer?“
Eine Pause.
„Im Westflügel.“
Ich blickte zu den Lampen draußen am See.
Sie hatten die ganze Zeit geleuchtet.
„Mir geht es gut.“
„Ich sollte nach Herrn Bergmann sehen.“
„Morgen.“
Wieder Schweigen.
Dann entfernten sich ihre Schritte.
Ich blieb noch lange an der Tür stehen.
Erst als ich sicher war, dass sie gegangen war, kehrte ich zu Ethan zurück.
Das Aufnahmegerät lag schwer in meiner Hand.
Ich drückte auf Wiedergabe.
Zunächst hörte ich nur Rauschen.
Dann eine Männerstimme.
Ethans Stimme.
Kräftiger als ich sie kannte.
Lebendig.
„Wenn du das hörst, ist etwas schiefgegangen.“
Ich hielt den Atem an.
Die Aufnahme musste vor seinem angeblichen Unfall entstanden sein.
„Ich habe in den letzten Wochen Unregelmäßigkeiten in mehreren Firmenkonten entdeckt. Kleine Überweisungen, verteilt auf Tochtergesellschaften. Zu klein, um bei einer oberflächlichen Prüfung aufzufallen.“
Papier raschelte.
„Jonas hat Zugriff auf einige dieser Gesellschaften. Aber ich weiß noch nicht, ob er allein handelt.“
Ich sah automatisch zur Tür.
Die Aufnahme lief weiter.
„Heute habe ich ihn konfrontiert. Er hat alles abgestritten.“
Eine kurze Pause.
Dann wurde Ethans Stimme leiser.
„Falls mir etwas passiert, darf niemand davon ausgehen, dass es ein Unfall war.“
Mir wurde kalt.
Dann hörte ich eine zweite Stimme im Hintergrund.
Gedämpft.
Kaum verständlich.
Eine Tür.
Schritte.
Ethan sagte: „Was machst du hier?“
Die Aufnahme brach ab.
Ich starrte auf das Gerät.
Das war kein Beweis für einen Mordversuch.
Aber es bewies, dass Ethan Jonas bereits vor seinem Zusammenbruch verdächtigt hatte.
Und dass Ethan selbst mit einem Angriff gerechnet hatte.
Ich drückte auf die nächste Datei.
Diesmal erklang eine Frauenstimme.
„Sie dürfen die Dosierung nicht weiter erhöhen.“
Die Stimme gehörte der Pflegekraft.
Eine Männerstimme antwortete.
„Dann sorgen Sie dafür, dass er trotzdem ruhig bleibt.“
Jonas.
Ich erkannte ihn sofort.
„Wenn er wieder reagiert, wird es Fragen geben“, sagte die Pflegekraft.
Jonas lachte leise.
„Dann darf er eben nicht wieder reagieren.“
Mein ganzer Körper erstarrte.
Ich stoppte die Aufnahme.
Meine Hände zitterten so stark, dass mir das Gerät beinahe herunterfiel.
Jetzt verstand ich Ethans Nachricht.
MEIN KOMA IST GIFT.
Vielleicht hatte nicht ein einzelner Angriff ihn neun Monate lang bewusstlos gehalten.
Vielleicht hielt jemand ihn absichtlich in diesem Zustand.
Tag für Tag.
Dosis für Dosis.
Ich sah zu Ethan.
„Du warst die ganze Zeit hier“, flüsterte ich.
Der Gedanke war schlimmer als alles, was ich bisher vermutet hatte.
Was, wenn er zeitweise wach gewesen war?
Was, wenn er hören konnte, wie Menschen über sein Vermögen, seine Firma und seine Zukunft entschieden?
Was, wenn jedes Mal, wenn er begann zurückzukommen, jemand ihn wieder sedierte?
Ich machte Fotos von Ethans handschriftlichem Zettel und vom Aufnahmegerät.
Dann schickte ich die Dateien an eine neue E-Mail-Adresse, die ich erst vor wenigen Monaten eingerichtet hatte und von der mein Vater nichts wusste.
Danach versteckte ich das Aufnahmegerät nicht wieder im Nachttisch.
Zu offensichtlich.
Ich schob es tief in das Innenfutter meines Koffers.
Kaum hatte ich den Reißverschluss geschlossen, klopfte es erneut.
Diesmal öffnete sich die Tür sofort.
Ich hatte vergessen, sie nach der Pflegekraft wieder abzuschließen.
Viktoria stand im Eingang.
Sie trug einen dunkelblauen Morgenmantel.
Ihr Gesicht war vollkommen ruhig.
„Du bist noch wach.“
„Nach so einem Tag überrascht Sie das?“
Ihre Augen wanderten durch das Zimmer.
Zum Nachttisch.
Zum Koffer.
Zu meinem Handy.
„Der Stromausfall hat dich erschreckt.“
Es war keine Frage.
„Ein wenig.“
Sie trat näher.
„Du solltest lernen, dich hier nicht vor Schatten zu fürchten.“
„Vielleicht fürchte ich keine Schatten.“
Zum ersten Mal veränderte sich ihr Ausdruck.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
„Was soll das bedeuten?“
Ich zwang mich zu einem schwachen Lächeln.
„Nichts.“
Viktoria betrachtete Ethan.
Dann mich.
„Jonas sagte, du hättest heute geglaubt, eine Reaktion bei ihm gesehen zu haben.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Jonas redet offenbar gern.“
„Er beobachtet gern.“
Diese Antwort ließ mich aufhorchen.
Viktoria ging zum Bett und strich Ethan eine Haarsträhne aus der Stirn.
Für einen Augenblick sah sie nicht kalt aus.
Nur müde.
„Neun Monate“, sagte sie leise.
„Neun Monate was?“
„Neun Monate hoffen Menschen auf Wunder, bis Hoffnung zu einer Form von Grausamkeit wird.“
Ich wusste nicht, ob sie mich warnte.
Oder sich selbst rechtfertigte.
„Glauben Sie, dass Ethan niemals aufwachen wird?“
Ihre Hand blieb auf der Bettdecke liegen.
„Ich glaube, dass in dieser Familie jeder etwas anderes braucht.“
Dann sah sie mich direkt an.
„Jonas braucht Ethan schwach.“
Mein Atem stockte.
Viktoria fuhr fort, bevor ich etwas sagen konnte.
„Dein Vater brauchte Geld.“
Ich wurde starr.
„Was hat mein Vater damit zu tun?“
„Mehr, als du glaubst.“
„Was soll das heißen?“
Sie wandte sich zur Tür.
„Es heißt, dass du dir eine Frage stellen solltest, bevor du hier irgendjemandem vertraust.“
„Welche?“
Viktoria blieb stehen.
„Warum wurde ausgerechnet dir diese Ehe angeboten?“
Dann ging sie.
Ich blieb zurück und starrte auf die geschlossene Tür.
Zum ersten Mal seit meiner Hochzeit dachte ich nicht an Jonas.
Ich dachte an meinen Vater.
An seine Worte.
Das rettet uns, Emma.
An die Schulden.
An die Geschwindigkeit, mit der plötzlich alles arrangiert worden war.
Und an eine Frage, die ich nie gestellt hatte.
Wer hatte meinen Vater überhaupt auf diese Möglichkeit gebracht?
Mein Handy vibrierte.
Ich zuckte zusammen.
Wieder eine unbekannte Nummer.
Diesmal war es kein Foto.
Nur ein Satz.
FRAG DEINEN VATER, WAS ER VOR NEUN MONATEN VERKAUFT HAT.
Ich starrte auf den Bildschirm.
Neun Monate.
Genau so lange lag Ethan bereits im Koma.
Hinter mir ertönte plötzlich ein raues Geräusch.
Ich drehte mich um.
Ethans Augen waren geöffnet.
Sein Blick wirkte benommen, aber wach.
Seine Lippen bewegten sich.
Zum ersten Mal kam tatsächlich ein Laut heraus.
Kaum mehr als ein Flüstern.
„Emma …“
Ich eilte zu ihm.
„Ich bin hier.“
Seine Finger krallten sich in meinen Ärmel.
Dann zwang er ein zweites Wort hervor.
„Vater.“
Ich erstarrte.
„Mein Vater?“
Ethans Augen füllten sich mit Panik.
Und er drückte einmal meine Hand.
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