Der zweite Schuss kam drei Sekunden später.
Diesmal traf er den Fensterrahmen.
Holz splitterte über uns hinweg.
Mein Vater packte mich am Arm und zog mich hinter den schweren Schreibtisch.
„Bleib unten.“
„Wer schießt auf uns?“
„Das weiß ich nicht.“
„Lüg mich nicht schon wieder an!“
Sein Gesicht verzog sich.
Draußen quietschten Reifen.
Dann entfernte sich ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit.
Stille.
Nur mein Atem.
Und das Ticken der alten Wanduhr.
Mein Vater wartete noch einige Sekunden, bevor er sich langsam aufrichtete.
„Bist du verletzt?“
„Nein.“
Er griff nach seinem Handy.
Ich schlug seine Hand weg.
„Nicht.“
Er sah mich überrascht an.
„Ethan hat mich gewarnt, nichts übers Telefon zu besprechen.“
Bei seinem Namen wurde mein Vater vollkommen still.
„Er ist wach?“
Ich bereute sofort, dass ich es gesagt hatte.
„Woher kennst du ihn?“
„Emma—“
„Nein. Keine Ausreden mehr.“
Ich hielt den USB-Stick hoch.
„Du hast geschrieben, Ethan sei nicht das eigentliche Ziel gewesen.“
Mein Vater setzte sich langsam auf den Boden.
Zum ersten Mal in meinem Leben wirkte er wirklich alt.
„Ich habe vor neun Monaten Unterlagen aus einem Beratungsprojekt verkauft.“
„An wen?“
„An eine Firma namens König Advisory.“
„Nie gehört.“
„Das solltest du auch nicht.“
Er rieb sich über das Gesicht.
„Es war eine Briefkastenfirma. Damals wusste ich das nicht.“
„Und was war in den Unterlagen?“
„Eine Liste mit Beteiligungen, internen Abstimmungen, geplanten Übernahmen und den Namen von Leuten, die bestimmte Entscheidungen blockieren konnten.“
„Ethan.“
„Ja.“
„Und noch jemand.“
Mein Vater sah mich an.
„Viktoria.“
Ich erstarrte.
„Warum sollte jemand Viktoria ausschalten wollen?“
„Weil sie die einzige Person im Bergmann-Konzern war, die eine bestimmte Fusion verhindern konnte.“
„Welche Fusion?“
„Bergmann Industries sollte Teile seines Medizintechnikgeschäfts mit einem ausländischen Konzern zusammenlegen. Milliardenvolumen. Ethan war dagegen.“
„Warum?“
„Er hatte entdeckt, dass die Bewertung manipuliert worden war.“
Mir fiel sofort Ethans Aufnahmegerät ein.
Unregelmäßigkeiten in mehreren Firmenkonten.
Kleine Überweisungen.
Tochtergesellschaften.
„Jonas war beteiligt.“
„Teilweise.“
„Was heißt teilweise?“
Mein Vater sah zur zerbrochenen Scheibe.
„Jonas profitierte davon. Aber er war nicht der Kopf.“
„Wer dann?“
„Das habe ich nie herausgefunden.“
„Du hast gerade gesagt, dass selbst Jonas Angst vor dieser Person hat.“
„Weil ich ihn einmal gesehen habe.“
Mein Herz schlug schneller.
„Wen?“
„Nicht sein Gesicht.“
Ich starrte ihn an.
„Das soll ein Witz sein?“
„Ich habe damals die Unterlagen persönlich übergeben. In einem Hotel in München. Jonas war dort.“
„Also hat Jonas dich bezahlt.“
„Nein.“
„Aber er war da.“
„Ja.“
„Und die andere Person?“
Mein Vater nickte langsam.
„Saß mit dem Rücken zu mir.“
„Mann oder Frau?“
„Ich konnte es nicht erkennen.“
„Stimme?“
„Verzerrt. Über ein kleines Gerät.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Das klingt absurd.“
„Ich weiß.“
„Was wurde gesagt?“
Mein Vater schloss die Augen.
„Dass Ethan zuerst gestoppt werden müsse.“
„Und Viktoria?“
„Sie sollte erst später verschwinden.“
Mir wurde kalt.
„Verschwinden?“
„So wurde es gesagt.“
Ich dachte an Viktoria.
An ihre kontrollierte Haltung.
An ihren Satz.
Jonas braucht Ethan schwach.
Vielleicht wusste sie mehr, als sie mir gezeigt hatte.
Vielleicht war sie selbst in Gefahr.
Oder sie spielte ein viel gefährlicheres Spiel.
„Was ist auf dem USB-Stick?“
Mein Vater sah darauf.
„Kopien der Unterlagen, die ich verkauft habe. Zahlungsbelege. Ein Ausschnitt aus einer Überwachungskamera im Hotel.“
„Du hast eine Aufnahme?“
„Nicht genug, um jemanden eindeutig zu identifizieren.“
„Aber genug, um Jonas dort zu zeigen?“
Er nickte.
„Warum bist du damit nicht zur Polizei gegangen?“
Sein Blick fiel zu Boden.
„Weil ich erpresst wurde.“
„Womit?“
„Mit dir.“
Mir blieb die Luft weg.
„Mit mir?“
„Sie wussten, wo du arbeitest. Welche Strecke du morgens fährst. Wo du einkaufst.“
Ich trat einen Schritt zurück.
„Und du hast mir nichts gesagt.“
„Ich wollte dich schützen.“
„Indem du mich mit Ethan verheiratet hast?“
Er sah mich an.
Schweigen.
Alles in mir wurde plötzlich ruhig.
Zu ruhig.
„Diese Ehe war nicht nur wegen deiner Schulden.“
Er antwortete nicht.
„Papa.“
„Nein.“
„Sag es.“
Seine Stimme brach.
„Die Schulden waren echt.“
„Aber?“
„Aber das Angebot kam nicht von mir.“
Ich spürte, wie meine Finger kalt wurden.
„Von wem?“
„Von einem Vertreter der Bergmann-Familie.“
„Jonas?“
„Nein.“
„Viktoria?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe die Person nie getroffen.“
Ich lachte einmal bitter auf.
„Natürlich nicht.“
„Emma, hör mir zu. Nach Ethans Zusammenbruch bekam ich eine Nachricht. Man bot mir an, sämtliche Schulden zu begleichen, wenn ich dich zu einer Ehe mit ihm überrede.“
„Warum mich?“
„Das weiß ich nicht.“
„Du hast mich an Menschen verkauft, deren Namen du nicht einmal kanntest?“
„Ich dachte, du würdest finanziell abgesichert sein.“
„Mit einem Mann im Koma.“
„Ich dachte, er würde nie wieder aufwachen.“
Die Worte trafen härter als der Schuss.
Ich sah ihn nur an.
„Das macht es nicht besser.“
„Ich weiß.“
„Nein. Das weißt du nicht.“
Mein Handy vibrierte.
Ich zog es hervor.
Eine neue Nachricht.
KEHRT ZURÜCK, BEVOR VIKTORIA DIE WAHRHEIT SAGT.
Ich zeigte sie meinem Vater.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Wir müssen los.“
„Warum?“
„Weil das bedeutet, dass sie weiß, dass Viktoria etwas entdeckt hat.“
„Wer ist sie?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und warum soll ich dir noch irgendetwas glauben?“
Er sah mich direkt an.
„Weil jemand gerade versucht hat, uns beide zu erschießen.“
Das war das einzige Argument, gegen das ich nichts sagen konnte.
Wir verließen das Haus durch die Hintertür.
Mein Vater nahm nicht seinen eigenen Wagen.
Zwei Straßen weiter stand ein alter Kombi, den er offenbar seit Wochen dort geparkt hatte.
Während der Fahrt zum Starnberger See sagte keiner von uns etwas.
Ich hielt den USB-Stick in der Faust.
Mein gesamtes Leben fühlte sich plötzlich an wie eine Reihe von Entscheidungen, die andere Menschen für mich getroffen hatten.
Mein Vater.
Die Bergmanns.
Irgendjemand im Hintergrund.
Und ich hatte einfach immer nur reagiert.
Damit war jetzt Schluss.
Kurz vor der Villa sagte ich:
„Du kommst nicht mit rein.“
Mein Vater sah mich an.
„Emma—“
„Nein.“
„Es ist gefährlich.“
„Genau deshalb.“
„Du brauchst mich.“
„Ich brauche endlich Fakten.“
Ich öffnete die Tür.
„Und ich brauche jemanden draußen, falls ich nicht wieder herauskomme.“
Das traf ihn.
Gut.
Zum ersten Mal sollte er verstehen, wie sich Angst anfühlte, wenn jemand anderes über dein Leben entschied.
Die Villa wirkte ungewöhnlich still.
Keine Pflegekraft in der Eingangshalle.
Keine Angestellten.
Niemand.
Ich ging direkt nach oben.
Ethans Zimmer war leer.
Das Bett.
Leer.
Die Infusion.
Abgeklemmt.
Mein Herz setzte aus.
„Ethan?“
Keine Antwort.
Ich rannte auf den Flur.
„Ethan!“
Eine Tür am Ende des Ganges stand offen.
Viktorias Arbeitszimmer.
Ich trat hinein.
Sie saß hinter ihrem Schreibtisch.
Vor ihr lagen mehrere Akten.
Ihr Gesicht war bleich.
„Wo ist Ethan?“
Sie hob langsam den Blick.
„Sicher.“
„Wo?“
„Nicht hier.“
„Wer hat ihn weggebracht?“
„Ich.“
Ich starrte sie an.
„Warum?“
„Weil Jonas heute Morgen einen Arzt bestellt hat, den ich nicht kenne.“
„Was sollte der tun?“
„Ethan in eine Privatklinik verlegen.“
„Und Sie haben ihn vorher versteckt?“
„Ja.“
Ich trat näher.
„Dann wissen Sie, dass er wach ist.“
Viktoria antwortete nicht sofort.
Das reichte.
„Seit wann?“
„Seit gestern.“
„Und Sie haben nichts gesagt.“
„Weil ich sehen wollte, wer als Erster nervös wird.“
„Jonas?“
„Jonas.“
Sie schob mir eine Akte zu.
„Aber er ist nicht der Einzige.“
Ich öffnete sie.
Es waren Kopien medizinischer Berichte.
Blutwerte.
Medikamentenspiegel.
Dosierungen.
Mehrere Einträge waren rot markiert.
„Was ist das?“
„Ethans Blutanalysen aus den letzten neun Monaten.“
„Und?“
„Jemand hat seine Sedierung immer wieder erhöht, obwohl mehrere Ärzte eine Reduzierung empfohlen hatten.“
„Die Pflegekraft?“
„Sie führte die Anweisungen aus.“
„Von Jonas.“
Viktoria schüttelte den Kopf.
„Das dachte ich auch.“
Sie zog ein weiteres Blatt hervor.
Darauf standen Zahlungsfreigaben.
Freigaben aus einer internen Stiftung.
Eine Unterschrift.
Ich brauchte einige Sekunden.
Dann erkannte ich den Namen.
„Das ist unmöglich.“
Viktoria sah mich an.
„Leider nicht.“
Die Zahlungen an die Pflegekraft waren nicht von Jonas genehmigt worden.
Sie waren von einer Person autorisiert worden, die ich seit Beginn für eine Randfigur gehalten hatte.
Der medizinische Treuhänder des Bergmann-Familientrusts.
Dr. Matthias Kern.
Derselbe Mann, dessen Name auf unserer Heiratsurkunde als einer der offiziellen Zeugen stand.
Ich erinnerte mich an ihn.
Graues Haar.
Ruhige Stimme.
Unauffällig.
Fast unsichtbar.
„Er war bei der Hochzeit.“
„Natürlich.“
„Warum?“
Viktoria antwortete ruhig:
„Weil er sicherstellen musste, dass die Ehe zustande kommt.“
Mein Blick schoss zu ihr.
„Warum sollte der Mann, der Ethan sedieren lässt, gleichzeitig wollen, dass er verheiratet ist?“
Viktoria öffnete eine weitere Mappe.
„Weil wir alle die Bedingungen des Trusts falsch verstanden haben.“
Sie legte mir die betreffende Seite hin.
Ich las.
Dann noch einmal.
Der Trust bestimmte nicht nur, dass Ethan vor seinem dreißigsten Geburtstag verheiratet sein musste.
Es gab einen zweiten Abschnitt.
Wenn Ethan nach der Eheschließung dauerhaft geschäftsunfähig blieb, ging die operative Kontrolle nicht an Jonas.
Sie ging für zwölf Monate an Ethans Ehefrau.
An mich.
Ich hob langsam den Kopf.
„Das wusste niemand.“
„Sehr wenige Menschen.“
„Dann wollten sie nicht verhindern, dass Jonas alles bekommt.“
Viktoria sah mich ernst an.
„Nein.“
„Sie wollten, dass ich die Kontrolle bekomme.“
„Vorübergehend.“
Mir wurde schlagartig klar, was fehlte.
„Und danach?“
Viktoria legte einen letzten Vertrag auf den Tisch.
Meine Unterschrift stand bereits unten.
Die Unterschrift, die ich am Morgen der Hochzeit zwischen Dutzenden anderen Dokumenten geleistet hatte.
Daneben ein Absatz, den mir niemand erklärt hatte.
Im Falle von Ethans Tod innerhalb der zwölfmonatigen Übergangsfrist gingen meine Stimmrechte automatisch an den vom Trust bestimmten medizinischen Treuhänder.
Dr. Matthias Kern.
Ich starrte auf das Papier.
Ethan musste leben.
Aber unfähig bleiben.
Ich musste ihn heiraten.
Und irgendwann musste einer von uns sterben.
Dann vibrierte Viktorias Handy.
Sie las die Nachricht.
Ihr Gesicht veränderte sich.
„Was?“
Sie stand auf.
„Der sichere Ort ist kompromittiert.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
„Ethan?“
Viktoria griff nach ihrer Jacke.
„Jemand hat ihn gefunden.“
**Es geht weiter — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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