Ich schlief in dieser Nacht kaum.
Nicht, weil ich Angst vor Tobias hatte.
Sondern weil ich versuchte, die letzten Jahre meines Lebens neu zu betrachten, ohne dabei in Panik zu geraten.
Jede beiläufige Frage von ihm bekam plötzlich eine andere Bedeutung.
Wann beginnt deine Besprechung morgen?
Wie lange bist du diesmal in Brüssel?
Wer fährt eigentlich mit dir nach Köln?
Warum musst du ständig dein Diensttelefon mitnehmen?
Damals hatte ich geglaubt, er interessiere sich endlich für meine Arbeit.
Jetzt wusste ich nicht mehr, ob er Informationen gesammelt hatte.
Um 6:10 Uhr klingelte mein Diensttelefon.
Reuter.
„Wir haben einen ersten Treffer.“
Ich war sofort wach.
„Zur Datei?“
„Zu Julia Kramer.“
Ich setzte mich auf.
„Was ist mit ihr?“
„Sie arbeitet nicht dort, wo Tobias behauptet hat.“
„Ich wusste nicht einmal, was er über sie behauptet hat.“
„Gegenüber der Bank wurde sie als selbstständige Immobilienberaterin angegeben.“
„Und in Wirklichkeit?“
Reuter schwieg kurz.
„Sie war bis vor acht Monaten als externe Verwaltungsmitarbeiterin bei einem Rüstungszulieferer beschäftigt.“
Mir wurde kalt.
„Welchem?“
Er nannte den Namen.
Ich kannte das Unternehmen.
Nicht aus den Medien.
Aus internen Lagebesprechungen.
Die Firma war mehrfach in Zusammenhang mit undurchsichtigen Beschaffungsvorgängen und Kontakten zu ausländischen Vermittlern aufgefallen.
Nicht genug für eine Anklage.
Aber genug für Aufmerksamkeit.
„Hat sie dort mit dem Mann auf dem Überwachungsfoto zu tun gehabt?“
„Das wird gerade geprüft.“
Ich stand auf und ging zum Fenster.
Draußen begann Berlin grau und regnerisch zu erwachen.
„Und das Haus in Brandenburg?“
„Wir haben uns die Eigentumsunterlagen angesehen.“
„Was ist damit?“
„Es ist größer, als Ihre Anwältin zunächst dachte.“
„Wie meinen Sie das?“
„Das Gebäude verfügt über einen ausgebauten Kellerbereich und eine separate Zufahrt auf der Rückseite.“
Ich sagte nichts.
Reuter fuhr fort.
„Außerdem wurde es bar teilrenoviert. Mehrere Rechnungen laufen auf Firmen, die wir bereits aus anderen Vorgängen kennen.“
Jetzt klopfte mein Herz schneller.
„Wird das Haus überwacht?“
„Dazu kann ich Ihnen nichts sagen.“
Natürlich nicht.
„Hat Tobias das Geld aus meiner Immobilie dafür benutzt?“
„Zumindest teilweise.“
Ich schloss die Augen.
Fast zweihunderttausend Euro.
Meine gefälschte Unterschrift.
Mein Haus.
Meine Dienstunterlagen.
Alles floss plötzlich in dieselbe Richtung.
„Frau Oberst“, sagte Reuter, „ich muss Sie noch etwas fragen.“
„Bitte.“
„Hatte Tobias jemals Zugang zu Ihrem Dienstausweis?“
Ich dachte nach.
„Nicht offiziell.“
„Das war nicht meine Frage.“
Ich hasste, dass er recht hatte.
„Er lag manchmal in meiner Handtasche, wenn ich zu Hause war.“
„Unbeaufsichtigt?“
„Gelegentlich.“
„Und Ihre PINs?“
„Nein.“
Dann erinnerte ich mich an etwas.
Vor etwa einem Jahr hatte Tobias mitten in der Nacht behauptet, meine Handtasche sei im Flur umgefallen.
Am nächsten Morgen hatte der Inhalt auf dem Küchentisch gelegen.
Damals hatte ich mich darüber geärgert.
Mehr nicht.
„Vielleicht konnte er ihn fotografieren.“
„Das reicht mir fürs Erste.“
Nach dem Gespräch machte ich mich fertig.
Ich zog meine Uniform an, setzte keine Mütze auf und betrachtete meinen rasierten Kopf im Spiegel.
Die Schnitte waren dunkler geworden.
Aber sie brannten weniger.
Um kurz vor acht traf ich im Hauptquartier ein.
Haller wartete bereits auf mich.
Auf seinem Tisch lag keine Akte.
Nur ein einzelner Ausdruck.
„Setzen Sie sich.“
Ich tat es.
„Wir haben ein Problem.“
„Noch eines?“
Er reagierte nicht auf meinen Ton.
„Die Sicherheitsabteilung hat Ihre Zugriffsprotokolle geprüft.“
Ich spürte sofort, worauf er hinauswollte.
„Und?“
„Ihr Dienstausweis wurde vor drei Monaten in einem Gebäude benutzt, in dem Sie zu diesem Zeitpunkt nachweislich nicht waren.“
Ich starrte ihn an.
„Wo?“
Haller drehte den Ausdruck zu mir.
Ein Datum.
Eine Uhrzeit.
Ein Standort.
Potsdam.
Ein militärisch genutztes Verwaltungsgebäude.
„Das ist unmöglich.“
„Das wissen wir.“
„Mein Ausweis war bei mir.“
Haller sah mich direkt an.
„Sind Sie sicher?“
Ich öffnete den Mund.
Und schloss ihn wieder.
Damals war ich für zwei Tage krankgeschrieben gewesen.
Migräne.
Ich hatte das Haus kaum verlassen.
Tobias war zu Hause gewesen.
Karin ebenfalls.
Mein Ausweis hatte in meiner Handtasche gelegen.
„Es könnte eine Kopie gewesen sein.“
„Davon gehen wir inzwischen aus.“
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
„Was wurde dort aufgerufen?“
„Kein sensibler Kernbestand.“
Ich atmete unwillkürlich aus.
„Aber?“
„Mehrere interne Verzeichnisse.“
Haller schob mir ein zweites Blatt hin.
„Personallisten. Dienststellen. Telefonnummern. Reiseplanungen.“
Mein Magen verkrampfte sich.
Keine Staatsgeheimnisse.
Aber genau jene Informationen, mit denen man Muster erkennen konnte.
Menschen.
Beziehungen.
Bewegungen.
„Wer hat den Zugriff beendet?“
„Das System selbst. Nach wenigen Minuten.“
„Warum?“
„Weil die Person versucht hat, auf einen Bereich zuzugreifen, für den Ihre damalige Berechtigungsstufe nicht ausreichte.“
Ich sah wieder auf das Datum.
Drei Monate.
Tobias hatte also nicht erst jetzt begonnen.
Vielleicht hatte es Jahre gedauert.
„Wir müssen davon ausgehen“, sagte Haller, „dass jemand Ihre Identität systematisch genutzt hat.“
„Jemand?“
Er schwieg.
„Sie glauben, es war Tobias.“
„Ich glaube gar nichts, bevor wir es beweisen.“
Genau deshalb respektierte ich ihn.
Er wollte Fakten.
Keine Wut.
Keine Vermutungen.
Nur Beweise.
Kurz darauf wurde ich zu einer formellen Befragung gebeten.
Nicht als Verdächtige.
Als mögliche Geschädigte einer Sicherheitsverletzung.
Ich beantwortete jede Frage.
Wann hatte Tobias erstmals Interesse an meinen Dienstreisen gezeigt?
Hatte er Freunde, die ich nie kennengelernt hatte?
Gab es unerklärliche Geldbewegungen?
Hat Karin jemals allein in meinem Arbeitszimmer gestanden?
Bei der letzten Frage dachte ich lange nach.
Dann erinnerte ich mich.
Vor sechs Monaten war ich früher nach Hause gekommen.
Karin hatte im Flur vor meiner Bürotür gestanden.
Sie hatte behauptet, sie suche das Badezimmer.
Damals hatte ich gelacht.
Das Badezimmer lag am anderen Ende des Hauses.
Plötzlich fand ich nichts daran mehr lustig.
Gegen Mittag kam die Nachricht, auf die alle gewartet hatten.
Tobias war gefunden worden.
Nicht festgenommen.
Noch nicht.
Sein Auto war auf einem Parkplatz außerhalb Berlins entdeckt worden.
Leer.
Auf dem Beifahrersitz lag sein Handy.
Zerstört.
Die SIM-Karte fehlte.
„Er hatte Hilfe“, sagte Reuter.
„Oder er wusste, was er tat.“
„Tobias weiß vieles.“
Seine Wortwahl fiel mir auf.
„Was soll das heißen?“
Reuter legte eine dünne Mappe vor mich.
„Wir haben seinen beruflichen Hintergrund noch einmal überprüft.“
„Er arbeitet in einem Autohaus.“
„Ja.“
„Teilzeit.“
„Ja.“
„Dann sagen Sie mir, warum Sie mich ansehen, als wäre das eine Tarnung.“
Reuter öffnete die Mappe.
„Weil Tobias vor dem Autohaus mehrere Jahre für eine Logistikfirma gearbeitet hat.“
„Das wusste ich.“
„Wussten Sie auch, welche Kunden sie hatte?“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
Reuter schob mir eine Liste hin.
Rüstungsunternehmen.
Sicherheitsfirmen.
Militärische Dienstleister.
Mein Blick blieb an einem Namen hängen.
Derselbe Rüstungszulieferer, für den Julia Kramer gearbeitet hatte.
„Zufall?“, fragte ich.
„Das glauben wir nicht mehr.“
Dann klingelte Reuters Telefon.
Er hörte nur wenige Sekunden zu.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Wo?“
Pause.
„Niemand geht rein, bis die Spurensicherung da ist.“
Er legte auf.
„Was ist passiert?“
„Das Haus in Brandenburg.“
Ich stand sofort auf.
„Was damit?“
„Ein Nachbar hat Rauch gemeldet.“
Mein Magen sank.
„Brand?“
„Nur im Keller. Offenbar rechtzeitig bemerkt.“
„Zufällig?“
Reuter sah mich an.
„Nein.“
„Was wurde verbrannt?“
„Das wissen wir noch nicht.“
Eine Stunde später kam die erste vorläufige Meldung.
Im Keller hatten mehrere Ordner, elektronische Bauteile und Speichermedien in einer Metallwanne gebrannt.
Jemand hatte versucht, Beweise zu vernichten.
Doch das Feuer war nicht vollständig durchgelaufen.
Und zwischen den beschädigten Unterlagen hatte die Spurensicherung etwas gefunden.
Ein Foto.
Darauf war ich zu sehen.
Nicht in Uniform.
Nicht bei einer offiziellen Veranstaltung.
Ich stand vor einem Supermarkt, Einkaufstaschen in der Hand.
Das Bild war aus großer Entfernung aufgenommen worden.
Auf der Rückseite stand ein Datum.
Vier Jahre zuvor.
Darunter ein einziger handschriftlicher Satz:
**Kontaktaufnahme erfolgreich. Beziehung stabilisiert.**
Ich las die Worte dreimal.
Dann verstand ich.
Tobias hatte mich vielleicht nicht verraten, nachdem er mich geheiratet hatte.
Vielleicht hatte er mich geheiratet, um mich verraten zu können.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**







No comments yet