In dieser Nacht wurde ich erneut verlegt.
Diesmal nicht nur in eine andere Unterkunft, sondern in einen abgesicherten Bereich, dessen Adresse selbst in meinen Unterlagen nicht auftauchte.
Haller sagte nicht, wie lange ich dort bleiben würde.
Ich fragte nicht.
Solange Tobias draußen war und mein Name mit dem Wort Priorität auf seiner Liste stand, gab es wichtigere Dinge als Komfort.
Am nächsten Morgen um 7:15 Uhr kam Reuter persönlich.
Er legte keine Mappe auf den Tisch.
Das war inzwischen ein schlechtes Zeichen.
„Wir haben Tobias.“
Ich stand sofort auf.
„Lebend?“
„Ja.“
Ich merkte erst da, dass ich den Atem angehalten hatte.
„Wo?“
„In einer Lagerhalle außerhalb von Berlin. Eine Spezialeinheit hat ihn vor knapp einer Stunde festgenommen.“
„War er allein?“
„Nein.“
Damit war klar, warum Reuter persönlich gekommen war.
„Wer war bei ihm?“
„Der Mann vom Überwachungsfoto.“
Für einen Moment sagte ich nichts.
Der ausländische Rüstungsberater.
Der Mann, gegen den meine Einheit bereits ermittelt hatte.
Tobias war nicht zufällig mit ihm gesehen worden.
Er war bis zuletzt mit ihm verbunden gewesen.
„Hat jemand Widerstand geleistet?“
„Nicht Tobias.“
Ich verstand sofort.
„Er hat aufgegeben.“
„Sehr schnell.“
Das passte zu ihm.
Tobias war mutig, solange andere für ihn bezahlten.
Als er mich zu Hause herumkommandierte.
Als Karin neben ihm stand.
Als er meine Identität missbrauchte und glaubte, ich würde es nie bemerken.
Doch wenn die Konsequenzen direkt vor ihm standen, war er plötzlich nur noch ein Mann, der seine Hände hob.
„Was war in der Lagerhalle?“
Reuter setzte sich.
„Elektronik. Mehrere Telefone. Bargeld. Dokumente.“
Er hielt kurz inne.
„Und ein Laptop.“
„Mit Daten?“
„Sehr vielen.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Über mich?“
„Auch.“
„Über meine Einheit?“
„Ja.“
Ich wandte mich zum Fenster.
„Wie viel Schaden?“
„Das wird dauern.“
Ich sah ihn an.
„Wie viel, Reuter?“
Er verstand, was ich wirklich fragte.
Hatten Menschen wegen Tobias sterben können?
Hatte jemand aufgrund von Informationen, die aus meinem Haushalt gekommen waren, Schaden genommen?
„Bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass operative Geheimnisse aus besonders geschützten Bereichen abgeflossen sind.“
Ich atmete langsam aus.
„Aber?“
„Personenbezogene Daten. Bewegungsmuster. Kontakte. Dienststellen. Genug, um Risiken zu erzeugen.“
Ich nickte.
Es war schlimm.
Aber noch nicht das Schlimmste, was ich befürchtet hatte.
„Und Tobias redet?“
Reuter verzog kaum sichtbar den Mund.
„Seit er erfahren hat, dass Julia aussagt.“
Natürlich.
Die Loyalität zwischen ihnen hatte genau so lange gehalten, wie sie nützlich gewesen war.
„Was behauptet er?“
„Dass er hineingezogen wurde.“
Ich lachte leise.
„Von wem?“
„Von seinem früheren Kontakt über die Logistikfirma. Er behauptet, die ersten Informationen seien harmlos gewesen. Später habe man ihn unter Druck gesetzt.“
„Und die zweihunderttausend Euro?“
„Dazu sagt er, er habe Geld gebraucht, um auszusteigen.“
„Mit meinem Haus.“
„Ja.“
„Und Julia?“
„Sie sollte angeblich bei der Flucht helfen.“
„Und Karin?“
Reuter sah mich an.
„Tobias behauptet, Karin habe aus eigenem Antrieb gehandelt.“
Ich wusste nicht, ob ich wütend werden oder lachen sollte.
„Die Aufnahme sagt etwas anderes.“
**Karin kümmert sich darum.**
„Das weiß er inzwischen auch“, sagte Reuter.
Ich drehte mich wieder um.
„Was sagt er zur Versicherung?“
Diesmal dauerte die Antwort länger.
„Er bestreitet, dass er Ihnen etwas antun wollte.“
„Natürlich.“
„Er behauptet, die Lebensversicherung sei nur als finanzielle Absicherung gedacht gewesen.“
„Auf eine Frau, deren Identität er gestohlen hat, deren Haus er belastet hat und deren Dienstzugang er kopieren ließ.“
„Ich habe nicht gesagt, dass wir ihm glauben.“
Ich verschränkte die Arme.
„Und die Liste im Auto?“
„Dazu sagt er, sie stamme nicht von ihm.“
„Handschrift?“
„Wird geprüft.“
Ich kannte die Antwort schon.
Tobias würde von nun an versuchen, jedes belastende Detail jemand anderem zuzuschieben.
Julia.
Karin.
Dem Rüstungsberater.
Irgendwem.
Hauptsache nicht sich selbst.
„Will er mich sehen?“, fragte ich.
Reuter hob leicht die Augenbrauen.
„Ja.“
„Nein.“
„Das war schnell.“
„Es gibt nichts, was ich von ihm hören muss.“
Zumindest glaubte ich das.
Bis Reuter seinen nächsten Satz sagte.
„Er behauptet, dass im Haus noch etwas versteckt ist.“
Ich erstarrte.
„Wo?“
„Das will er nur Ihnen sagen.“
Jetzt verstand ich den Versuch.
Er wollte Kontrolle zurück.
Nur ein kleines Stück.
Genug, damit ich zu ihm kam.
„Dann kann er es Ihnen sagen oder schweigen.“
„Genau das haben wir ihm erklärt.“
„Und?“
„Er schweigt.“
Ich ging einige Schritte durch den Raum.
„Dann sucht das Haus.“
„Tut die Spurensicherung bereits.“
Bis zum Nachmittag fanden sie nichts.
Dann rief Haller an.
„Wir haben es.“
Ich hielt das Telefon fester.
„Was?“
„Ein Hohlraum unter einer Bodendiele im Schlafzimmer.“
Mein Schlafzimmer.
Natürlich.
„Was war darin?“
„Ein USB-Speicher und mehrere Briefumschläge.“
Ich schloss die Augen.
„Von Tobias?“
„Das prüfen wir.“
Eine Stunde später durfte ich die ersten digitalisierten Dokumente sehen.
Es waren Zahlungsaufstellungen.
Kleine Beträge am Anfang.
Später größere.
Zehntausende Euro.
Neben jedem Betrag standen Kürzel.
Einige konnte die Ermittlung bereits Personen zuordnen.
Tobias.
Julia.
Der Berater.
Dann sah ich einen Eintrag, der mich auf eine andere Weise traf.
**K. – 35.000**
„Karin“, sagte ich.
Reuter nickte.
„Sehr wahrscheinlich.“
Also war auch sie bezahlt worden.
Nicht nur mit Versprechen.
Nicht nur mit der Hoffnung, bei uns einzuziehen.
Mit Geld.
„Seit wann?“
„Der erste Eintrag liegt fast zwei Jahre zurück.“
Zwei Jahre.
Karin hatte mich nicht nur gehasst.
Sie hatte von meiner Ausspähung profitiert.
Meine angeblich „undankbare“ Karriere hatte ihr Geld eingebracht.
„Wofür wurde sie bezahlt?“
Reuter schob mir eine zweite Seite hin.
Dort standen kurze Vermerke.
**Zugang Wohnung.**
**Dokumente kopiert.**
**Abwesenheiten bestätigt.**
Und schließlich:
**Druck auf Zielperson erhöhen.**
Mir wurde übel.
Das Rasieren meiner Haare war nicht der Anfang gewesen.
Es war nur die Eskalation.
Karin hatte über Monate geholfen.
Vielleicht Jahre.
Und dabei jedes Mal so getan, als gehe es nur um ihre Vorstellung von Familie.
„Hat sie das gesehen?“
„Noch nicht.“
Ich sah auf die Liste.
„Zeigen Sie es ihr.“
Später erfuhr ich, was passiert war.
Karin hatte zunächst alles bestritten.
Dann hatte der Ermittler ihr die Zahlungen gezeigt.
Danach die Notizen.
Und schließlich Tobias' Aussage, in der er behauptete, sie habe eigenständig gehandelt.
Da brach sie.
Nicht aus Reue.
Aus Wut.
Sie begann zu reden.
Über Tobias.
Über Julia.
Über die Treffen.
Über Umschläge mit Bargeld.
Über den Keller in Brandenburg.
Und über die Nacht, in der sie mir die Haare abrasiert hatte.
Tobias hatte ihr erzählt, wenn sie mich dazu brachte, am nächsten Morgen nicht zum Dienst zu erscheinen, würde „alles geregelt“.
„Hat sie gewusst, warum?“, fragte ich.
„Nein“, sagte Reuter. „Oder sie behauptet es zumindest.“
„Aber sie wusste, dass sie dafür Geld bekommen würde.“
„Ja.“
Ich blickte auf meinen kahlen Kopf im Spiegel der Fensterscheibe.
Sie hatte meine Haare genommen, weil sie glaubte, sie könne dafür bezahlt werden, mich zu brechen.
Stattdessen hatte sie die gesamte Konstruktion zum Einsturz gebracht.
Denn ohne diesen Angriff hätte ich vielleicht noch Monate gebraucht, um die finanziellen Unregelmäßigkeiten zu entdecken.
Vielleicht Jahre, um die Überwachung zu bemerken.
Am Abend kam Haller ein letztes Mal zu mir.
„Es gibt noch eine Sache.“
Er legte einen versiegelten Umschlag vor mich.
Darin war ein Ausdruck aus dem versteckten USB-Speicher.
Ein Zeitplan.
Mehrere Schritte waren bereits abgehakt.
**Finanzielle Abhängigkeit sichern.**
**Zugang erweitern.**
**Beförderung verhindern.**
Der nächste Punkt war nicht abgehakt.
Ich las ihn zweimal.
**Nach Scheitern: Bennett dauerhaft neutralisieren.**
Ich sah Haller an.
„Neutralisieren.“
Er sagte nichts.
Das musste er nicht.
Zum ersten Mal war schwarz auf weiß dokumentiert, dass das, was in meinem Schlafzimmer begonnen hatte, möglicherweise nicht mit meinen Haaren enden sollte.
Aber Tobias war in Haft.
Karin redete.
Julia redete.
Der Mann, der sie geführt hatte, war ebenfalls festgenommen.
Und ich war noch hier.
Nicht gebrochen.
Nicht verschwunden.
Am nächsten Morgen würde ich wieder meine Uniform anziehen.
Und diesmal würden sie alle verstehen, dass der Plan nicht nur gescheitert war.
Er hatte genau die Frau gegen sie auf den Plan gerufen, die sie unbedingt hatten ausschalten wollen.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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