Der Satz auf der verkohlten Seite veränderte alles.
**Danach wird Bennett zu gefährlich. Zugriff vorher abschließen.**
Ich las ihn noch einmal.
Dann noch einmal.
„Wer wusste von meiner Beförderung?“, fragte ich.
General Haller antwortete sofort.
„Nur ein begrenzter Personenkreis.“
„Wie begrenzt?“
„Ihre direkte Führung, Personalführung, einige Stellen im Ministerium und die Personen, die an der Übergabe beteiligt waren.“
„Und Tobias.“
Haller sah mich an.
Ich hatte ihm selbst davon erzählt.
Drei Wochen zuvor.
Nicht die Details meiner künftigen Aufgaben, aber genug.
Ich hatte an unserem Küchentisch gesessen und Tobias gesagt, dass sich bald vieles ändern würde.
Mehr Verantwortung.
Andere Sicherheitsvorgaben.
Mehr Kontrolle darüber, welche dienstlichen Informationen ich mit nach Hause brachte.
Damals hatte er kaum reagiert.
Er hatte nur gefragt:
„Ab wann genau?“
Ich hatte seine Frage für Interesse gehalten.
Jetzt erinnerte ich mich an jedes einzelne Wort.
„Der Vermerk könnte von jemandem stammen, der wusste, dass meine neuen Zugriffsrechte Tobias gefährden würden.“
Reuter nickte.
„Das ist eine Arbeitshypothese.“
„Dann war Karins Angriff vielleicht Teil davon.“
„Vielleicht.“
Ich spürte, wie sich mein Kiefer anspannte.
„Sie sollte mich dazu bringen, meinen Dienst zu quittieren.“
„Das wissen wir.“
„Nein. Wir wissen, dass sie das verlangt hat. Wir wissen noch nicht, warum ausgerechnet in dieser Nacht.“
Reuter und Haller wechselten einen kurzen Blick.
Ich bemerkte ihn.
„Was ist?“
Haller setzte sich.
„Julia Kramer hat ihre Aussage erweitert.“
Ich blieb stehen.
„Sie sagt, Tobias habe zunehmend Panik bekommen, nachdem er von Ihrer Beförderung erfahren hatte.“
„Weil er wusste, dass meine Einheit gegen seinen Kontaktmann ermittelte?“
„Das behauptet sie.“
„Und Karin?“
„Tobias soll ihr erzählt haben, Sie würden durch den neuen Posten endgültig die Kontrolle über ihn übernehmen.“
Ich musste beinahe lachen.
Natürlich.
Er hatte ihr nicht gesagt, dass seine eigene Freiheit gefährdet war.
Er hatte ihre Ressentiments benutzt.
Ihre Vorstellung davon, wie eine Ehefrau zu sein hatte.
Ihre Wut auf meine Karriere.
„Hat Tobias ihr gesagt, dass sie mich angreifen soll?“
„Julia war bei diesem Gespräch nicht dabei.“
„Dann wissen wir es nicht.“
„Noch nicht.“
Dieses Wort hatte ich inzwischen zu oft gehört.
Noch nicht.
Am frühen Nachmittag kam die Nachricht, dass Karin erneut vernommen wurde.
Diesmal konfrontierte man sie mit den Übungsblättern meiner Unterschrift, den Bankaufnahmen und den Unterlagen aus Brandenburg.
Ihre Geschichte begann zu zerfallen.
Zuerst behauptete sie, Tobias habe sie gezwungen.
Dann sagte sie, sie habe nur helfen wollen.
Schließlich gab sie zu, dass Tobias ihr versprochen hatte, sie werde nach meiner angeblichen Kündigung dauerhaft bei uns einziehen.
Ich hörte mir die Zusammenfassung an und empfand fast nichts mehr.
Bis Reuter den nächsten Satz vorlas.
„Karin sagt, Tobias habe ihr erklärt, Ihre Karriere müsse beendet sein, bevor Sie am Montag offiziell alle neuen Befugnisse übernehmen.“
Ich sah auf.
„Sie wusste von Montag.“
„Ja.“
„Das Datum kannte sie nicht von mir.“
„Sind Sie sicher?“
„Absolut.“
Damit gab es nur wenige Möglichkeiten.
Tobias hatte es ihr gesagt.
Oder jemand hatte es Tobias gesagt.
Beides war schlimm.
„Was hat Karin über den Haarschneider gesagt?“
Reuter blätterte eine Seite um.
„Sie behauptet, die Idee sei ihre gewesen.“
„Glauben Sie ihr?“
„Ich glaube Beweisen.“
Ich nickte.
Das tat ich auch.
Dann las er weiter.
„Sie sagt aber, Tobias habe ihr versichert, dass Sie nach dem Vorfall zu Hause bleiben würden.“
„Warum war er sich so sicher?“
„Weil er damit gerechnet habe, dass Sie sich schämen.“
Ich sah automatisch mein Spiegelbild in der Scheibe.
Der kahle Kopf.
Die Schnitte.
Die Uniform.
Sie hatten den psychologischen Angriff falsch kalkuliert.
Sie hatten geglaubt, meine Haare seien meine Schwachstelle.
Dabei hatten sie nur dafür gesorgt, dass ich noch vor Sonnenaufgang begonnen hatte, jede Verbindung zu ihnen zu kappen.
Gegen sechzehn Uhr kam Bewegung in die Fahndung nach Tobias.
Eine Verkehrskamera hatte einen Mann erfasst, der ihm ähnelte.
Nicht weit von Frankfurt an der Oder.
Er saß auf dem Beifahrersitz eines dunklen Wagens.
Der Fahrer war nicht identifiziert.
„Grenze?“, fragte ich.
„Möglich.“
„Mit seinem falschen Pass?“
„Den haben wir in Brandenburg gefunden.“
„Dann besitzt er vielleicht mehr als einen.“
Reuter sagte nichts.
Das war Antwort genug.
Eine Stunde später meldete sich meine Anwältin.
Die Bank hatte das belastete Hauskonto vorläufig eingefroren.
Weitere Überweisungen waren gestoppt worden.
Und die ersten Schritte zur Anfechtung der Umfinanzierung liefen.
Zum ersten Mal seit Tagen war etwas nicht schlimmer geworden.
„Ihr Mann kann derzeit nicht mehr auf die verbliebenen Gelder zugreifen“, sagte sie.
„Gut.“
„Und Karin ebenfalls nicht.“
Ich dachte an ihre wütende Nachricht wegen der gesperrten Kreditkarte.
Noch vor zwei Tagen hatte sie geglaubt, mein Geld sei ihr gutes Recht.
Jetzt war ihr eigener Zugriff auf alles blockiert.
„Es gibt noch etwas“, sagte meine Anwältin.
Ich wartete.
„Tobias hat versucht, vor sechs Wochen eine Risikolebensversicherung auf Sie abzuschließen.“
Mir wurde still.
„Was?“
„Der Antrag wurde nicht abgeschlossen, weil eine medizinische Erklärung fehlte.“
Ich setzte mich langsam.
„Begünstigter?“
Sie antwortete erst nach einer Sekunde.
„Tobias.“
Ich hörte nichts außer meinem eigenen Atem.
Plötzlich bekam der Satz auf der verbrannten Seite eine zweite Bedeutung.
**Zugriff vorher abschließen.**
Bisher hatten wir angenommen, „Zugriff“ bedeute Zugang zu Informationen.
Aber vielleicht bedeutete es etwas anderes.
„Schicken Sie alles sofort an Reuter.“
„Bereits geschehen.“
Keine fünf Minuten später stand Haller wieder in meinem Büro.
Sein Gesicht war ernst.
„Ihre Schutzmaßnahmen werden erhöht.“
„Wegen der Versicherung?“
„Nicht nur.“
Er legte ein weiteres Blatt vor mich.
Die technische Auswertung der Kamera aus meinem Schlafzimmer hatte einen teilweise wiederhergestellten Audiomitschnitt geliefert.
Die Aufnahme war drei Wochen alt.
Tobias sprach darauf mit einer unbekannten Person über das Telefon.
Die Tonqualität war schlecht.
Aber ein Satz war klar genug.
**„Wenn sie den Posten wirklich antritt, verlieren wir das Zeitfenster.“**
Dann eine Stimme aus dem Telefon.
Unverständlich.
Tobias antwortete:
**„Karin kümmert sich darum.“**
Mir wurde eiskalt.
„Das beweist noch nicht, was genau sie tun sollte“, sagte Haller.
Ich nickte.
Aber in meinem Kopf fügte sich das Bild zusammen.
Karin sollte mich brechen.
Demütigen.
Zum Aufgeben zwingen.
Und wenn das nicht funktionierte?
Mein Blick fiel auf den Antrag zur Lebensversicherung.
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr nur, wie weit Tobias gegangen war.
Ich fragte mich, wie weit er noch gegangen wäre, wenn ich an diesem Morgen tatsächlich zu Hause geblieben wäre.
Kurz vor Abend kam die nächste Meldung.
Der Wagen aus Frankfurt an der Oder war gefunden worden.
Verlassen.
Auf einem abgelegenen Parkplatz.
Keine Spur von Tobias.
Aber im Kofferraum lag eine Tasche.
Darin Kleidung.
Bargeld.
Ein neues Mobiltelefon.
Und eine handgeschriebene Liste mit drei Namen.
Julia Kramer.
Karin.
Und ich.
Neben Julia stand:
**Risiko.**
Neben Karin:
**Verbrauchbar.**
Neben meinem Namen stand nur ein einziges Wort.
**Priorität.**
Ich legte das Blatt langsam auf den Tisch.
Karin hatte geglaubt, sie und ihr Sohn stünden gemeinsam gegen mich.
In Wahrheit war sie für Tobias genauso wenig Familie gewesen wie ich.
Wir waren beide nur Ressourcen gewesen.
Nur mit einem Unterschied.
Karin hatte ihm freiwillig geholfen.
Und jetzt war Tobias auf der Flucht.
Mit meinem Namen ganz oben auf seiner Liste.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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