Unterhaltung

Als Lukas Die Zwillinge In Seiner Hotelsuite Fand, Entdeckte Er Ein Familiengeheimnis, Das Alles Veränderte

Lukas hielt das Telefon noch immer am Ohr, obwohl die Verbindung längst unterbrochen war. Er hörte nur sein eigenes Atmen. Einmal. Zweimal. Dann nahm er das Handy langsam herunter und sah auf das schwarze Display, als könnte Claras Stimme dort noch irgendwo zwischen den Zahlen verborgen sein.

„Das war sie“, sagte er.

Es war keine Frage.

Daniel nickte.

Anna hatte sich inzwischen auf die Kante des Sofas gesetzt. Sophie und Samuel saßen dicht neben ihr, beide ungewöhnlich still. Selbst die Kinder schienen zu spüren, dass sich in diesem Zimmer gerade etwas verändert hatte.

„Sie weiß, dass sie hier sind“, sagte Lukas.

„Ja“, antwortete Daniel.

„Woher?“

Daniel sah zu Anna.

Anna schloss die Augen. „Weil ich ihr geschrieben habe.“


Lukas drehte sich langsam zu ihr um.

„Wann?“

„Vor zwei Tagen.“

„Und warum haben Sie mir das nicht gesagt?“

„Weil ich nicht wusste, ob ich Ihnen vertrauen kann.“

„Sie haben zwei Kinder in meine Suite gebracht, mich über ihre Identität belogen und gleichzeitig Kontakt zu einer Frau aufgenommen, von der ich sieben Jahre lang dachte, sie sei verschwunden.“

Anna stand auf. „Ich wollte nur verhindern, dass Clara einen Fehler macht.“

„Welchen Fehler?“

„Zu Ihnen zu kommen.“

Lukas starrte sie an.


„Warum sollte sie Angst davor haben?“

Anna sah zu den Kindern. „Weil sie glaubt, dass Ihre Familie sie immer noch beobachtet.“

Der Satz traf ihn härter als alles zuvor.

Lukas ging zum Fenster. Berlin lag unter ihm, riesig und kalt. Blaue Lichter spiegelten sich auf den nassen Straßen. Irgendwo weit unten fuhr eine Straßenbahn durch die Nacht, völlig gleichgültig gegenüber dem Chaos, das sich gerade in einer Suite im siebenundvierzigsten Stock entfaltete.

„Daniel“, sagte Lukas, ohne sich umzudrehen. „Sie haben gesagt, Clara lebt. Sie haben auch gesagt, dass meine Familie davon wusste. Ich will jetzt die ganze Wahrheit.“

„Dann müssen Sie bereit sein, etwas über Ihre Mutter zu erfahren, das Sie nicht hören wollen.“

Lukas drehte sich um.

„Meine Mutter ist tot.“

„Das weiß ich.“

„Dann sprechen Sie nicht über sie, als könnte sie noch irgendetwas erklären.“


Daniel zog langsam einen zweiten Umschlag aus seiner Jacke.

„Sie hat versucht, es Ihnen zu erklären.“

Lukas nahm ihn.

Auf der Vorderseite stand in einer Handschrift, die er sofort erkannte:

**Für Lukas. Nur persönlich öffnen.**

Seine Finger erstarrten.

„Woher haben Sie das?“

„Clara hat es mir vor drei Jahren gegeben.“

„Warum?“

„Weil sie wusste, dass sie vielleicht nicht mehr zurückkommen würde.“


Lukas öffnete den Umschlag.

Darin lag nur ein einziger Brief.

Das Papier war vergilbt.

Er las die ersten Zeilen.

**Mein lieber Lukas, wenn du diesen Brief liest, bedeutet das wahrscheinlich, dass ich nicht mehr die Möglichkeit hatte, dir selbst zu sagen, was passiert ist. Bitte glaube deinem Vater nicht. Und bitte glaube auch Sebastian nicht.**

Lukas hörte auf zu lesen.

Sein Bruder.

Sebastian Hartmann.

Der Mann, dem er seit seiner Jugend vertraut hatte. Der Mann, der heute den Vorstandsvorsitz der wichtigsten Tochtergesellschaft innehatte. Der Mann, der ihn nach dem Tod ihrer Mutter unterstützt und ihm beim Aufbau der Hotelgruppe geholfen hatte.

„Nein“, flüsterte Lukas.


Daniel sagte nichts.

Lukas las weiter.

**Ich habe dich nicht verlassen. Ich wurde gezwungen zu verschwinden. Die Kinder sind nicht das Problem. Sie sind der Beweis.**

Seine Augen wanderten über die nächste Zeile.

Dann erstarrte er.

**Samuel und Sophie tragen nicht nur mein Blut. Sie tragen auch das Erbe deiner Mutter.**

Lukas ließ den Brief sinken.

„Was bedeutet das?“

Daniel antwortete ruhig: „Ihre Mutter hat kurz vor ihrem Tod einen Teil ihres Vermögens aus der Stiftung herausgelöst.“

„Warum?“


„Weil sie herausgefunden hatte, dass jemand die Stiftung missbrauchte.“

Lukas blickte auf den Brief.

„Wer?“

„Das steht auf der nächsten Seite.“

Lukas drehte das Blatt um.

Doch dort war keine weitere Nachricht.

Nur eine handschriftliche Zahl.

**4702.**

Lukas sah auf.

„Das ist diese Suite.“


Daniel nickte.

„Clara wusste, dass Sie eines Tages hierher zurückkehren würden.“

„Woher sollte sie das wissen?“

„Weil Ihre Mutter es ihr gesagt hat.“

Anna stand plötzlich auf.

„Herr Hartmann…“

Lukas sah sie an.

„Was?“

Anna zögerte.

„Es gibt noch etwas.“


„Was?“

„Als ich damals in Reimanns Firma gearbeitet habe, fand ich eine Datei mit dem Namen Ihrer Mutter. Darin war eine Liste von Zahlungen. Neben einigen Namen stand ein kleines schwarzes Kreuz.“

„Und?“

„Neben Claras Namen standen zwei.“

Lukas’ Gesicht wurde bleich.

„Was bedeutet das?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen es wissen.“

„Nein.“

Anna schüttelte den Kopf. „Aber ich weiß, wer die Datei zuletzt geöffnet hat.“


Lukas wartete.

„Sebastian Hartmann.“

Die Stille danach war vollkommen.

Samuel begann leise mit seinem Stoffelefanten zu spielen. Sophie beobachtete Lukas. Ihre Augen waren groß und ernst.

„Mama“, sagte sie plötzlich.

Anna kniete sich zu ihr.

„Was ist, Schatz?“

Sophie sah nicht Anna an.

Sie sah Lukas an.

„Ist Clara die Frau auf dem Foto?“


Lukas erstarrte.

„Woher kennst du das Foto?“

Sophie zeigte auf Daniels Handy.

„Mama hat uns das Bild gezeigt.“

Anna wurde kreidebleich.

„Sophie…“

Doch das Mädchen sprach weiter.

„Sie hat gesagt, wir sollen uns an ihr Gesicht erinnern.“

Lukas kniete sich langsam vor die Kinder.

„Hat Clara euch etwas gesagt?“

Sophie nickte.

„Sie hat gesagt, wenn der Mann mit dem goldenen Ring kommt, sollen wir weglaufen.“

Lukas sah instinktiv auf seine eigene Hand.

Kein Ring.

Dann auf Daniels Hand.

Kein goldener Ring.

Anna hielt plötzlich den Atem an.

„Nein“, flüsterte sie.

„Was?“, fragte Lukas.

Sie sah zur Tür.

„Der Sicherheitschef.“

„Welcher?“

Anna antwortete nicht.

Im selben Augenblick ging das Licht wieder an.

Und auf dem kleinen Display neben der Tür erschien eine Nachricht des Hotels:

**Sicherheitschef Martin Keller befindet sich bereits auf Etage 47.**

Lukas sah auf die Uhr.

00:26.

Dann hörten sie Schritte im Flur.

Langsam.

Ruhig.

Und jemand blieb direkt vor ihrer Tür stehen.

Ein Schatten glitt unter dem Türspalt hindurch.

Dann ertönte eine vertraute Stimme.

„Herr Hartmann? Öffnen Sie bitte. Wir müssen über Ihre Mutter sprechen.“

Lukas sah Daniel an.

Daniel wurde bleich.

„Das ist der Mann“, flüsterte er. „Der damals Claras Verschwinden organisiert hat.“

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