Lukas steckte den Zettel ein, bevor jemand hinter ihnen die nächste Tür erreichte. „Wir gehen“, sagte er. Diesmal widersprach niemand. Sebastian führte sie durch den schmalen Tunnel, während Daniel am Ende der Gruppe blieb und immer wieder zurückblickte. Anna trug Samuel, Lukas hielt Sophie an der Hand. Das kleine Mädchen sagte kein Wort. Ihre Finger waren warm, aber sie zitterten.
Sie erreichten eine schwere Stahltür. Sebastian zog den Schlüssel hervor und öffnete sie. Kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen. Sie kamen in einen unscheinbaren Innenhof hinter einem Nebengebäude des Hotels. Berlin war hier kaum wiederzuerkennen. Keine glänzenden Eingangshallen, keine Limousinen, keine Gäste in Abendkleidung. Nur Müllcontainer, feuchter Asphalt und das entfernte Rauschen des Verkehrs.
„Mein Wagen steht zwei Straßen weiter“, sagte Sebastian.
Lukas blieb stehen.
„Warum nicht direkt hier?“
„Weil ich wusste, dass Keller meine Fahrzeuge überwacht.“
„Und du erwartest trotzdem, dass ich mit dir fahre?“
Sebastian sah ihn müde an. „Nein. Ich erwarte gar nichts mehr von dir.“
Daniel deutete auf die Straße. „Wir müssen entscheiden.“
Lukas blickte zu Anna. „Wie weit ist das Kinderheim?“
„Zwölf Minuten mit dem Auto“, sagte sie.
„Dann fahren wir dorthin.“
Sebastian schüttelte den Kopf. „Das ist eine Falle.“
„Woher weißt du das?“
„Weil ich das Gebäude kenne.“
Lukas trat näher. „Dann erklär es mir.“
Sebastian sah sich um, bevor er leise sagte: „Das Heim wurde nicht einfach geschlossen. Es wurde nach einem Brand aufgegeben. Drei Tage nach dem Brand verschwand eine Akte aus dem Stadtarchiv. Die Akte über ein Mädchen, das dort unter einem falschen Namen registriert war.“
Anna hielt den Atem an.
„Mia.“
Sebastian nickte.
„Aber warum sollte jemand einen falschen Namen verwenden?“
„Weil das Kind offiziell nicht existieren durfte.“
Lukas sah zu Sophie und Samuel.
„Und wer hat sie dort hingebracht?“
Sebastian antwortete nicht.
Lukas packte ihn am Mantel.
„Wer?“
„Unsere Mutter.“
Lukas ließ ihn los.
„Warum?“
„Um sie zu schützen.“
„Vor Reimann?“
„Vor Reimann und vor jemandem, den du bisher noch nicht kennst.“
„Wer?“
Sebastian sah ihn direkt an.
„Unser Vater.“
Lukas erstarrte.
Er hatte seinen Vater seit fast drei Jahren nicht mehr gesehen. Der Mann lebte angeblich zurückgezogen in einer Privatklinik außerhalb Berlins. Nach einem Schlaganfall, so hatte man Lukas erzählt, war er nicht mehr in der Lage, Geschäfte zu führen. Sebastian hatte sämtliche Angelegenheiten übernommen.
„Unser Vater kann kaum sprechen.“
„Das ist die Geschichte, die man dir erzählt hat.“
„Du willst mir sagen, er ist gesund?“
„Nicht vollständig. Aber klar genug.“
Daniel trat näher. „Dann sollten wir ihn besuchen.“
Sebastian nickte.
„Morgen.“
„Nein“, sagte Lukas. „Jetzt.“
Sebastian sah ihn überrascht an.
„Wenn unsere Mutter etwas versteckt hat, wenn Clara deswegen verschwinden musste und wenn Mia noch lebt, dann habe ich genug von Geheimnissen.“
Sie fuhren nicht zum Kinderheim.
Sie fuhren zu der Privatklinik.
Die Fahrt dauerte fast eine halbe Stunde. Niemand sprach. Sophie war inzwischen eingeschlafen. Samuel lag ebenfalls mit geschlossenen Augen auf Annas Schoß, den Stoffelefanten unter das Kinn gedrückt.
Lukas saß auf dem Beifahrersitz und sah aus dem Fenster.
„Eine Frage“, sagte er plötzlich.
Sebastian blickte kurz zu ihm.
„Warum hast du all die Jahre geschwiegen?“
Sebastian antwortete erst nach einer langen Pause.
„Weil ich dachte, Schweigen würde dich schützen.“
„Vor wem?“
„Vor unserem Vater.“
„Und warum hast du dann die Stiftung meiner Mutter weitergeführt?“
Sebastians Hände verkrampften sich am Lenkrad.
„Weil ich ihr versprochen habe, dass du irgendwann die Wahrheit erfahren wirst.“
Lukas sah ihn an.
„Wann?“
Sebastian schluckte.
„Wenn du bereit bist.“
Lukas lachte bitter.
„Ich war bereit, als ich sieben Jahre lang dachte, die Frau, die ich liebe, hätte mich verlassen.“
Sebastian senkte den Blick.
„Das weiß ich.“
„Du hast sie gesehen?“
„Einmal.“
Lukas wurde still.
„Wann?“
„Am Tag, an dem sie verschwunden ist.“
„Und du hast mir nichts gesagt.“
„Weil sie mich darum gebeten hat.“
Lukas drehte sich vollständig zu ihm.
„Warum?“
Sebastian sah ihn an.
„Weil sie schwanger war.“
Lukas schloss die Augen.
Die Worte taten weh, obwohl er sie inzwischen kannte.
Nach wenigen Minuten erreichten sie die Klinik.
Das Gebäude war dunkel. Nur im dritten Stock brannte Licht.
Sebastian führte sie durch einen Seiteneingang. Er hatte offenbar noch immer Zugang.
Sie gingen einen langen Korridor entlang.
Dann blieb Sebastian vor einer Tür stehen.
„Unser Vater ist hier.“
Lukas legte die Hand auf die Klinke.
„Du kommst mit.“
„Ja.“
Die Tür öffnete sich.
Ein alter Mann saß am Fenster.
Sein Rücken war gebeugt. Sein Haar fast vollständig weiß.
Lukas blieb stehen.
„Vater.“
Der Mann drehte langsam den Kopf.
Sein Gesicht zeigte zunächst Verwirrung.
Dann Erkennen.
Und schließlich blanke Angst.
Er versuchte aufzustehen.
„Nein“, brachte er mühsam hervor.
Lukas trat näher.
„Ich habe Fragen.“
Der alte Mann begann heftig zu zittern.
Sebastian ging zur Tür und schloss sie.
„Wir müssen wissen, wo Mia ist.“
Der Mann erstarrte.
Lukas beobachtete ihn.
„Du kennst diesen Namen.“
Sein Vater schloss die Augen.
Eine Träne lief über seine Wange.
Dann hob er zitternd eine Hand und deutete auf einen alten Schrank.
„Dort.“
Lukas öffnete ihn.
Darin lag eine kleine Holzkiste.
Er nahm sie heraus und stellte sie auf den Tisch.
Der Deckel war verschlossen.
„Der Schlüssel?“
Sein Vater zeigte auf seine Brust.
Sebastian griff vorsichtig unter das Hemd des alten Mannes und fand eine dünne Kette.
Daran hing ein kleiner Schlüssel.
Lukas öffnete die Kiste.
Darin lagen drei Dinge.
Ein altes Armband aus dem Krankenhaus.
Ein Foto von Clara mit einem Baby im Arm.
Und ein Umschlag.
Lukas nahm das Foto.
Clara lächelte darauf.
Das Baby war nur wenige Tage alt.
Auf der Rückseite stand:
**Mia Hartmann – nicht registrieren.**
Lukas spürte, wie seine Hände kalt wurden.
„Sie ist meine Tochter“, flüsterte er.
Sein Vater begann zu weinen.
Lukas drehte sich zu ihm.
„Warum hast du mir nie gesagt, dass ich drei Kinder habe?“
Der alte Mann hob mühsam den Kopf.
„Weil…“
Er musste nach Luft ringen.
„…du nicht ihr Vater bist.“
Lukas erstarrte.
Sebastian ebenfalls.
„Was?“
Der alte Mann zeigte auf das Foto.
„Mia ist Claras Tochter.“
Lukas verstand nicht.
„Das weiß ich.“
„Aber Sophie und Samuel…“
Seine Stimme brach.
„…sind nicht von dir.“
Im selben Moment fiel Anna im Flur vor Schreck fast das Telefon aus der Hand.
Sie hatte die Tür einen Spalt geöffnet, um nach den Kindern zu sehen.
Und sie hatte jedes Wort gehört.
Lukas stand wie erstarrt.
„Was redest du da?“
Sein Vater schloss die Augen.
„Dein Vater war nicht der Mann, für den du ihn gehalten hast.“
Lukas’ Atem stockte.
„Dann wer?“
Der alte Mann sah zu Sebastian.
Dann zu Anna.
Und schließlich zu Lukas.
„Viktor Reimann.“
Niemand bewegte sich.
Aus dem Flur kam plötzlich ein leises Geräusch.
Ein Kind.
Sophie war aufgewacht.
Sie stand in der Tür und sah Lukas mit großen Augen an.
„Mama“, flüsterte sie.
„Der Mann auf dem Foto…“
Sie zeigte auf Claras Bild.
„…ist nicht unser Papa.“
Lukas’ Gesicht wurde vollkommen leer.
Dann vibrierte sein Handy.
Eine neue Nachricht von Clara.
**Jetzt weißt du, warum ich damals vor dir fliehen musste. Aber du weißt noch nicht, warum ich zurückgekommen bin.**
Darunter erschien ein Standort.
**Berlin Hauptbahnhof. Gleis 7.**
Und eine letzte Nachricht:
**Komm allein.**







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