Ich stand reglos vor dem alten Tonbandgerät. Das leise Drehen der Spulen war plötzlich das einzige Geräusch, das ich wahrnahm. Meine Mutter stand hinter mir, eine Hand vor dem Mund, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Auf der Wand vor mir hing mein Kinderfoto unter dieser unmenschlichen Bezeichnung: VERSUCH 17. Daneben Madison. VERSUCH 18.
Die Stimme meiner Großmutter kam erneut aus dem Lautsprecher.
„Natalie, falls du das hier hörst, hat man dir wahrscheinlich bereits genug Lügen erzählt, um dich an allem zweifeln zu lassen. Deshalb werde ich dir nur Dinge sagen, für die Beweise existieren.“
Ich trat näher an das Gerät.
„Was für Tests?“, flüsterte ich.
Natürlich konnte die Aufnahme nicht antworten.
„Richard begann nicht mit euch“, fuhr meine Großmutter fort. „Und er arbeitete nicht allein.“
Meine Mutter stieß einen erstickten Laut aus.
Ich drehte mich zu ihr.
„Du wusstest es.“
„Nicht alles.“
„Aber genug.“
„Natalie…“
„Genug, um zu wissen, dass ich Nummer siebzehn war.“
Sie senkte den Blick.
In diesem Moment hörte ich Schritte im Musikzimmer.
Langsam. Schwer. Kontrolliert.
Richard.
Meine Mutter fuhr herum.
„Wir müssen gehen.“
„Nein.“
„Natalie, bitte.“
Ich zog den nächstgelegenen Ordner aus dem Regal. Auf dem Rücken stand nur ein Datum – das Jahr meiner Geburt.
Richard erschien in der Tür.
Er sah zuerst mich an, dann den Ordner in meinen Händen und schließlich das laufende Tonbandgerät.
„Helena“, sagte er leise.
„Sie hat mir den Schlüssel gegeben.“
Sein Kiefer spannte sich an.
„Natürlich.“
„Was bin ich?“
Er schwieg.
„Was bedeutet Versuch siebzehn?“
„Eine Bezeichnung.“
„Für was?“
„Für ein Forschungsprojekt.“
Mir wurde übel.
„An Kindern?“
„An Familien.“
Seine Antwort kam viel zu schnell.
Ich öffnete den Ordner.
Richard machte einen Schritt auf mich zu.
„Leg ihn hin.“
Ich blätterte weiter.
Laborberichte. Tabellen. Namen von Ärzten. Psychologische Bewertungen. Aufzeichnungen über Stressreaktionen, Gedächtnis, Entscheidungsverhalten.
Dann fand ich meinen Namen.
Natalie.
Alter: sechs Jahre.
Testreihe C.
Ich erinnerte mich plötzlich an einen weißen Raum.
Nur einen Sekundenbruchteil.
Eine Lampe über mir.
Eine Frauenstimme.
Und Richard, der sagte: „Noch einmal.“
Der Ordner rutschte beinahe aus meinen Händen.
„Ich war sechs.“
Meine Mutter begann heftiger zu weinen.
Richard blieb erschreckend ruhig.
„Du erinnerst dich?“
Nicht: Das ist unmöglich.
Nicht: Das hast du falsch verstanden.
Du erinnerst dich.
Damit hatte er sich verraten.
„Was habt ihr mit mir gemacht?“
„Nichts, was dich dauerhaft geschädigt hätte.“
Ich starrte ihn an.
„Das soll deine Verteidigung sein?“
„Du verstehst den Kontext nicht.“
„Dann erklär ihn.“
Richard sah zu meiner Mutter.
„Claudia, geh.“
Sie bewegte sich nicht.
„Ich habe lange genug getan, was du gesagt hast.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
Doch bevor er antworten konnte, sprach die Aufnahme weiter.
„Richard wird behaupten, das Projekt habe einem medizinischen Zweck gedient. Das stimmt teilweise. Genau deshalb war es so einfach, Menschen zum Schweigen zu bringen.“
Ich sah Richard an.
Zum ersten Mal wirkte er nervös.
„Schalte das aus.“
Ich stellte mich vor das Gerät.
„Nein.“
„Natalie.“
„Nein.“
Die Stimme meiner Großmutter fuhr fort.
„Das ursprüngliche Bergmann-Programm untersuchte eine seltene erbliche Besonderheit innerhalb unserer Familie. Manche Familienmitglieder reagieren ungewöhnlich auf bestimmte Medikamente. Doch Richard erkannte, dass sich daraus etwas anderes untersuchen ließ: Belastbarkeit, Suggestibilität und Entscheidungsverhalten unter chemisch verändertem Stress.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Das Glas.
Heute Abend.
„Du wolltest meine Reaktion testen.“
Richard schwieg.
„Deshalb das Pulver.“
„Die Dosis war nicht gefährlich.“
„Madison ist im Krankenhaus!“
„Weil sie etwas anderes bekommen hat.“
Die Worte ließen mich verstummen.
„Was?“
Jetzt sah er mich direkt an.
„Das Mittel in deinem Glas verursacht keine Atemprobleme.“
Meine Mutter hob langsam den Kopf.
„Richard…“
„Was Madison genommen hat, war nicht von mir.“
Ich dachte an ihre Worte auf der Trage.
Ich habe es nicht getrunken. Das Glas wurde vertauscht.
„Dann war wirklich jemand anderes beteiligt.“
Richard nickte.
„Endlich begreifst du es.“
Ich wollte ihm nicht glauben. Aber seine Erklärung passte zu etwas, das mich seit dem Zusammenbruch meiner Schwester beschäftigt hatte: Richard hatte überrascht gewirkt, als Madison so schnell reagierte. Nicht erschrocken. Aber überrascht.
„Wer?“
„Das versuche ich herauszufinden.“
Ich lachte bitter.
„Und deshalb hast du mich als Versuchskaninchen benutzt?“
„Weil jemand vor drei Wochen in dieses Haus eingebrochen ist.“
Er deutete auf die Aktenschränke.
„Nichts wurde gestohlen. Aber diese Unterlagen wurden durchsucht.“
Ich sah zu meiner Mutter.
Sie schien davon nichts gewusst zu haben.
„Warum hast du nicht die Polizei gerufen?“
„Weil einige dieser Unterlagen niemals offiziell existieren durften.“
Natürlich.
Richard trat näher.
„Heute Abend wollte ich herausfinden, ob die Person noch hier ist.“
Mir wurde langsam klar, was er sagte.
„Du hast erwartet, dass jemand das Glas manipuliert.“
„Ich habe es gehofft.“
„Du hast mich als Köder benutzt.“
Er antwortete nicht.
Das Schweigen war schlimmer als jedes Geständnis.
Ich wollte ihm den Ordner ins Gesicht werfen.
Stattdessen zwang ich mich weiterzublättern.
Dann fand ich einen versiegelten Umschlag.
Auf der Vorderseite stand:
NATALIE – BIOLOGISCHE ZUORDNUNG.
Meine Hände wurden kalt.
Ich öffnete ihn.
Darin lag eine Geburtsurkunde.
Mein Name.
Natalie.
Der Name meiner Mutter.
Claudia Bergmann.
Doch beim Feld „Vater“ stand nicht Richard Bergmann.
Dort stand:
Dr. Alexander Falk.
„Wer ist Alexander Falk?“
Meine Mutter schloss die Augen.
Richard sagte nichts.
„Mama.“
Sie setzte sich langsam auf einen alten Stuhl.
„Er war Arzt.“
„War?“
„Er arbeitete für das Projekt.“
„Und er ist mein Vater?“
Sie nickte.
„Wo ist er?“
Meine Mutter brauchte zu lange für die Antwort.
„Man sagte mir, er sei tot.“
„Man sagte dir?“
„Richard sagte es.“
Ich sah meinen Vater an.
Er wich meinem Blick aus.
Zum ersten Mal.
Dann ertönte aus dem Musikzimmer ein Geräusch.
Ein Handy.
Nicht meines.
Nicht das meiner Mutter.
Richard griff sofort in seine Tasche.
Doch Helena erschien in der Tür und hielt ihr eigenes Telefon in der Hand.
Ihr Gesicht war vollkommen bleich.
„Das Krankenhaus.“
Ich ging auf sie zu.
„Madison?“
Helena sah erst Richard an.
Dann mich.
„Sie ist wieder bei Bewusstsein.“
Erleichterung durchfuhr mich so heftig, dass meine Knie weich wurden.
„Dann fahren wir zu ihr.“
„Natalie…“ Helena hielt mich zurück. „Sie möchte nur mit dir sprechen.“
Etwas an ihrem Ton ließ meine Erleichterung sofort verschwinden.
„Warum?“
Helena drehte das Telefon zu mir.
Auf dem Display war eine Nachricht von Madison.
Nur zwei Sätze.
**Sag Papa nicht, was ich weiß.**
**Alexander Falk ist nicht tot.**
Darunter erschien gerade eine dritte Nachricht.
Ich sah zu, wie die Buchstaben auf dem Bildschirm auftauchten.
**Er war heute Abend auf deiner Abschlussfeier.**







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