Ich hörte ihre Worte, aber mein Verstand weigerte sich, ihnen eine Bedeutung zu geben.
„Claudia Bergmann ist vor dreiundzwanzig Jahren gestorben.“
Die Frau vor mir hatte mich großgezogen. Sie hatte mich bei Fiebernächten im Arm gehalten, war zu meinen Schulaufführungen gekommen, hatte meine Abschlussarbeit zweimal gelesen und gestern vor Stolz geweint. Für mich war sie meine Mutter. Trotzdem stand sie jetzt im Krankenhausflur und behauptete, ihr Name sei nicht Claudia.
„Dann bist du… meine biologische Mutter.“
Ihre Lippen zitterten.
„Ja.“
Ich musste mich an der Wand abstützen.
Alexander machte einen Schritt auf sie zu.
„Elisabeth?“
Sie sah ihn an.
Etwas geschah zwischen ihnen, das ich nicht verstand. Kein romantisches Wiedersehen. Dafür lag zu viel Schmerz zwischen diesen beiden Menschen.
„Du wusstest es nicht?“, fragte ich.
Alexander schüttelte langsam den Kopf.
„Ich glaubte, Elisabeth sei tot.“
Ich lachte bitter.
„Natürlich. In dieser Familie sind offenbar alle irgendwann tot, ohne tatsächlich tot zu sein.“
Niemand widersprach.
„Wer war Claudia?“
Meine Mutter wischte sich die Tränen weg.
„Meine Freundin.“
„Die Frau, die auf den Dokumenten unterschrieben hat?“
„Ja. Claudia arbeitete in der Klinikverwaltung. Als sie begriff, was Friedrich und später Richard taten, half sie Alexander und mir.“
Richard schnaubte.
„Erzähl wenigstens diesen Teil richtig.“
Sie sah ihn an.
„Dann tu du es.“
Richard schwieg.
„Claudia sollte mich nach Natalies Geburt aus der Klinik bringen“, fuhr meine Mutter fort. „Doch Friedrich fand es heraus.“
„Was geschah?“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Es gab einen Unfall.“
Ich bemerkte Richards Reaktion.
„Keinen Unfall“, sagte ich.
Richard blickte weg.
Meine Mutter nickte.
„Claudia starb. Ich überlebte. Friedrich glaubte zunächst, wir wären beide tot. Richard half mir, Claudias Identität anzunehmen.“
Ich starrte ihn an.
„Du hast ihr geholfen?“
„Ja.“
Das passte nicht zu dem Monster, als das ich ihn inzwischen sah.
„Warum?“
Richard antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Weil Friedrich mein Vater war. Das bedeutet nicht, dass ich alles unterstützte, was er tat.“
„Du hast später dasselbe Programm weitergeführt.“
„Ich dachte, ich könnte kontrollieren, was er begonnen hatte.“
„Das sagen wahrscheinlich alle Menschen, bevor sie genauso werden wie diejenigen, die sie angeblich bekämpfen.“
Er nahm die Worte hin.
Meine Mutter sah mich an.
„Richard gab mir Claudias Dokumente und versprach, dich zu schützen. Dafür musste ich ihn heiraten. Es war die einzige glaubwürdige Erklärung dafür, warum Claudia plötzlich ein Baby hatte.“
„Und Alexander?“
„Ich dachte, er sei tot.“
Alexander lachte leise, ohne jede Freude.
„Richard war sehr gut darin, uns voneinander fernzuhalten.“
„Weil ihr zusammen gefährlich wart“, sagte Richard.
„Für wen?“
„Für Friedrich.“
Bevor ich weiterfragen konnte, klingelte mein Telefon.
Madison.
Ich nahm sofort ab.
„Mads?“
Zuerst hörte ich nur Atmen.
Dann ihre Stimme.
„Nat.“
„Wo bist du?“
„Bei Großvater.“
Richard nahm mir beinahe das Telefon aus der Hand, doch ich wich zurück.
„Geht es dir gut?“
„Ja.“
Ihre Stimme war schwach, aber klar.
„Er hat mir nichts getan.“
„Wo bist du?“
„Im alten Haus am See.“
Richard fluchte.
„Madison, hör mir zu. Wir kommen.“
„Nein!“
Ihre Stimme wurde plötzlich scharf.
„Kommt nicht alle.“
„Warum?“
„Weil er mit Natalie reden will.“
„Dann kann er mit mir telefonieren.“
Eine Männerstimme erklang im Hintergrund.
Alt.
„Das wäre unhöflich.“
Ich erstarrte.
„Friedrich?“
„Natalie.“
Er sprach meinen Namen beinahe liebevoll.
„Ich habe lange darauf gewartet.“
„Lassen Sie Madison gehen.“
„Sobald du hier bist.“
Richard schüttelte heftig den Kopf.
„Nicht.“
„Allein“, sagte Friedrich. „Sonst erzähle ich Madison, warum ihr ungeborenes Kind für ECHO II wichtiger ist als sie selbst.“
Die Verbindung brach ab.
„Du gehst nicht“, sagte Richard.
„Doch.“
„Das ist genau, was er will.“
„Madison ist dort.“
„Und wenn du hingehst, hat er euch beide.“
Ich sah ihn an.
„Dann sag mir, warum er mich will.“
Richard schwieg.
„Keine Geheimnisse mehr.“
Alexander trat näher.
„Richard.“
„Sag es“, forderte ich.
Richard fuhr sich über das Gesicht.
„Friedrichs Theorie war nicht vollständig falsch.“
Helena erstarrte.
„Was meinst du?“
„Bei Versuch siebzehn trat tatsächlich eine genetische Besonderheit auf.“
„Welche?“
„Nicht irgendeine übernatürliche Fähigkeit, falls du das denkst. Es geht um Stoffwechsel.“
Er deutete auf mich.
„Dein Körper baut bestimmte Wirkstoffe ungewöhnlich schnell ab.“
Ich dachte an das Glas.
„Deshalb wolltest du mich testen.“
„Ja.“
„Und Madison?“
„Hat dieselbe Besonderheit in schwächerer Form.“
„Obwohl sie nicht deine Tochter ist.“
„Madison stammt ebenfalls aus dem Programm.“
Meine Mutter schloss die Augen.
„Richard.“
„Sie muss es jetzt wissen.“
Ich sah sie an.
„Wer sind Madisons biologische Eltern?“
Meine Mutter antwortete:
„Ich bin ihre Mutter.“
„Und ihr Vater?“
Richard sah Alexander an.
Alexander wurde bleich.
„Nein.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Nicht Alexander.“
Dann sah sie Richard an.
„Friedrich.“
Mir wurde übel.
„Was?“
„Nicht auf natürlichem Weg“, sagte sie schnell. „Eine eingefrorene Probe aus dem ursprünglichen Forschungsprogramm. Ich wusste damals nicht, wessen genetisches Material verwendet worden war.“
Richard sprach leise:
„Ich fand es Jahre später heraus.“
Madison war also Friedrichs biologische Tochter.
Meine Schwester war zugleich meine Großtante.
Das gesamte Familiengefüge zerfiel endgültig.
„Und ihr Kind?“
Richard nahm mein Telefon und öffnete die Datei, die er mir zuvor gezeigt hatte.
„Wenn Madison dieselbe Stoffwechselvariante trägt und ihr Kind sie ebenfalls erbt, hätte Friedrich erstmals drei Generationen derselben genetischen Linie zum Vergleich.“
Ich verstand.
Elisabeth.
Madison.
Madisons Kind.
„Deshalb ECHO II.“
„Ja.“
Ich sah meine Mutter an.
„Wir fahren zum See.“
„Natalie…“
„Aber nicht so, wie Friedrich erwartet.“
Eine Stunde später hielt ich allein vor dem alten Bergmann-Haus am See.
Zumindest sollte Friedrich das glauben.
Richard, Alexander, Eva und Helena waren einen Kilometer entfernt geblieben. Meine Mutter hatte darauf bestanden, ebenfalls mitzukommen, doch sie wartete mit ihnen.
Bevor ich ausgestiegen war, hatte Eva mir einen winzigen Sender gegeben.
„Wenn etwas schiefgeht, drücken.“
„Was bedeutet schiefgeht?“
Sie hatte mich ernst angesehen.
„Bei deiner Familie? Wahrscheinlich alles.“
Das Haus war kleiner als unser Anwesen, aber älter. Friedrich hatte hier früher seine Sommer verbracht.
Die Tür stand offen.
Ich ging hinein.
„Madison?“
„Hier.“
Ihre Stimme kam aus dem Wohnzimmer.
Sie saß auf einem Sofa, eine Decke um die Schultern. Neben ihr stand ein alter Mann.
Friedrich Bergmann.
Er war kleiner, als ich erwartet hatte. Sehr dünn. Weißes Haar. Ein Stock in der Hand.
Er sah nicht aus wie das Monster, das seit Jahrzehnten über unserer Familie hing.
Vielleicht war genau das das Verstörende.
„Natalie.“
„Lassen Sie sie gehen.“
„Natürlich.“
Er sah Madison an.
„Du kannst gehen.“
Sie stand sofort auf.
Ich hatte mit Widerstand gerechnet.
Mit einer Falle.
Doch Friedrich hielt sie nicht auf.
Madison ging an mir vorbei und flüsterte:
„Er hat etwas im Arbeitszimmer.“
„Was?“
„Beweise.“
Dann verließ sie das Haus.
Ich blieb Friedrich gegenüber stehen.
„Warum wollten Sie mich hier?“
„Weil ich wissen wollte, ob du wirklich anders bist.“
„Sie kennen mich überhaupt nicht.“
„Ich kenne deine Daten seit deiner Geburt.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Ein kleines Lächeln.
„Genau das sagte Elisabeth.“
Er ging langsam zum Arbeitszimmer.
„Komm.“
„Warum sollte ich?“
„Weil dort die Antwort liegt, nach der ihr alle seit gestern sucht.“
Ich folgte ihm.
Auf einem Schreibtisch standen mehrere Kisten.
Friedrich öffnete die erste.
Darin lagen Originalakten.
Keine Kopien.
„Das vollständige ECHO-Archiv.“
„Warum zeigen Sie mir das?“
„Weil ich sterbe.“
Ich sagte nichts.
„Vielleicht Wochen. Vielleicht Monate.“
Er setzte sich.
„Richard glaubt, ich wolle das Programm fortführen.“
„Wollen Sie nicht?“
„Nein.“
Das überraschte mich.
„Warum dann Madison?“
„Um dich herzubringen.“
„Sie hätten anrufen können.“
„Dann wärst du nicht gekommen.“
Leider hatte er recht.
„Was wollen Sie?“
Friedrich schob mir einen Ordner zu.
„Dass du entscheidest, was damit geschieht.“
Ich öffnete ihn.
Ganz oben lag ein Dokument über Versuch 17.
Doch unten stand etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte:
Projektstatus: ABGEBROCHEN.
Grund: unzulässige Manipulation der Daten.
Verantwortlicher Wissenschaftler: Richard Bergmann.
„Richard hat die Daten manipuliert?“
„Jahrelang.“
„Warum?“
„Um dich zu schützen.“
Ich sah Friedrich an.
„Das glaube ich nicht.“
„Dann frag ihn.“
„Sie sind derjenige, der dieses Programm begonnen hat.“
„Ja.“
Keine Rechtfertigung.
Keine Ausrede.
Nur dieses eine Wort.
„Und ich werde mit dem Wissen sterben, was ich angerichtet habe.“
Er öffnete eine zweite Kiste.
Darin lag ein altes Tonband.
„Das ist Elisabeths Originalaufnahme.“
„Ich habe eine gehört.“
„Nein. Du hast Richards Version gehört.“
Mein Herz schlug schneller.
„Er hat sie verändert?“
„Teile entfernt.“
Friedrich legte das Band in ein Gerät.
Die Stimme meiner Mutter erklang.
Jünger.
Zitternd.
„Falls Natalie diese Aufnahme hört, muss sie eines wissen: Richard hat versucht, das Projekt zu stoppen.“
Ich erstarrte.
Die Aufnahme lief weiter.
„Er hat Dinge getan, die ich ihm vielleicht niemals verzeihen werde. Aber Versuch siebzehn war nicht sein Experiment.“
Dann hörte ich Alexander.
„Elisabeth, wir müssen gehen.“
Meine Mutter antwortete:
„Noch nicht.“
Es folgte ein Satz, der alles veränderte.
„Wenn Friedrich uns findet, muss Natalie zu Richard. Nur er weiß, wie man die genetischen Daten unbrauchbar macht.“
Das Band stoppte.
Ich starrte Friedrich an.
„Warum hat Richard mir das verschwiegen?“
„Weil Helden leichter sterben als Monster.“
„Was soll das bedeuten?“
Friedrich sah zur Tür.
„Dass mein Sohn wusste, dass jemand das Programm weiterführen wollte. Also machte er sich selbst zum offensichtlichsten Täter.“
Ein Geräusch hinter mir.
Ich drehte mich um.
Daniel stand in der Tür.
Mein bester Freund.
In seiner Hand hielt er keinen Gegenstand, keine sichtbare Bedrohung.
Nur einen roten Ordner.
„Tut mir leid, Nat.“
Mein Herz sank.
„Für wen arbeitest du wirklich?“
Daniel sah nicht Friedrich an.
Er sah zur anderen Tür.
Dort erschien Alexander.
Ich verstand zunächst nicht.
Alexander hätte draußen warten sollen.
Friedrich erhob sich langsam.
„Da ist er.“
Alexander betrachtete mich.
Keine Scham mehr.
Keine Unsicherheit.
Nur Entschlossenheit.
Daniel ging zu ihm und übergab ihm den roten Ordner.
„Alle aktuellen Daten.“
Ich starrte meinen biologischen Vater an.
„Du bist ECHO II.“
Alexander schüttelte den Kopf.
„Nein, Natalie.“
Er legte eine Hand auf den Ordner.
„ECHO II bist du.“
Dann sah er auf meinen Bauch.
Nur eine Sekunde.
Doch lange genug.
Mir wurde eiskalt.
„Warum siehst du mich so an?“
Alexander schwieg.
Friedrich schloss die Augen.
„Du hast es ihr nicht gesagt.“
„Was?“, fragte ich.
Niemand antwortete.
Ich sah Alexander an.
„Was hast du mir nicht gesagt?“
Daniel wich meinem Blick aus.
Schließlich sagte Friedrich:
„Madison ist nicht die einzige Frau in dieser Familie, deren Bluttest positiv war.“
Ich hörte meinen eigenen Herzschlag.
„Nein.“
Alexander trat einen Schritt auf mich zu.
„Natalie…“
„Nein.“
Doch Friedrich sprach den Satz aus.
„Du bist ebenfalls schwanger.“







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