Ich las den Satz noch einmal. Dann noch einmal. Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen, aber ihre Bedeutung blieb unerträglich klar.
Nach erfolgreicher Geburt wird Versuch 17 Richard Bergmann zur langfristigen Beobachtung übergeben.
„Ihr habt mich ihm gegeben.“
Meine Stimme klang fremd.
Meine Mutter trat aus dem Aufzug.
„Natalie, nein.“
Ich hob das Dokument.
„Deine Unterschrift steht hier.“
„Ich habe etwas unterschrieben, aber nicht das.“
Richard lachte leise.
„Natürlich.“
Claudia fuhr zu ihm herum.
„Du hast die letzte Seite ausgetauscht.“
„Beweis es.“
„Das werde ich.“
Ihre Antwort kam so entschlossen, dass selbst Richard kurz schwieg.
Alexander nahm mir das Dokument vorsichtig ab und betrachtete die untere Hälfte.
„Das ist nicht das Original.“
Richard hob eine Augenbraue.
„Interessant.“
Alexander hielt das Blatt gegen die Deckenlampe.
„Diese Kopie stammt aus Richards Archiv. Aber die Genehmigung, die Elisabeth und ich unterschrieben haben, hatte vier Seiten. Das hier zeigt nur drei.“
„Was stand auf Seite vier?“, fragte ich.
Alexander antwortete nicht sofort.
„Dass du nach der Geburt bei Claudia bleiben solltest.“
„Und Richard?“
„Sollte keinen Zugang zu dir haben.“
Richard klatschte langsam zweimal.
„Eine schöne Geschichte.“
„Ich habe das Original“, sagte meine Mutter.
Alle sahen sie an.
„Wo?“
„Nicht hier.“
Richard wurde plötzlich still.
Zum ersten Mal seit seinem Auftauchen sah ich echte Unsicherheit in seinem Gesicht.
Claudia bemerkte es ebenfalls.
„Du hast danach gesucht, nicht wahr?“
„Claudia.“
„Deshalb der Einbruch vor drei Wochen.“
Ich sah Richard an.
„Du bist selbst in deinen Westflügel eingebrochen?“
„Nein“, sagte meine Mutter. „Er dachte, ich hätte das Original dort versteckt.“
„Wo ist es dann?“
Sie sah mich an.
„Bei Madison.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Was?“
„Ich habe ihr vor zwei Monaten einen Umschlag gegeben. Sie sollte ihn nur öffnen, wenn mir etwas passiert.“
„Warum Madison und nicht mir?“
„Weil Richard dich beobachtet hat.“
Wieder diese Antwort. Immer hatte jemand angeblich gelogen, um mich zu schützen.
Ich war müde davon.
„Dann fahren wir zurück ins Krankenhaus.“
Richard stellte sich vor die Aufzugtür.
„Niemand fährt irgendwohin.“
Eva spannte sich an.
„Du hast gesagt, du willst Natalie nicht festhalten.“
„Will ich auch nicht.“
Richard blickte mich an.
„Aber bevor sie zu Madison fährt, sollte sie wissen, warum Claudia plötzlich beschlossen hat, nach dreiundzwanzig Jahren die Wahrheit zu erzählen.“
Meine Mutter wurde bleich.
„Hör nicht auf ihn.“
„Warum?“, fragte ich.
„Weil er jedes Detail verdreht.“
„Dann gib ihm keine Gelegenheit dazu. Sag es selbst.“
Sie schwieg.
Richard lächelte nicht mehr.
„Claudia hat vor drei Wochen erfahren, dass ECHO II nicht mit dir beginnt.“
„Was bedeutet das?“
„Natalie“, sagte Alexander warnend.
„Nein. Ich will es hören.“
Richard zog sein Telefon heraus und zeigte mir eine Datei.
Eine Liste medizinischer Daten.
Oben stand Madisons Name.
Darunter:
ECHO II – GENERATION 2.
„Generation zwei?“
Ich verstand es nicht.
Dann sah ich ein weiteres Feld.
Schwangerschaft: positiv.
Ich starrte darauf.
„Madison ist schwanger?“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Sie weiß es selbst noch nicht.“
„Woher weißt du es dann?“
„Weil Richard ihre Bluttests überwachen ließ.“
Richard widersprach nicht.
Mir wurde übel.
„Warum?“
Alexander nahm mir das Telefon aus der Hand.
„Weil ECHO II nie für Natalie gedacht war.“
Er sah Richard voller Abscheu an.
„Es geht um die nächste Generation.“
Plötzlich ergab Richards neuerliches Interesse an uns einen schrecklichen Sinn.
„Du wolltest Madisons Kind untersuchen.“
„Ich wollte verhindern, dass andere es tun.“
„Du erwartest wirklich, dass ich dir das glaube?“
„Nein. Ich erwarte, dass du die Dokumente liest.“
Ein lautes Geräusch kam aus dem Gang.
Schritte.
Mehrere.
Richard drehte sich um.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das sind nicht meine Leute.“
Alexander sah Helena an.
„Wer weiß noch von diesem Ort?“
„Niemand.“
Eva zog ihr Telefon heraus.
Kein Empfang.
Dann gingen die Lichter aus.
Vollkommene Dunkelheit.
Meine Mutter griff nach meiner Hand.
Diesmal zog ich sie nicht weg.
Irgendwo im Gang öffnete sich eine Tür.
Eine Männerstimme sagte:
„Raum sichern.“
Alexander flüsterte:
„Runter.“
Wir duckten uns hinter eine alte Metallkonsole. Richard bewegte sich überraschend ebenfalls zu uns.
„Wer ist das?“, fragte ich.
„Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier unten.“
Notbeleuchtung sprang an. Schwaches rotes Licht füllte den Gang.
Am anderen Ende erschienen zwei Gestalten.
Keine Waffen waren sichtbar, aber ihre Bewegungen waren koordiniert.
Eva flüsterte:
„Hinterausgang.“
Helena führte uns durch eine schmale Tür in einen Archivraum. Alexander schob einen Schrank davor.
„Das hält sie nicht lange.“
Richard ging direkt zu einer Wand.
„Hier.“
Er drückte gegen eine Holzplatte.
Nichts.
„Der Mechanismus wurde verändert.“
Helena trat neben ihn und drückte zwei Stellen gleichzeitig.
Ein Teil der Wand öffnete sich.
Richard sah sie überrascht an.
„Friedrich hat mir mehr gezeigt, als du glaubst“, sagte Helena.
Wir gingen hindurch.
Der Tunnel dahinter war kaum breit genug für eine Person. Nach etwa fünf Minuten erreichten wir eine Treppe, die in einem alten Gewächshaus hinter dem Sanatorium endete.
Draußen standen Richards Wagen noch immer vor dem Gebäude.
Seine Fahrer waren verschwunden.
„Wo sind deine Männer?“, fragte Alexander.
Richard rief jemanden an.
Keine Antwort.
Dann vibrierte mein neues Telefon.
Unbekannte Nummer.
Ich öffnete die Nachricht.
Ein Foto von Madison im Krankenhausbett.
Schlafend.
Darunter stand:
**Bringen Sie Versuch 17 zurück ins Haus. Sonst erfährt Versuch 18 auf die falsche Weise, was mit ihrem Kind geplant ist.**
Meine Hände begannen zu zittern.
„Sie haben Madison.“
Meine Mutter riss mir das Telefon aus der Hand.
„Nein.“
Richard las die Nachricht.
Seine Reaktion überraschte mich.
Er wurde kreidebleich.
„Wir müssen sofort ins Krankenhaus.“
„Wer ist das?“
„Natalie.“
„Wer?“
Er schwieg.
Ich packte seinen Mantel.
„Sag es!“
Richard sah Alexander an.
Dann Helena.
„Friedrich.“
Niemand bewegte sich.
„Dein Vater ist tot“, sagte meine Mutter.
„Nein.“
Richard schüttelte langsam den Kopf.
„Er sollte tot sein.“
Helena starrte ihn an.
„Du hast gesagt, er sei 2011 gestorben.“
„Ich habe gesagt, dass wir ihn 2011 beerdigt haben.“
Mir wurde kalt.
„Was ist der Unterschied?“
Richard sah mich an.
„Im Sarg lag niemand.“
Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte weniger als dreißig Minuten. Als wir ankamen, war Madisons Zimmer leer.
Das Bett war ungemacht. Die Infusion lag auf dem Boden.
Ein Arzt kam uns entgegen.
„Wo ist meine Tochter?“, schrie meine Mutter.
„Frau Bergmann wurde vor ungefähr zwanzig Minuten entlassen.“
„Von wem?“
„Sie selbst hat die Entlassung unterschrieben.“
Ich trat näher.
„Das würde sie niemals tun.“
Der Arzt sah auf sein Tablet.
„Ein Familienmitglied hat sie abgeholt.“
Richard wurde still.
„Welches Familienmitglied?“
Der Arzt drehte das Tablet zu uns.
Auf der digitalen Entlassung stand:
Abholung durch Großvater.
Friedrich Bergmann.
Darunter befand sich Madisons Unterschrift.
Und eine handschriftliche Nachricht.
**Nat, komm nicht nach Hause. Er weiß, wer Elisabeth ist.**
Ich starrte auf die Worte.
„Was bedeutet das?“
Hinter uns sagte Helena plötzlich:
„Es bedeutet, dass Elisabeth niemals verschwunden ist.“
Ich drehte mich um.
Sie sah nicht mich an.
Sie sah meine Mutter an.
„Nicht wahr, Claudia?“
Meine Mutter schloss die Augen.
Richard flüsterte:
„Nein.“
Zum ersten Mal klang er nicht kontrolliert.
Nur erschrocken.
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Wer ist Elisabeth?“
Meine Mutter öffnete langsam die Augen.
„Natalie… Elisabeth Kern war nicht ihr richtiger Name.“
„Wie hieß sie dann?“
Claudias Lippen zitterten.
„Elisabeth Bergmann.“
„Das weiß ich bereits.“
„Nein. Du verstehst nicht.“
Sie nahm meine Hände.
„Nach deiner Geburt musste sie verschwinden. Wir gaben ihr neue Papiere, eine neue Identität und einen Ort, an dem Friedrich niemals nach ihr suchen würde.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Welche Identität?“
Meine Mutter sah mich an.
Und plötzlich wusste ich, warum sie die Antwort all die Jahre nicht hatte aussprechen können.
„Meine.“
Ich zog meine Hände zurück.
„Was?“
Sie weinte.
„Ich bin Elisabeth.“
Niemand sagte etwas.
Richard stand vollkommen reglos da.
Alexander sah aus, als hätte er die Luft vergessen.
Und die Frau, die ich mein ganzes Leben lang Mutter genannt hatte, flüsterte:
„Claudia Bergmann ist vor dreiundzwanzig Jahren gestorben.“







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