Ich las Madisons Nachricht dreimal. Die Worte veränderten sich nicht.
Alexander Falk ist nicht tot.
Er war heute Abend auf deiner Abschlussfeier.
„Was schreibt sie?“, fragte Richard.
Ich hob sofort den Blick. Sein Gesicht war wieder vollkommen kontrolliert, doch jetzt wusste ich, worauf ich achten musste. Die kleine Spannung an seinem Kiefer. Die Art, wie seine rechte Hand sich langsam schloss. Richard hatte Angst vor Informationen, die er nicht kontrollieren konnte.
Ich sperrte Helenas Telefon und gab es ihr zurück.
„Sie ist wach.“
„Das sehe ich. Was noch?“
„Nichts.“
Er wusste sofort, dass ich log.
Vielleicht, weil ich nie besonders gut darin gewesen war. Vielleicht aber auch, weil er mich mein ganzes Leben lang beobachtet hatte.
„Natalie.“
„Ich fahre ins Krankenhaus.“
„Ich komme mit.“
„Nein.“
„Madison ist meine Tochter.“
Der Satz traf mich härter, als er vermutlich beabsichtigt hatte.
„Und ich offenbar nicht.“
Richard schwieg.
Meine Mutter stand auf.
„Ich fahre mit Natalie.“
„Claudia.“
Sie sah ihn an, und etwas in ihrem Gesicht hatte sich verändert. Jahrzehnte der Angst waren noch da, aber zum ersten Mal schien etwas anderes stärker zu sein.
„Unsere Tochter liegt im Krankenhaus, Richard.“
Unsere Tochter.
Nicht deine.
Helena brachte uns zum Wagen. Bevor ich einstieg, schob sie mir unauffällig den versiegelten Umschlag mit meiner Geburtsurkunde und einige Seiten aus dem Ordner zu.
„Nehmen Sie das mit.“
„Warum?“
„Weil dieser Raum vielleicht nicht mehr existiert, wenn Sie zurückkommen.“
Ich sah zum Haus.
Richard stand hinter einem Fenster.
Er beobachtete uns.
Natürlich.
Während der Fahrt sagte meine Mutter fast nichts. Straßenlaternen glitten über ihr Gesicht, hell, dunkel, hell, dunkel. Schließlich konnte ich die Stille nicht mehr ertragen.
„Hast du Alexander geliebt?“
Ihre Hände verkrampften sich auf ihrer Handtasche.
„Ja.“
Die Antwort kam leise, aber sofort.
„Während du mit Richard verheiratet warst?“
„Es war komplizierter.“
„Das sagen Menschen immer, wenn sie nicht die Wahrheit erzählen wollen.“
Sie sah aus dem Fenster.
„Richard und ich waren damals noch nicht verheiratet.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Was?“
„Alexander und ich waren zusammen. Richard war sein Geschäftspartner.“
Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Warum hast du dann Richard geheiratet?“
„Weil Alexander verschwunden ist.“
„Du hast gesagt, Richard hätte dir erzählt, er sei tot.“
„Sechs Wochen nachdem du geboren wurdest.“
Meine Kehle wurde trocken.
„Und du hast ihm geglaubt?“
Sie sah mich endlich an.
„Ich habe eine Sterbeurkunde gesehen.“
„Die kann gefälscht gewesen sein.“
„Das weiß ich heute.“
Im Krankenhaus warteten zwei Polizeibeamte vor Madisons Zimmer. Offenbar hatten die Ärzte wegen des Verdachts auf eine Vergiftung die Polizei verständigt. Einer der Beamten wollte wissen, was auf der Feier passiert war. Ich erzählte ihm nur, dass Madison nach einem Glas Sekt zusammengebrochen war. Das Pulver meines Vaters erwähnte ich noch nicht.
Ich hasste mich dafür.
Doch ich brauchte zuerst Antworten.
Madison lag blass im Bett. Eine Infusion führte in ihren Arm, ein Monitor zeichnete ihren Herzschlag auf. Als sie mich sah, wandte sie sich an unsere Mutter.
„Mama, bitte.“
Meine Mutter verstand.
Sie küsste Madison auf die Stirn und ging hinaus.
Kaum war die Tür geschlossen, flüsterte Madison:
„Hast du ihm die Nachricht gezeigt?“
„Nein.“
Sie atmete erleichtert aus.
„Woher weißt du von Alexander Falk?“
Madison sah zur Tür.
„Vor zwei Monaten habe ich Papa belauscht.“
„Warum?“
„Weil er plötzlich angefangen hatte, nach dir zu fragen.“
„Nach mir?“
„Nicht so, wie ein Vater nach seiner Tochter fragt. Er wollte wissen, wann du schläfst, welche Medikamente du nimmst, ob du manchmal Erinnerungslücken hast.“
Mir wurde kalt.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
Schuld erschien in ihrem Gesicht.
„Weil ich dachte, es hätte mit deinem Abschluss zu tun. Papa kontrolliert alles. Ich dachte, er plant irgendeine Überraschung.“
„Und Alexander?“
„Ich hörte Papa am Telefon sagen: Falk ist zurück.“
Ich setzte mich an ihr Bett.
„Hast du ihn heute gesehen?“
Sie nickte.
„Am hinteren Gartentor.“
„Woher weißt du, wie er aussieht?“
Madison griff nach ihrem Telefon und öffnete ein Foto.
Es zeigte einen älteren Mann mit grauem Haar. Er stand halb verborgen zwischen zwei Gästen. Das Bild war unscharf, doch sein Gesicht war erkennbar.
Etwas daran traf mich sofort.
Nicht weil ich ihn kannte.
Sondern weil seine Augen meinen ähnelten.
„Er hat mit mir gesprochen“, sagte Madison.
„Was hat er gesagt?“
„Nur einen Satz.“
Sie schluckte.
„Er sagte: Wenn Natalie heute aus einem Glas trinken soll, das Richard persönlich ausgewählt hat, lass sie nicht.“
Ich erstarrte.
„Du wusstest von dem Glas?“
Madison begann zu weinen.
„Deshalb habe ich es vertauscht.“
Die Welt schien für einen Moment stillzustehen.
„Du?“
„Ich wollte dich schützen.“
„Aber du hast daraus getrunken.“
„Nein.“
Ihre Stirn legte sich in Falten.
„Das versuche ich dir doch zu erklären. Als du mir dein Glas gegeben hast, habe ich es unbemerkt wieder auf das Tablett gestellt und ein anderes genommen. Ich wollte nur so tun, als würde ich deines trinken, damit Papa nichts merkt.“
„Dann war das Glas, aus dem du getrunken hast, ursprünglich für jemand anderen.“
„Ja.“
Ich dachte an die Gäste. Dutzende Menschen.
Jemand hatte also mindestens zwei Gläser manipuliert.
„Was haben die Ärzte gefunden?“
„Sie sagen, ein starkes Beruhigungsmittel. Die genaue Substanz wird noch untersucht.“
Das passte nicht zu Atemnot. Aber Panik, Wechselwirkungen oder eine unbekannte Substanz konnten vieles erklären.
„Madison, warum sollte Alexander dich warnen und dann verschwinden?“
„Er ist nicht verschwunden.“
Sie nahm meine Hand.
„Ich habe ihn nach meinem Zusammenbruch noch gesehen.“
„Was?“
„Als sie mich zur Terrasse gebracht haben. Er stand draußen.“
„Warum hat er nicht geholfen?“
„Weil jemand neben ihm stand.“
„Wer?“
Ihre Finger wurden kalt.
„Helena.“
Ich zog meine Hand zurück.
„Nein.“
„Nat, ich habe sie gesehen.“
Plötzlich erinnerte ich mich an Helenas Worte.
Willkommen zurück, Tochter der Familie Bergmann.
Nicht Tochter Richards.
Tochter der Familie.
„Vielleicht arbeitet Helena mit Alexander zusammen.“
„Oder gegen ihn.“
Madison griff nach ihrem Telefon.
„Da ist noch etwas.“
Sie öffnete eine Aufnahme.
„Mein Handy hat während der Feier versehentlich weiter aufgenommen. Ich hatte vorher ein Video gemacht und es nicht richtig beendet.“
Sie drückte auf Wiedergabe.
Zuerst hörte ich Musik, Stimmen, Gelächter.
Dann Richards Stimme.
„Das markierte Glas bleibt bei Natalie.“
Eine zweite Stimme antwortete.
Männlich.
„Und wenn Falk eingreift?“
Richard sagte:
„Dann wissen wir endlich, auf wessen Seite Helena steht.“
Mir stockte der Atem.
Das bedeutete, mein Vater hatte nicht nur mich getestet.
Er hatte Helena getestet.
Und Alexander.
Dann erklang eine dritte Stimme.
Sehr leise.
Ich beugte mich näher zum Telefon.
„Spiel das noch einmal.“
Madison tat es.
Diesmal erkannte ich sie.
Meine Mutter.
„Richard, du hast versprochen, dass Natalie niemals erfahren wird, warum Alexander sie ausgewählt hat.“
Ich starrte auf das Telefon.
Madison sah mich erschrocken an.
„Mama wusste mehr, als sie dir erzählt hat.“
Die Tür öffnete sich.
Meine Mutter stand draußen.
Sie hatte offenbar den letzten Satz gehört.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
„Ausgewählt?“, fragte ich.
Sie schloss langsam die Tür hinter sich.
„Natalie, dein Vater hat dich nicht zufällig bekommen.“
„Welcher Vater?“
Sie begann zu zittern.
„Alexander.“
Ich stand auf.
„Sag es endlich.“
Meine Mutter presste die Hände gegeneinander.
„Alexander und ich konnten keine Kinder bekommen. Zumindest nicht auf natürlichem Weg.“
Ich verstand noch immer nicht.
Dann sah ich wieder die Nummer auf meinem Dokument vor mir.
Versuch 17.
Meine Mutter flüsterte:
„Ich habe dich zur Welt gebracht, Natalie. Aber die Eizelle, aus der du entstanden bist, war nicht meine.“
Mir wurde schwindelig.
Madison richtete sich im Bett auf.
„Was?“
Meine Mutter weinte jetzt.
„Richard leitete damals die Auswahl der Spenderinnen. Alexander glaubte, es gehe um eine normale Kinderwunschbehandlung.“
„Und das stimmte nicht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nicht vollständig.“
„Wer ist meine biologische Mutter?“
Sie antwortete nicht.
„Mama!“
In diesem Moment klopfte es.
Einer der Polizeibeamten trat ein.
„Entschuldigen Sie. Natalie Bergmann?“
„Ja.“
„Wir müssen mit Ihnen sprechen.“
Er hielt einen durchsichtigen Beweisbeutel hoch.
Darin lag das winzige Päckchen, das ich bei Richard gesehen hatte.
„Wir haben das bei einer Person gefunden, die gerade versucht hat, das Krankenhaus zu verlassen.“
Mein Herz raste.
„Bei meinem Vater?“
Der Beamte schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Dann trat ein zweiter Polizist zur Seite.
Hinter ihm stand Helena.
Ihre Hände waren mit Handschellen gefesselt.
Doch Helena sah nicht verängstigt aus.
Sie sah nur mich an.
„Natalie“, sagte sie ruhig, „fragen Sie Ihre Mutter nach Versuch Nummer eins.“
Meine Mutter wich einen Schritt zurück.
Helena lächelte traurig.
„Fragen Sie sie nach meinem Kind.“







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