Ich steckte das Telefon ein.
Reuter bemerkte die Bewegung.
„Was war das?“
„Nichts, was jetzt wichtig wäre.“
Sein Blick blieb einen Moment zu lange auf meinem Gesicht liegen.
„Clara.“
„Henrik.“
Es war das erste Mal, dass ich seinen Vornamen benutzte.
„Mein Großvater hat mir geschrieben, ich solle Ihnen vertrauen“, sagte ich. „Er hat aber noch etwas dazugeschrieben.“
Reuter nickte langsam.
„Den Beweisen mehr.“
„Genau.“
Ich nahm den Mikrodatenträger aus dem Laptop und steckte ihn in die Innentasche meiner Uniform.
Dann verließ ich das Büro.
Im Flur standen noch immer Gäste der Beerdigung. Einige tuschelten. Andere taten so, als hätten sie nichts von dem Tumult bemerkt.
Arthur war verschwunden.
Viktoria ebenfalls.
Draußen regnete es stärker.
Ich ging zu meinem Wagen und rief Generalmajor Stein zurück.
„Ich brauche einen Gefallen.“
„Nach dem, was gerade passiert ist, dürfen Sie zwei verlangen.“
„Nein. Nur einen. Falls ich mich in neunzig Minuten nicht bei Ihnen melde, lassen Sie mein Diensthandy orten und schicken Sie die zuständigen Behörden.“
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Voss, was haben Sie vor?“
„Etwas, das mein Großvater vor zehn Jahren begonnen hat.“
„Das ist keine Antwort.“
„Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht geben.“
Er atmete hörbar aus.
„Neunzig Minuten.“
„Danke.“
Ich beendete das Gespräch.
Die stillgelegte Produktionshalle lag am südöstlichen Stadtrand, hinter einem halb verfallenen Industriekomplex, den Voss Defence Systems Jahre zuvor aufgegeben hatte.
Als Kind war ich einmal dort gewesen.
Arthur hatte Julian und mich durch die Fertigung geführt.
Julian war zwölf gewesen und hatte jedes Fahrzeug anfassen dürfen.
Ich war vierzehn gewesen und hatte Fragen über die medizinische Evakuierung verwundeter Besatzungen gestellt.
Mein Vater hatte gelacht.
„Clara denkt immer an Krankenhäuser.“
Damals hatte ich mich geschämt.
Heute wusste ich, dass genau diese Frage mein Leben bestimmt hatte.
Ich parkte zweihundert Meter vor dem Gelände.
Keine sichtbaren Fahrzeuge.
Keine Beleuchtung außer einer einzelnen Lampe über einem Seiteneingang.
Ich schickte Generalmajor Stein meinen Standort, ohne weitere Erklärung.
Dann ging ich hinein.
Der Geruch traf mich zuerst.
Öl.
Rost.
Feuchte Betonwände.
Meine Schritte hallten zwischen alten Maschinen.
„Julian?“
Keine Antwort.
Weiter hinten brannte Licht.
Ich folgte ihm bis zu einem ehemaligen Prüfbereich.
Dort saß mein Bruder auf einem Metallstuhl.
Seine Hände waren tatsächlich hinter seinem Rücken gefesselt.
Das Blut auf seinem Gesicht war echt.
„Clara.“
Seine Stimme zitterte.
Ich blieb mehrere Meter entfernt stehen.
„Wer hat dich hierhergebracht?“
„Ich weiß es nicht.“
„Lüg mich nicht an.“
„Ich lüge nicht!“
Ich sah mich um.
„Warum warst du in Großvaters Krankenzimmer?“
Julian schloss die Augen.
„Natürlich hast du das Video gesehen.“
„Was hattest du in der Hand?“
„Seine Medikamente.“
Mein Herz schlug einmal hart gegen meine Rippen.
„Welche Medikamente?“
„Seine normalen Tabletten.“
„Warum?“
Julian sah mich an.
Zum ersten Mal war von dem arroganten Mann mit dem Whiskyglas nichts mehr übrig.
„Weil er mich angerufen hatte.“
Arthur hatte also zumindest darin die Wahrheit gesagt.
„Großvater sagte, jemand würde seine Medikamente austauschen. Er wollte, dass ich die Packungen aus seinem Zimmer hole und untersuchen lasse.“
„Und?“
„Ich habe sie mitgenommen.“
„Auf dem Video gehst du mit etwas hinein und kommst ohne etwas heraus.“
Julian erstarrte.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Dann fehlt ein Teil der Aufnahme.“
Ein metallisches Geräusch erklang hinter mir.
Ich fuhr herum.
Niemand.
Als ich wieder zu Julian sah, hatte sich sein Ausdruck verändert.
„Clara, hinter dir!“
Ich duckte mich.
Etwas zischte über meinen Kopf und schlug gegen eine Metallstrebe.
Ein Mann in schwarzer Kleidung kam aus dem Schatten.
Ich rammte ihm die Schulter gegen die Brust.
Wir stürzten gegen einen Arbeitstisch.
Er griff nach meinem Hals.
Ich schlug seinen Arm weg, trat gegen sein Knie und hörte ihn fluchen.
Dann ertönte ein Knall.
Nicht von einer Schusswaffe.
Eine schwere Seitentür war aufgeflogen.
Reuter stand dort.
Hinter ihm kamen zwei bewaffnete Kräfte herein.
Der Angreifer versuchte zu fliehen.
Er kam nicht weit.
Sekunden später lag er auf dem Betonboden.
Ich richtete mich auf.
„Sie sind mir gefolgt.“
Reuter sah mich kalt an.
„Natürlich.“
„Ich habe Ihnen nichts gesagt.“
„Sie haben es nicht sagen müssen.“
Er hielt sein Telefon hoch.
Darauf war dasselbe Foto von Julian.
Mein Blick wanderte zur Nachricht darunter.
Andere Worte.
**Bringen Sie Clara Voss zur alten Halle. Sonst stirbt ihr Bruder.**
Mir wurde kalt.
„Sie wollten uns beide hier.“
„Ja.“
Julian begann plötzlich zu lachen.
Es klang fast hysterisch.
„Endlich versteht ihr es.“
Ich ging zu ihm und schnitt die Kabelbinder durch.
„Was verstehen wir?“
Er rieb sich die Handgelenke.
„Dass Papa nicht derjenige ist, vor dem Großvater am meisten Angst hatte.“
Reuter und ich wechselten einen Blick.
„Wer dann?“
Julian sah zu dem festgenommenen Angreifer.
„Nehmt ihm die Jacke ab.“
Einer der Männer tat es.
Darunter trug der Angreifer ein Hemd.
Am Gürtel hing eine Zugangskarte.
Ich kannte das Symbol darauf.
Bundesministerium der Verteidigung.
Reuter wurde bleich.
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
„Weil diese Sicherheitsstufe nur für einen sehr kleinen Kreis freigeschaltet wird.“
Julian stand langsam auf.
„Großvater hatte herausgefunden, dass jemand im Ministerium die manipulierten Prüfberichte nicht nur gedeckt hat. Diese Person hat Voss Defence Systems gezielt dazu gebracht, bestimmte Fahrzeuge in den Konvoi zu bringen.“
„Wozu?“
„Damit jemand in diesem Konvoi nicht lebend zurückkommt.“
Meine Gedanken sprangen sofort zehn Jahre zurück.
Zu den Verwundeten.
Zu den Toten.
Und zu dem einen Mann, dessen Name aus allen Unterlagen entfernt worden war.
Der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes.
„Der BND-Mitarbeiter“, sagte ich.
Julian nickte.
„Er war das Ziel.“
Reuter flüsterte etwas, das ich nicht verstand.
„Was?“
Er sah mich an.
„Der Mann, den Sie damals gerettet haben, Clara.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Ich kenne seine Identität.“
Ich wartete.
Reuter schluckte.
„Er war Teil einer gemeinsamen Untersuchung gegen illegale Rüstungsgeschäfte. Nach Masar-i-Scharif wurde die Operation eingestellt und seine Identität vollständig gesperrt.“
„Name.“
Reuter zögerte.
„Henrik.“
„Sagen Sie mir seinen Namen.“
Bevor er antworten konnte, begann irgendwo in der Halle eine Maschine zu laufen.
Ein alter Bildschirm an der Wand flackerte auf.
Dann erschien das Gesicht meines Großvaters.
Eine vorab aufgezeichnete Nachricht.
Markus Voss blickte direkt in die Kamera.
„Clara“, sagte er.
„Wenn du diese Aufnahme siehst, hast du den Ort gefunden, an dem alles begann.“
Hinter ihm war dieselbe Produktionshalle zu erkennen.
„Arthur trägt Schuld. Julian trägt Schuld. Auch ich trage Schuld.“
Julian senkte den Kopf.
Dann sprach mein Großvater weiter.
„Aber keiner von uns hat den Befehl gegeben, diesen Konvoi sterben zu lassen.“
Das Bild verzerrte sich kurz.
„Der Mann, der ihn gegeben hat, weiß inzwischen, dass du noch lebst und die Wahrheit finden kannst.“
Ich trat näher an den Bildschirm.
Markus' letzte Worte ließen selbst Reuter verstummen.
„Und Clara — er war heute bei meiner Beerdigung.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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