Unterhaltung

Bei der Beerdigung verspottete mein Vater meine Bundeswehruniform – dann salutierte ein Staatssekretär vor mir

Die Adresse führte nicht nach Berlin.

Sie führte zu einem kleinen Ort außerhalb von Potsdam, zu einem unscheinbaren Haus am Rand eines Waldstücks.

Keine Kameras.

Kein Namensschild.

Keine sichtbare Sicherung.

Genau deshalb machte mich das Haus nervös.

„Wer ist er?“, fragte ich, als Reuter den Wagen abstellte.

Julian saß auf der Rückbank. Nach dem Angriff in der Halle hatte er darauf bestanden mitzukommen.

Reuter blickte zum Haus.

„Sein damaliger Deckname war Adler.“


„Und sein richtiger Name?“

„Matthias Kern.“

Der Name sagte mir nichts.

Das Gesicht dagegen würde ich niemals vergessen.

„Warum gilt er als tot?“

„Weil das seine einzige Chance war, am Leben zu bleiben.“

Ich öffnete die Tür.

„Dann hoffen wir, dass Großvater nicht der Einzige war, der wusste, wo er lebt.“

„Das ist genau das Problem.“

Wir gingen zum Haus.


Bevor ich klingeln konnte, öffnete sich die Tür.

Ein Mann Mitte fünfzig stand vor uns.

Seine linke Gesichtshälfte war von alten Brandnarben gezeichnet.

Mein Blick fiel automatisch auf seinen Hals.

Die Operationsnarbe war noch sichtbar.

Meine Naht.

Zehn Jahre später.

Der Mann sah mich lange an.

Dann sagte er:

„Oberst Voss.“


Meine Kehle wurde eng.

„Herr Kern.“

Er lächelte traurig.

„Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, konnten Sie meinen Namen nicht kennen.“

„Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, konnten Sie kaum atmen.“

„Und Sie haben das geändert.“

Er ließ uns hinein.

Das Wohnzimmer wirkte gewöhnlich.

Zu gewöhnlich.

Keine persönlichen Fotos.


Keine Briefe.

Keine Spuren eines Lebens vor diesem Haus.

Kern setzte sich nicht.

„Markus ist tot.“

Es war keine Frage.

Ich nickte.

Er schloss kurz die Augen.

„Dann haben wir zu lange gewartet.“

„Worauf?“

„Auf Beweise, die vor Gericht überleben.“


Reuter legte das Foto aus B-17 auf den Tisch.

Kern betrachtete es.

„Woher haben Sie das?“

„Mein Großvater.“

„Dann hat er Ihnen auch gesagt, wer Konrad Falkenberg ist.“

„Nicht vollständig.“

Kern sah zu Reuter.

„Und Sie?“

Reuter schüttelte den Kopf.

„Ich wusste, dass Falkenberg in Beschaffungsentscheidungen verwickelt war. Nicht, dass er hinter Masar-i-Scharif steckte.“


Kern ging zum Fenster.

„Weil Sie alle auf den falschen Teil der Geschichte geschaut haben.“

„Dann zeigen Sie mir den richtigen.“

Er drehte sich zu mir.

„Voss Defence Systems hat minderwertiges Material verbaut. Ihr Vater und Ihr Bruder haben die Zulassung gekauft. Das ist wahr.“

Julian senkte den Blick.

„Aber der Konvoi wäre trotzdem nicht mit genau diesen Fahrzeugen gefahren“, fuhr Kern fort. „Falkenberg sorgte für den Austausch.“

„Um Sie zu töten.“

„Ja.“

„Warum?“


Kern zog einen kleinen Datenträger aus einer Schublade.

„Weil ich herausgefunden hatte, dass Falkenberg geheime Einsatzinformationen an ein internationales Netzwerk von Zwischenhändlern verkaufte. Truppenbewegungen. Beschaffungspläne. Sicherheitslücken.“

Reuter wurde blass.

„Das hätte Menschenleben gefährdet.“

„Es hat Menschenleben gekostet.“

Kern schob den Datenträger über den Tisch.

„Ich sollte meine Beweise nach Deutschland bringen. Falkenberg erfuhr davon. Der Angriff auf unseren Konvoi sollte aussehen wie ein gewöhnlicher Hinterhalt.“

Ich sah meine eigenen Hände an.

Plötzlich erinnerte ich mich an etwas.

„Die Verwundung.“


Kern runzelte die Stirn.

„Welche?“

„Als Sie eingeliefert wurden, hatten Sie Splitterverletzungen. Aber eine Wunde passte nicht dazu.“

Ich sah wieder das Feldlazarett vor mir.

Blut.

Rauch.

Metall.

„Eine kleine Eintrittswunde unterhalb des Schlüsselbeins.“

Kern nickte.

„Jemand hatte nach dem Angriff versucht, mich aus kurzer Entfernung zu erschießen.“


Reuter flüsterte:

„Und Clara hat Sie trotzdem gerettet.“

„Deshalb wurde sie zum Problem.“

Ich sah Kern an.

„Was meinen Sie?“

„Falkenberg wusste nicht, was ich Ihnen während der Behandlung gesagt hatte.“

„Sie waren bewusstlos.“

„Nicht die ganze Zeit.“

Etwas bewegte sich in meiner Erinnerung.

Eine Hand, die mein Handgelenk gepackt hatte.


Eine Stimme.

Nur drei Worte.

Damals hatte ich sie für Delirium gehalten.

„Schwarzer Adler fällt“, sagte ich.

Kerns Gesicht veränderte sich.

„Sie erinnern sich.“

Julian sah zwischen uns hin und her.

„Was bedeutet das?“

„Es war ein Notsignal“, sagte Kern. „Falls ich meinen Kontakt nicht mehr erreichen konnte.“

„Und Falkenberg dachte, Sie hätten Clara Informationen gegeben“, sagte Reuter.

Kern nickte.

„Deshalb versuchte Arthur nach Ihrer Rückkehr, Sie zum Schweigen zu bringen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Arthur wusste von Falkenberg?“

„Nicht alles. Aber genug.“

Das tat fast mehr weh als der Rest.

Mein Vater hatte mich nicht nur verstoßen, weil ich mich gegen die Firma gestellt hatte.

Er hatte gewusst, dass ich in Gefahr sein könnte.

Und trotzdem hatte er geschwiegen.

„Warum hat Großvater zehn Jahre gewartet?“

Kern sah mich lange an.

„Weil Falkenberg etwas gegen ihn hatte.“

„Was?“

„Beweise dafür, dass Markus Jahre zuvor selbst geholfen hatte, bestimmte fragwürdige Rüstungsverträge politisch durchzusetzen. Nicht die Manipulationen Ihres Vaters. Aber genug, um seine Karriere und den Namen Voss zu zerstören.“

Julian flüsterte:

„Großvater hat uns geschützt.“

„Am Anfang“, sagte Kern. „Später wollte er es wiedergutmachen.“

Plötzlich klopfte es an der Haustür.

Dreimal.

Kern erstarrte.

„Erwarten Sie jemanden?“, fragte ich.

„Nein.“

Reuter griff nach seinem Telefon.

Kern schaltete das Licht aus.

Dann hörte ich draußen mehrere Autotüren.

Julian flüsterte:

„Falkenberg?“

„Zu schnell“, sagte Reuter.

Kern sah auf den Datenträger.

„Nein. Nicht wenn jemand Ihren Standort verfolgt hat.“

Ich dachte an mein Diensthandy.

An Stein.

An die Warnung an mein altes Team.

Dann kam eine Stimme von draußen.

„Oberst Voss! Bundeskriminalamt! Öffnen Sie die Tür!“

Reuter sah mich an.

„Diesmal könnten sie echt sein.“

„Oder diesmal haben sie bessere Ausweise.“

Kern nahm den Datenträger und drückte ihn mir in die Hand.

„Wenn sie mich mitnehmen, geben Sie das niemandem.“

„Warum?“

„Weil darauf nicht nur Falkenbergs Zahlungen sind.“

Das Klopfen wurde heftiger.

„Was noch?“

Kern sah zu Julian.

„Der vollständige Mitschnitt aus dem Krankenzimmer Ihres Großvaters.“

Julian wurde kreidebleich.

„Sie haben ihn?“

„Markus hat ihn mir automatisch übertragen.“

„Dann wissen Sie, wer bei ihm war.“

Kern nickte.

„Julian ging um 23:02 Uhr.“

Mein Bruder starrte ihn an.

„Ja.“

„Markus lebte.“

„Ja.“

„Und um 23:14 Uhr kam die nächste Person.“

Ich konnte kaum atmen.

„Wer?“

Bevor Kern antworten konnte, splitterte die Haustür.

Mehrere bewaffnete Kräfte drangen ein.

„Hände sichtbar!“

Wir hoben die Hände.

Ein Mann mit Einsatzweste kam herein.

Hinter ihm erschien Generalmajor Stein.

Er sah mich an.

Dann Kern.

Dann den Datenträger in meiner Hand.

„Oberst Voss“, sagte er. „Geben Sie mir das.“

Ich bewegte mich nicht.

Kerns Warnung hallte in meinem Kopf.

Vertraue niemandem.

Und plötzlich fiel mir etwas auf.

Stein hatte mir gesagt, der Zugriff auf meine Personalakte sei aus einem gesicherten Netz des Verteidigungsministeriums gekommen.

Aber ich hatte ihm nie gesagt, dass wir nach Matthias Kern suchten.

Trotzdem stand er vor dessen Haustür.

„Woher wussten Sie, dass ich hier bin?“, fragte ich.

Steins Gesicht blieb vollkommen ruhig.

„Ihr Diensthandy.“

„Das liegt seit einer Stunde ausgeschaltet im Wagen.“

Stille.

Reuters Blick wanderte langsam zu Stein.

Ich stellte nur noch eine Frage.

„Wer war um 23:14 Uhr im Krankenzimmer meines Großvaters?“

Stein antwortete nicht.

Doch Matthias Kern tat es.

„Er.“

Und zeigte direkt auf Generalmajor Stein.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**

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