Unterhaltung

Bei der Beerdigung verspottete mein Vater meine Bundeswehruniform – dann salutierte ein Staatssekretär vor mir

Das Projektil schlug in die Bücherwand hinter Arthurs Schreibtisch.

Holz splitterte über uns.

Ich lag halb auf meinem Vater, als ein zweiter Schuss das Fenster traf.

„Bleib unten!“

Arthur widersprach nicht.

Zum ersten Mal seit meiner Kindheit gehorchte er mir sofort.

Ich zog ihn hinter den massiven Schreibtisch und griff nach meinem Telefon.

„Jetzt.“

Mehr musste ich nicht sagen.

Reuter, Stein und die Einsatzkräfte warteten außerhalb des Grundstücks.


Sekunden später hörte ich Rufe.

Dann Motoren.

Schritte.

Ein weiterer Schuss fiel draußen.

Danach Stille.

Ich sah Arthur an.

„Verletzt?“

„Nein.“

„Sicher?“

Er nickte.


Ich untersuchte ihn trotzdem.

Meine Hände arbeiteten automatisch.

Atmung.

Puls.

Keine sichtbare Blutung.

Arthur beobachtete mich.

„Du bist wirklich Ärztin geworden.“

Ich hielt inne.

Nach allem, was geschehen war, hätte der Satz lächerlich klingen müssen.

Tat er nicht.


„Das war ich immer.“

Sein Blick sank.

„Ja.“

Draußen rief jemand, das Gebäude sei gesichert.

Generalmajor Stein kam zuerst herein.

„Schütze festgenommen. Lebend.“

Hinter ihm erschien Reuter.

Ich stand auf.

„Wer?“

Stein sah Arthur an.


„Ein ehemaliger Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes. Wir prüfen die Verbindung zu Falkenberg.“

„Sie müssen nichts prüfen“, sagte Arthur.

Er öffnete einen versteckten Tresor hinter einem Gemälde.

Darin lagen mehrere Akten und ein verschlüsseltes Telefon.

„Falkenberg hat ihn früher benutzt.“

Reuter starrte meinen Vater an.

„Sie hatten all das die ganze Zeit?“

„Ich hatte genug, um zu wissen, dass er gefährlich ist. Nicht genug, um ihn zu Fall zu bringen.“

„Und deshalb haben Sie geschwiegen?“

Arthur sah zu mir.


„Ich habe die falsche Entscheidung getroffen.“

Ich lachte bitter.

„Welche davon?“

Er nahm es hin.

Keine Rechtfertigung.

Keine herablassende Antwort.

Nur Schweigen.

Dann legte ich das versiegelte Röhrchen mit der Probe auf den Tisch.

„Das wird untersucht.“

Arthur nickte.


„Und du wirst aussagen.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Clara—“

„Über alles. Die Bestechungen. Die Fahrzeuge. Falkenberg. Großvater. Alles.“

Julian war inzwischen ebenfalls hereingekommen.

Er stand in der Tür.

„Sie hat recht.“

Arthur sah seinen Sohn an.

„Du weißt, was das bedeutet.“

„Ja.“


„Die Firma ist erledigt.“

Julian schluckte.

„Vielleicht hätte sie schon vor zehn Jahren erledigt sein müssen.“

Das war der erste Satz meines Bruders an diesem Tag, der mich an den Jungen erinnerte, mit dem ich einmal aufgewachsen war.

Stein ließ das Haus sichern.

Noch in derselben Nacht wurden Kopien aller Beweise an mehrere voneinander unabhängige Stellen übergeben.

Keine einzelne Person konnte sie mehr verschwinden lassen.

Die toxikologische Analyse des Röhrchens kam am nächsten Morgen.

Der Wirkstoff entsprach dem Stoff, der im Körper meines Großvaters gefunden worden war.

Aber die Konzentration im Wasser war zu niedrig, um seinen Tod verursacht zu haben.


Arthur hatte die Wahrheit gesagt.

Zumindest darüber.

Markus war bereits vergiftet worden, bevor mein Vater sein Krankenzimmer betreten hatte.

„Dann waren es seine Medikamente“, sagte ich.

Wir saßen in einem gesicherten Besprechungsraum.

Reuter nickte.

„Sehr wahrscheinlich.“

„Julian hatte sie mitgenommen.“

Mein Bruder legte sofort beide Hände auf den Tisch.

„Und direkt an ein Labor geschickt.“


„Welches?“

Er nannte es.

Stein ließ die Unterlagen abrufen.

Die Antwort kam zwanzig Minuten später.

Die Proben waren dort niemals eingegangen.

„Wer wusste, dass du sie transportierst?“, fragte ich.

Julian dachte nach.

„Papa. Großvater.“

„Sonst niemand?“

Er wurde still.


„Viktoria.“

Ich sah ihn an.

„Unsere Stiefmutter?“

„Sie rief mich an, als ich das Krankenhaus verließ. Sie sagte, Papa suche mich.“

Viktoria.

Die Frau, die bei der Beerdigung jedes Mal meinen Blick vermieden hatte.

Die Frau, die sich durch den Empfang bewegt hatte, als wäre sie nur eine elegante Witwe in einer Familie, die nicht ihre eigene war.

Arthur stand abrupt auf.

„Nein.“

„Was nein?“

„Viktoria hatte mit der Firma nichts zu tun.“

Reuter sah ihn scharf an.

„Sind Sie sicher?“

Arthur antwortete nicht.

Ich erinnerte mich an etwas anderes.

Falkenberg hatte bei der Beerdigung in der ersten Reihe gestanden.

Direkt hinter meiner Familie.

Hinter Viktoria.

„Wie lange kennt sie Falkenberg?“

Mein Vater wurde blass.

„Seit vor unserer Ehe.“

Der Raum wurde still.

„Wie lange davor?“

„Ich weiß es nicht.“

„Papa.“

„Viele Jahre.“

Stein begann sofort zu telefonieren.

Viktoria war nicht mehr im Offizierheim.

Nicht zu Hause.

Ihr Telefon war ausgeschaltet.

Dann fand Reuter etwas in den Dateien meines Großvaters.

Eine Überweisung.

Nicht an Viktoria.

An eine Beratungsfirma in Zürich.

Der wirtschaftlich Berechtigte führte über mehrere Gesellschaften zu einem Namen:

Viktoria Voss.

Zahlungseingänge über neun Jahre.

Ein Absender tauchte wiederholt auf.

Eine Stiftung, die bereits in Kerns Unterlagen mit Falkenberg verbunden war.

Arthur setzte sich langsam.

„Sie hat mich benutzt.“

Ich sah meinen Vater an.

„So wie du Großvater benutzt hast? So wie du die Prüfer bezahlt hast?“

Er schwieg.

Ich empfand kein Mitleid.

Aber plötzlich verstand ich die Struktur.

Falkenberg hatte keine Familie Voss von außen bekämpft.

Er hatte sie von innen kontrolliert.

Mit Gier.

Mit Angst.

Mit Geheimnissen.

Und mit Viktoria.

Stein erhielt einen Anruf.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Wir haben sie.“

„Wo?“

„Flughafen BER.“

„Allein?“

Er hörte weiter zu.

Dann sah er mich an.

„Nein.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Mit Falkenberg?“

Stein nickte.

„Sie wurden vor dem Sicherheitsbereich gestoppt.“

Zwei Stunden später sah ich Konrad Falkenberg zum ersten Mal nicht bei einer Beerdigung, sondern in einem Vernehmungsraum.

Keine Begleiter.

Kein schwarzer Mantel.

Keine Machtinszenierung.

Nur ein grauhaariger Mann hinter Glas.

Viktoria saß in einem anderen Raum.

Die Beweise gegen sie waren erheblich.

Zahlungen.

Nachrichten.

Zugriffe auf Markus' Medikamentenplan.

Eine Aufnahme aus dem Krankenhausflur zeigte, wie sie am Nachmittag vor seinem Tod eine Tasche an einen Mann übergab, der später Zugang zur Stationsapotheke erhalten hatte.

Aber Falkenberg schwieg.

Bis ich den Raum betrat.

„Oberst Voss“, sagte er.

„Dr. Falkenberg.“

Er lächelte.

„Sie sehen Ihrem Großvater ähnlicher, als Arthur je verstanden hat.“

Ich setzte mich.

„Warum Masar-i-Scharif?“

„Sie kennen die Antwort.“

„Ich möchte sie von Ihnen hören.“

Sein Lächeln verschwand.

„Matthias Kern hatte Informationen, die nie Deutschland erreichen durften.“

„Also ließen Sie einen ganzen Konvoi angreifen.“

„Ich habe keine Angriffe durchgeführt.“

„Sie haben die Route und die Fahrzeuge manipuliert.“

„Beweisen Sie es.“

Ich legte eine Kopie der Einsatzanweisung auf den Tisch.

Seine elektronische Freigabe.

Dann Kerns Zahlungsunterlagen.

Dann Markus' Dateien.

Dann die Daten aus Arthurs Tresor.

Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesicht.

„Und Viktoria?“, fragte ich.

Keine Antwort.

„Sie sollte meinen Großvater überwachen.“

Falkenberg lehnte sich zurück.

„Viktoria hat ihre eigenen Entscheidungen getroffen.“

„Hat sie ihn vergiftet?“

„Fragen Sie sie.“

„Ich frage Sie.“

Er lächelte wieder.

„Dann fragen Sie besser, warum Markus ausgerechnet jetzt sterben musste.“

Ich sagte nichts.

„Ihr Großvater hatte die Beweise seit Monaten“, fuhr Falkenberg fort. „Warum wurde er erst jetzt gefährlich?“

Das war eine gute Frage.

Zu gut.

„Was hatte sich verändert?“

Falkenberg beugte sich vor.

„Sie.“

Mir wurde kalt.

„Markus hatte erfahren, dass Sie für eine neue Position vorgesehen waren. Eine Position, die Ihnen Zugang zu alten Einsatzakten verschafft hätte.“

„Welche Position?“

Er antwortete nicht.

Die Tür hinter mir öffnete sich.

Generalmajor Stein stand dort.

Sein Gesicht war angespannt.

„Clara, kommen Sie bitte.“

Draußen hielt er mir ein Dokument hin.

Eine Personalentscheidung.

Noch nicht veröffentlicht.

Mein Name stand darauf.

**Oberst Dr. Clara Voss.**

Darunter die vorgesehene Verwendung in einer medizinisch-operativen Führungsfunktion mit Zugang zu klassifizierten Einsatzbewertungen.

Ich verstand.

Wenn ich diese Stelle antrat, hätte ich irgendwann die alten Masar-i-Scharif-Akten sehen können.

Markus hatte davon erfahren.

Deshalb hatte er beschlossen, nicht länger zu warten.

Deshalb musste er sterben.

Mein Telefon vibrierte.

Eine Nachricht von Kern.

**Wir haben Markus' letzte Sicherung entschlüsselt. Es gibt noch eine Datei. Sie wurde drei Stunden vor seinem Tod aufgenommen. Nur für dich.**

Ich öffnete sie.

Das Gesicht meines Großvaters erschien.

„Clara“, sagte er.

„Wenn du bis hierher gekommen bist, kennst du wahrscheinlich die meisten meiner Fehler.“

Er atmete schwer.

„Aber eine Sache musst du noch wissen.“

Ich hörte.

„Falkenberg hat Angst vor den Beweisen.“

Eine Pause.

„Viktoria hat Angst vor dem Gefängnis.“

Dann blickte Markus direkt in die Kamera.

„Arthur hat Angst davor, seine Firma zu verlieren.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Aber der Mensch, vor dem du dich jetzt am meisten in Acht nehmen musst, hat Angst davor, dass du herausfindest, warum deine Einheit damals überhaupt nach Masar-i-Scharif geschickt wurde.“

Ich erstarrte.

Die Datei endete mit einem Dokument.

Unser ursprünglicher Einsatzbefehl.

Ich hatte ihn hundertmal gesehen.

Doch Markus hatte eine frühere Version gefunden.

In dieser Version war meine Einheit einem völlig anderen Gebiet zugeteilt.

Die Änderung war nur sechs Stunden vor unserem Abflug erfolgt.

Und unter der Freigabe stand ein Name, den bisher niemand erwähnt hatte.

Ich las ihn zweimal.

Dann sah ich zu Stein.

Denn der Name gehörte einem Mann, der noch immer im aktiven Dienst war.

Und der am Morgen bei der Beerdigung meines Großvaters direkt neben dessen Sarg gestanden hatte.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**

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