Das Video endete.
Für einige Sekunden hörte man nur das leise Surren des alten Bildschirms und Julians unregelmäßigen Atem.
„Er war bei der Beerdigung“, wiederholte ich.
Ich dachte an den Empfangssaal.
An Generäle im Ruhestand.
Politiker.
Lobbyisten.
Rüstungsunternehmer.
Dutzende Menschen, die Markus Voss gekannt hatten.
Dutzende Menschen, die Arthur die Hand geschüttelt hatten.
„Wie viele Personen wussten von der ursprünglichen Untersuchung?“, fragte ich.
Reuter antwortete nicht sofort.
„Henrik.“
„Offiziell? Vielleicht sechs.“
„Und inoffiziell?“
„Das weiß niemand.“
Ich deutete auf den Mann am Boden.
„Dann fangen wir mit ihm an.“
Der Angreifer schwieg.
Einer von Reuters Begleitern nahm ihm die Zugangskarte ab und reichte sie Reuter.
Er betrachtete sie genauer.
„Die Karte ist echt.“
„Name?“
Reuter drehte sie um.
„Keiner.“
Das ergab keinen Sinn.
Dann begriff ich.
„Keine persönliche Zugangskarte.“
Reuter sah mich an.
„Eine Sonderkarte für abgeschirmte Bereiche.“
Julian wurde unruhig.
„Großvater hatte so eine.“
„Nein“, sagte Reuter. „Markus' Sicherheitsfreigabe war längst abgelaufen.“
Ich dachte an die Menschen auf der Beerdigung.
Jemand mit aktuellem Zugang.
Jemand hoch genug positioniert, um Identitäten zu schützen, Akten verschwinden zu lassen und Männer mit Ministeriumsausweisen zu schicken.
Mein Telefon klingelte.
Generalmajor Stein.
„Ihre neunzig Minuten sind noch nicht um“, sagte ich.
„Darum rufe ich nicht an.“
Seine Stimme klang anders.
„Jemand hat versucht, Ihre Personalakte aufzurufen.“
Ich erstarrte.
„Wer?“
„Der Zugriff kam aus einem gesicherten Netz des Verteidigungsministeriums.“
Reuter hörte jedes Wort.
„Welche Daten wurden geöffnet?“
„Einsatzhistorie. Medizinische Berichte. Aktuelle Dienststelle.“
Eine Pause.
„Und die Namen der Soldaten, die damals mit Ihnen in Masar-i-Scharif waren.“
Mein Körper wurde kalt.
Mein Team.
Menschen, die zehn Jahre lang geglaubt hatten, der Einsatz liege hinter ihnen.
„Sperren Sie die Akten.“
„Bereits geschehen.“
„Und warnen Sie alle Überlebenden meiner damaligen Sanitätseinheit.“
„Läuft.“
Ich sah den gefesselten Mann an.
„Herr General, noch etwas. Können Sie feststellen, wer heute bei der Beerdigung meines Großvaters anwesend war?“
„Warum?“
„Weil einer von ihnen möglicherweise vor zehn Jahren einen Mordbefehl gegeben hat.“
Diesmal dauerte die Stille länger.
„Ich schicke Ihnen die Gästeliste.“
Die Verbindung brach ab.
Julian setzte sich auf eine Metallkiste.
„Clara.“
Ich sah ihn an.
„Es gibt etwas, das du wissen musst.“
„Dann fang endlich an, mir die Wahrheit zu sagen.“
Er rieb sich über das Gesicht.
„Die Prüfberichte sind echt. Papa und ich wussten, dass bei einer Charge minderwertiges Material verwendet worden war.“
Reuter machte einen Schritt auf ihn zu.
„Sie geben also Bestechung zu?“
Julian hob den Kopf.
„Ich gebe zu, dass wir bezahlt haben, damit die Fahrzeuge nicht aus dem Verkehr gezogen wurden.“
Es war schlimmer, die Worte aus seinem Mund zu hören, als sie auf dem Bildschirm zu lesen.
„Menschen sind gestorben“, sagte ich.
„Ich weiß.“
„Nein. Du weißt Zahlen. Ich kenne ihre Gesichter.“
Julian senkte den Blick.
Ich wollte schreien.
Stattdessen zwang ich mich, weiterzufragen.
„Was wusste Großvater?“
„Vor zwei Jahren bekam er Kopien der alten Produktionsunterlagen. Dabei bemerkte er etwas, das wir damals übersehen hatten.“
„Was?“
„Die Fahrzeuge mit den größten Materialfehlern waren ursprünglich gar nicht für deinen Konvoi vorgesehen.“
Reuter verstand es zuerst.
„Sie wurden ausgetauscht.“
Julian nickte.
„Achtundvierzig Stunden vor dem Einsatz.“
„Wer konnte das veranlassen?“
„Nicht wir. Nach der Übergabe hatten wir keinen Einfluss mehr auf die Einsatzplanung.“
Mein Telefon vibrierte.
Die Gästeliste war angekommen.
Ich öffnete sie.
Hundertdreiundzwanzig Namen.
Reuter stellte sich neben mich.
„Wir brauchen diejenigen mit aktuellem oder damaligem Zugang zu Einsatzplanung und Beschaffung.“
Wir reduzierten die Liste.
Dreiundzwanzig.
Dann diejenigen, die bereits vor zehn Jahren eine ausreichend hohe Sicherheitsfreigabe gehabt hatten.
Neun.
Reuter las die Namen.
Bei einem blieb er stehen.
Sein Finger bewegte sich nicht mehr.
„Was ist?“
„Das kann nicht sein.“
„Diesen Satz haben Sie heute schon einmal gesagt.“
Er zeigte auf einen Namen.
Dr. Konrad Falkenberg.
Ich erinnerte mich an ihn.
Ein grauhaariger Mann mit schwarzem Mantel.
Er hatte bei der Beerdigung in der ersten Reihe gestanden.
Direkt hinter meiner Familie.
„Wer ist er?“
„Damals leitete Falkenberg einen sicherheitspolitischen Koordinierungsstab. Heute ist er Sonderberater für strategische Beschaffung.“
„Und vor zehn Jahren?“
Reuter sah mich an.
„Er hatte Zugriff auf Einsatzplanung und Beschaffungsdaten.“
Julian stand abrupt auf.
„Falkenberg.“
Seine Stimme klang, als wäre plötzlich etwas an seinen Platz gefallen.
„Großvater hat den Namen gesagt.“
„Wann?“
„In der Nacht, als er starb.“
Ich trat auf meinen Bruder zu.
„Du warst also länger bei ihm, als das Video zeigt.“
Julian nickte.
„Das Video wurde geschnitten.“
„Was ist wirklich passiert?“
Er atmete tief ein.
„Ich kam um 22:47 Uhr. Großvater gab mir seine Medikamente und sagte, ich solle sie prüfen lassen. Dann zeigte er mir einen Ausdruck.“
„Welchen Ausdruck?“
„Eine alte Einsatzanweisung.“
„Für Masar-i-Scharif?“
„Ja.“
Julian sah mich direkt an.
„Mit Falkenbergs elektronischer Freigabe.“
Reuter fluchte leise.
„Wo ist dieser Ausdruck?“
„Großvater hatte ihn.“
„Und nach seinem Tod?“
„Verschwunden.“
Ein Geräusch kam vom Boden.
Der festgenommene Angreifer lachte.
Ganz leise.
Ich ging zu ihm.
„Was ist so lustig?“
Er hob den Kopf.
„Sie suchen immer noch nach Papier.“
Sein Mundwinkel war aufgeplatzt.
„Während Falkenberg längst weiß, dass Sie hier sind.“
Reuters Männer überprüften sofort die Halle.
Ich kniete mich vor den Gefangenen.
„Warum sollte er uns hierherbringen?“
Der Mann lächelte.
„Nicht Sie.“
Sein Blick wanderte zu Julian.
„Ihn.“
Julian wurde bleich.
„Warum mich?“
„Weil Markus Ihnen etwas gegeben hat.“
„Nein.“
„Doch.“
Der Mann sah auf Julians linke Hand.
„Ihre Uhr.“
Julian blickte auf sein Handgelenk.
Eine alte mechanische Armbanduhr.
Ich hatte sie früher hundertmal gesehen.
Sie hatte meinem Großvater gehört.
„Wann hast du die bekommen?“, fragte ich.
„In jener Nacht.“
Julian nahm sie ab.
„Großvater sagte nur, ich solle sie niemals Arthur geben.“
Ich nahm die Uhr.
Auf der Rückseite war das Voss-Familienwappen eingraviert.
Darunter verlief eine kaum sichtbare Kerbe.
Ich drückte dagegen.
Der Boden sprang auf.
Im Inneren lag keine Mechanik.
Sondern ein winziger Schlüssel.
Reuter zog scharf die Luft ein.
Am Schlüssel hing ein schmales Metallschild.
Darauf stand:
**B-17.**
Der Gefangene hörte auf zu lächeln.
Zum ersten Mal sah ich Angst in seinen Augen.
„Was ist B-17?“, fragte ich.
Keine Antwort.
Julian starrte auf den Schlüssel.
Dann flüsterte er:
„Ich weiß es.“
Er sah mich an.
„Im alten Hauptsitz von Voss Defence gab es im Untergeschoss einen Archivtrakt. Papa ließ ihn vor Jahren versiegeln.“
„Und B-17?“
„Ein Sicherheitsfach.“
Reuter nahm sein Telefon.
„Wir fahren nicht allein.“
„Nein.“
Ich dachte an Markus' Warnung.
An manipulierte Aufnahmen.
An falsche Beamte.
An einen Mann im Ministerium, der möglicherweise zehn Jahre lang Spuren beseitigt hatte.
„Wir informieren auch nicht jeden.“
Eine Stunde später standen wir im Untergeschoss des alten Voss-Defence-Hauptsitzes.
B-17 befand sich hinter einer verrosteten Stahltür.
Der Schlüssel passte.
Im Fach lag nur ein Umschlag.
Mein Name stand darauf.
Wieder die Handschrift meines Großvaters.
Ich öffnete ihn.
Darin befand sich ein Foto.
Aufgenommen zehn Jahre zuvor.
Darauf standen mein Großvater und Konrad Falkenberg vor einem Bundeswehrgebäude.
Zwischen ihnen ein dritter Mann.
Ich erkannte ihn sofort.
Obwohl ich ihn zuletzt mit verbranntem Gesicht auf meinem Operationstisch gesehen hatte.
Der BND-Mitarbeiter aus Masar-i-Scharif.
Ich drehte das Foto um.
Auf der Rückseite hatte Markus geschrieben:
**Clara hat ihn gerettet. Deshalb lebt der einzige Zeuge noch.**
Darunter stand eine Adresse.
Reuter wurde vollkommen still.
„Sie kennen sie“, sagte ich.
Er nickte.
„Ja.“
„Wo führt sie hin?“
Er sah mich an.
„Zu einem Mann, der laut offiziellen Akten seit zehn Jahren tot ist.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







No comments yet