Unterhaltung

Bei der Beerdigung verspottete mein Vater meine Bundeswehruniform – dann salutierte ein Staatssekretär vor mir

Niemand bewegte sich.

Generalmajor Stein stand im zerstörten Türrahmen, umgeben von bewaffneten Kräften, und sah Matthias Kern an, als hätte dieser gerade etwas ausgesprochen, das seit Jahren nicht mehr ausgesprochen werden durfte.

„Das ist eine schwere Anschuldigung“, sagte Stein schließlich.

Kern blieb ruhig.

„Es ist keine Anschuldigung.“

Er deutete auf den Datenträger in meiner Hand.

„Es ist eine Aufnahme.“

Steins Blick fiel darauf.

Nur für einen Augenblick.

Aber ich sah es.


Angst.

„Clara“, sagte er.

Nicht Oberst Voss.

Nicht Voss.

Clara.

„Geben Sie mir den Datenträger.“

Ich schloss die Finger darum.

„Warum waren Sie bei meinem Großvater?“

„Weil er mich angerufen hatte.“

„Weshalb?“


„Um über Falkenberg zu sprechen.“

„Dann erklären Sie es.“

Stein sah zu den Einsatzkräften.

„Nicht hier.“

„Doch. Genau hier.“

Einer der Männer neben ihm trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

Stein bemerkte es.

„Waffen runter“, befahl er.

Niemand reagierte.

„Das war ein Befehl.“


Der Einsatzleiter sah ihn an.

„Mit allem Respekt, Herr General, wir wurden wegen einer möglichen Gefährdung von Oberst Voss hierhergeschickt. Nicht, um Beweismittel zu beschlagnahmen.“

Steins Gesicht verhärtete sich.

Damit hatte ich meine Antwort.

Zumindest einen Teil davon.

„Sie kontrollieren diese Männer nicht“, sagte ich.

„Nein.“

„Warum sind Sie dann hier?“

Er schwieg.

Reuter trat neben mich.


„Weil er Ihnen gefolgt ist.“

Stein sah ihn an.

„Sie sollten überhaupt nicht hier sein, Reuter.“

„Und Sie sollten erklären, warum Markus Voss kurz nach Ihrem Besuch gestorben ist.“

Ich steckte den Datenträger in Kerns Laptop.

Stein machte einen Schritt nach vorn.

Mehrere Waffen hoben sich sofort.

Er blieb stehen.

Kern öffnete die Datei.

Der Zeitstempel zeigte 23:14 Uhr.


Mein Großvater lag im Krankenhausbett.

Stein trat ins Zimmer.

Keine versteckte Gestalt.

Keine Manipulation.

Er.

„Markus“, sagte Stein auf der Aufnahme.

Mein Großvater öffnete die Augen.

„Du bist spät.“

„Falkenberg weiß, dass du die Unterlagen hast.“

„Dann wird es Zeit.“


Stein trat näher ans Bett.

„Nein. Es wird Zeit, Clara da herauszuhalten.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Markus lachte schwach.

„Dafür sind wir zehn Jahre zu spät.“

„Sie hat ein Leben.“

„Sie lebt auf einer Lüge.“

Stein beugte sich zu ihm.

„Wenn du aussagst, wird Falkenberg sie finden.“

„Er weiß längst, wer sie ist.“


Dann griff mein Großvater nach Steins Hand.

„Beschütze sie nicht vor der Wahrheit.“

Stein zog seine Hand zurück.

„Du verlangst von mir, ihre Karriere, ihr Leben und möglicherweise ihre Sicherheit zu zerstören.“

„Nein.“

Markus sah ihn direkt an.

„Ich verlange von dir, endlich aufzuhören, Falkenberg zu fürchten.“

Die Aufnahme lief weiter.

Stein nahm nichts aus seiner Tasche.

Er berührte keine Medikamente.


Er blieb sechs Minuten.

Dann ging er.

Mein Großvater lebte.

Ich sah zu Kern.

„Das beweist, dass er dort war. Nicht, dass er ihn getötet hat.“

„Richtig“, sagte Kern.

Stein starrte mich an.

„Danke.“

„Bedanken Sie sich noch nicht.“

Kern bewegte den Zeitbalken weiter.


23:26 Uhr.

Vier Minuten vor dem Zeitpunkt, an dem laut Krankenakte die ersten akuten Symptome begonnen hatten.

Die Tür öffnete sich.

Arthur trat ein.

Julian sog scharf die Luft ein.

Mein Vater ging direkt zum Bett.

Kein Mantel.

Keine Aktentasche.

Nur ein Glas Wasser in der Hand.

Markus richtete sich mühsam auf.


„Du solltest nicht hier sein.“

„Wir müssen reden.“

„Es gibt nichts mehr zu besprechen.“

Arthur stellte das Glas auf den Nachttisch.

„Du wirst unsere Familie zerstören.“

„Nein, Arthur. Das hast du bereits getan.“

Mein Vater stand regungslos da.

Dann sagte er:

„Falkenberg wird Clara töten, wenn du das veröffentlichst.“

Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Markus antwortete:

„Und genau deshalb muss es enden.“

Arthur griff nach dem Wasserglas.

Seine Hand verdeckte für einen Moment die Sicht der Kamera.

Dann stellte er es zurück.

„Trink.“

Markus sah das Glas an.

„Was hast du getan?“

Arthur antwortete nicht.

Die Aufnahme brach ab.

Julian setzte sich langsam.

„Mein Gott.“

Ich konnte nicht sprechen.

Zehn Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Vater habe mich aus Stolz verstoßen.

Dann hatte ich erfahren, dass er wusste, dass ich gefährdet war.

Jetzt sah ich ihn am Bett seines eigenen Vaters mit einem Glas, kurz bevor Markus starb.

Doch ein Verdacht war noch kein Beweis.

„Wir brauchen das Glas“, sagte ich.

Kern schüttelte den Kopf.

„Das Krankenhaus hat es entsorgt.“

„Dann brauchen wir etwas anderes.“

Reuter sah auf die toxikologische Datei.

„Das Medikament.“

Ich nickte.

„Wenn Arthur es beschafft hat, gibt es möglicherweise eine Spur.“

Stein sprach zum ersten Mal wieder.

„Die gibt es.“

Alle sahen ihn an.

„Drei Tage vor Markus' Tod wurde eine kleine Menge des Wirkstoffs aus einem militärmedizinischen Forschungsbestand entnommen.“

„Von wem?“

Stein zögerte.

„Die digitale Freigabe lief über meine Kennung.“

Reuter fluchte.

„Sie wurden benutzt.“

„Ja.“

„Von Falkenberg?“

„Das glaubte ich.“

Stein sah mich an.

„Deshalb habe ich versucht, Ihre Personalakte zu überwachen. Nicht um Sie zu finden. Um zu sehen, wer nach Ihnen sucht.“

Ich erinnerte mich an seinen Anruf.

Er hatte mich gewarnt.

„Und Kern?“

„Ihre Position habe ich nicht über Ihr ausgeschaltetes Telefon gefunden.“

Er deutete auf Julian.

Mein Bruder griff langsam in seine Tasche.

Sein Handy.

„Sie haben mich geortet?“

„Ihr Gerät wurde bereits überwacht, bevor Sie entführt wurden.“

Kern sah mich an.

„Dann wusste der Gegner ebenfalls, dass wir hier sind.“

Als hätte er nur auf diese Worte gewartet, vibrierte mein Telefon.

Eine neue Nachricht.

Diesmal von Arthur.

**Komm nach Hause. Allein. Ich gebe dir Falkenberg.**

Darunter folgte ein zweiter Satz.

**Und ich erkläre dir, was wirklich in Großvaters Glas war.**

Ich zeigte die Nachricht den anderen.

Julian sprang auf.

„Du gehst da nicht hin.“

„Doch.“

„Clara—“

„Aber nicht allein.“

Ich sah Stein an.

Dann Reuter.

Dann Kern.

„Wir machen diesmal nicht den Fehler, den Großvater gemacht hat. Jeder bekommt eine Kopie der Beweise. Und alles, was Arthur sagt, wird gesichert.“

Eine Stunde später stand ich vor dem Haus, in dem ich aufgewachsen war.

Die Fenster waren dunkel.

Nur im Arbeitszimmer meines Vaters brannte Licht.

Arthur saß hinter seinem Schreibtisch.

Vor ihm stand das silberne Feuerzeug meines Großvaters.

„Setz dich“, sagte er.

Ich blieb stehen.

„Falkenberg.“

Arthur sah mich lange an.

Dann schob er einen Ordner über den Tisch.

„Konrad Falkenberg hat vor zehn Jahren den Konvoi manipuliert.“

„Das weiß ich.“

„Nein.“

Mein Vater schüttelte den Kopf.

„Du weißt nicht, warum.“

Ich wartete.

„Matthias Kern war nicht das einzige Ziel.“

Arthur öffnete den Ordner.

Darin lag eine Kopie meines damaligen Einsatzbefehls.

Mein Name war markiert.

**Stabsärztin Dr. Clara Voss.**

Daneben stand eine handschriftliche Notiz.

**Falls Kern überlebt, Voss ebenfalls ausschalten.**

Mir wurde kalt.

„Warum?“

Arthur hob den Blick.

„Weil Falkenberg wusste, dass du etwas gesehen hattest, bevor du überhaupt nach Masar-i-Scharif geflogen bist.“

„Was soll ich gesehen haben?“

„Eine Besprechung in unserem Haus. Zwei Nächte vor deinem Abflug.“

Die Erinnerung traf mich plötzlich.

Mein Vater.

Falkenberg.

Ein dritter Mann.

Geschlossene Türen.

Ich war auf dem Weg in die Küche gewesen und hatte nur einen Satz gehört.

Damals hatte er nichts bedeutet.

Jetzt erinnerte ich mich Wort für Wort.

**Der Konvoi muss auf Route Adler bleiben.**

Arthur öffnete eine Schublade.

„Ich habe deinen Großvater nicht vergiftet.“

„Das Video zeigt—“

„Dass ich ein Glas berührt habe.“

Er legte ein kleines versiegeltes Röhrchen auf den Tisch.

„Markus wusste bereits, dass jemand seine Medikamente manipuliert hatte. Das Glas enthielt eine Probe. Er bat mich, sie herauszubringen.“

Ich starrte auf das Röhrchen.

„Warum hast du nie etwas gesagt?“

Arthur sah plötzlich zehn Jahre älter aus.

„Weil Falkenberg mir am nächsten Morgen ein Foto geschickt hat.“

„Von wem?“

Er drehte seinen Computerbildschirm zu mir.

Auf dem Foto war ich.

Zehn Jahre jünger.

Auf dem Weg zu meiner damaligen Dienststelle.

Aufgenommen durch ein Zielfernrohr.

Unter dem Bild stand:

**Beim nächsten Mal drücke ich ab.**

Arthur flüsterte:

„Ich dachte, wenn du mich hasst, würdest du dich von der Familie fernhalten.“

Ich konnte ihn nur ansehen.

Dann leuchtete hinter ihm ein roter Punkt auf.

Mitten auf seiner Brust.

„Runter!“, schrie ich.

Ich warf mich gegen meinen Vater.

Im selben Moment zerbarst das Fenster.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**

No comments yet