Luca wandte das Gesicht ab, bevor Nora ihn noch länger beobachten konnte.
Männer hatten schon vor ihm auf den Knien um Gnade gefleht, ohne etwas in ihm zu bewegen.
Dieses Kind hatte es mit einem einzigen ruinierten Hemd geschafft.
„Wo ist deine Mutter?“, fragte er.
Nora zeigte in Richtung des Personaltrakts.
„Im Bett. Sie ist ganz heiß.“
Lucas Gesichtsausdruck verhärtete sich.
Er nahm Nora auf den Arm und trug sie selbst den Flur entlang.
In dem kleinen Personalzimmer lag Elena zusammengerollt unter einer dünnen Decke. Ihr Gesicht war vom Fieber gerötet.
In dem Moment, als sie Luca sah, versuchte sie sich aufzurichten.
„Herr Ferraro – es tut mir leid. Ich werde arbeiten. Bitte, entlassen Sie mich nicht—“
„Bleiben Sie liegen.“
Seine Stimme brachte sie augenblicklich zum Schweigen.
Nora kletterte neben ihre Mutter auf die Matratze.
„Ich habe sein Hemd gewaschen, Mama.“
Elena wurde kreidebleich.
Luca bemerkte es.
Das war keine Verlegenheit.
Das war Angst.
„Warum haben Sie wegen eines Hemdes mit einem Fleck solche Angst?“, fragte er.
Elena blickte zur Tür.
„Herr Harland hat gesagt, noch ein Fehler würde mich meine Stelle kosten.“
Lucas Kiefer spannte sich an.
Harland leitete seinen Haushalt seit sechs Jahren.
Er entschied über Dienstpläne, Löhne, Einstellungen und Entlassungen.
Luca hatte ihm vertraut, weil in der Villa immer alles reibungslos funktionierte.
Zu reibungslos.
„Seit wie vielen Tagen sind Sie krank?“
„Seit drei Tagen.“
„Und Sie haben trotzdem gearbeitet?“
Elena zögerte.
„Ja.“
„Warum haben Sie keinen Arzt gerufen?“
Sie senkte den Blick.
„Ich kann mir keinen leisten.“
Luca starrte sie an.
Jeder Angestellte in seinem Anwesen sollte über eine private Krankenversicherung verfügen.
Zumindest stand es so in Harlands monatlichen Abrechnungen.
Ein kaltes Gefühl breitete sich in Lucas Magen aus.
„Ihre Krankenversicherung?“
Elena sah ihn verständnislos an.
„Welche Krankenversicherung?“
Stille erfüllte das Zimmer.
Langsam zog Luca sein Handy hervor.
„Harland.“
Der Hausverwalter nahm sofort ab.
„Herr Ferraro?“
„Bringen Sie mir sämtliche Lohn- und Gehaltsunterlagen des Personals. Sofort.“
Am anderen Ende herrschte einen Moment lang Schweigen.
Dann lachte Harland nervös.
„Natürlich. Gibt es ein Problem?“
Bevor Luca antworten konnte, zupfte Nora an seinem Ärmel.
Sie hielt etwas Kleines in der Hand.
Einen zusammengefalteten Briefumschlag.
„Den habe ich unter Mamas Tür gefunden.“
Elenas Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig.
„Nora, gib mir den.“
Doch Luca hatte den roten Aufdruck auf der Vorderseite bereits gesehen.
LETZTE MAHNUNG.
Er öffnete den Umschlag.
Darin befand sich keine Arztrechnung.
Es war eine Zahlungsaufforderung über mehrere Tausend Euro, die Elena angeblich vom Ferraro-Haushalt geliehen hatte und nun zurückzahlen sollte.
Luca las die Unterschrift am Ende zweimal.
Sein eigener Name war gefälscht worden.
Dann verstummten Schritte vor dem Zimmer.
Harland war da.
Und er war nicht allein.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 3, um weiterzulesen.**







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