Unterhaltung

Der Milliardär kam früher nach Hause und fand die dreijährige Tochter seiner kranken Haushaltshilfe dabei, wie sie sein Hemd wusch

Der Westflügel wurde innerhalb weniger Minuten abgeriegelt.

Luca stand im Korridor vor seinem Schlafzimmer, während zwei Spezialisten seines Sicherheitsdienstes den Raum untersuchten. Niemand durfte hinein, bis feststand, was Nora gesehen hatte.

Harland war inzwischen in einem anderen Raum unter Bewachung.

Matteo kam zu Luca.

„Wenn dort seit drei Monaten ein Sprengsatz läge, hätten wir vermutlich längst etwas bemerkt.“

„Vermutlich interessiert mich nicht.“

Matteo nickte.

Sie warteten.

Nach fast zwanzig Minuten öffnete sich die Schlafzimmertür.

Einer der Männer trat heraus.


„Kein Sprengstoff.“

Luca betrat den Raum.

Auf den ersten Blick sah alles aus wie immer.

Das große Bett.

Die dunklen Möbel.

Die geschlossenen Vorhänge.

Dann kniete der Spezialist neben dem Bett und zeigte auf eine kleine schwarze Vorrichtung, die an der Unterseite des Holzrahmens befestigt gewesen war.

„Sender?“, fragte Luca.

„Abhörgerät.“

Matteo fluchte leise.


Der Mann hielt einen zweiten Gegenstand hoch.

„Und das hier ist interessanter.“

Eine winzige Speicherkarte.

„Das Gerät hat nicht nur übertragen. Es hat auch lokal gespeichert.“

Luca sah zum Bett.

Drei Monate.

Gespräche.

Telefonate.

Alles, was in diesem Raum gesagt worden war.

„Können wir die Daten auslesen?“


„Ja. Aber ich möchte zuerst eine Kopie erstellen.“

„Tun Sie es.“

Matteo ging zum Fenster und betrachtete den Rahmen.

„Jemand hat die Sicherheitskameras manipuliert, ist nachts in dein Schlafzimmer gekommen und hat ein Abhörgerät angebracht.“

Luca antwortete nicht.

Er dachte an Nora.

Ein dreijähriges Mädchen hatte etwas entdeckt, das sein gesamtes Sicherheitssystem übersehen hatte.

Und Harland hatte darauf reagiert, indem er ihre Mutter noch stärker unter Druck setzte.

„Prüfen Sie jedes Zimmer.“

Matteo drehte sich um.


„Die ganze Villa?“

„Jeden Raum. Jedes Fahrzeug. Jedes Büro.“

„Das dauert.“

„Dann fangen Sie jetzt an.“

Als Luca in den Ostflügel zurückkehrte, war Elena wach.

Nora schlief zusammengerollt neben ihr.

Dr. Conti hatte eine Infusion gelegt.

Elena sah Luca sofort an.

„Was ist passiert?“

Er schloss die Tür hinter sich.


„Nora hat uns geholfen, etwas zu finden.“

Elenas Augen weiteten sich.

„Ist sie in Gefahr?“

Luca antwortete nicht sofort.

Das genügte.

Elena zog ihre Tochter näher an sich.

„Wir müssen gehen.“

„Nein.“

„Herr Ferraro—“

„Wenn jemand Nora beobachtet hat, ist draußen nicht automatisch sicherer.“


„Dann zur Polizei.“

„Die wird informiert.“

Elena sah ihn prüfend an.

„Informiert?“

Luca verstand ihren Zweifel.

Sie wusste, wer er war.

Oder zumindest, was über ihn erzählt wurde.

„Sie und Nora werden nicht versteckt“, sagte er. „Und niemand wird Sie zwingen, hierzubleiben. Aber bis wir wissen, wer hinter dieser Sache steckt, möchte ich, dass Sie geschützt sind.“

Elena schwieg.

Dann fragte sie:


„Warum hat Nora Ihnen überhaupt von diesem Mann erzählt?“

„Harland sagte, sie hätte ihn vor drei Monaten gesehen.“

Elena wurde plötzlich still.

„Was?“

„Erinnern Sie sich daran?“

Sie blickte zu ihrer schlafenden Tochter.

„Damals hatte Nora Albträume.“

„Was hat sie gesagt?“

„Dass ein Mann durch den Flur gegangen sei.“

„Mit einem silbernen Ring?“


Elenas Kopf schnellte hoch.

„Woher wissen Sie das?“

Luca setzte sich.

„Weil sie recht hatte.“

Elena schloss die Augen.

„Ich dachte, sie hätte geträumt.“

„Das hätten die meisten gedacht.“

„Am nächsten Morgen habe ich Harland davon erzählt.“

Luca erstarrte.

„Sie haben es Harland erzählt?“


„Ja.“

„Was sagte er?“

„Dass Nora wahrscheinlich einen Sicherheitsmann gesehen hätte.“

Elena überlegte.

„Danach wurde alles schlimmer.“

„Wie?“

„Mehr Kontrollen. Mehr Drohungen. Plötzlich diese angeblichen Schulden.“

Da war die Verbindung.

Harland hatte nicht zufällig Elena ausgewählt.

Er hatte versucht, sie gefügig zu machen, nachdem Nora den Eindringling gesehen hatte.


Luca stand auf.

„Ruhen Sie sich aus.“

„Herr Ferraro.“

Er blieb an der Tür stehen.

„Bitte unterschätzen Sie Harland nicht.“

Luca sah sie an.

„Das habe ich sechs Jahre lang getan.“

Zurück im Arbeitszimmer wartete Matteo bereits mit einem Laptop.

„Die Speicherkarte ist lesbar.“

Luca setzte sich.

„Zeigen Sie mir alles.“

„Es sind Hunderte Stunden. Vieles wurde automatisch überschrieben. Aber mehrere Dateien wurden separat markiert.“

„Von wem?“

„Das wissen wir nicht.“

Matteo öffnete eine Liste.

Datum.

Uhrzeit.

Dateigröße.

Etwa zwanzig Aufnahmen waren gespeichert worden.

Eine davon stammte aus der Nacht, in der Nora den Mann gesehen hatte.

Matteo klickte darauf.

Zunächst hörte man nur leises Rascheln.

Dann Schritte.

Eine Männerstimme.

„Das Gerät läuft.“

Eine zweite Stimme antwortete aus größerer Entfernung.

„Gut.“

Luca blickte zu Matteo.

„Harland?“

Matteo schüttelte den Kopf.

„Die zweite Stimme könnte er sein. Die erste nicht.“

Auf der Aufnahme öffnete sich offenbar eine Schublade.

Dann sagte die unbekannte Stimme:

„Ferraro bewahrt hier nichts auf.“

Die zweite Stimme antwortete:

„Darum geht es nicht. Wir müssen wissen, mit wem er spricht.“

Luca beugte sich näher zum Laptop.

Ein leises metallisches Geräusch erklang.

Dann:

„Und das Kind?“

Kurze Stille.

„Sie hat mich gesehen.“

Lucas Gesicht wurde hart.

„Dann kümmert Harland sich darum.“

Die Aufnahme endete.

Matteo sah Luca an.

„Das beweist, dass Harland von Anfang an wusste, warum Elena unter Druck gesetzt wurde.“

Luca stand auf.

„Holen Sie ihn.“

Als Harland fünf Minuten später hereingebracht wurde, legte Luca den Laptop vor ihn.

„Setzen.“

Harland blieb stehen.

Luca spielte die Aufnahme ab.

Bei den Worten Und das Kind? schloss Harland kurz die Augen.

Als die Datei endete, herrschte völlige Stille.

„Wer ist die erste Stimme?“, fragte Luca.

Harland schwieg.

„Nora hat sein Gesicht gesehen.“

„Dann hoffen Sie besser, dass sie es vergisst.“

Matteo machte einen Schritt auf ihn zu.

Luca hob nur eine Hand.

„War das eine Drohung?“

Harland sah erschöpft aus.

„Nein.“

„Dann erklären Sie es.“

Harland sank auf den Stuhl.

„Wenn K erfährt, dass das Kind ihn identifizieren kann, wird er nicht aufhören.“

„Also ist der Mann auf dem Bild K.“

Harland antwortete nicht.

Das war Antwort genug.

„Name.“

„Ich kenne nur einen.“

„Welchen?“

Harland blickte Luca an.

„Kessler.“

Luca kannte den Namen nicht.

„Vorname?“

„Keine Ahnung.“

„Wo finde ich ihn?“

„Das weiß ich ebenfalls nicht.“

Luca beugte sich vor.

„Sie haben fünf Jahre lang für einen Mann gearbeitet und wissen nicht, wo er ist?“

„Ich habe nie gesagt, dass ich für ihn gearbeitet habe.“

„Wie nennen Sie es?“

Harland lachte bitter.

„Überleben.“

Matteos Telefon vibrierte.

Er nahm ab.

„Ja.“

Seine Miene veränderte sich.

„Wann?“

Luca sah ihn an.

Matteo legte auf.

„Wir haben noch ein Gerät gefunden.“

„Wo?“

„Nicht in der Villa.“

Eine Pause.

„In deinem Wagen.“

Luca wurde still.

„Welcher?“

„Der Mercedes.“

„Abhörgerät?“

„GPS-Sender.“

Harland flüsterte etwas.

Luca sah zu ihm.

„Was?“

Harland hob den Kopf.

„Dann weiß er, dass Sie heute früher nach Hause gekommen sind.“

Stille.

Luca verstand sofort.

Kessler musste nicht wissen, was Luca entdeckt hatte.

Es reichte, dass sein Tagesablauf plötzlich anders gewesen war.

Matteos Handy klingelte erneut.

Diesmal schaltete er sofort auf Lautsprecher.

„Matteo.“

Die Stimme eines Sicherheitsmannes erklang.

„Wir haben ein Problem am Haupttor.“

„Was für eins?“

„Ein Wagen ist gerade vorgefahren.“

„Wer sitzt drin?“

„Ein Kurier. Sagt, er habe eine persönliche Lieferung für Herrn Ferraro.“

Luca und Matteo sahen sich an.

„Von wem?“, fragte Luca.

Am anderen Ende raschelte Papier.

Dann antwortete der Wachmann:

„Auf der Karte steht nur ein Buchstabe.“

Luca wusste bereits, welcher.

„K.“

Harland wurde kreidebleich.

„Nehmen Sie das Paket nicht an.“

Doch Luca sah ihn an.

„Warum?“

Harlands Stimme brach beinahe.

„Weil K niemals Geschenke schickt.“

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**

No comments yet