Luca las die Nachricht ein zweites Mal.
**Ferraro darf nichts erfahren.**
Matteo stand neben ihm und betrachtete das Display.
„Wer auch immer K. ist“, sagte er, „weiß offenbar noch nicht, dass Harland aufgeflogen ist.“
Luca steckte das Telefon ein.
„Dann sorgen wir dafür, dass das so bleibt.“
Er nahm das Foto von Elena und Nora wieder in die Hand.
Das Mädchen darauf trug eine gelbe Jacke und hielt einen roten Ball. Elena saß auf einer Bank wenige Meter entfernt.
Nichts an dem Bild wirkte zufällig.
Jemand hatte sie beobachtet.
„Sichern Sie alles“, sagte Luca. „Jedes Dokument. Den Laptop. Fingerabdrücke. Und niemand berührt etwas ohne Protokoll.“
Matteo nickte.
Luca öffnete den Umschlag weiter.
Unter den Lohnabrechnungen lagen Kopien von Elenas Ausweis, ihrer Bankverbindung und Noras Geburtsurkunde.
Dann fand er eine Liste.
Drei Spalten.
**Name. Schwachstelle. Maßnahme.**
Bei Elena stand:
**Alleinerziehend. Kind. Keine Familie vor Ort. Arbeitsplatzverlust androhen.**
Luca legte das Blatt auf den Tisch.
Bei der Reinigungskraft Teresa:
**Sohn braucht Medikamente. Vorschuss anbieten.**
Beim Fahrer Marco:
**Bruder arbeitslos. Familie abhängig vom Einkommen.**
Beim Gärtner Paolo:
**Aufenthaltsunterlagen prüfen.**
Luca spürte, wie etwas Kaltes in ihm wuchs.
Das hier war kein chaotischer Betrug.
Es war ein System.
Harland hatte Menschen ausgesucht, die sich besonders schlecht wehren konnten.
Dann hatte er ihre Not in eine Kette verwandelt.
„Matteo.“
„Ja?“
„Wie viele Personalakten sind hier?“
Matteo begann die Umschläge zu zählen.
„Dreiundzwanzig.“
Oben im Salon hatten nur sieben Menschen die Hand gehoben.
Luca sah wieder auf die Schränke.
„Dann kennen wir noch nicht einmal die Hälfte.“
Er verließ den Keller.
Als er in den Ostflügel kam, saß Nora auf dem Teppich vor dem Gästezimmer und malte.
Neben ihr standen mehrere Stifte und ein großes Blatt Papier.
Sie blickte auf.
„Herr Ferraro.“
„Was malst du?“
„Ein Haus.“
Luca blieb stehen.
Das Haus auf dem Papier war riesig. Daneben standen drei Figuren.
Eine große Frau.
Ein kleines Mädchen.
Und ein ungewöhnlich großer Mann in einem schwarzen Anzug.
„Wer ist das?“
Nora zeigte auf die große Frau.
„Mama.“
Dann auf sich selbst.
„Ich.“
Schließlich auf den Mann.
Sie sah Luca an, als wäre die Antwort offensichtlich.
„Du.“
Luca wusste für einen Moment nicht, was er sagen sollte.
„Ich bin ziemlich groß.“
Nora nickte ernst.
„Und gruselig.“
Hinter ihm unterdrückte Matteo ein Geräusch, das verdächtig nach einem Lachen klang.
Luca warf ihm einen Blick zu.
Matteo wurde sofort wieder ernst.
Dr. Conti kam aus Elenas Zimmer.
„Das Fieber sinkt langsam.“
„Gut.“
„Sie schläft jetzt.“
Nora legte ihren Stift hin.
„Mama wird wieder gesund?“
Der Arzt kniete sich zu ihr.
„Wir kümmern uns gut um sie.“
Das schien Nora zu genügen.
Luca wandte sich an Matteo.
„Bleiben Sie hier.“
„Und Sie?“
„Ich rede noch einmal mit Harland.“
Als Luca das Arbeitszimmer betrat, saß Harland noch genau dort, wo er ihn zurückgelassen hatte.
Diesmal wirkte er nicht mehr selbstsicher.
„Sie haben den Keller gefunden“, sagte er.
Luca schloss die Tür.
„Woher wissen Sie das?“
Harland antwortete nicht.
Luca legte das Foto von Elena und Nora vor ihn.
Harlands Blick fiel darauf.
„Wer hat das aufgenommen?“
„Keine Ahnung.“
Luca legte die Liste daneben.
**Das Kind funktioniert als Druckmittel.**
„Und das?“
Harland presste die Lippen zusammen.
„Sie glauben, Sie hätten alles verstanden.“
„Dann erklären Sie es mir.“
„Sie würden mir sowieso nicht glauben.“
Luca setzte sich gegenüber.
„Versuchen Sie es.“
Harland schwieg lange.
Dann sah er zur Tür.
„Wenn ich rede, bin ich tot.“
„Wenn Sie nicht reden, haben Sie ein anderes Problem.“
„Sie verstehen es wirklich nicht.“
Zum ersten Mal hörte Luca echte Angst in seiner Stimme.
Nicht Angst vor Luca.
Vor jemand anderem.
„Wer ist K.?“
Harland blickte auf seine Hände.
„Ich kenne keinen vollständigen Namen.“
„Lügen Sie mich nicht an.“
„Das ist keine Lüge.“
Luca wartete.
Harland atmete langsam aus.
„Vor ungefähr fünf Jahren bekam ich eine Nachricht. Jemand wusste, dass ich Spielschulden hatte.“
Luca sagte nichts.
„Sie boten mir an, sie zu bezahlen.“
„Und dafür?“
„Informationen.“
„Welche Informationen?“
Harland hob den Blick.
„Zuerst harmlose Dinge. Dienstpläne. Lieferanten. Wer wann im Haus war.“
Lucas Gesicht wurde hart.
„Sie haben Informationen über mein Anwesen verkauft.“
„Am Anfang wusste ich nicht, wer dahintersteckte.“
„Und später?“
Harland lachte bitter.
„Später war es zu spät.“
Luca zeigte auf die Unterlagen.
„Die Schulden der Angestellten?“
„Das kam später.“
„Von wem?“
„K.“
„Warum?“
Harland schüttelte den Kopf.
„Kontrolle.“
„Über meine Angestellten?“
„Über Menschen, die Zugang zu Ihrem Haus haben.“
Luca wurde vollkommen still.
Das veränderte alles.
„Was sollten sie tun?“
„Meistens nichts.“
„Meistens?“
Harland schloss die Augen.
„Beobachten.“
„Was?“
„Sie.“
Luca stand auf.
Harland redete jetzt schneller.
„Wer Sie besucht. Wann Sie zurückkommen. Welche Räume Sie benutzen. Welche Fahrer Sie nehmen.“
„Und Sie haben dafür meine Angestellten erpresst.“
„Ich musste sie abhängig machen.“
Luca beugte sich über den Tisch.
„Sie haben ein dreijähriges Kind als Druckmittel bezeichnet.“
Harland sah weg.
„Das war nicht meine Formulierung.“
„Wer hat sie geschrieben?“
Keine Antwort.
Luca schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Harland zuckte zusammen.
„Wer?“
„K.“
Stille.
„Und Elena?“
Harland schluckte.
„Sie war nie wichtig.“
Luca starrte ihn an.
„Erklären Sie das.“
„Sie war nur Personal. Bis vor drei Monaten.“
„Was geschah vor drei Monaten?“
Harland schwieg.
Dann sagte er:
„Nora hat etwas gesehen.“
Lucas Magen zog sich zusammen.
„Was?“
„Ich weiß es nicht.“
„Sie haben ein Kind überwachen lassen, ohne zu wissen, was es gesehen hat?“
„K hat es verlangt.“
„Was hat Nora gesagt?“
„Nichts Konkretes. Sie erzählte ihrer Mutter immer wieder von einem Mann, der nachts im Haus gewesen sei.“
Luca dachte an die Villa.
Vierzig Zimmer.
Sicherheit.
Kameras.
Wachen.
„Welcher Mann?“
„Sie nannte ihn den Mann mit dem silbernen Ring.“
Luca erstarrte.
Harland bemerkte es.
„Sie kennen jemanden mit so einem Ring.“
Luca antwortete nicht.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Matteo stand dort.
Seine Miene war angespannt.
„Luca.“
„Was?“
„Wir haben den Laptop geöffnet.“
Harland wurde kreidebleich.
„Wie?“
Matteo ignorierte ihn.
„Da sind Überweisungen, Personalakten, verschlüsselte Nachrichten.“
„Und K.?“
„Noch kein Name.“
Matteo hielt kurz inne.
„Aber wir haben etwas anderes gefunden.“
Er legte ein ausgedrucktes Bild auf den Tisch.
Eine Aufnahme aus einer Überwachungskamera.
Datum: vor drei Monaten.
02:17 Uhr.
Ein Mann ging durch den Korridor im Westflügel.
Sein Gesicht war von der Kamera abgewandt.
An seiner rechten Hand glänzte ein breiter silberner Ring.
Luca betrachtete die Aufnahme.
„Diese Kameraaufzeichnung habe ich nie gesehen.“
„Sie wurde aus dem offiziellen System gelöscht“, sagte Matteo. „Harland hatte eine Kopie auf dem Laptop.“
Luca blickte zu Harland.
„Wer ist das?“
Harland sagte nichts.
Dann erklang plötzlich ein leises Klopfen.
Nora stand in der offenen Tür.
Matteo drehte sich erschrocken um.
„Nora, du solltest bei deiner Mama bleiben.“
„Mama schläft.“
Das Mädchen blickte auf das Foto auf dem Schreibtisch.
Dann veränderte sich ihr Gesicht.
Sie zeigte mit einem kleinen Finger auf den Mann mit dem Ring.
„Der.“
Niemand bewegte sich.
Luca ging langsam zu ihr.
„Kennst du ihn?“
Nora nickte.
„Du hast gesagt, du hättest ihn nachts gesehen.“
Wieder nickte sie.
„Was hat er gemacht?“
Nora sah zu Harland.
Harland war plötzlich schweißnass.
„Nora“, sagte Luca ruhig, „du kannst es mir sagen.“
Das Mädchen griff nach Lucas Hand.
„Er war in deinem Zimmer.“
Luca spürte, wie Matteo hinter ihm erstarrte.
„In meinem Schlafzimmer?“
„Ja.“
„Was hat er dort gemacht?“
Nora dachte nach.
Dann hob sie ihre kleine Hand und zeigte auf Lucas Brust.
„Er hat etwas unter dein Bett gelegt.“
Harland sprang auf.
„Raus aus diesem Haus!“
Matteo packte ihn sofort.
Doch Luca bewegte sich bereits.
„Sperren Sie den Westflügel.“
Er nahm Nora hoch und übergab sie einem Sicherheitsmann vor der Tür.
„Bring sie zu Dr. Conti. Niemand kommt zu ihr oder Elena außer meinen Leuten.“
Dann sah Luca Matteo an.
„Niemand berührt irgendetwas in meinem Schlafzimmer.“
Matteo verstand sofort.
„Bombenteam?“
Luca blickte noch einmal auf die Aufnahme des unbekannten Mannes.
Drei Monate.
Etwas hatte möglicherweise drei Monate lang unter seinem Bett gelegen.
„Jetzt.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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