Die Schritte vor dem Personalzimmer verstummten.
Luca faltete die Zahlungsaufforderung langsam zusammen und steckte sie in die Innentasche seines Jacketts. Erst dann wandte er sich zur Tür.
Harland stand im Flur. Neben ihm befand sich Matteo, einer der Männer aus Lucas Sicherheitsdienst. Matteo hielt einen dicken schwarzen Ordner unter dem Arm.
Für einen Sekundenbruchteil verlor Harland die Farbe im Gesicht.
Dann lächelte er.
„Herr Ferraro. Ich habe die Unterlagen gebracht, wie Sie verlangt haben.“
Luca sah zuerst auf den Ordner und dann auf Harland.
„Sie haben ihn gebracht?“
„Matteo hat mir geholfen, ihn aus dem Büro zu holen.“
„Interessant.“
Harlands Lächeln wurde schmaler.
Hinter Luca hustete Elena schwach. Nora saß dicht neben ihrer Mutter und hielt deren Hand.
Harland blickte über Lucas Schulter in das Zimmer.
„Elena“, sagte er sofort. „Warum liegen Sie noch im Bett? Wir haben heute Gäste und—“
„Sehen Sie mich an.“
Lucas Stimme war ruhig.
Harland verstummte.
Luca trat in den Flur und zog die Tür hinter sich fast vollständig zu. Nur ein schmaler Spalt blieb offen.
„Matteo, geben Sie mir den Ordner.“
Matteo reichte ihn ihm.
Luca schlug ihn auf.
Die erste Seite zeigte die monatliche Personalkostenabrechnung der Villa. Namen, Arbeitsstunden, Gehälter, Versicherungsbeiträge.
Neben Elena stand eine Summe für eine private Krankenversicherung.
Luca tippte mit dem Finger darauf.
„Was ist das?“
Harland antwortete sofort.
„Ihr Versicherungsbeitrag.“
„Elena weiß nichts von einer Versicherung.“
Diesmal dauerte Harlands Antwort eine Sekunde zu lange.
„Dann muss es ein Missverständnis geben.“
„Seit wann?“
„Wie bitte?“
„Seit wann besteht dieses Missverständnis?“
Harland räusperte sich.
„Ich müsste die Unterlagen prüfen.“
Luca blätterte weiter.
Jeden Monat dieselbe Position.
Nicht nur bei Elena.
Auch bei mehreren anderen Angestellten.
Versicherung. Zuschläge. Überstundenvergütung.
Alles sauber eingetragen.
Alles von Luca bezahlt.
„Wo ist das Geld?“
Harlands Gesicht wurde hart.
„Herr Ferraro, ich verstehe nicht, was Sie mir unterstellen.“
„Ich habe Ihnen noch nichts unterstellt.“
Luca schloss den Ordner.
„Das kommt erst.“
Hinter der Tür erklang Noras kleine Stimme.
„Mama, du bist ganz warm.“
Luca sah zu Matteo.
„Rufen Sie Dr. Conti. Er soll sofort herkommen.“
Elena öffnete die Tür einen Spalt weiter.
„Nein, bitte. Ich kann—“
„Sie bezahlen nichts.“
Sie verstummte.
„Und Sie arbeiten heute nicht.“
Ihre Augen wanderten unwillkürlich zu Harland.
Luca bemerkte es.
Harland ebenfalls.
„Natürlich nicht“, sagte Harland hastig. „Wenn Elena wirklich krank ist, hätte sie mir nur Bescheid geben müssen.“
Elena starrte ihn an.
Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht.
Angst war noch da.
Aber darunter lag plötzlich Wut.
„Ich habe Ihnen Bescheid gesagt.“
Harland drehte sich zu ihr.
„Wann?“
„Vor drei Tagen.“
„Daran erinnere ich mich nicht.“
„Sie haben gesagt, wenn ich nach Hause gehe, brauche ich nicht zurückzukommen.“
Harland lachte leise.
„Elena, Sie haben Fieber. Vielleicht erinnern Sie sich falsch.“
Nora erschien jetzt hinter ihrer Mutter.
„Nein.“
Alle sahen sie an.
Das Mädchen umklammerte den Türrahmen.
„Mama hat geweint.“
Harlands Gesicht versteinerte.
Luca ging in die Hocke, sodass er mit Nora auf Augenhöhe war.
„Was hast du gehört?“
Elena wurde unruhig.
„Herr Ferraro, sie ist erst drei—“
„Ich weiß.“
Seine Stimme wurde weicher.
„Nora, du bist nicht in Schwierigkeiten. Deine Mama auch nicht.“
Das Mädchen sah zu Harland.
Dann rückte sie näher an Luca.
„Er hat gesagt, Mama schuldet Geld.“
Luca spürte, wie sich hinter ihm die Atmosphäre veränderte.
„Was noch?“
Nora dachte angestrengt nach.
„Dass wir wegmüssen, wenn sie nicht zahlt.“
Harland machte einen Schritt vor.
„Das reicht. Ein dreijähriges Kind versteht doch überhaupt nicht—“
Matteo stellte sich wortlos zwischen ihn und die Tür.
Luca erhob sich.
„Sie gehen nirgendwohin, Harland.“
„Ich wollte lediglich—“
„Sie bewegen sich nicht.“
Diesmal verschwand jedes freundliche Element aus Harlands Gesicht.
Luca zog den Umschlag aus seiner Tasche.
„Haben Sie den schon einmal gesehen?“
Harlands Blick fiel auf den roten Aufdruck.
Nur für einen Augenblick.
Aber Luca kannte Männer, die logen.
Er hatte sein Leben damit verbracht, genau diesen Augenblick zu erkennen.
„Nein.“
Luca nahm das Schreiben heraus.
„Meine Unterschrift.“
Harland schwieg.
„Nicht besonders gut gefälscht.“
„Ich weiß nichts davon.“
„Dann werden Sie mir sicher erklären können, warum eine Angestellte meines Hauses angeblich mehrere Tausend Euro bei mir geliehen hat, obwohl ich ihr niemals Geld geliehen habe.“
Harland hob die Hände.
„Vielleicht hat jemand Ihren Namen benutzt.“
„Jemand hat meinen Namen benutzt.“
Luca trat näher.
„Die Frage ist nur, wer.“
Matteos Handy vibrierte.
Er warf einen Blick auf das Display und sah Luca an.
„Dr. Conti ist unterwegs.“
„Gut. Und schicken Sie zwei Männer in Harlands Büro.“
Harland wurde plötzlich blass.
„Wozu?“
Luca sah ihn an.
„Sie sagten doch, Sie hätten nichts zu verbergen.“
„Natürlich nicht.“
„Dann sollte Sie das nicht beunruhigen.“
Harland schwieg.
Luca wandte sich wieder dem Ordner zu.
Etwas störte ihn.
Er öffnete ihn erneut und betrachtete die Seiten genauer.
Die letzten Abrechnungen waren sauber ausgedruckt. Doch zwischen zwei Monatsübersichten fehlten Seiten. Die Nummerierung sprang von 117 auf 123.
Luca hielt inne.
„Matteo.“
Der Sicherheitsmann sah hin.
„Hier fehlen sechs Seiten.“
Harland antwortete, bevor Matteo etwas sagen konnte.
„Wahrscheinlich ein Ablagefehler.“
Luca hob langsam den Blick.
In diesem Moment ertönte Matteos Funkgerät.
Eine Stimme meldete sich hektisch.
„Matteo, wir sind im Verwaltungsbüro.“
Kurzes Rauschen.
Dann:
„Hier stimmt etwas nicht.“
Harland bewegte sich.
Nur einen halben Schritt.
Doch Matteo packte sofort seinen Arm.
„Was haben Sie gefunden?“, fragte Luca.
Die Stimme aus dem Funkgerät antwortete:
„Der Aktenschrank ist offen. Mehrere Ordner fehlen.“
Luca sah Harland direkt in die Augen.
„Noch etwas?“
Wieder rauschte es.
„Ja.“
Eine Pause.
„Im Kamin liegen verbrannte Dokumente.“
Elena schlug im Zimmer eine Hand vor den Mund.
Harland riss sich von Matteo los.
„Das beweist gar nichts!“
Zum ersten Mal erhob er die Stimme.
Nora zuckte zusammen.
Lucas Blick wurde augenblicklich eisig.
„Nicht vor dem Kind.“
Harland atmete schwer.
Dann klingelte plötzlich sein Handy.
Alle blickten darauf.
Harland griff instinktiv in seine Tasche.
Matteo war schneller.
Er nahm ihm das Telefon ab.
Auf dem Display erschien keine Nummer.
Nur ein gespeicherter Kontakt.
**K.**
Harland starrte auf das Handy, als hätte es sich in eine Waffe verwandelt.
Luca streckte die Hand aus.
Matteo gab es ihm.
Der Anruf endete.
Fast sofort erschien eine Nachricht auf dem Bildschirm.
Luca las sie.
Sein Gesicht veränderte sich nicht.
Aber Matteo kannte ihn lange genug, um einen Schritt zurückzutreten.
Die Nachricht bestand aus einem einzigen Satz:
**Hast du Ferraro die Schuldenlisten schon weggenommen?**
Luca hob langsam den Blick zu Harland.
Jetzt wusste er, dass es nicht nur um Elena ging.
Und offenbar auch nicht nur um gestohlene Versicherungsbeiträge.
„Bringen Sie ihn in mein Arbeitszimmer“, sagte Luca.
Harland wich zurück.
„Luca, hören Sie mir zu—“
„Sie nennen mich nicht Luca.“
Matteo packte ihn am Arm.
Harland wehrte sich diesmal nicht.
Als sie ihn den Flur hinunterführten, öffnete Elena die Tür weiter.
„Herr Ferraro.“
Luca blieb stehen.
Sie sah zu Nora und dann wieder zu ihm.
„Es gibt noch andere.“
Er drehte sich vollständig zu ihr.
„Andere was?“
Elena schluckte.
„Andere Angestellte mit solchen Schulden.“
Luca sagte nichts.
„Harland hat uns verboten, miteinander darüber zu sprechen“, flüsterte sie. „Aber ich glaube, manche zahlen schon seit Jahren.“
Luca blickte auf das Handy in seiner Hand.
Auf den unbekannten Kontakt.
Auf den einen Satz, der plötzlich alles größer machte.
Dann hörte er Nora hinter sich fragen:
„Muss Mama jetzt gehen?“
Luca sah das dreijährige Mädchen an, dessen Hände noch immer rot vom kalten Wasser waren.
„Nein“, sagte er.
Und diesmal klang seine Stimme wie ein Versprechen.
„Deine Mama geht nirgendwohin.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.**







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