Tobias blieb noch einige Sekunden an der Kasse stehen und beobachtete Christian. Die Reaktion des Regionalgeschäftsführers passte nicht zu einer alten, harmlosen Rabattvereinbarung. Vor allem der letzte Satz ließ ihn nicht los. Dieter wusste nichts davon. „Dann hat also jemand in seinem Namen gehandelt?“ fragte Tobias. Christian steckte den zusammengefalteten Beleg in die Innentasche seines Sakkos. „Ich habe gesagt, Sie sollen es ruhen lassen.“ „Und ich bin für diese Filiale verantwortlich. Wenn jemand alte Sonderkonditionen ohne Wissen des Begünstigten in unser aktuelles System übertragen hat, muss ich wissen, warum.“ Christian sah ihn lange an. „Sie sind seit elf Tagen Filialleiter, Herr Kern. Glauben Sie mir, es gibt Dinge in diesem Haus, die komplizierter sind, als sie auf einem Bildschirm aussehen.“ Dann ging er Richtung Büro.
Melanie wartete, bis Christian außer Hörweite war. „Lass es“, sagte sie leise. Tobias drehte sich zu ihr. „Du weißt etwas.“ „Ich weiß nur, dass Herr Albrecht ein guter Mensch ist.“ „Das habe ich inzwischen verstanden.“ Tobias’ Stimme wurde ruhiger. „Aber Sommer hat Angst vor dieser Nummer. Hast du das nicht gesehen?“ Melanie nahm die nächsten Waren vom Band, obwohl die Kundenschlange inzwischen weitergezogen war. „Manchmal bedeutet Angst nicht, dass jemand etwas Falsches getan hat.“ Tobias wollte nachhaken, doch Melanie wandte sich bereits der nächsten Kundin zu.
Am Abend war die Filiale längst geschlossen, als Tobias noch immer in seinem Büro saß. Regen klopfte gegen das kleine Fenster. Vor ihm leuchtete der Verwaltungscomputer. Er hatte sich vorgenommen, Christians Anweisung zu respektieren. Fast eine Stunde lang gelang ihm das. Dann öffnete er das Archivsystem.
Die Kennung auf Dieters Beleg hatte er sich gemerkt.
Die Suche führte zu einem Datensatz mit dem unscheinbaren Titel „Standortvereinbarung HA-17“. Tobias öffnete ihn. Die ursprüngliche Vereinbarung war tatsächlich achtzehn Jahre alt. Dieter Albrecht hatte dem damaligen Betreiber erhebliche finanzielle Zugeständnisse gemacht. Doch der persönliche Rabatt tauchte darin nur als symbolische Gegenleistung auf: Dieter durfte lebenslang Waren für den eigenen Haushalt zum Einkaufspreis erwerben. Keine kostenlosen Einkäufe, kein unbegrenztes Guthaben. Tobias las die Passage zweimal. Genau deshalb hatte ihm der heutige Beleg merkwürdig erschienen. Der Rabatt darauf war wesentlich höher.
Er wechselte zur Änderungshistorie.
Drei Jahre zuvor war die Vereinbarung digital neu erfasst worden. Gleichzeitig hatte jemand die Rabattregel verändert. Aus „Einkaufspreis“ war faktisch eine vollständige Kostenübernahme geworden. Tobias beugte sich näher zum Bildschirm. Die Änderung war mit einer Mitarbeiterkennung freigegeben worden.
CS-0417.
Christian Sommer.
Tobias lehnte sich zurück. Also hatte Christian selbst Dieters Sonderstatus verändert. Doch warum sollte ein Regionalgeschäftsführer heimlich einem Rentner kostenlose Einkäufe ermöglichen und anschließend verhindern wollen, dass dieser davon erfuhr?
Er öffnete die hinterlegte Begründung. Nur ein Satz stand dort: „Ausgleich gemäß vertraulicher Zusatzvereinbarung vom 14. März.“
Kein Jahr.
Kein Anhang.
Tobias suchte nach dem Dokument. Nichts.
Kurz darauf klopfte es. Tobias schloss reflexartig das Fenster auf dem Bildschirm. Christian stand in der Tür. „Sie sind noch hier.“
„Inventur.“
Christian betrachtete ihn einen Augenblick zu lange. „Sie haben gesucht.“
Es war keine Frage.
Tobias schwieg.
Christian trat ein und schloss die Tür hinter sich. „Ich hatte gehofft, Sie wären klüger.“ Tobias spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. „Sie haben vor drei Jahren Dieters Vereinbarung verändert.“ Christian setzte sich nicht. „Ja.“ Die direkte Antwort überraschte Tobias. „Warum?“ „Weil es notwendig war.“ „Für wen?“ „Für ihn.“
Tobias öffnete den Datensatz wieder. „Dann erklären Sie mir den 14. März.“
Christians Gesicht veränderte sich.
Nur minimal, aber Tobias sah es.
„Woher kennen Sie dieses Datum?“
„Es steht im System.“
Christian trat sofort hinter den Schreibtisch und betrachtete den Bildschirm. „Das dürfte dort nicht stehen.“
„Was ist am 14. März passiert?“
Christian antwortete lange nicht. Schließlich zog er einen Stuhl heran. „Dieter hat damals nicht nur Arbeitsplätze gerettet. Die Geschichte, die heute jeder erzählt, ist nur die angenehme Hälfte.“ Tobias wartete. „Und die andere?“
Christian rieb sich über die Stirn. „Ein Jahr nachdem Dieter auf die Miete verzichtet hatte, geriet die damalige Betreiberfirma erneut in Schwierigkeiten. Diesmal fehlte sehr viel mehr Geld. Dieter sprang wieder ein.“
„Wie viel?“
Christian sah ihn an. „Fast alles, was er hatte.“
Tobias brauchte einen Moment. „Warum würde jemand das tun?“
„Genau diese Frage habe ich ihm damals auch gestellt.“
„Und?“
„Er sagte, Geld könne man wieder verdienen. Eine Familie, die wegen Arbeitslosigkeit auseinanderbricht, bekomme man manchmal nie wieder zusammen.“
Tobias dachte an Dieters abgetragenen Mantel und die wenigen Lebensmittel in seiner Tasche. Plötzlich fühlte sich seine Behandlung an der Kasse noch beschämender an.
„Dann ist der Rabatt eine Art Entschädigung?“
Christian schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Ich habe ihn eingerichtet, weil ich vor drei Jahren herausgefunden habe, dass Dieter inzwischen von einer sehr kleinen Rente lebt. Er hätte niemals Hilfe angenommen.“
„Also haben Sie die Vereinbarung manipuliert.“
„Ich habe dafür gesorgt, dass ein Mann, der Dutzenden Familien geholfen hat, wenigstens Lebensmittel kaufen kann, ohne irgendwann entscheiden zu müssen, ob er die Heizung bezahlt oder den Kühlschrank füllt.“
Tobias schwieg. Zum ersten Mal erschien Christians Geheimhaltung nachvollziehbar.
Doch etwas stimmte noch immer nicht.
„Was hat das mit dem 14. März zu tun?“
Christian sah zum Fenster.
„An diesem Tag habe ich etwas im alten Firmenarchiv gefunden.“
„Was?“
Christian stand auf. „Gehen Sie nach Hause, Herr Kern.“
„Sie haben gerade angefangen, mir die Wahrheit zu erzählen.“
„Nein“, sagte Christian leise. „Ich habe Ihnen erklärt, warum der Rabatt existiert. Das ist etwas anderes.“
Er ging zur Tür, blieb jedoch mit der Hand auf der Klinke stehen.
„Und wenn Dieter morgen wiederkommt, erwähnen Sie nichts davon.“
„Warum?“
Christian drehte sich um.
„Weil er sonst anfangen wird, Fragen über Geld zu stellen, das er seit achtzehn Jahren für verloren hält.“
Tobias spürte einen kalten Druck im Magen. „Welches Geld?“
Christian öffnete die Tür.
„Die 480.000 Euro, mit denen er damals diese Filiale gerettet hat.“
Tobias starrte ihn an.
Christian senkte die Stimme.
„Sie sind möglicherweise nie dort angekommen, wo Dieter glaubte.“







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