Dieter sprach den Namen seiner Frau nicht aus. Er stand nur vor dem Fenster, die Bankquittung zwischen den Fingern, und betrachtete die schwachen Buchstaben, als könnten sie verschwinden, sobald er blinzelte. Helga Albrecht. Die Frau, mit der er zweiundvierzig Jahre verheiratet gewesen war. Die Frau, die bis zu ihrem Tod neben ihm geschlafen hatte. „Das ergibt keinen Sinn“, sagte er schließlich. „Das Geld kam von meinem Konto.“ Tobias betrachtete erneut die Quittung. „Vielleicht bedeutet der Satz nicht, dass Frau Albrecht das Geld gehörte.“ „Was sollte er sonst bedeuten?“ Dieters Stimme wurde schärfer. Melanie trat vorsichtig näher. „Vielleicht sollten wir erst hören, was Herr Sommer weiß.“ Dieter faltete die Quittung zusammen. „Genau das werden wir.“
Die Adresse, die Christian genannt hatte, führte sie zu einem unscheinbaren Lagergebäude am Rand von Hannover. Keine Firmenbeschriftung, nur eine graue Metalltür und mehrere kleine Fenster. Christian wartete bereits davor. Als Dieter aus Tobias’ Wagen stieg, ging er sofort auf ihn zu. „Warum hier?“ fragte Dieter. Christian blickte auf die Dokumentenmappe unter seinem Arm. „Weil das Firmenarchiv nicht alles enthält.“
Im Gebäude roch es nach Staub und Papier. Christian führte sie in einen Raum voller Kartons. „Als Nordmarkt aufgelöst wurde, sollten diese Unterlagen vernichtet werden. Martin hatte vorher Kopien angefertigt.“ Dieter blieb stehen. „Du hast sie achtzehn Jahre versteckt?“ „Nicht alle. Nur das, was Martin mir gegeben hat.“ Dieters Blick wurde hart. „Dann fang endlich an.“
Christian zog einen flachen Karton aus einem Regal. Darin lagen Kontoauszüge, interne Schreiben und Prüfberichte. „Martin fand heraus, dass über Nordmarkt Geld verschoben wurde. Die künstlichen Verluste der Filiale waren nur ein Teil davon. Immobilien wurden unter Wert verkauft, Rechnungen doppelt verbucht, Zahlungen über Tochtergesellschaften weitergeleitet.“ Tobias blätterte durch einige Kopien. „Und die 480.000?“ Christian nahm eine Mappe heraus. „Die waren der Köder.“
Dieter runzelte die Stirn.
„Martin wusste, dass jemand jede größere Zahlung an Nordmarkt sofort auf bestimmte Konten weiterleitete. Er wollte die Empfänger identifizieren. Dafür brauchte er eine Transaktion, deren Herkunft er vollständig kontrollieren konnte.“
„Mein Geld“, sagte Dieter tonlos.
„Ja.“
Dieter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Melanie zuckte zusammen. „Er hat mich benutzt?“
„Er wollte dich vorher informieren.“
„Aber er hat es nicht getan.“
Christian schwieg.
Dieter trat näher. „Warum?“
Christian öffnete eine zweite Mappe. Darin lag ein Kontoauszug. „Weil Martin am 14. März herausfand, dass die 480.000 Euro gar nicht von deinem Privatvermögen stammten.“
Dieter lachte kurz, fassungslos. „Ich habe sie selbst überwiesen.“
„Von einem Konto auf deinen Namen. Ja.“
Christian schob ihm das Dokument hin. Das Konto war wenige Monate zuvor eröffnet worden. Mehrere hohe Einzahlungen waren darauf eingegangen, bevor Dieter seine Zahlung vorgenommen hatte.
Tobias verglich die Beträge. „Woher kamen diese Einzahlungen?“
Christian zeigte auf eine Spalte.
Dieter setzte seine Brille auf. Drei Überweisungen. Absender waren verschiedene Gesellschaften. Zwei Namen sagten ihm nichts. Beim dritten erstarrte er.
Albrecht Vermögensverwaltung.
„Die Firma meiner Frau.“
Melanie sah überrascht zu ihm.
Dieter ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Helga hatte nach dem Tod ihres Vaters einige Immobilien geerbt. Sie verkaufte sie später. Ich kümmerte mich nie darum. Sie sagte immer, das sei ihre Absicherung für Martin.“
Christian nickte. „Genau deshalb schrieb Martin, dass du nicht erfahren solltest, wem das Geld wirklich gehörte.“
Dieter blickte ihn an. „Helga hat mir fast eine halbe Million Euro auf mein Konto überwiesen, ohne etwas zu sagen?“
„Nicht direkt. Das Geld wurde über mehrere Gesellschaften geleitet.“
„Warum?“
Christian zögerte.
„Weil Helga bereits wusste, dass jemand ihre Vermögensverwaltung beobachtete.“
Die Worte trafen Dieter sichtbar. „Meine Frau war darin verwickelt?“
„Sie war nicht Teil des Betrugs“, sagte Christian sofort. „Martin glaubte, dass sie ihn entdeckt hatte.“
Christian zog einen Brief aus der Mappe. „Das hat Martin mir am Abend des 14. März gegeben.“
Dieter griff danach, doch Christian hielt ihn noch einen Moment fest. „Bevor du ihn liest, musst du etwas wissen. Martin wollte am nächsten Morgen zur Staatsanwaltschaft.“
„Am 15. März?“
„Ja.“
Tobias verstand zuerst. „Der Tag, an dem Rainer Vogt starb.“
Christian nickte.
Dieter öffnete den Brief. Es waren nur wenige handschriftliche Zeilen. Martin schrieb, er habe den Weg des Geldes rekonstruiert und könne beweisen, dass jemand innerhalb der Verwaltung seit Jahren Vermögen abzweigte. Er erwähnte Helga und bat Christian, eine Kopie der Unterlagen aufzubewahren. Der letzte Satz war unterstrichen:
„Wenn mir etwas passiert, sag meinem Vater erst die Wahrheit, wenn du weißt, wem du vertrauen kannst.“
Dieter ließ das Blatt sinken.
„Und achtzehn Jahre haben dir nicht gereicht?“
Christian hielt seinem Blick stand. „Zwei Tage nachdem Martin verschwunden war, wurde in meine Wohnung eingebrochen. Nur die Kopien seiner Prüfung fehlten. Eine Woche später bekam ich ein Foto von dir und Helga beim Einkaufen. Ohne Nachricht. Ohne Forderung.“
Melanie wurde blass.
„Eine Warnung“, sagte Tobias.
„Ja.“
Dieter stand langsam auf. „Helga wusste davon?“
„Ich dachte nein.“
„Du dachtest?“
Christian ging zum hintersten Regal und holte einen kleinen Umschlag hervor. „Bis vor drei Jahren.“
Jetzt verstand Tobias die zeitliche Verbindung. „Deshalb haben Sie damals Dieters Rabatt geändert.“
Christian nickte. „Vor drei Jahren bekam ich diesen Umschlag. Ohne Absender.“
Dieter nahm ihn. Darin lag ein Foto von Helga, aufgenommen wenige Monate vor ihrem Tod. Sie saß in einem Café. Ihr gegenüber befand sich ein Mann, dessen Gesicht von der Kamera abgewandt war.
Auf der Rückseite stand:
„Christian, kümmere dich um Dieter. Er darf noch nichts erfahren.“
Dieter erkannte sofort Helgas Handschrift.
Seine Augen wurden feucht, doch er sagte nichts.
Tobias betrachtete das Foto genauer. Hinter Helga spiegelte sich die Glasfront des Cafés. Darin war das Gesicht ihres Gegenübers schwach zu erkennen.
„Moment.“
Er nahm sein Telefon, fotografierte die Spiegelung und vergrößerte sie.
Christian trat neben ihn.
Plötzlich wich alle Farbe aus seinem Gesicht.
Dieter sah das.
„Wer ist das?“
Christian antwortete nicht.
Dieter nahm Tobias das Telefon aus der Hand. Das Gesicht war unscharf, älter geworden, aber deutlich genug.
Dieter brauchte nur wenige Sekunden.
Seine Finger begannen zu zittern.
„Nein.“
Auf dem Foto saß Helga einem Mann gegenüber, der zu diesem Zeitpunkt angeblich seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz lebte und keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hatte.
Martin Albrecht.
Dieter hob langsam den Blick.
„Meine Frau wusste, dass unser Sohn noch in Hannover war.“







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