Dieter hielt Tobias’ Telefon noch immer in der Hand. Das vergrößerte Gesicht in der Spiegelung war unscharf, doch für einen Vater brauchte es keine perfekte Aufnahme. Die leicht schiefe Haltung des Kopfes, die schmale Narbe über der rechten Augenbraue, selbst die Art, wie der Mann beim Zuhören die Finger ineinanderlegte – Dieter kannte all das. „Das ist Martin“, sagte er noch einmal, diesmal kaum hörbar. Christian stand wenige Schritte entfernt und wirkte ebenso erschüttert. „Ich habe die Spiegelung nie bemerkt.“ Dieter hob den Kopf. „Du hattest dieses Foto drei Jahre.“ „Ich habe auf Helga geschaut. Auf ihre Nachricht. Ich dachte, der Mann gegenüber sei irgendein Kontakt.“ Dieter legte das Telefon auf den Tisch. „Und meine Frau wusste die ganze Zeit, dass unser Sohn nicht verschwunden war.“
Der Schmerz in seiner Stimme ließ selbst Tobias schweigen. Achtzehn Jahre lang hatte Dieter geglaubt, Martin habe die Familie verlassen. Sieben Jahre hatte er neben Helga gelebt, nachdem dieses Foto entstanden war, ohne zu ahnen, dass sie ein Geheimnis mit sich trug, das sein ganzes Leben betraf. „Warum hat sie mir nichts gesagt?“ fragte er. Niemand konnte antworten.
Melanie nahm das Foto und betrachtete den Hintergrund. „Können wir herausfinden, welches Café das war?“ Tobias sah genauer hin. In der Spiegelung war ein Teil einer Straßenbahnhaltestelle zu erkennen. Christian erkannte schließlich das Logo auf einem Sonnenschirm. „Das Café gibt es noch. In Linden.“
Eine halbe Stunde später standen sie vor einem kleinen Café an einer Seitenstraße. Dieter wollte zunächst allein hineingehen, doch Tobias blieb in seiner Nähe. Hinter dem Tresen arbeitete eine Frau um die sechzig. Als Dieter ihr das Foto zeigte, schüttelte sie zuerst den Kopf. „Vor drei Jahren? Wir haben viele Gäste.“ Dann fiel ihr Blick auf Helga. Sie nahm das Bild näher heran. „Diese Dame kenne ich.“
Dieter erstarrte.
„Sie war öfter hier. Immer am Dienstag, meistens gegen drei.“
„Mit diesem Mann?“
Die Frau betrachtete Martin. „Manchmal. Aber nicht immer.“ Sie dachte nach. „Er saß nie am Fenster. Immer hinten. Als wollte er nicht gesehen werden.“
„Wissen Sie, wie er hieß?“
„Nein. Aber die Dame nannte ihn einmal Martin.“
Dieter musste sich an einem Stuhl festhalten.
„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“
Die Frau blickte zur Decke, als suche sie in ihrer Erinnerung. „Kurz bevor sie nicht mehr kam. Vielleicht vor vier Jahren.“ Dann wurde sie nachdenklich. „Moment. Der Mann kam später noch einmal allein.“
„Wann?“
„Vor ungefähr drei Jahren. Er fragte nach einem Umschlag.“
Christian und Tobias wechselten einen Blick.
„Was für einen Umschlag?“ fragte Dieter.
„Die Dame hatte etwas für ihn hinterlegt. Wir bewahren manchmal Schlüssel oder Briefe für Stammgäste auf.“ Die Frau ging hinter den Tresen und öffnete eine Schublade. „Er nahm ihn aber nicht mit.“
„Warum nicht?“
„Weil er sagte, er sei nicht für ihn.“
Dieter verstand nicht. „Aber er hatte danach gefragt.“
„Ja. Dann sah er den Namen auf der Vorderseite und wurde ganz still.“ Sie blickte Dieter an. „Er sagte, wenn irgendwann ein älterer Herr namens Dieter Albrecht danach frage, solle ich ihm den Umschlag geben.“
Dieter bekam kaum Luft. „Sie haben ihn noch?“
Die Frau verschwand im hinteren Raum. Minuten später kam sie mit einem vergilbten Umschlag zurück. Darauf stand tatsächlich Dieters Name.
Die Handschrift war Helgas.
Dieter setzte sich an einen Tisch, bevor er ihn öffnete.
„Mein lieber Dieter“, begann der Brief. „Wenn du das liest, bedeutet es entweder, dass Martin endlich den Mut gefunden hat, dir die Wahrheit zu sagen, oder dass die Wahrheit ihn erneut eingeholt hat.“
Dieter hielt inne.
Dann las er weiter.
Helga schrieb, Martin sei damals nicht aus Zorn gegangen. Nach Rainer Vogts Tod habe er erkannt, dass die Menschen hinter den manipulierten Konten wussten, dass er ermittelte. Er habe seine Eltern schützen wollen und deshalb jeden sichtbaren Kontakt abgebrochen. Helga habe erst Jahre später erfahren, dass er unter anderem Namen zurückgekehrt war.
„Warum hat er mich nicht kontaktiert?“ murmelte Dieter.
Im nächsten Absatz stand die Antwort.
Martin hatte Helga gebeten, Dieter nichts zu erzählen, solange ein bestimmter Mann noch Einfluss innerhalb der Unternehmensgruppe besaß. Er glaubte, dieser Mann sei verantwortlich für die gefälschte Bestätigung über die 480.000 Euro und möglicherweise auch für die Vertuschung der gesamten Affäre.
Doch Helga nannte keinen Namen.
Stattdessen hatte sie geschrieben:
„Ich habe Martin versprochen zu schweigen. Heute glaube ich, dass dieses Versprechen ein Fehler war. Dieter, falls du irgendwann nach der Wahrheit suchst, beginne nicht bei Christian. Beginne bei demjenigen, der am meisten davon profitierte, dass deine Filiale gerettet wurde.“
Tobias runzelte die Stirn. „Aber wenn der Plan war, die Filiale wegen des Grundstücks zu schließen, wer profitierte davon, dass sie offen blieb?“
Christian wurde plötzlich still.
Dieter bemerkte es sofort. „Du weißt es.“
Christian setzte sich ihnen gegenüber. „Nachdem deine 480.000 Euro verschwunden waren, musste Nordmarkt kurzfristig neues Kapital beschaffen. Ein Investor stieg ein. Für einen lächerlich niedrigen Betrag bekam er einen großen Anteil an mehreren Standorten.“
„Wer?“
Christian zog sein Telefon hervor und suchte einen alten Handelsregistereintrag.
Dann schob er es über den Tisch.
Dieter las den Namen.
„Kern Beteiligungs GmbH.“
Tobias erstarrte.
„Kern?“
Christian sah ihn an.
„Ihr Nachname.“
Tobias lachte nervös. „Kern ist kein ungewöhnlicher Name.“
Christian vergrößerte den Eintrag.
Geschäftsführer: Friedrich Kern.
Tobias’ Gesicht verlor jede Farbe.
„Das ist mein Vater.“
Dieter sah ihn lange an.
Plötzlich bekam die Begegnung an der Kasse eine völlig neue Bedeutung.
„Ihr Vater war damals beteiligt?“
Tobias schüttelte fassungslos den Kopf. „Er hat mir immer erzählt, er hätte sein Geld mit Immobilien verdient. Von Nordmarkt habe ich nie gehört.“
Sein Telefon vibrierte.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Tobias öffnete sie.
Nur ein Foto war angehängt.
Es zeigte sie vier, aufgenommen wenige Minuten zuvor durch die Fensterscheibe des Cafés.
Darunter stand ein einziger Satz:
„Herr Kern, fragen Sie Ihren Vater, was am 15. März wirklich mit Rainer Vogt passiert ist.“
Tobias starrte auf den Bildschirm.
Dann erschien eine zweite Nachricht.
„Und erzählen Sie Dieter noch nicht, dass Martin lebt.“







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