Tobias las die zweite Nachricht zweimal. Dann ein drittes Mal. „Und erzählen Sie Dieter noch nicht, dass Martin lebt.“ Der Satz schien auf dem Display größer zu werden, obwohl sich nichts verändert hatte. Dieter saß ihm direkt gegenüber und beobachtete jede Bewegung seines Gesichts. „Was steht da?“ Tobias hob langsam den Blick. Noch vor wenigen Tagen hätte er vermutlich versucht, Zeit zu gewinnen. Doch nach allem, was Dieter bereits verschwiegen worden war, brachte er es nicht über sich. Er legte das Telefon auf den Tisch und schob es zu ihm.
Dieter las zuerst die Nachricht über Rainer Vogt. Dann die zweite. Seine Hand begann zu zittern. „Martin lebt.“ Es klang nicht wie eine Frage. „Der Absender behauptet es“, sagte Tobias vorsichtig. Dieter sah ihn scharf an. „Nein. Jemand beobachtet uns, kennt meinen Sohn, kennt deinen Vater und weiß, was wir gerade herausgefunden haben. Das ist keine Vermutung.“ Christian nahm das Telefon. „Antworten Sie nicht.“ Tobias sah ihn an. „Warum?“ „Weil derjenige genau darauf wartet.“ „Vielleicht ist es Martin.“ Dieter griff sofort nach diesem Gedanken. Christian schüttelte jedoch den Kopf. „Wenn Martin Kontakt aufnehmen wollte, warum sollte er dann schreiben, dass Dieter nichts erfahren darf?“
Dieter stand auf. Die Hoffnung in seinem Gesicht verwandelte sich in Wut. „Genug. Achtzehn Jahre lang haben andere entschieden, was ich wissen darf. Martin. Helga. Du. Jetzt irgendein Fremder. Damit ist Schluss.“ Er wandte sich an Tobias. „Rufen Sie Ihren Vater an.“
Tobias zögerte. Sein Verhältnis zu Friedrich Kern war seit Jahren distanziert. Friedrich war inzwischen achtundsiebzig, lebte außerhalb Hannovers und hatte sich weitgehend aus dem Geschäftsleben zurückgezogen. Ein Mann, der selten über seine Vergangenheit sprach und noch seltener Fragen duldete. Tobias wählte trotzdem seine Nummer.
Friedrich meldete sich nach dem vierten Klingeln. „Tobias?“
„Papa, ich muss dich etwas fragen.“
„Dann frag.“
Tobias sah Dieter an. „Was sagt dir der Name Dieter Albrecht?“
Am anderen Ende herrschte plötzlich Stille.
Das genügte.
„Du kennst ihn.“
„Wo bist du?“
„Beantworte meine Frage.“
Friedrichs Stimme wurde härter. „Bist du bei Albrecht?“
Tobias spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Ja.“
„Dann geh dort weg.“
„Warum?“
„Sofort.“
Dieter streckte die Hand aus. Tobias stellte den Lautsprecher an.
„Herr Kern“, sagte Dieter.
Friedrich atmete hörbar ein.
„Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit“, sagte Dieter. „Ich möchte wissen, was mit meinen 480.000 Euro passiert ist.“
„Das sollten Sie Ihren Sohn fragen.“
Dieter wurde kreidebleich.
„Wo ist Martin?“
„Das weiß ich nicht.“
„Sie wissen aber, dass er lebt.“
Keine Antwort.
„Und Rainer Vogt?“ fragte Tobias. „Was ist am 15. März passiert?“
Friedrich schwieg erneut. Dann sagte er überraschend ruhig: „Rainer starb an einem Herzinfarkt. Alles andere, was man euch erzählt, führt euch in die falsche Richtung.“
„Wer ist ‚man‘?“ fragte Tobias.
Doch Friedrich hatte aufgelegt.
Niemand sprach.
Dann klingelte Tobias’ Telefon erneut. Diesmal war es keine Nachricht, sondern ein Anruf derselben unbekannten Nummer. Tobias nahm an.
„Hallo?“
Eine Männerstimme antwortete. Ruhig, tief, leicht heiser.
„Sie hätten ihn nicht anrufen sollen.“
Dieter erstarrte.
Tobias aktivierte den Lautsprecher. „Wer sind Sie?“
„Jemand, der versucht, einen alten Fehler nicht noch einmal zu machen.“
Dieter beugte sich zum Telefon. „Martin?“
Am anderen Ende entstand eine lange Pause.
Dann wurde die Verbindung getrennt.
Dieter stand da, als hätte jemand den Boden unter seinen Füßen weggezogen. „Das war er.“
„Sind Sie sicher?“ fragte Melanie.
Dieter nickte. „Ein Vater vergisst die Stimme seines Sohnes nicht.“
Keine Minute später kam eine weitere Nachricht mit einer Adresse und einer Uhrzeit: 19:30 Uhr. Darunter stand: „Nur Tobias Kern.“
„Nein“, sagte Dieter sofort. „Sie gehen nicht allein.“
Christian betrachtete die Adresse. „Das ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude von Nordmarkt.“
Tobias steckte das Telefon ein. „Dann gehe ich.“
Dieter wollte widersprechen, doch Tobias sah ihn ernst an. „Wenn Martin tatsächlich dort ist und glaubt, dass Ihr Erscheinen gefährlich wäre, möchte ich wenigstens herausfinden, warum.“
Am Abend fuhr Tobias allein zu dem verlassenen Gebäude. Christian und Dieter wussten, wohin er ging, bestanden aber darauf, in der Nähe zu bleiben. Das alte Bürohaus lag dunkel zwischen zwei Gewerbehallen. Nur im ersten Stock brannte Licht.
Die Eingangstür war nicht abgeschlossen.
Tobias stieg die Treppe hinauf. Seine Schritte hallten durch den leeren Flur. Am Ende stand eine Tür offen.
Im Raum saß ein Mann mit dem Rücken zu ihm.
„Martin Albrecht?“
Der Mann drehte sich langsam um.
Tobias erkannte das Gesicht vom Foto.
Älter, schmaler, graues Haar, tiefe Linien um die Augen. Aber eindeutig derselbe Mann.
„Setzen Sie sich, Herr Kern.“
Tobias blieb stehen. „Ihr Vater glaubt seit achtzehn Jahren, Sie hätten ihn verlassen.“
Martin schloss kurz die Augen. „Ich weiß.“
„Dann erklären Sie ihm das selbst.“
„Noch nicht.“
„Genau das sagen offenbar alle.“
Martin blickte ihn lange an. „Weil Ihr Vater noch immer nicht weiß, dass ich zurück bin.“
„Mein Vater?“
Martin öffnete eine Mappe auf dem Tisch. „Friedrich Kern war nicht der Kopf hinter dem Betrug. Er war Investor. Er glaubte damals, er kaufe Anteile an einer Firma in Schwierigkeiten.“
Tobias trat näher. „Dann warum hat er eben gelogen?“
„Weil er später herausgefunden hat, woher sein Gewinn wirklich kam.“
Martin schob mehrere Unterlagen zu ihm. Alte Kontoauszüge zeigten, dass ein Teil von Dieters 480.000 Euro über Zwischengesellschaften geflossen war. Wochen später war nahezu derselbe Betrag verwendet worden, um Friedrichs Einstieg bei Nordmarkt abzusichern.
„Mein Vater hat Dieters Geld bekommen?“
„Indirekt.“
„Und Rainer Vogt?“
Martin sah zur Tür, bevor er antwortete. „Rainer wollte am 15. März alles offenlegen.“
„Aber er starb.“
„Ja.“
„War es wirklich ein Herzinfarkt?“
Martin schwieg.
Tobias spürte einen kalten Schauer.
„Was wissen Sie?“
„Dass Rainer mich an diesem Morgen angerufen hat. Er wollte mir Beweise geben. Wir verabredeten uns für zwölf Uhr. Um elf Uhr siebenundvierzig bekam ich eine Nachricht, dass er tot sei.“
Martin zog ein kleines Aufnahmegerät aus der Tasche.
„Drei Tage später lag das hier in meinem Briefkasten.“
„Was ist darauf?“
„Rainers letzte Sprachnachricht.“
Tobias wollte danach greifen, doch Martin hielt das Gerät fest.
„Bevor Sie sie hören, müssen Sie verstehen, warum ich verschwunden bin. Rainer nannte in dieser Nachricht einen Namen. Ich kannte die Person. Meine Mutter kannte sie ebenfalls. Und Christian arbeitete Jahre später ausgerechnet unter ihr.“
„Unter wem?“
Martin drückte auf Wiedergabe.
Rauschen erfüllte den Raum. Dann erklang eine angespannte Männerstimme.
„Martin, wenn du das hörst, ist etwas schiefgegangen. Die Buchungen führen nicht zu Friedrich Kern. Kern ist nur der Investor. Derjenige, der Dieter Albrechts Geld umgeleitet hat, sitzt viel näher an der Filiale.“
Ein Husten. Dann mehrere Sekunden Stille.
„Such nach dem Vertrag vom 14. März. Und vertraue vor allem nicht—“
Die Aufnahme brach ab.
Tobias sah Martin an. „Nicht wem?“
„Die Originaldatei war beschädigt. Achtzehn Jahre lang dachte ich, der Name sei verloren.“
Martin zog einen USB-Stick hervor.
„Bis ich vor zwei Wochen eine zweite Kopie bekam.“
Er steckte ihn in den Laptop und öffnete eine Audiodatei.
Diesmal lief die Aufnahme drei Sekunden länger.
Rainers Stimme kehrte nach dem Rauschen noch einmal zurück.
„Und vertraue vor allem nicht Christian Sommer.“
Tobias starrte Martin an.
In genau diesem Moment vibrierte sein Telefon.
Eine Nachricht von Dieter.
„Christian ist verschwunden. Und die Mappe mit Helgas Unterlagen ist weg.“







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