Dieter hielt das Foto so lange in der Hand, dass Tobias schließlich glaubte, der ältere Mann habe vergessen, dass noch jemand im Zimmer war. Martin stand darauf deutlich jünger vor einer Bankfiliale, die Tobias anhand des alten Logos nicht kannte. Neben ihm Christian Sommer, damals vielleicht Anfang dreißig. Beide blickten nicht in die Kamera. Das Bild musste aus einiger Entfernung aufgenommen worden sein. „Sie sagten, Herr Sommer habe damals schon mit der Filiale zu tun gehabt?“ fragte Tobias vorsichtig. Dieter schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Genau das verstehe ich nicht. Christian kam erst Jahre später zur Unternehmensgruppe.“ Melanie nahm die Bankquittung aus dem Umschlag. „Dann kannten die beiden sich vorher.“ Dieter sah sie an, doch seine Gedanken schienen längst woanders zu sein. „Martin hat mir nie erzählt, dass er Christian kannte.“
Tobias betrachtete die Quittung. Sie stammte vom 17. März, zwei Tage nach Rainer Vogts Tod und einen Tag vor der angeblich von Vogt unterschriebenen Empfangsbestätigung. Vermerkt war eine Einzahlung über 480.000 Euro auf das Konto der Nordmarkt Verwaltung GmbH. Auf den ersten Blick schien das Dieters Geschichte zu bestätigen. Dann bemerkte Tobias eine zweite Zeile: „Treuhänderische Weiterleitung gemäß Auftrag M.A.“ Er zeigte darauf. „M.A. könnte Martin Albrecht bedeuten.“
Dieter nahm ihm das Papier ab. „Martin hatte mit meiner Überweisung nichts zu tun.“
„Sind Sie sicher?“
Die Frage traf ihn sichtbar. „Mein Sohn war damals dreiunddreißig. Er arbeitete als Steuerberater. Er half mir gelegentlich bei Verträgen, aber dieses Geld habe ich selbst überwiesen.“ Dieter ging zum Fenster. „Wir hatten damals schon Schwierigkeiten miteinander. Martin hielt es für Wahnsinn, so viel Geld in einen Supermarkt zu stecken, der mir nicht einmal gehörte.“ Seine Stimme wurde leiser. „Er sagte, ich würde die Zukunft unserer Familie verschenken, um Menschen zu retten, deren Namen ich kaum kannte.“
„Und danach?“ fragte Melanie.
Dieter schwieg einen Moment. „Drei Wochen später verschwand er.“
Tobias sah ihn überrascht an. „Verschwand?“
„Er kündigte seine Wohnung, gab seine Kanzleistätigkeit auf und ging angeblich in die Schweiz. Helga bekam noch einige Jahre Geburtstagskarten. Ich nie.“ Dieter lächelte bitter. „Ich dachte, er wollte mir damit zeigen, dass er mit mir abgeschlossen hatte.“
Melanie blickte auf den Umschlag. „Ihre Frau wusste offenbar mehr.“
Dieser Gedanke schmerzte Dieter beinahe mehr als das Foto. Sieben Jahre hatte er nach Helgas Tod allein in dieser Wohnung gelebt. Sieben Jahre hatte dieser Umschlag nur wenige Meter von ihm entfernt gelegen.
In diesem Moment klingelte Tobias’ Telefon.
Christian.
Tobias nahm ab und stellte den Lautsprecher nicht ein. „Kern.“
„Ist Dieter bei Ihnen?“
Tobias blickte zu ihm. „Warum fragen Sie?“
Am anderen Ende entstand eine Pause. „Er ist nicht zu Hause.“
„Woher wissen Sie das?“
Wieder Stille.
Tobias’ Misstrauen kehrte sofort zurück. „Herr Sommer, wir haben ein Foto gefunden.“
Dieter drehte sich um.
„Welches Foto?“
„Sie und Martin Albrecht. Vor einer Bank.“
Christian atmete hörbar ein.
„Fassen Sie nichts weiter an.“
„Das haben Sie gestern schon gesagt.“
„Diesmal meine ich es ernst.“
Tobias’ Stimme wurde härter. „Dann erklären Sie endlich, was Sie mit Martin zu tun hatten.“
Christian antwortete zunächst nicht. Als er wieder sprach, klang er völlig anders. Nicht autoritär. Erschöpft.
„Ich habe Martin nicht über die Firma kennengelernt.“
„Sondern?“
„Er war mein Chef.“
Dieter ging einen Schritt auf Tobias zu.
„Wo?“
„Bei einer kleinen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Ich war damals Berufsanfänger. Martin untersuchte im Auftrag eines Gläubigers die Finanzen von Nordmarkt.“
Dieter wurde kreidebleich.
„Martin hat Nordmarkt geprüft?“
Christian hörte seine Stimme offenbar durch das Telefon. „Dieter?“
„Sag mir, was mein Sohn herausgefunden hat.“
Christian schwieg.
„Christian!“
„Dass die Filiale nicht wegen schlechter Umsätze geschlossen werden sollte.“
Niemand bewegte sich.
„Warum dann?“ fragte Tobias.
„Weil jemand die Verluste künstlich erzeugt hatte.“
Christian erklärte, dass über Jahre Kosten anderer Standorte auf Hannover gebucht worden waren. Die Filiale hatte auf dem Papier Verluste gemacht, obwohl sie tatsächlich profitabel gewesen war. Der geplante Verkauf des Grundstücks hätte bestimmten Personen anschließend erhebliche Gewinne gebracht.
Dieter setzte sich.
„Dann war meine Hilfe gar nicht notwendig.“
„Doch“, sagte Christian. „Als du gezahlt hast, war die Firma tatsächlich zahlungsunfähig. Aber nicht aus den Gründen, die man dir genannt hatte.“
„Und Martin wusste das?“
„Er fand es kurz nach deiner Überweisung heraus.“
Dieter schloss die Augen. „Deshalb wollte er, dass ich kein Geld gebe.“
„Nein“, sagte Christian.
Dieses eine Wort ließ Dieter wieder aufblicken.
„Martin wusste es vorher.“
Die Luft im Raum schien plötzlich schwer zu werden.
„Was sagst du da?“
„Er hatte den Verdacht schon Wochen zuvor. Er wollte Beweise sammeln, bevor er mit dir sprach.“
Dieter stand abrupt auf. „Dann warum hat er mich bezahlen lassen?“
Christian antwortete leise: „Weil er am Tag deiner Überweisung etwas entdeckt hat, das alles verändert hat.“
„Was?“
„Dieter, bitte. Nicht am Telefon.“
„Achtzehn Jahre lang habe ich geglaubt, mein Sohn sei gegangen, weil er mich verachtet hat. Du wirst mir jetzt nicht sagen, ich soll warten.“
Lange hörte man nur Christians Atem.
Dann sagte er: „Martin ist nicht freiwillig in die Schweiz gegangen.“
Dieter griff nach der Tischkante.
Melanie schlug eine Hand vor den Mund.
„Wo ist mein Sohn?“
„Das weiß ich nicht.“
„Du lügst.“
„Nein. Aber ich weiß, warum er verschwunden ist.“
Christian nannte eine Adresse am Stadtrand von Hannover und sagte, er würde sie dort treffen. Dieter wollte bereits seinen Mantel nehmen, als Tobias die alte Bankquittung noch einmal gegen das Fensterlicht hielt.
Etwas schimmerte auf der Rückseite durch.
„Warten Sie.“
Mit einem Bleistift strich Tobias vorsichtig seitlich über das Papier. Unter dem Druck früherer Schriftzüge erschienen schwache Buchstaben, offenbar von einem Blatt, das einmal darübergelegen hatte.
Dieter trat näher.
Langsam wurde ein Satz lesbar.
„Papa darf niemals erfahren, wem die 480.000 wirklich gehören.“
Darunter stand ein Datum.
- März.
Und daneben drei Buchstaben:
M.A.
Dieter starrte auf die Handschrift.
„Das ist Martins Schrift.“
Dann zeigte Tobias auf die letzte, fast unsichtbare Zeile.
Dort stand ein Name.
„Helga Albrecht.“







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