Der Sicherheitsmann bekam die Waffe nicht einmal vollständig aus dem Holster.
Viktor rammte ihn gegen das Bücherregal, während zwei andere Männer gleichzeitig nach seinem Arm griffen. Bücher stürzten zu Boden. Mama schrie auf und zog mich hinter sich.
„Waffe runter!“, brüllte jemand.
Der Mann kämpfte.
Nicht wie jemand, der überrascht worden war.
Wie jemand, der wusste, dass er nur noch Sekunden hatte.
Er stieß einen Wachmann zurück, doch Viktor verdrehte ihm den Arm und schlug seine Hand gegen die Wand. Die Pistole fiel auf den Teppich.
Ein anderer Mann trat sie außer Reichweite.
Dann lag der Wachmann mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden.
Viktors Knie drückte zwischen seine Schulterblätter.
„Name“, sagte Alejandro.
Niemand antwortete.
Alejandro sah den Mann an.
„Ich kenne jeden Menschen, der in meinem Haus bewaffnet herumläuft. Also frage ich nicht nach deinem Namen.“
Der Mann hob langsam den Kopf.
„Ich frage, für wen du arbeitest.“
Sein Blick wanderte zu mir.
Mama stellte sich sofort ganz vor mich.
Alejandro bemerkte es.
„Wenn du das Kind noch einmal ansiehst, wird das dein letzter Fehler.“
„Boss“, sagte Viktor. „Er heißt Gabriel Ortega. Seit acht Monaten im inneren Sicherheitsring.“
„Seit acht Monaten?“
Viktor nickte.
Alejandros Blick wurde gefährlich ruhig.
„Wer hat ihn überprüft?“
Viktor antwortete nicht sofort.
Das reichte.
„Du“, sagte Alejandro.
„Ja.“
Marco lachte leise.
Alle Köpfe drehten sich zu ihm.
„Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich gesagt habe, dass du keine Ahnung hast, was hier passiert.“
Alejandro sah seinen Bruder an.
„Du bist nicht in der Position, dich über irgendetwas zu amüsieren.“
„Und Viktor ist nicht in der Position, so zu tun, als wäre er unschuldig.“
Viktor packte Gabriel fester.
„Ich habe dir diese Spritze nicht gegeben.“
„Das habe ich auch nie behauptet.“
Alejandros Augen verengten sich.
„Dann wer?“
Marco schwieg wieder.
Gabriel lächelte plötzlich.
Es war ein kleines, fast müdes Lächeln.
„Ihr sucht alle in die falsche Richtung.“
Viktor drückte ihn härter auf den Boden.
„Rede.“
„Warum sollte ich?“
„Weil du gerade versucht hast, eine Waffe vor einem Vierjährigen zu ziehen.“
Gabriels Blick glitt erneut zu mir.
Diesmal sah ich keine Wut darin.
Nur Angst.
Und das machte mir noch mehr Angst.
„Ich wollte nicht auf sie schießen“, sagte er.
Mama erstarrte.
„Auf wen dann?“, fragte Alejandro.
Gabriel sagte nichts.
Ich blickte auf die Erwachsenen.
Auf Viktor, der ihn festhielt.
Auf Marco, der von zwei Männern bewacht wurde.
Auf den Arzt.
Auf Mama.
Und auf den schwarzen Fernseher.
Dann erinnerte ich mich an etwas.
„Er hat nicht allein gesprochen.“
Meine Stimme war so leise, dass Alejandro sich vorbeugte.
„Was meinst du?“
„Heute Morgen.“
Ich hielt meinen Hasen an die Brust.
„Der Mann beim Lieferwagen hat telefoniert. Aber danach hat er die schwarze Schachtel jemandem gegeben.“
„Wem?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe nur die Schuhe gesehen.“
Marco wurde plötzlich aufmerksam.
„Welche Schuhe?“
Mama sah ihn scharf an.
Ich versuchte, das Bild in meinem Kopf wiederzufinden.
Das Kellerfenster war fast auf Bodenhöhe. Von dort konnte ich draußen meistens nur Beine und Füße sehen.
„Braun“, sagte ich. „Sehr glänzend.“
Einige Männer sahen automatisch auf ihre Schuhe.
Schwarz.
Schwarz.
Schwarz.
Der Arzt trug dunkle Lederschuhe.
Viktor schwere schwarze Stiefel.
Marco ebenfalls schwarze Schuhe.
Gabriel trug schwarze Sicherheitsschuhe.
Braun war niemandes Schuhwerk.
Alejandro bemerkte dasselbe.
„Wer trägt in diesem Haus braune Schuhe?“
Niemand antwortete.
Dann sagte Mama:
„Das Verwaltungspersonal.“
Viktor sah sie an.
„Was?“
„Die Sicherheitsleute tragen Schwarz. Küche und Reinigung tragen Arbeitsschuhe. Aber die leitenden Angestellten im Haus tragen ihre eigene Kleidung.“
Alejandro richtete sich weiter auf.
Der Arzt wollte ihn zurückhalten.
„Sie müssen sich ausruhen.“
„Später.“
Er sah Viktor an.
„Wie viele leitende Angestellte sind heute im Haus?“
Viktor sprach in sein Funkgerät.
Die Antwort kam Sekunden später.
„Vier.“
„Bringt sie her.“
Gabriel begann zu lachen.
Diesmal lachte er wirklich.
„Zu spät.“
Alejandro sah auf ihn hinunter.
„Was bedeutet das?“
„Der Lieferwagen ist nicht geflohen.“
Stille.
Viktors Gesicht veränderte sich.
„Was?“
Gabriel drehte den Kopf so weit, wie Viktors Griff es zuließ.
„Ihr glaubt, jemand versucht, aus der Villa zu entkommen.“
Er lächelte.
„Dabei sollte der Wagen nur dafür sorgen, dass alle zum Osttor schauen.“
Viktor sprang auf.
„Westflügel überprüfen! Keller! Küche! Alle Zugänge!“
Funkmeldungen überschlugen sich.
Dann ertönte ein dumpfer Schlag unter uns.
Nicht draußen.
Unter dem Arbeitszimmer.
Der Boden vibrierte leicht.
Mama wurde kreidebleich.
„Der Personalbereich.“
Ich dachte an den Keller.
An den kleinen Raum, in dem ich mich versteckt hatte.
An meinen rosa Rucksack.
Dann fiel mir etwas ein.
Mein Rucksack war hier.
Aber als ich vorhin den EpiPen herausgenommen hatte, hatte ich ihn offen gelassen.
Und darin befand sich noch etwas.
Mamas Schlüsselkarte.
Sie steckte sie manchmal in die kleine Seitentasche, wenn sie beim Putzen keine Hosentaschen hatte.
Ich sah Mama an.
„Deine Karte.“
Sie verstand sofort.
Ihre Hand fuhr an ihre Schürze.
Leer.
„Oh Gott.“
Viktor drehte sich zu ihr.
„Welche Zugänge öffnet sie?“
„Personalräume. Wäscherei. Küche. Lagerräume.“
„Sonst noch etwas?“
Mama zögerte.
„Den Versorgungskorridor.“
Alejandro blickte zu Viktor.
„Wohin führt der?“
„Unter dem Westflügel entlang.“
„Und?“
Viktor schwieg.
Alejandro wurde ungeduldig.
„Wohin?“
„Zum alten Weinkeller.“
Marco verlor schlagartig sein Lächeln.
Alejandro sah es.
„Warum interessiert dich das?“
„Tut es nicht.“
„Du bist ein schlechter Lügner.“
Plötzlich knackte Viktors Funkgerät.
„Chef, wir haben den Versorgungskorridor erreicht.“
Rauschen.
Dann:
„Die Tür zum alten Weinkeller steht offen.“
Alejandro sah Marco an.
„Was ist dort?“
Marco schwieg.
Gabriel begann erneut zu lachen.
„Frag ihn nicht, was dort ist.“
Viktor blickte nach unten.
„Was dann?“
Gabriel hob den Kopf und sah Alejandro direkt an.
„Frag ihn, wer dort unten auf euch wartet.“
In diesem Moment kam eine weitere Stimme aus dem Funkgerät.
Diesmal zitterte sie.
„Chef… wir haben jemanden gefunden.“
„Wer?“
Ein paar Sekunden lang war nur statisches Rauschen zu hören.
Dann kam die Antwort.
„Eine Frau.“
Mama neben mir hörte auf zu atmen.
„Sie hat eine zweite Spritze in der Hand.“
Und Marco flüsterte einen Namen, den offenbar niemand von ihm erwartet hatte.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.







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