„Isabella.“
Marco sagte den Namen so leise, dass ich ihn beinahe nicht hörte.
Alejandro dagegen hörte ihn sehr genau.
Sein Blick wurde hart.
„Wer ist Isabella?“
Marco antwortete nicht.
Viktor griff nach seinem Funkgerät.
„Niemand berührt die Frau. Nehmt ihr die Spritze ab und bringt sie lebend nach oben.“
„Verstanden.“
Alejandro ließ Marco keine Sekunde aus den Augen.
„Du kennst sie.“
„Ja.“
„Woher?“
Marco sah kurz zu Gabriel, der noch immer auf dem Boden festgehalten wurde.
„Sie arbeitet für dich.“
Viktor schüttelte sofort den Kopf.
„In unserem Personal gibt es keine Isabella.“
„Nicht im Personal.“
Marco sah Alejandro an.
„In deinen Büchern.“
Der Raum wurde still.
„Erklär das.“
Marco atmete langsam aus.
„Isabella Ruiz. Externe Buchhalterin. Sie prüft seit fast einem Jahr einige deiner Firmenkonten.“
Alejandros Gesicht verriet nichts.
Doch Viktor fluchte leise.
„Sie war vor drei Monaten hier.“
„Viermal“, korrigierte Marco.
Viktor sah ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Weil sie mich kontaktiert hat.“
Alejandro setzte sich trotz der Schwäche vollständig auf.
„Warum?“
„Weil sie etwas gefunden hatte.“
„Was?“
Marco öffnete den Mund.
Dann kamen Schritte aus dem Flur.
Vier Männer führten eine Frau herein.
Sie war vielleicht Mitte dreißig. Ihr dunkles Haar hatte sich aus einem strengen Knoten gelöst. Ihre Bluse war an einer Schulter zerrissen, und ihre Handgelenke wurden vor ihr festgehalten.
Einer der Männer trug einen durchsichtigen Beutel.
Darin lag eine Spritze.
Auf ihr klebte derselbe schwarze Aufkleber mit silbernem Rand.
Mama zog mich näher an sich.
Isabella sah zuerst Alejandro.
Dann Marco.
Und schließlich Gabriel.
Bei seinem Anblick blieb sie stehen.
„Du Idiot“, sagte sie.
Gabriel lächelte nicht mehr.
Alejandro deutete auf die Spritze.
„Was ist darin?“
Isabella schwieg.
Der Arzt nahm den Beutel entgegen und betrachtete ihn.
„Ich muss das untersuchen.“
„Tu es.“
Dann sah Alejandro Isabella wieder an.
„Warum warst du in meinem Keller?“
„Weil jemand wollte, dass Sie glauben, ich hätte versucht, Sie umzubringen.“
Marco lachte bitter.
„Das ist bequem.“
Isabella drehte sich zu ihm.
„Du solltest besser still sein.“
„Du hast mir die Spritze gegeben.“
„Nein.“
„Lügnerin.“
„Ich habe dir überhaupt nichts gegeben.“
Marco machte einen Schritt nach vorn, doch die Männer hielten ihn zurück.
Alejandro hob die Hand.
„Genug.“
Er sah Marco an.
„Du behauptest, Isabella habe dich kontaktiert.“
„Ja.“
„Und du behauptest, sie habe dir die Spritze gegeben?“
Marco zögerte.
Nur einen Moment.
Aber ich sah es.
Alejandro ebenfalls.
„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Marco schließlich.
„Nein“, sagte Alejandro. „Das hast du tatsächlich nicht.“
Marco schwieg.
Isabella betrachtete ihn mit einem Ausdruck, den ich nicht verstand.
Es war keine Angst.
Es war Enttäuschung.
„Sag ihm die Wahrheit“, sagte sie.
„Welche?“
„Warum du seinen Wein vergiftet hast.“
Marco sah seinen Bruder an.
Zum ersten Mal wirkte er nicht trotzig.
Er wirkte müde.
„Ich sollte dich nicht töten.“
Viktor lachte ungläubig auf.
„Wir haben dich auf Video gesehen.“
„Ich weiß.“
„Du hast Gift in seine Flasche gespritzt.“
„Ich habe etwas in seine Flasche gespritzt.“
Der Arzt blickte plötzlich auf.
„Das ist nicht dasselbe.“
Alejandro drehte sich zu ihm.
„Was meinst du?“
Der Arzt deutete auf die Reste des Weins.
„Wir wissen noch nicht, was die Reaktion ausgelöst hat.“
„Er ist beinahe erstickt.“
„Ja. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass die Substanz in Marcos Spritze ein klassisches Gift war.“
Viktor sah Marco an.
„Was war darin?“
Marco antwortete:
„Etwas, auf das Alejandro hochgradig allergisch ist.“
Mama legte mir sofort beide Hände auf die Schultern.
Alejandros Stimme wurde eisig.
„Woher wusstest du davon?“
„Weil wir Brüder sind.“
„Du hast trotzdem gewusst, dass es mich töten kann.“
„Ja.“
Marco sagte es ohne Ausrede.
„Aber das sollte es nicht.“
Alejandro starrte ihn an.
„Du hast eine tödliche allergische Reaktion provoziert und behauptest, du wolltest mich nicht töten?“
„Du solltest zusammenbrechen.“
„Warum?“
Marco sah Isabella an.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
Zu spät.
„Damit die Villa abgeriegelt wird.“
Viktor erstarrte.
Alejandro sagte nichts.
Marco fuhr fort.
„Damit niemand das Gelände verlassen kann. Damit deine Männer jeden Ausgang sperren. Damit genau das passiert, was jetzt passiert ist.“
„Du hast mein Leben riskiert, um jemanden im Haus festzuhalten?“
„Ja.“
„Wen?“
Marco blickte zu Gabriel.
Gabriel spannte den Kiefer an.
„Nicht ihn“, sagte Marco.
Dann sah er zu Viktor.
„Denjenigen, der über ihm steht.“
Viktor trat näher.
„Wer?“
„Das wollte Isabella herausfinden.“
Alle sahen zu ihr.
Sie schloss für einen Moment die Augen.
„Seit acht Monaten verschwinden Gelder aus drei von Herrn Morettis Firmen“, sagte sie schließlich. „Kleine Beträge. Verteilt auf Hunderte Transaktionen. Zu klein, um einzeln aufzufallen.“
Alejandro wurde vollkommen still.
„Wie viel?“
„Insgesamt fast zwölf Millionen.“
Niemand bewegte sich.
„Und wohin?“
„Das ist das Problem.“
Isabella sah ihn direkt an.
„Das Geld verlässt Ihre Firmen nicht.“
Alejandros Stirn legte sich in Falten.
„Was bedeutet das?“
„Jemand verschiebt es zwischen internen Konten, Sicherheitsbudgets, Lieferanten und Immobiliengesellschaften.“
Viktors Gesicht veränderte sich.
„Sicherheitsbudgets?“
„Auch.“
Marco sagte:
„Deshalb konnte niemand von außen dahinterstecken.“
Alejandro sah langsam durch den Raum.
„Jemand in meinem innersten Kreis.“
Isabella nickte.
„Und als ich anfing, die Transaktionen zurückzuverfolgen, wurde mein Zugang gesperrt.“
„Von wem?“
„Das wollte ich heute herausfinden.“
Viktor deutete auf die zweite Spritze.
„Mit einer Spritze im Keller?“
Isabella sah ihn an.
„Die war nicht bei mir, als ich die Villa betrat.“
Stille.
„Woher kam sie dann?“, fragte Mama plötzlich.
Alle drehten sich zu ihr.
Isabella antwortete:
„Jemand hat mich im Versorgungskorridor niedergeschlagen. Als ich wieder zu mir kam, lag sie neben meiner Hand.“
Gabriel begann sich auf dem Boden zu bewegen.
Nur ein kleines Stück.
Seine Finger glitten in Richtung seines Ärmels.
Ich sah es.
„Da!“
Viktor reagierte sofort.
Er riss Gabriels Arm nach hinten.
Etwas Kleines fiel aus dessen Ärmel.
Kein Messer.
Keine Waffe.
Ein winziger schwarzer Sender.
Das rote Licht blinkte.
Einmal.
Zweimal.
Dann erlosch es.
Viktor hob ihn auf.
„Er hat gesendet.“
Alejandro stand auf.
Der Arzt protestierte, doch Alejandro ignorierte ihn.
„Wohin?“
Viktor betrachtete das Gerät.
„Das kann ich nicht sagen.“
Isabella wurde blass.
„Dann weiß er jetzt, dass wir über die Konten gesprochen haben.“
„Wer?“, fragte Alejandro.
Isabella sah ihn an.
„Der Mann, der alles kontrolliert.“
Plötzlich ertönte ein Klingeln.
Nicht von einem Telefon.
Vom großen Festnetzapparat auf Alejandros Schreibtisch.
Alle erstarrten.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Alejandro ging hinüber und drückte die Lautsprechertaste.
„Moretti.“
Eine elektronisch verzerrte Stimme antwortete.
„Du hättest sterben sollen.“
Mama presste mich an sich.
Alejandro sagte kein Wort.
Die Stimme fuhr fort:
„Jetzt muss das Mädchen dafür bezahlen.“
Die Verbindung brach ab.
Und im selben Augenblick ging in der gesamten Villa das Licht aus.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







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