Auf dem Bildschirm hielt die unbekannte Person die kleine Kamera zwischen zwei Fingern.
Dann blickte sie direkt in die Linse der Überwachungskamera im Personalraum.
Als wüsste sie genau, dass wir zusahen.
Mama zog mich näher an sich.
„Wer hat das in Emmas Hasen gesteckt?“
Niemand antwortete.
Ich starrte auf das Spielzeug.
Es war mein anderer Hase. Der ältere mit dem schiefen Ohr, den Mama mir manchmal mitbrachte, wenn ich während ihrer Arbeit unten warten musste.
„Seit wann liegt der dort?“, fragte Viktor.
„Seit Wochen“, sagte Mama. „Vielleicht länger.“
„Wer hatte Zugang zu diesem Raum?“
„Fast jeder vom Personal.“
Auf dem Bildschirm bewegte sich Lucien.
Sein Kopf hob sich langsam.
Seine Lippen formten ein Wort.
Viktor trat näher.
„Kann jemand den Ton einschalten?“
Marco setzte sich an die alte Konsole.
„Ich versuche es.“
Seine Finger bewegten sich über die Tasten.
Plötzlich knackte ein Lautsprecher.
Rauschen.
Dann hörten wir Luciens Stimme.
„Nicht …“
Er hustete.
Die Person hinter ihm legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Lucien verstummte sofort.
Alejandro beugte sich zum Bildschirm.
„Zeig dein Gesicht.“
Die Gestalt reagierte.
Obwohl Alejandro nicht in ein Mikrofon gesprochen hatte.
Alle erstarrten.
„Sie kann uns hören“, sagte Isabella.
Viktor sah sich im Kontrollraum um.
„Wo ist das Mikrofon?“
Marco deutete auf die Konsole.
„Das alte Gegensprechsystem.“
Alejandro drückte eine Taste.
„Du wolltest meine Aufmerksamkeit. Jetzt hast du sie.“
Auf dem Bildschirm legte die Person den Stoffhasen auf Luciens Schoß.
Dann trat sie seitlich ins Licht.
Mama sog scharf die Luft ein.
Es war eine Frau.
Vielleicht Ende fünfzig. Graues Haar, streng zurückgebunden. Dunkle Kleidung.
Ich kannte sie nicht.
Alejandro dagegen schon.
Sein Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos.
Marco flüsterte:
„Sofia.“
Viktor sah zwischen den Brüdern hin und her.
„Wer ist das?“
Alejandro antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Unsere ehemalige Haushälterin.“
Marco lachte bitter.
„Sag ihm den Rest.“
Alejandro ignorierte ihn.
Sofia blickte direkt in die Kamera.
„Hallo, Alejandro.“
Ihre Stimme kam klar aus dem Lautsprecher.
„Lass Lucien gehen“, sagte Alejandro.
„Warum? Ihr habt ihn doch bereits zum Verräter erklärt.“
„Niemand hat irgendetwas erklärt.“
„Noch nicht.“
Sofia strich Lucien fast fürsorglich über die Schulter.
„Aber genau dafür war alles vorbereitet.“
Isabella trat an das Mikrofon.
„Die Konten.“
Sofias Blick veränderte sich.
„Ah. Die Buchhalterin lebt also auch noch.“
„Du hast die Gelder verschoben?“
„Nein.“
„Wer dann?“
Sofia lächelte.
„Du stellst die falsche Frage.“
Isabella schwieg.
„Frag lieber, wofür das Geld benutzt wurde.“
Alejandro drückte die Taste.
„Zwölf Millionen. Wofür?“
„Menschen.“
„Welche Menschen?“
„Deine.“
Viktor fluchte.
Sofia fuhr fort.
„Sicherheitsleute. Fahrer. Lieferanten. Verwaltungsangestellte. Kleine Gefälligkeiten zuerst. Dann größere. Schulden wurden bezahlt. Familien unterstützt. Geheimnisse gekauft.“
Gabriel senkte den Blick.
Viktor bemerkte es.
„Du hast ihn rekrutiert.“
Sofia sah durch die Kamera, als könne sie Gabriel direkt sehen.
„Gabriel wurde nicht gekauft. Er wurde daran erinnert, wem seine Loyalität wirklich gehört.“
„Dir?“
„Nein.“
Ein Geräusch erklang hinter Sofia.
Sie drehte kurz den Kopf.
Jemand war noch dort unten.
Marco trat näher an den Bildschirm.
„Wer ist bei dir?“
Sofia lächelte wieder.
„Jetzt stellst du endlich die richtige Frage.“
Dann wurde das Bild schwarz.
„Verdammt!“
Marco schlug gegen die Konsole.
Viktor griff zum Funkgerät, obwohl es weiterhin nur rauschte.
Alejandro sah zu Marco.
„Wie kommen wir in den Personalraum, ohne den Hauptkorridor zu benutzen?“
Marco dachte nach.
„Durch die alte Wäscherei.“
„Dann los.“
„Wartet“, sagte Isabella.
Alle sahen sie an.
Sie stand vor einem zweiten Monitor.
Darauf liefen Zahlenkolonnen.
„Was ist das?“, fragte Alejandro.
„Das alte System hat gerade eine Verbindung hergestellt.“
„Wohin?“
Isabella tippte.
Dann wurde sie blass.
„Zu Ihren Firmenkonten.“
Alejandro trat neben sie.
„Was passiert?“
„Die zwölf Millionen.“
„Was ist damit?“
„Sie werden gerade bewegt.“
„Wohin?“
Isabella schüttelte den Kopf.
„Nicht hinaus.“
Sie öffnete mehrere Fenster.
„Sie werden zurückgebucht.“
Marco starrte sie an.
„Alle?“
„Jeder Cent.“
Alejandro schwieg.
„Dann ging es nie darum, das Geld zu stehlen“, sagte Viktor.
„Nein“, antwortete Isabella. „Das Geld war eine Spur.“
Sie sah zu Alejandro.
„Jemand wollte, dass wir die Transaktionen entdecken.“
Ein leises Piepen ertönte.
Ein neues Dokument erschien auf dem Bildschirm.
Isabella öffnete es.
Eine Liste.
Namen.
Dutzende.
Neben jedem Namen standen Zahlungen, Daten und interne Kennziffern.
Gabriel wurde kreidebleich.
„Schaltet das aus.“
Viktor packte ihn.
„Warum?“
„Schaltet es verdammt noch mal aus!“
Alejandro sah auf die Liste.
„Das sind die Leute, die bezahlt wurden.“
Isabella scrollte.
Küche.
Fahrer.
Sicherheitsdienst.
Hausverwaltung.
Externe Lieferanten.
Dann hielt sie inne.
„Hier.“
Ein Name war mehrfach markiert.
Gabriel Ortega.
Zahlungen über acht Monate.
Viktor sah ihn angewidert an.
„Du hast gesagt, du wurdest nicht gekauft.“
Gabriel schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Das Geld war nicht für mich.“
„Dein Name steht daneben.“
„Weil sie meine Schwester hatten.“
Stille.
Gabriels Stimme brach.
„Ich sollte Zugänge freigeben. Kameras abschalten. Fragen nicht stellen.“
Alejandro sah ihn an.
„Wer hatte deine Schwester?“
„Ich weiß es nicht.“
„Sofia?“
„Nein.“
Gabriel schüttelte den Kopf.
„Ich habe Sofia nie getroffen.“
Viktor erstarrte.
„Was?“
„Bis gerade wusste ich nicht einmal, wer sie ist.“
Marco sah zum schwarzen Monitor.
„Dann arbeitet Sofia ebenfalls für jemanden.“
Isabella scrollte weiter.
Plötzlich hielt sie erneut an.
„Alejandro.“
Etwas in ihrer Stimme ließ alle verstummen.
„Was?“
Sie zeigte auf den unteren Teil der Liste.
Dort stand ein weiterer Name.
Viktor Salazar.
Niemand bewegte sich.
Neben seinem Namen standen keine kleinen Zahlungen.
Dort stand eine einzige Überweisung.
Zwei Millionen Dollar.
Vor sechs Monaten.
Viktor starrte auf den Bildschirm.
„Das ist nicht möglich.“
Alejandro sah ihn an.
„Du hast mir gesagt, du hättest die Kamera installiert, weil du einen Vergiftungsversuch vermutet hast.“
„Das stimmt.“
„Und jetzt steht dein Name auf einer Liste bezahlter Personen.“
„Ich habe dieses Geld nie bekommen.“
Marco lachte leise.
„Das sagen sie alle.“
Viktor fuhr herum.
„Ich habe dich nicht vergiftet.“
„Nein. Das habe ich getan.“
„Genug“, sagte Alejandro.
Er blickte Isabella an.
„Kannst du feststellen, wohin die zwei Millionen gingen?“
„Gib mir eine Minute.“
Ihre Finger flogen über die Tastatur.
Ich sah Viktor an.
Er wirkte nicht wütend.
Er wirkte verängstigt.
Genau wie damals, als er die versteckte Kamera im Bücherregal gesehen hatte.
Dann erinnerte ich mich an etwas.
„Herr Viktor?“
Er sah zu mir.
„Was?“
„Die Kamera.“
Alle wurden still.
„Was ist damit, Emma?“, fragte Alejandro.
„Herr Viktor hat gesagt, er hat sie installiert.“
„Ja.“
Ich zeigte auf den Monitor.
„Aber die Frau wusste davon.“
Viktors Gesicht verlor jede Farbe.
Marco sah ihn an.
„Sie hat recht.“
Isabella hörte auf zu tippen.
„Wenn Sofia auf dieses alte System zugreifen konnte und wusste, dass wir die Aufnahme aus dem Arbeitszimmer gesehen haben…“
„Dann wusste sie möglicherweise schon vorher von der Kamera“, beendete Alejandro.
Viktor schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Wer hat dir geholfen, sie zu installieren?“, fragte Alejandro.
Viktor schwieg.
„Vorhin hast du gesagt, zwei Personen wussten davon.“
Keine Antwort.
„Du und jemand anderes.“
Viktor schloss die Augen.
„Sag den Namen“, verlangte Marco.
Viktor öffnete sie wieder.
„Lucien.“
Alle sahen zum schwarzen Bildschirm.
Zu dem Mann, den Sofia gefesselt hatte.
Doch Isabella sagte plötzlich:
„Ich habe die Überweisung gefunden.“
Alejandro drehte sich um.
„Wohin gingen Viktors zwei Millionen?“
Isabella starrte auf die Daten.
„Nicht an Viktor.“
„Wohin dann?“
Sie hob langsam den Blick.
„An eine Stiftung.“
„Welche Stiftung?“
Isabella las den Namen vor.
Viktor taumelte einen Schritt zurück.
„Nein.“
Alejandro sah ihn an.
„Du kennst sie.“
Viktors Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Sie wurde vor zwölf Jahren geschlossen.“
„Was war sie?“
Viktor sah Alejandro direkt an.
„Die Stiftung Ihrer Mutter.“
Marco wurde weiß.
Und aus dem plötzlich wieder eingeschalteten Lautsprecher erklang Sofias Stimme:
„Jetzt erinnert ihr euch endlich.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.







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