Ich konnte gerade noch die Treppe hinaufgehen, als ich aus unserem Schlafzimmer ein leises, heiseres Wimmern hörte. Es war kein normales Weinen, wie ich es in den wenigen Tagen seit Jonas’ Geburt kennengelernt hatte. Es klang erschöpft, fast kraftlos. Ich ließ die Tasche mit den Windeln und die kleine grüne Decke einfach auf den Boden fallen und rannte nach oben. Die Schlafzimmertür stand offen. Laura lag halb auf der Seite auf unserem Bett, ihr Haar klebte an ihrer Stirn, ihr Gesicht war auffallend blass. Neben ihr lag Jonas in seinem kleinen Beistellbett und bewegte seine winzigen Arme, während er verzweifelt weinte. Auf dem Nachttisch stand eine fast leere Flasche mit abgestandener Säuglingsnahrung. Daneben lag ein Teller mit Essen, das offensichtlich seit Stunden nicht angerührt worden war.
„Laura!“
Sie öffnete langsam die Augen. Für einen Moment schien sie nicht zu begreifen, dass ich wirklich vor ihr stand.
„Daniel …?“
Ich ging sofort zu ihr, kniete mich neben das Bett und nahm ihre Hand. Sie war eiskalt.
„Was ist passiert? Warum hast du mir nicht gesagt, dass es dir so schlecht geht?“
Ihre Lippen bewegten sich, doch zuerst kam kein Ton heraus. Dann sah sie zur Tür, als hätte sie Angst, dass jemand dort stehen könnte.
„Ich habe versucht, dir zu sagen …“
„Wer hat dich daran gehindert?“
Laura schluckte.
„Deine Mutter.“
In diesem Moment hörte ich Schritte auf der Treppe. Ingrid erschien im Türrahmen, gefolgt von Sabrina. Meine Mutter wirkte plötzlich hellwach.
„Daniel? Du bist schon zurück?“
Ich stand langsam auf.
„Was zum Teufel ist hier passiert?“
Ingrid sah sich demonstrativ im Zimmer um und seufzte.
„Es ist nichts Dramatisches passiert. Laura ist einfach völlig überfordert.“
„Überfordert?“
Meine Stimme wurde lauter.
„Sie sieht aus, als würde sie gleich zusammenbrechen.“
„Sie ist faul“, sagte Ingrid kalt. „Ich habe ihr ständig gesagt, sie soll aufstehen, duschen, das Baby versorgen und sich nicht ständig hinlegen. Aber sie wollte ja nie auf mich hören.“
Sabrina verschränkte die Arme.
„Wir haben ihr sogar Essen gebracht. Sie hat es kaum angerührt. Vielleicht wollte sie einfach Aufmerksamkeit.“
Ich sah meine Mutter an und konnte kaum glauben, was ich hörte.
„Wo sind ihre Medikamente?“
Ingrid zuckte mit den Schultern.
„Welche Medikamente?“
„Die, die ihr der Arzt nach der Geburt verschrieben hat.“
Für einen kurzen Moment sagte niemand etwas.
Dann antwortete Ingrid: „Die braucht sie nicht ständig. Sie soll sich nicht daran gewöhnen.“
Mir wurde schlagartig kalt.
Ich wandte mich Laura zu. An ihrem Handgelenk sah ich einen dunklen rötlichen Abdruck, beinahe wie von Fingern. Ich berührte die Stelle vorsichtig.
Laura zuckte zusammen.
„Wer hat das gemacht?“
Sie sah mich an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich wollte gestern Jonas nehmen. Er hat geweint. Deine Mutter sagte, ich soll mich endlich zusammenreißen. Dann …“
Sie brach ab.
„Dann was?“
„Sie hat mein Handgelenk festgehalten.“
Hinter mir hörte ich Ingrid scharf einatmen.
„Das ist lächerlich! Ich habe sie nur daran gehindert, hinzufallen.“
„Warum sollte sie hinfallen?“
„Weil sie schwach ist!“
Ich sah meine Mutter an und erkannte plötzlich etwas, das ich in all den Jahren nie hatte sehen wollen: Sie war nicht besorgt um Laura. Sie war wütend darüber, dass Laura nicht so funktionierte, wie sie es verlangte.
Ich nahm Jonas aus dem Beistellbett. Sein Weinen wurde langsam leiser, als ich ihn an meine Brust legte.
„Wir fahren ins Krankenhaus.“
Ingrid trat sofort einen Schritt vor.
„Das ist doch unnötig.“
„Nein.“
„Daniel, hör auf, dich von ihr manipulieren zu lassen.“
Ich drehte mich zu ihr um.
„Du hast mir drei Tage lang erzählt, alles sei in Ordnung.“
Sie schwieg.
„Du hast gesagt, Laura schläft. Du hast gesagt, Jonas trinkt genug. Du hast gesagt, es gäbe kein Problem.“
„Weil ich die Situation unter Kontrolle hatte.“
„Nein“, sagte ich leise. „Hattest du nicht.“
Ich zog meine Jacke an, wickelte Jonas in die grüne Decke und half Laura vorsichtig aufzustehen. Ihre Knie gaben beinahe nach. Ich fing sie auf.
„Warum hast du mir nicht früher gesagt, wie schlimm es ist?“
Laura sah zu Boden.
„Weil sie gesagt hat, wenn ich dich noch einmal anrufe, würde sie dafür sorgen, dass du mich für hysterisch hältst. Und gestern hat Sabrina gesagt, sie könnten dafür sorgen, dass Jonas bei dir bleibt, wenn ich mich als unfähige Mutter erweise.“
Ich spürte einen stechenden Schmerz in der Brust.
„Das haben sie gesagt?“
Laura nickte.
Im Flur blieb Sabrina plötzlich stehen.
„Das war nur eine Warnung.“
Ich drehte mich um.
„Eine Warnung wovor?“
Sie antwortete nicht.
Stattdessen ging Ingrid an mir vorbei und sagte: „Wir reden darüber, wenn du wieder vernünftig bist.“
Ich brachte Laura und Jonas zum Auto. Während ich den Motor startete, bemerkte ich durch den Rückspiegel, dass Ingrid an der Haustür stand und uns beobachtete. Sabrina stand hinter ihr. Keine von beiden sah besorgt aus.
Im Krankenhaus wurde Laura sofort untersucht. Eine Krankenschwester stellte mehrere Fragen, und Laura beantwortete sie zunächst nur zögerlich. Als die Ärztin schließlich ihre Handgelenke untersuchte, veränderte sich ihr Gesicht.
„Frau Hoffmann“, sagte sie ruhig, „wie sind diese Blutergüsse entstanden?“
Laura sah mich an.
Ich nahm ihre Hand.
„Sie können es sagen.“
Laura holte tief Luft.
„Meine Schwiegermutter hat mich festgehalten.“
Die Ärztin sah zu mir.
„Und warum?“
Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür zum Untersuchungszimmer.
Eine Polizeibeamtin stand dort.
Neben ihr meine Mutter.
Und Ingrid sagte mit ruhiger Stimme:
„Ich möchte Anzeige erstatten. Mein Sohn hat seine Frau gerade gegen meinen Willen aus dem Haus gebracht.“
Ich sah sie fassungslos an.
Doch dann legte die Ärztin eine Hand auf den Arm der Beamtin und sagte:
„Bevor Sie irgendetwas aufnehmen, müssen Sie sich die Verletzungen dieser Frau ansehen.“
Die Beamtin trat näher.
Und in diesem Moment sah ich zum ersten Mal, dass Laura nicht nur an beiden Handgelenken blaue Flecken hatte.
Unter dem Ärmel ihres Nachthemdes verliefen mehrere weitere dunkle Abdrücke ihren Unterarm hinauf.







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